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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 160, Issue 6, pp 49–49 | Cite as

Nach Auffahrunfall

HWS-Trauma

  • Bernd A. Leidel
FORTBILDUNG NOTFALLCHECKLISTE

Die 28-jährige Carla freut sich auf die samstägliche Shopping-Tour. Beim Einparken vor einer Boutique hört sie plötzlich Reifenquietschen, spürt einen Schlag, und ihr Kopf wird nach vorne geschleudert. Ein anderer Autofahrer hat ihr Einparkmanöver übersehen und ist aufgefahren.

Cervical spine injury

Ihr Einparkmanöver wird übersehen, und es kracht ...

© Halfpoint / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

_ Carla ist zwar sehr erschrocken, hat aber zu keinem Zeitpunkt eine Bewusstseinsstörung, Missempfindung, Kraftminderung oder Lähmung. Sie spürt jedoch langsam zunehmende Nackenschmerzen, die bei Kopfbewegung deutlich stärker werden.

Vorgehen bei V. a. HWS-Verletzung

Zunächst müssen folgende etablierte Risikofaktoren abgeklärt werden:
  • Unfallmechanismus:
    • Hochrasanztrauma (> 50–60 km/h)

    • Tod eines Unfallbeteiligten oder

    • Sturz aus großer Höhe (> 3 m).

  • Alter über 60 Jahre

  • Beschwerdebild:
    • Bewusstseinsstörung

    • Gefühlsstörung

    • Kraftminderung

  • Begleitumstände
    • Ablenkender starker Schmerz einer weiteren Verletzung.

Ist eine verlässliche Evaluation der Risikofaktoren möglich? D. h., es darf
  • keine Bewusstseinsstörung,

  • kein Anhalt für eine Intoxikation,

  • keine Demenz und

  • keine Sprachbarriere vorliegen.

Trifft kein Risikofaktor zu, kann mit einer einfachen zweistufigen, kombinierten körperlichen und funktionellen Untersuchung eine relevante HWS-Verletzung sicher ausgeschlossen werden:
  • Druckschmerzen direkt über den Dornfortsätzen der HWS auslösbar?

  • Aktive Kopfdrehung nach rechts und links um mind. 45° möglich?

Lässt sich direkt über den Dornfortsätzen kein Schmerz auslösen und kann der Kopf aktiv um mind. 45° nach beiden Seiten gedreht werden, ist eine relevante HWS-Verletzung äußerst unwahrscheinlich. Eine Ruhigstellung und/oder bildgebende Diagnostik ist nicht notwendig. Dies trifft auch zu, wenn Druckschmerzen lediglich paravertebral auslösbar sind und/oder die aktive Kopfdrehung schmerzhaft, aber um mind. 45° nach beiden Seiten möglich ist. In allen anderen Fällen sollte die HWS ruhiggestellt und der Verunfallte einer primären Bildgebung (Niedrigdosis-CT) zugeführt werden.

Bei fehlenden Risikofaktoren, nicht druckschmerzhaften Dornfortsätzen und aktiv möglicher Kopfdrehung um mind. 45° nach beiden Seiten liegt je nach muskuloskelettalen Zeichen (Bewegungseinschränkung, paravertebrale Druckschmerzen, Muskelhartspann) oder subjektiven Beschwerden (Kopf-, Nackenschmerz, Schwindel, Ohrensausen/Tinnitus, Hörminderung, Verspannung, Missempfindung) eine HWS-Distorsion Grad I oder II vor.

Therapie einer HWS-Distorsion

Wichtigste therapeutische Maßnahme zur Vermeidung chronischer Beschwerden ist die ausführliche Aufklärung des Verunfallten über die Verletzung. Dabei sollte auf die günstige Prognose und temporär zu erwartenden Beschwerden eingegangen werden. Verunfallte mit HWS-Distorsion sollten ihre alltagsüblichen Aktivitäten früh wieder aufnehmen. Nur bei stark beeinträchtigenden Schmerzen sollten NSAR (z. B. Diclofenac, Ibuprofen) empfohlen werden, ggf. unter Ulkusprophylaxe. Auf eine weiche Halskrawatte sollte u. a. wegen des Chronifizierungsrisikos verzichtet werden.

Kasuistik

WIE GING ES WEITER?

Carla hat keine Risikofaktoren, jedoch einen paravertebralen Muskelhartspann beidseits. Die aktive Kopfdrehung ist nach beiden Seiten schmerzhaft, aber bis jeweils 80° möglich. In den folgenden zwei Wochen sind ihre Beschwerden deutlich rückläufig und nach vier bis sechs Wochen ganz verschwunden.

Supplementary material

15006_2018_383_MOESM1_ESM.pdf (74 kb)
Algorithmus zum HWS-Trauma
15006_2018_383_MOESM2_ESM.pdf (100 kb)
Patienteninformation HWS-Verletzung

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Charité — Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin, Zentrale Notaufnahme und AufnahmestationBerlinDeutschland

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