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Hohe Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen in der Allgemeinbevölkerung

Häufiger als sogenannte Volkskrankheiten

Fragestellung: Primäres Ziel der Studie war es, Prävalenzraten von Persönlichkeitsstörungen nach DSM-IV und ICD-10 in der erwachsenen Allgemeinbevölkerung westlicher Staaten metaanalytisch zu erfassen. Sekundäres Ziel war es, mögliche Moderatorvariablen zu identifizieren, welche für die Heterogenität der Prävalenzraten verantwortlich sein könnten.

Hintergrund: Persönlichkeitsstörungen gehen mit großem persönlichen Leid, erhöhter Mortalität, komplizierteren Behandlungsverläufen und schlechteren Outcomes bei der Behandlung komorbider Achse-I-Erkrankungen sowie einer großen sozioökonomischen Belastung einher. Dennoch sind sie bislang nur unzureichend epidemiologisch beschrieben und die in Studien ermittelten Prävalenzraten zeigen eine sehr große Heterogenität.

Patienten und Methodik: Datenbanken wurden nach Publikationen zwischen Januar 1994 (seit Publikation des DSM-IV) bis Ende Juli 2017 nach den Stichworten „personality disorder“, „axis-ii-disorder“ und „prevalence“ durchsucht, außerdem Literaturlisten von einbezogenen Artikeln. Es wurden nur Artikel auf Englisch oder Deutsch mit Studienteilnehmern mit einem Mindestalter von 16 Jahren und einem mittleren Teilnehmeralter über 18 Jahren und — um die kulturelle Heterogenität zu reduzieren — aus Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland einbezogen.

Ergebnisse: Zehn Studien, davon vier aus den USA und eine aus Deutschland, mit insgesamt 113.998 Teilnehmern wurden in die Analyse eingeschlossen. Das mittlere Alter der Teilnehmer lag zwischen 33 und 51 Jahren, der Frauenanteil betrug 49,5–63,0 %. Am häufigsten (in 9 Studien) wurde die Borderline-Persönlichkeitsstörung untersucht, am seltensten die „Persönlichkeitsstörung, nicht anderweitig klassifiziert“. Sieben Studien hatten ein insgesamt niedriges Bias-Risiko, drei ein hohes. Die Sensitivitätsanalyse zeigte für eine Studie eine große Variabilität der Ergebnisse zu den anderen Studien, sodass die Ergebnisse mit und ohne diese Studie angegeben wurden. Außerdem wurden die Ergebnisse berechnet, wenn nur Expertenratings und keine Selbstratings berücksichtigt wurden, da Unterschiede zwischen Selbst- und Expertenratings als weiterer für Heterogenität der Prävalenzraten verantwortlicher Faktor identifiziert wurden.

Bei Berücksichtigung aller Studien fand sich eine Prävalenz von 12,16 % für das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung (PS). Mit einer Prävalenz von 7,23 % waren die Cluster-A-PS am häufigsten, davon 3,04 % schizotype PS, 3,02 % paranoide PS sowie 2,82 % schizoide PS. Cluster-B-PS lagen in 5,53 % vor, davon 3,05 % antisoziale PS, 1,90 % Borderline-PS, 1,23 % narzisstische PS und 0,83 % histrionische PS. Cluster-C-PS zeigten eine Prävalenz von 6,70 %, davon 4,32 % zwanghafte PS, 2,78 % ängstlich-vermeidende PS und 0,78 % dependente PS. Die nicht anderweitig spezifizierten PS zeigten eine Prävalenz von 1,6 %. Die kombinierten PS waren in die Untersuchung nicht einbezogen.

Schlussfolgerungen: Die Autoren folgern, dass Persönlichkeitsstörungen eine hohe Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung aufweisen und häufiger als Diabetes mellitus, kardiovaskuläre Erkrankungen, Depressionen und Angststörungen auftreten.

Kommentar von Hauke Felix Wiegand, Mainz

Neue Klassifikation im ICD-11 ist begrüßenswert

Die Studie bietet eine qualitativ hochwertige Übersicht zur Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen in der Allgemeinbevölkerung. Sie zeigt, dass diese nach den bisher gebräuchlichen Definitionen von DSM-IV und ICD-10 häufiger sind als anerkannte „Volkskrankheiten“. Zugleich sind aber evidenzbasierte Behandlungsangebote für diese häufigen Erkrankungen nicht flächendeckend verfügbar. Leider gibt die Arbeit keine Komorbiditätsraten an. Sie weist aber auf weitere zentrale Probleme der noch gebräuchlichen Klassifikationen von Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10 und DSM-IV hin: Prävalenzraten von mehr als einem Zehntel der Bevölkerung erhöhen die Zweifel an der Validität dieser Einteilungen und weisen auf die bei Persönlichkeitsstörungen willkürliche erscheinende Schwelle zwischen gesundem und krankem Verhalten hin. Auch wirft der große Unterschied zwischen der in unserem Gesundheitssystem hilfesuchenden Population, wo Patienten mit Borderline-Störung überwiegen, und den in dieser Studie gefundenen Prävalenzen mit den höchsten Raten bei Cluster-A-Persönlichkeitsstörungen die Frage auf, ob entweder behandlungsbedürftige Populationen von unserem System nicht erreicht werden oder die bisher gebräuchlichen Klassifikationen Populationen eine Krankheit zuweisen, die gar keinen Hilfebedarf haben. Letztlich zeigt die Studie, wie begrüßenswert die grundsätzliche Überarbeitung der Klassifikation von Persönlichkeitsstörungen im ICD-11 und DSM 5 sowie eine intensivere epidemiologische Erforschung der Persönlichkeitsstörungen sind.

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Hauke Felix Wiegand, MD, PhD, Mainz

Literatur

  • Volkert J, Gablonski TC, Rabung S. Prevalence of personality disorders in the general adult population in Western countries: systematic review andmeta-analysis. Brit J Psychiatry 2018; 213: 709–15

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Wiegand, H.F. Häufiger als sogenannte Volkskrankheiten. InFo Neurologie 21, 16 (2019). https://doi.org/10.1007/s15005-019-0062-x

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