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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 160, Supplement 1, pp 16–17 | Cite as

Menschen sind „keine Quallen“

Zu viel Volumen kann der Niere schaden!

  • Elke Oberhofer
AKTUELLE MEDIZIN . KONGRESSBERICHTE

Die Empfehlung, dass die Nieren eigentlich immer von einer hohen Flüssigkeitszufuhr profitieren, lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Neue Daten, unter anderem zur Hydrierung vor Kontrastmitteluntersuchungen, zeigen, dass eine überhöhte Volumenzufuhr nicht nur nichts bringt, sondern durchaus auch schaden kann.

_ Zur Prävention der kontrastmittelinduzierten Nephropathie (KIN) wird seit vielen Jahren die periinterventionelle Hydrierung mit Kochsalzlösung empfohlen. An diesem Dogma wird aktuell heftig gerüttelt, wie Prof. Jan-Christoph Galle, Lüdenscheid, berichtete. Mit der AMACING-Studie wurde gezeigt, dass die Strategie der intravenösen Hydrierung mit 0,9%iger NaCl-Lösung gegenüber dem Verzicht auf eine solche Prophylaxe keinerlei Vorteil bringt. An der randomisierten Studie hatten 660 Patienten mit einer eGFR zwischen 30 und 59 ml/min/1,73 m2 teilgenommen. Die Rate der KIN unterschied sich laut Galle in beiden Gruppen so gut wie nicht: 2,7% waren es bei den hydrierten, 2,6% bei den nicht hydrierten Patienten.

© fotek / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell)

Cave interstitielles Ödem!

Dafür handelte man sich mit der Hydrierung Komplikationen ein, die unter anderem auf die i.v.-Verabreichung zurückzuführen waren. Galle warnte insbesondere auch vor einem interstitiellen Nierenödem, das per se eine Verschlechterung der Nierenleistung bewirken könne.

Die Niere dankt es einem offenbar auch nicht, wenn man extra viel trinkt, wie eine randomisierte Studie aus Kanada bestätigt hat. Hier wurden 631 Patienten mit drittgradiger Nierenfunktionsstörung (mittlere eGFR 43 ml/min/1,73 m2) in zwei Gruppen geteilt: Die einen steigerten während des Studienzeitraums ihren Flüssigkeitskonsum um bis zu eineinhalb Liter, die anderen behielten ihre übliche Trinkmenge bei. Nach einem Jahr hatten die Vieltrinker zwar eine deutlich höhere Urinausscheidung pro Tag als die Kontrollgruppe. Allerdings hatte die Maßnahme im Hinblick auf die eGFR und damit auf die Funktion der Niere nahezu nichts gebracht.

„Sind das denn Amöben, sind das Quallen? Man kann doch auch mal ein paar Stunden lang konzentrieren!“

Konzept des Nierenspülens falsch

„Das alte Konzept des Nierenspülens hat sich als falsch erwiesen“, so Galles Fazit. Die Kunst liege darin, eine ausreichende Hydrierung sicherzustellen, ohne die Patienten zu überladen. Galles Tipp für die klinische Praxis: zur Beurteilung den Nephrologen hinzuziehen. Dieser könne anhand von klinischen Parametern wie dem Füllungszustand von V. jugularis oder V. cava relativ rasch entscheiden, ob ein Patient adäquat hydriert sei. Ein entscheidendes Kriterium sei ferner das Gewicht: „Es ist wichtig, dass Sie dieses standardisiert messen, und zwar morgens, bevor der Patient sich angezogen hat und nachdem er auf der Toilette war!“

Auf die häufig gestellte Frage nach der optimalen Trinkmenge bei gesunden Erwachsenen hat der Experte übrigens eine erstaunlich simple Antwort: „Normalerweise kann man sich auf sein Durstgefühl verlassen!“

KIN-Prophylaxe: Was ist sinnvoll?

Der kontrastmittelinduzierten Nephropathie (KIN) lässt sich auch medikamentös offenbar wenig entgegensetzen: In einer Studie war im Hinblick auf Tod, Dialysenotwendigkeit und Serumkreatininanstieg weder mit Natriumbicarbonat noch mit Azetylzystein irgendein Vorteil gegenüber Placebo zu erreichen (Weisbord SD et al. NEJM, online 12. November; doi: 10.1056/NEJMoa1710933).

Zu den nach wie vor empfohlenen Prophylaxemaßnahmen gehört laut Galle, so wenig Kontrastmittel (KM) wie möglich zu verwenden und ausschließlich auf nieder- oder isoosmolare KM zurückzugreifen (diese sind in Deutschland ohnehin Standard). Verzichtet werden sollte auf eine Vorbehandlung mit Diuretika und auf eine Dialyse nach KM-Gabe. Und auch die Strategie, den Patienten vor der Untersuchung nüchtern zu lassen, ist wohl eher kontraproduktiv.

Literatur

  1. Internisten-Update, München, 1./2. Dezember 2017Google Scholar
  2. Nijssen et al. Lancet 2017;389:1312–1322CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Elke Oberhofer
    • 1
  1. 1.

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