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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 160, Issue 11, pp 18–18 | Cite as

Naturheilkundliche Ansätze bei Reizdarm

So kommt der Darm zur Ruhe

  • Gustav J. Dobos
AKTUELLE MEDIZIN . SPRECHSTUNDE NATURHEILKUNDE
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Die 45-jährige Patientin kommt mit deutlich eingeschränktem Allgemeinbefinden in die naturheilkundliche Sprechstunde. Sie klagt über einen Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung, ganz schlimm sei dies nach dem Verzehr von weißem Brot. Sie habe schon so viele Untersuchungen hinter sich, aber die Ursache habe man nicht gefunden.

Prof. Dr. med. Gustav J. Dobos Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, Essen

_ Reizdarmpatienten haben die unterschiedlichsten Symptome. Da im Abdomen alle zentralen Netzwerke des Körpers miteinander kommunizieren — das enterische Nervensystem, das Immunsystem, die Darmbakterien und über den Vagusnerv sogar das zentrale Nervensystem, hat die Naturheilkunde hier ein besonderes Potenzial: Sie verfügt über viele Methoden, Stress entgegenzuwirken — was in vielen Fällen die Symptome bereits lindert.

Der Harvard-Mediziner Ted Kaptchuk hatte gezeigt, dass es von 80 Patienten mit Reizdarmbeschwerden rund 60% allein deshalb besser ging, weil ein sympathischer Arzt ihnen ausführlich erklärt hatte, dass sie jetzt ein Placebo bekämen - und solche Scheinmedikamente immer zu einem gewissen Prozentsatz wirkten [1]. Man kann also, indem man beim Patienten eine positive Erwartung aufbaut, ihre Beschwerden auch ohne jeden pharmakologischen Wirkstoff lindern.

Die Naturheilkunde fügt sich sehr gut in die konventionelle Gastroenterologie ein und ist in den aktuellen S3-Leitlinien (AWMF-Registernummer 021/016) im Rahmen ärztlicher Führung, allgemeiner Maßnahmen Ernährung, Lebensstil, Phytotherapie und Probio-tika integriert. An der Universität Duisburg-Essen gibt es seit April 2017 den weltweit ersten Stiftungslehrstuhl für „Integrative Medizin — translationale Gastroenterologie“, den Prof. Jost Langhorst innehat [2].

Ist die Seele in Balance, beruhigt sich meist auch der Darm.

© Liv Friis-Larsen / Getty Images / iStock

Reizdarm ist ähnlich häufig wie Bluthochdruck. Frauen sind am häufigsten betroffen, und das Syndrom tritt oft in Kombination mit anderen körperlichen und seelischen Störungen auf. Zum Einsatz kommen bei uns neben Phytopharmaka (z.B. Iberogast®) Methoden der Mind-Body-Medizin (z. B. Mindfulness-Based-Stress-Reduction [MBSR]), das Achtsamkeitsprogramm von Jon Kabat-Zinn, oder Yoga [3, 4]. Nachweislich wirksam sind auch Probiotika (als sog. „Symbioselenkung“ als naturheilkundliche Therapie bekannt), z. B. Mutaflor®, aber auch milchsäurevergorene Lebensmittel wie unbehandelter Sauerkrautsaft, Kefir oder Kanne Brottrunk).

Ernährungsempfehlungen

Als Ernährung ist mediterrane Vollwertkost vorteilhaft, im Rahmen einer reizarmen „low-FODMAP diet“, am besten vegetarisch, mit möglichst wenig rohen Bestandteilen, weil diese schwerer verdaulich sind. Obst und Gemüse sollten also gedünstet werden. Fertignahrung sollte wegen ihrer Zusätze und den daraus resultierenden Überempfindlichkeit vermieden werden. Bei akuten Beschwerden helfen Tees (Achtung: Zuviel Fenchel-Anis-Tee, der oft wegen der Blähungen getrunken wird, kann langfristig die Beschwerden verstärken) und Leibauflagen mit Kümmelöl sowie ein Heublumensäckchen, das über Dampf erhitzt und dann auf den Bauch gelegt wird. Es beruhigt das Nervensystem.

FAZIT FÜR DIE PRAXIS

  • Nach organischer Abklärung die Patienten beruhigen, evtl. ein Placebo vorschlagen.

  • Stressreduzierende Maßnahmen (Yoga, Achtsamkeitstherapie, Atemtherapie) und vegetarische Vollwerternährung empfehlen.

  • Handout mit Selbsthilfeempfehlungen für akute Beschwerden (z. B. Heublumensäckchen) bereithalten.

Literatur

  1. springermedizin.de/mmwGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Kliniken Essen-Mitte, Klinik für Naturheilkunde und Integrative MedizinEssenDeutschland

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