Advertisement

MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 160, Issue 17, pp 8–8 | Cite as

Warum die zweimal jährliche Zeitumstellung physiologisch ist

„Wir hängen vom Tageslicht ab, nicht vom Kirchturm!“

  • Springer Medizin
AKTUELLE MEDIZIN MAGAZIN
  • 638 Downloads

Laut einer Online-Umfrage wollen viele EU-Bürger künftig nur noch in der Sommerzeit leben. Der Schlaf- und Chronomediziner Dr. Dieter Kunz, Berlin, hält dies für gesundheitlich riskant. Im Gespräch mit der MMW plädiert er für die Zeitumstellung, wie sie derzeit stattfindet.

© Dirk Schumann - Fotolia

Dr. Dieter Kunz, FA Psychiatrie, Somnologe, Klinik für Schlaf- und Chronomedizin, St. Hedwig-Krankenhaus, Charité Berlin

MMW: Ist die zweimal jährliche Zeitumstellung aus Sicht des Schlafforschers überhaupt ein Problem?

Kunz: Überhaupt nicht. Die Abschaffung der Zeitumstellung ist aus gesundheitlicher Sicht sicher nicht klug!

Eine Umstellung um eine Stunde ist im Verhältnis zu dem, was wir täglich machen, klitzeklein. Wir als einzige Klinik für Chronomedizin in Deutschland wären für solche Anfragen prädestiniert. Ich erinnere aus den zehn Jahren unseres Bestehens nicht einen einzigen Patienten, der wegen Zeitumstellung medizinische Beschwerden vorgetragen hätte.

MMW: Die meisten Menschen, die an der Online-Befragung der EU-Kommission teilgenommen haben, wollen die „Sommerzeit für immer“. Was sagt der Schlafmediziner dazu?

Kunz: Das wäre ein wirkliches Experiment, bei dem ich davon ausgehe, dass es negative gesundheitliche Folgen hätte.Wenn wir die dauerhafte Sommerzeit einführen würden, würde z. B. in Berlin vier Monate lang die Sonne erst nach 8 Uhr aufgehen. Schulkinder würden vier Monate lang morgens kein Tageslicht sehen. Das System unserer inneren Uhr weiß dann vier Monate lang nicht genau, wo es ist. Die Folgen reichen vom beeinträchtigten Wohlbefinden über herabgesetzte Leistungsfähigkeit bis hin zur Anfälligkeit gegenüber Erkrankungen.

Der Mensch ist wie ein fein abgestimmtes System aus inneren Uhren mit 24-Stunden-Rhythmen, und das funktioniert nachts anders als tagsüber. Leber, Niere, Nervensystem, Haut: Alles greift ineinander und macht zu einem bestimmten Zeitpunkt das, wofür es bestimmt ist. Wenn Sie dieses System durcheinanderbringen, ist das, als ob Sie Sand in eine Schweizer Uhr streuen. Dann knirscht es mal hier und mal da, und irgendwann geht die individuelle Sollbruchstelle kaputt. Das heißt, wenn Sie ein erhöhtes genetisches Risiko für eine bestimmte Krankheit wie Brustkrebs oder Depression haben, bekommen Sie die auch. Es gibt Menschen, die das wegstecken. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Krankheiten kommen, steigt.

MMW: Und dieses System der inneren Uhren hängt vom Tageslicht ab?

Kunz: Es reagiert auf Licht und Dunkelheit. In Europa haben wir eine saisonale Variation der Beleuchtungslänge. Davon hängen wir ab, nicht vom Kirchturm!

Jeder funktioniert im Sommer anders als im Winter. Das ist kein psychologisches Phänomen, sondern ein biologisches. Damit sollten wir kein Schindluder treiben!

MMW: Welche Folgen hätte die Einführung dauerhafter Winterzeit?

Kunz: Dann würde die Sonne im März/April drei, vier Stunden früher aufgehen als zum Tiefststand im Winter. Wir wachen früher auf, schlafen weniger. Unser gesamter Körper wird auf Aktivität, auf „Beutesuchen“, auf Fortpflanzung umgestellt. Nur, was machen wir mit den drei Stunden am Morgen? Wenn der Arbeitgeber den Arbeitsbeginn auf 7 Uhr vorverlegen würde, hätten wir ja die Zeitumstellung in grün! Und was macht man mit Kindern, die drei Stunden vor Schulbeginn aufwachen? Dafür wäre es im September dann wieder um sechs Uhr nachmittags dunkel, wenn wir nach der Arbeit gern nochmal draußen sitzen würden!

MMW: Wofür plädieren Sie?

Kunz: Die Zeitumstellung beibehalten, völlig klar! Die zweimal jährliche Zeitumstellung unterstützt die physiologische Anpassung an die äußere Veränderung. Das Abschaffen wäre ein Handeln gegen den Rhythmus der inneren Uhr. Dann bekämen wir alle ein mehr oder weniger ausgeprägtes Schichtarbeitersyndrom. Und das ist nicht gesund!

Interview: Dr. Elke Oberhofer

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Springer Medizin

There are no affiliations available

Personalised recommendations