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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 159, Issue 3, pp 14–14 | Cite as

Leben gegen die innere Uhr

Sozialer Jetlag gefährdet die Gesundheit

  • Springer Medizin
AKTUELLE MEDIZIN . REPORT
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Wer ständig wegen beruflicher oder schulischer Verpflichtungen gegen seine innere Uhr leben muss, riskiert gravierende Einbußen seiner Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Besonders Teenager leiden darunter, wie der Münchner Schlafexperte Prof. Roenneberg erklärt.

Prof. Till Roenneberg Zentrum für Chronobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

MMW: Was passiert bei Menschen, die stetig gegen ihre innere Uhr leben?

Roenneberg: Wer sich etwas darauf einbildet, wenig zu schlafen und dabei gegen seinen biologischen Rhythmus arbeitet, gerät in eine Spirale der Ineffizienz. Paradoxerweise bemerken das die Betroffenen oft nicht. Was bei Schlafmangel als letztes einbricht, ist die Selbstüberschätzung — ähnlich wie nach Alkoholgenuss. Ein Problem besteht auch in der Diskrepanz zwischen Innenzeit und äußerer sozialer Zeit, der Diskrepanz zu den gesellschaftlich diktierten Zeitvorgaben. Frühe Arbeitszeit und besonders der frühe Schulbeginn entsprechen oft nicht den Schlafmustern des Einzelnen. Das führt zum „sozialen Jetlag“ mit negativen sozialen Folgen und Auswirkungen auf Psyche, Schlaf und Gesundheit.

MMW: Wie soll man dem sozialen Jetlag begegnen?

Roenneberg: Optimal wäre ein an den individuellen Chronotypus angepasster Tagesrhythmus, der ein Aufwachen ohne Wecker erlaubt. Dazu bräuchten wir flexiblere Arbeitszeiten. Ohne Frage sollte man unnötige Zeitumstellungen wie die Sommerzeit bleiben lassen. Sofort hilfreich wäre ein stärkerer Kontrast zwischen Tag- und Nachthelligkeit. In Büros sollte sehr helles, am besten spektral differenziertes Licht herrschen. Vor allem morgens muss der Blaulichtanteil hoch sein. Nach Sonnenuntergang müssen wie in der Natur die Blaulichtanteile wegfallen. Aus denselben Gründen sollte, wer schlafen will, abends Tablet, Smartphone und PC frühzeitig ausschalten oder Programme/Apps verwenden, die den Blauanteil nach Sonnenuntergang aus der Bildschirmbeleuchtung herausnehmen. So wäre zumindest eine leidliche Synchronisation mit der Außenzeit erzielbar.

Früher Schulbeginn nutzt den Lehrern, aber schadet den Schülern.

Ausgeschlafen!

© valiza14 / Fotolia

MMW: Wer ist vom sozialen Jetlag am meisten betroffen?

Roenneberg: Teenager ab 15 Jahren gehören zu den spätesten Menschen der Bevölkerung. Dennoch müssen sie sogar noch vor den meisten Erwachsenen ihre Arbeit beginnen. Vom Kindesalter bis ins 19. Lebensjahr bei Frauen und bis zum 22. Lebensjahr bei Männern verschiebt sich der Tagesrhythmus stetig nach hinten. Danach schwingt das Pendel wieder zurück. Morgens um acht ist es für einen Adoleszenten Mitternacht. Die Jugendlichen werden in einen sie benachteiligenden Rhythmus gezwungen, der sie in der Schule definitiv diskriminiert. Das ist aus vielen Veröffentlichungen bekannt. Doch die meisten Lehrer sind von Alter und der Veranlagung her Frühtypen. Ihnen kommen ein früher Schulbeginn und Schulschluss entgegen.

MMW: Welche Folgen sind belegt?

Roenneberg: Es gibt klare Zusammenhänge zwischen der Abiturleistung und dem Anteil an späten Chronotypen unter den Prüflingen. Den größten Anteil finden wir gerade in der Phase des Abiturs, wenn Weichen fürs Leben gestellt werden. Ich gehe davon aus dass wir durch die institutionalisierte Desynchronisation von innerer und sozialer Zeit ein riesiges Leistungspotenzial verschenken. Späte Chronotypen sind zudem schon in der Schulzeit stärker gefährdet, Raucher zu werden, mehr Alkohol zu trinken, sie zeigen vermehrt Tendenzen zur Depression, zu Gewichtszunahme und zu metabolischen Störungen. Die direkten und indirekten Folgen von sozialem Jetlag und Schlafproblemen werden konservativ auf ein Prozent des Bruttoinlandprodukts geschätzt. Das sind 35 Milliarden Euro pro Jahr allein in Deutschland.

Interview: Ralf Schlenger

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