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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 160, Issue 6, pp 24–24 | Cite as

Entlassmedikation

PPI nach Klinikaufenthalt einfach absetzen?

  • Springer Medizin
AKTUELLE MEDIZIN . ONLINE-SPRECHSTUNDE
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Prof. Dr. med. Joachim Labenz Gastroenterologe, Diakonie Klinikum Jung-Stilling, Siegen

Dr. med. Peter Stiefelhagen Internist, Hachenburg

? Anonym gestellte Frage: Fast jeder Patient, der heute die Klinik verlässt, hat einen Protonenpumpeninhibitor (PPI) in der Entlassmedikation, ohne dass das für mich immer nachvollziehbar ist. Kann ich diesen einfach absetzen?

! MMW-Experte Dr. Stiefelhagen: Sie haben vollkommen recht, die häufigste Diagnose ist heute die „Pantozolitis“. PPI werden in den Kliniken wie Lutschbonbons verteilt, meist in der irrigen Meinung, man könne damit die gastrale Verträglichkeit der nicht selten überzogenen Polypharmazie verbessern. Das ist schlichtweg Unsinn. Auch muss man immer wieder auf die Risiken einer PPI-Dauertherapie hinweisen: Osteoporose, Pneumonie, Darminfektionen, eventuell auch Demenz.

Sie dürfen nicht nur, sondern Sie sollten unbedingt die Indikation für einen PPI kritisch überprüfen und ihn ggf. auch absetzen. Eine Indikation für eine Langzeit-PPI-Therapie besteht nur bei Patienten mit einer Refluxkrankheit, wobei im Einzelfall auch einmal über eine Therapiepause nachgedacht werden sollte, wenn der Patient schon längere Zeit beschwerdefrei ist.

Ansonsten ist ein PPI indiziert bei Patienten, die mit einem nicht-steroidalen Antirheumatikum (NSAR) behandelt werden und ein erhöhtes Ulkusrisiko haben, etwa wegen eines Z. n. oberer gastrointestinaler Blutung, einer Komedikation mit ASS oder einem Antikoagulans sowie einem Alter über 65 Jahren.

Ein Reizmagensyndrom ist keine Indikation für eine PPI-Medikation!

© Highwaystarz-Photography / Getty Images / iStock

! MMW-Experte Prof. Joachim Labenz: PPI sind exzellente Medikamente zur Behandlung säurebedingter bzw. -assoziierter Erkrankungen. Dementsprechend umfasst die Indikationsliste die gastroösophageale Refluxkrankheit, die Ulkuskrankheit von Magen und Duodenum, die Prophylaxe von ASS- oder NSAR-induzierten Ulzera (bei Risikopatienten), die Helicobacter-pylori-Eradikation in Kombination mit Antibiotika und das seltene Zollinger-Ellison-Syndrom. Bei diesen Indikationen ist der Nutzen sicher viel größer als das Risiko.

Der PPI-Verbrauch ist in den letzten zehn Jahren in Deutschland wie in vielen anderen Ländern etwa um den Faktor 5 gestiegen. Einer der wesentlichen Gründe ist die Verordnung ohne Indikation. Aus Studien in Kliniken weiß man, dass etwa 60% der stationären Patienten eine PPI-Verordnung erhalten, die in vielen Fällen inadäquat erfolgt — also ohne Indikation. Auch Dosierungsfehler sind häufig. Die Situation ist im ambulanten Bereich aber nicht besser, auch dort entbehren viele PPI-Verordnungen einer sachlichen Grundlage.

Häufigste Fehlindikation ist die „Gastritis“ (= Reizmagensyndrom). Hier sind PPI bestenfalls bei einer Untergruppe wirksam, und dann auch nur marginal, ca. 10% besser als Placebo. Darüber hinaus besteht für diese Krankheit keine Zulassung. Ein weiteres Problem ist die unkritische Übernahme dieser Präparate in die Dauermedikation. Auch das ist vielfach nicht notwendig.

Nach meiner Meinung können Sie nicht nur diese Medikation absetzen, Sie sollten das sogar tun! Wir als Ärzte stehen hier in der medizinischen und ökonomischen Verantwortung.

Manchmal gestaltet sich das Absetzen insbesondere einer nicht indizierten Therapie als problematisch, da Patienten zumindest nach Einnahme über mehrere Wochen bei abruptem Absetzen einen sogenannten Säurerebound entwickeln können, der Beschwerden wie z. B. Sodbrennen auslöst. Dieses Phänomen kann durchaus einige Tage bis Wochen anhalten, sistiert aber spontan. Bei entsprechendem Leidensdruck kann man in dieser Phase z. B. ein Alginat zur Symptombehandlung empfehlen.

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