Multiple Sklerose

Jenseits der Krankheitsschübe - das Schwelen der MS

Körperliche Behinderungen durch eine Multiple Sklerose (MS) nehmen auch unabhängig von Krankheitsepisoden mit der Zeit zu. Jetzt gibt es Neuigkeiten zu den Hintergründen, der Diagnostik und sogar zu möglichen Therapien dieses "Schwelens" der MS.

Die gegenwärtige MS-Therapie fokussiert sich darauf, die Krankheitsaktivität und die resultierenden Behinderungen durch Einwirken auf das adaptive Immunsystem zu begrenzen. Obwohl akute fokale Entzündungen mit den vorhandenen Therapien gut behandelt werden können, verschlechtert sich der Zustand fast aller Patienten jedoch mit der Zeit. Als Ursache hierfür wird ein dauerhaft schwelendes Entzündungsgeschehen im ZNS angenommen.

Laura Airas, Professorin im finnischen Turku und an der Yale University/USA, umriss zunächst, was unter dem Schwelen einer MS überhaupt zu verstehen ist. Bei einer schwelenden MS komme es zu einer kompartmentalisierten, diffusen Entzündung, die sich im herkömmlichen MRT nicht nachweisen lasse, wohl aber durch neuartige MRT- und PET-Abbildungsverfahren. Diese Entzündung sei charakterisiert durch eine Aktivierung der Mikroglia, oxidativen Stress und mitochondriale Dysfunktion. Altersbedingte Eisen-Einlagerungen, die Gewebealterung selbst, Energiedefizite und virale Infektionen (Epstein-Barr-Virus und humane endogene Retroviren), aber auch die Aktivierung des angeborenen Immunsystems verschärften die Schädigungen.

Prof. Dr. Cristina Granziera vom Universitätshospital Basel stellte anschließend Bildgebungsverfahren vor, mit denen sich das Ausmaß einer schwelenden MS quantifizieren lässt. Dies gelinge etwa durch Messung der globalen und regionalen Hirnatrophie, insbesondere des Thalamus und subpialer Kortexregionen. Die Atrophie in diesen Bereichen ließe sich im 3- beziehungsweise 7-Tesla-MRT nachweisen. Hinweisgebend in der Bildgebung seien dabei sogenannte paramagnetische Randläsionen (paramagnetic rim lesions, PRL), die sich infolge der Ablagerung von Eisen aus Oligodendrozyten um Bereiche mit aktivierter Mikroglia bildeten. Leichte Ketten von Neurofilamenten im Serum (sNfL) seien ein weiterer Hinweisgeber auf schwelende Entzündungen und würden signifikant mit dem Vorliegen von zwei oder mehr PRL korrelieren.

Dr. Erik Wallström von Sanofi Genzyme verwies in seinem Vortrag noch einmal auf die Bedeutung aktivierter Mikroglia für die degenerativen Prozesse bei MS, aber auch für andere neurodegenerative Erkrankungen wie ALS oder Morbus Parkinson. Als mögliche Ansatzpunkte für die Behandlung nannte er Brutons Tyrosinkinase (BTK), den Colony Stimulating Factor 1-Rezeptor, die RIPK1 (receptor interacting seronine/thyreonine kinase 1) sowie den NLRP3 (nucleotide-binding oligomerization domain-like receptor, pyrin domain containing 3). Er hob hervor, dass sich damit die zuvor scharfe prozessuale Trennung von Neurodegeneration und Neuroinflammation bei der schwelenden MS aufzulösen beginne.

Symposium "Every Journey Begins with a Single Step: Visualizing the Chronic Nature of MS", virtueller ACTRIMS/ECTRIMS-Kongress 2020, 11.9.2020; Veranstalter: Sanofi Genzyme

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Groh, J. Jenseits der Krankheitsschübe - das Schwelen der MS. InFo Neurologie 22, 66 (2020). https://doi.org/10.1007/s15005-020-1508-x

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