Skip to main content

Langzeitstudie: Wenig Schlaf, erhöhtes Alzheimer-Risiko

Wer im mittleren Lebensalter sechs oder weniger Stunden schläft, läuft im Alter eher Gefahr, eine Demenz zu entwickeln, als jemand mit sieben Stunden. Zu viel Schlaf deutet ebenfalls auf eine erhöhte Demenzgefahr.

Zu wenig Schlaf hat bekanntlich ganz akute Auswirkungen auf die geistigen Fähigkeiten; ob dauerhaft wenig Schlaf dem Gehirn schadet und eine Demenz begünstigt, ist aber unklar. Epidemiologische Studie deuten auf einen u-förmigen Zusammenhang: Am geringsten ist danach das Risiko bei einer mittleren Schlafdauer von sieben bis acht Stunden, darunter und vor allem darüber steigt es deutlich an. Da während des Schlafs über das glymphatische System vermehrt Beta-Amyloid aus dem Hirn gespült wird, könnte chronischer Schlafmangel diesen Prozess beeinträchtigen und die Amyloidaggregation fördern - das böte eine plausible Erklärung für den Zusammenhang. Auf der anderen Seite dürfte viel Schlaf ein Marker für einen insgesamt schlechten Gesundheitszustand sein: Schlafen ältere Menschen viel, ist ihr Sterberisiko deutlich erhöht. Die meisten Alterskrankheiten gehen auch mit einem erhöhten Demenzrisiko einher, daher ist dieser Zusammenhang zunächst wenig überraschend.

Ein Problem der meisten epidemiologischen Studien ist jedoch, dass sie den Zusammenhang zwischen Schlaf und Demenz bei recht alten Menschen prüfen - hier lässt sich schlecht sagen, was Ursache und was Wirkung ist, erläuterte Dr. Séverine Sabia vom University College in London auf dem Internationalen Alzheimer-Kongress AAIC. Da die Amyloidakkumulation rund 20 Jahre vor der klinischen Manifestation einer Alzheimer-Demenz beginnt, wäre es besser, die Schlafdauer im mittleren und fortgeschrittenen Lebensalter mit einer später auftretenden Demenz zu korrelieren. Genau das haben die Forscher um Sabia mit einer Auswertung der Whitehall-II-Studie getan.

An der Studie nehmen über 10.000 britische Beamte teil, diese werden alle paar Jahre auch nach ihren Schlafgewohnheiten befragt. Die Studie begann Mitte der 1980er-Jahre - die Teilnehmer waren damals zwischen 35 und 55 Jahren, inzwischen sind die Überlebenden 70 bis 90 Jahre alt.

Im Alter von 50 Jahren schliefen rund 45 % die als normal betrachteten sieben Stunden, 40 % sechs Stunden oder weniger und die restlichen 15 % benötigten im Mittel acht oder mehr Stunden Schlaf pro Nacht. Nach einer mittleren Nachbeobachtungsdauer von 25 Jahren waren 521 Teilnehmer (6,5 %) an einer Demenz erkrankt. Berücksichtigten die Forscher Geschlecht, Lebensstil und Begleiterkrankungen, so war die Demenzrate bei sechs Stunden oder weniger Schlaf im Alter von 50 Jahren um 22 % erhöht - verglichen mit einer Schlafdauer von sieben Stunden. Acht und mehr Stunden gingen mit einer ähnlich erhöhten Demenzrate einher, hier war der Zusammenhang statistisch aber nicht signifikant.

Mit 60 Jahren hatte sich an den Schlafgewohnheiten wenig geändert, der Anteil der Teilnehmer mit acht und mehr Stunden pro Nacht war geringfügig gestiegen, dafür gab es etwas weniger Teilnehmer mit sieben Stunden. Bezogen auf eine Nachbeobachtungsdauer von 15 Jahren war die Demenzrate mit maximal sechs Stunden Schlaf signifikant um 37 % erhöht, mit acht und mehr Stunden lag die Rate nichtsignifikant um 15 % höher als bei sieben Stunden. Schauten die Forscher schließlich auf die Schlafdauer mit 70 Jahren, so blieb der Zusammenhang bestehen: Teilnehmer mit sechs oder weniger Stunden Schlaf hatten ein signifikant erhöhtes Demenzrisiko (plus 24 %) (Abb. 1).

1
figure1

Zusammenhang von durchschnittlicher Schlafdauer im Alter von 50, 60 sowie 70 Jahren und dem Demenzrisiko (nach Vortrag Sabia).

Bei einem gewissen Teil der Beamten änderte sich die Schlafdauer im Laufe der Zeit, bei anderen nicht. Am höchsten war das Demenzrisiko bei Teilnehmern, die konstant sechs oder weniger Stunden schliefen (plus 30 %). Ein erhöhtes Risiko ergab sich tendenziell auch für Beamte, die von einer kurzen auf eine normale Schlafdauer (plus 20 %) und umgekehrt (plus 13 %) wechselten, nicht aber von einer normalen Schlafdauer auf eine längere. Dies könnte auf einen Dosiseffekt deuten: Je mehr Schlafdefizite jemand seit dem 50. Lebensjahr angehäuft hat, umso höher das Demenzrisiko. Statistisch signifikant war das Resultat jedoch nur für Teilnehmer mit konstant kurzer Schlafdauer. Ein ähnlich hohes Risiko (plus 28 %) ergab sich rein rechnerisch zudem für konstante Langschläfer. Berücksichtigten die Forscher um Sabia auch psychische Störungen, die zum einen mit Schlafmangel, zum anderen mit einem erhöhten Demenzrisiko einhergehen, änderte sich wenig an dem Zusammenhang.

Unklar bleibt jedoch, wie viele der Teilnehmer mit wenig Schlaf tatsächlich Schlafmangel hatten. Manche Menschen kommen prima mit sechs oder weniger Stunden aus. Ob solche Personen ebenfalls ein erhöhtes Demenzrisiko aufweisen oder dank eines besonders effizienten glymphatischen Systems nicht vermehrt betroffen sind, lässt sich derzeit nicht sagen. Darüber hinaus könnte wenig Schlaf auch nur ein Marker für andere demenzfördernde Faktoren sein, etwa viel Stress.

2021 Alzheimer's Association International Conference; Denver, July 26-30. Epidemiology: Lifecourse and cohort perspectives on cognitive decline and dementia: Séverine Sabia: Association of sleep duration at age 50, 60 and 70 with incidence of dementia

Author information

Affiliations

Authors

Corresponding author

Correspondence to Thomas Müller.

Rights and permissions

Reprints and Permissions

About this article

Verify currency and authenticity via CrossMark

Cite this article

Müller, T. Langzeitstudie: Wenig Schlaf, erhöhtes Alzheimer-Risiko. InFo Neurologie 23, 58 (2021). https://doi.org/10.1007/s15005-021-2071-9

Download citation