„As feminist scholars, we believe it is important to briefly situate ourselves within the story we are telling in this book. Even as we look critically at the interplay between food and femininity, we are not outside of these processes – our own identities are deeply bound up in the issues that we study.“ (Cairns und Johnston 2015, S. vii)

Inspiriert durch den „personal food prologue“, den Kate Cairns und Josée Johnston ihrer 2015 veröffentlichten Publikation mit dem Titel Food and Femininity voranstellen, möchte auch ich die Gelegenheit nutzen, in diesem Beitrag solch einen persönlich gefärbten Prolog darzulegen. Das persönlich Gefärbte mag gegebenenfalls für Irritation sorgen, doch wissenschaftliche Praxis geschieht nie außerhalb von Gesellschaft – und damit auch nicht außerhalb gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse. Wissen, über das wir verfügen, uns aneignen und generieren, ist zuallererst situiert, um es in Donna Haraways (1996 [1988]) Worten zu fassen. Für eine Praxis der Wissensproduktion, -kommunikation und des -transfers kann somit nicht davon ausgegangen werden, dass das Forscher*innen-Subjekt vollends losgelöst von seinem Forschungsgegenstand agiert – insbesondere dann nicht, wenn es sich um ein derart grundlegendes Kulturphänomen wie Essen handelt. In diesem Beitrag wird davon ausgegangen, dass eine Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Essen als soziale Praxis ohne persönliche Involviertheit kaum möglich ist. Dort, wo das vielfältige Thema Essen auf den Tisch kommt, dort lassen sich Verbindungslinien zu eigenen Lebenszusammenhängen ziehen oder auch Irritationsmomente zu diesen aufzeigen. Da wir Menschen uns ernähren müssen, steht außer Frage, dass das Essen zu einer im Wesentlichen lebenserhaltenden Tätigkeit gehört. Somit ist Essen durchaus als ein naturgegebenes Phänomen zu verstehen, auf das wir nur bedingt Einfluss nehmen können – und hierin liegt das „Paradox der doppelten Zugehörigkeit“ (Barlösius 1999, S. 28) des Essens. Neben dem offensichtlich körperlich-materiellen Aspekt birgt das Thema Essen auch immer eine psychisch-soziokulturelle Seite (vgl. Wierlacher 2008, S. 3). So ist Essen gleichermaßen als ein sozial determiniertes, kulturell gestaltetes sowie symbolisch aufgeladenes Phänomen zu verstehen, dem gleichzeitig eine soziokulturell prägende Wirkung zuzuschreiben ist (Meyer 2021, S. 47 ff.; Barlösius 1999, S. 25 ff.). Betrachten wir Essen als soziale Praxis, so begeben wir uns in das Feld sozialer Aushandlungsprozesse. Schlaglichtartig möchte ich mich diesen anhand von Beispielen aus der Populär- und Alltagskultur nähern, um Anknüpfungspunkte für Diskussionen über Geschlechterverhältnisse und -politiken im Kontext von Foodwork skizzieren zu können. Zu betonen ist, dass dieser Beitrag weder eine konsequent durchgeführte Studie darüber liefert, wie die Schlüsselbegriffe „Kochen“, „Essen“ und „Geschlecht“ zusammenhängen, noch darüber, wie sich dieser vermeintliche Zusammenhang auf Vorstellungen von Männlichkeit(en) und Weiblichkeit(en) auswirkt. Dieser Beitrag ist vielmehr als ein Versuch zu verstehen, sich das Feld des Foodwork in Relation zu Geschlechterverhältnissen und -konstruktionen zunächst einmal in der Breite, nicht in der Tiefe, patchworkartig zu erschließen. Dies erfordert einen offenen Zugang, den ich in der Kritischen Diskursanalyse nach Siegfried Jäger gefunden habe.Footnote 1 Inspirierend ist für mich insbesondere folgender Leitgedanke Jägers (1999): Diskurse als „Fluss von ‚sozialen Wissensvorräten‘ durch die Zeit“ (S. 136) zu begreifen, wobei ein Diskurs „aus der Vergangenheit kommt, die Gegenwart bestimmt und in der Zukunft in wie auch immer modifizierter Form weiterfließt“ (Jäger 1999, S. 136). Um sich dem Feld „Essen als soziale Praxis“ nähern zu können, ist zum einen versucht worden, den eigenen Bezugsrahmen zu dieser Thematik offenzulegen, und zum anderen Beziehungen zwischen einer Vielzahl von Diskursfragmenten herzustellen, die per Zufall bricolageartig gewählt wurden; so beispielsweise Kochbücher/Alltagsratgeber, Ausschnitte aus einer Kochshow, aber auch wissenschaftliche Auseinandersetzungen im Feld von Foodwork im weitesten Sinne. Im Folgenden beginne ich mit meinem „personal food prologue“ (Cairns und Johnston 2015).

1 Prolog: Geschlechterperformance und Essen

Ein Familienessen ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. So schreibt beispielsweise Jean-Claude Kaufmann in Kochende Leidenschaft (2006 [2005]), dass beim „gemeinsamen Essen […] das Band geknüpft [wird], das die Familie zusammenhält“ (Kaufmann 2006 [2005], S. 329) und Kathrin Audehm verweist in Erziehung bei Tisch (2007) auf die Bedeutung des gemeinsamen Essens als ein soziales Ritual, das ein Doing Family („while doing gender“) sicherstellt. Ein Familienessen kann also für eine Zeit des Zusammenkommens und des Beisammenseins stehen, verbunden mit einem Gefühl der Vergewisserung und der Vergemeinschaftung. Nur in „wenigen alltäglichen Situationen ist die Verschränkung von Erziehung, Kulturation, Habitualisierung und Distinktion so verdichtet wie bei Mahlzeiten“ (Rose und Sturzenhecker 2009, S. 14). Nicht zu Unrecht wird in kulturtheoretischen Analysen zum Thema Essen die Auffassung vertreten, dass es sich beim Essen um ein „fait social total im Sinne Marcel Mauss’“ (Därmann 2011, S. 11) handelt, weil es in seiner Mehrdimensionalität menschliches (Zusammen‑)Leben allumfassend durchdringt (vgl. Därmann 2011, S. 11; Wierlacher 2008, S. 3).Footnote 2 Warum wir essen, was wir essen, ist somit nicht schlichtweg mit Hunger zu beantworten. So haben Britta Renner et al. (2012) anhand eines Eating Motivation Survey aufzeigen können, dass Hunger neben beispielsweise Gewohnheit, Genuss oder sozialer Norm nur einen von insgesamt 15 Faktoren darstellt, die erklären, warum wir essen und was wir essen (Renner et al. 2012, S. 123). Wenn wir uns mit dem Themenkomplex von Essen als soziale Praxis auseinandersetzen wollen, dann müssen wir schließlich auch in die sozialen Gegebenheiten und Settings eintauchen, in denen (gemeinsames) Essen stattfindet, aber auch in jene, die diesen vorausgehen. Konkret ließe sich damit nicht nur fragen, wer, was, wann, wo, in welchen Zusammenhängen und aus welchen Gründen isst, sondern auch, wer sich denn eigentlich wann, wo, in welchen Kontexten und mit welcher Intention mit Essen beschäftigt. Eine Problemstellung könnte folglich lauten: Wer sorgt denn tagtäglich für das Essen, dessen wir bedürfen? Oder anders formuliert: „Wer kocht was, wann, für wen, in welcher Absicht und mit welcher Wirkung?“ (Frerichs und Steinrücke 1997, S. 235). Kehren wir noch einmal zu der Frage zurück, warum wir essen, was wir essen, dann kann uns diese Frage auch zu sehr persönlichen Essensgeschichten führen, und wir erinnern uns gegebenenfalls (wie in meinem Fall) an (Groß‑)Mutters Küche – was wiederum nicht heißt, dass (Groß‑)Väter nicht koch(t)en oder sich um unser leibliches Wohl sorg(t)en, oder gar, dass Fürsorgekonzeptionen jenseits heterosexueller Klein- und Mehrgenerationenfamilien nicht auf vielfältige Weise gelebt werden. Was meine persönliche Essensgeschichte im Kontext von Foodwork als Carework betrifft, so möchte ich folgende Situation beschreiben: Bei einem Besuch seiner Enkelkinder schneidet mein Großvater noch immer fürsorglich selbstgezogenes Gemüse auf, aber meine Großmutter ist diejenige, die mit viel Aufwand und Mühe sämtliche Speisen und Mahlzeiten für uns zubereitet. In der Familie, in der ich aufgewachsen bin, sorgen sich (noch immer) hauptsächlich die weiblichen Familienmitglieder tagtäglich um das leibliche Wohl der Familie, und zwar nicht, weil sie unbedingt Zeit, Lust und Muße dazu hätten, sondern weil sie sich dazu verpflichtet fühlen. Dabei ist es auch nicht unbedingt so, dass (Groß‑)Mütter überaus begnadete Köchinnen wären – warum auch? Nur Liebe geht ja sprichwörtlich durch den Magen. Meistens haben weder meine Mutter noch meine Großmutter Lust dazu, für die Familie zu kochen, aber sie tun es. Cairns und Johnston (2015) schreiben: „Food and femininity have long been bound up in our lives“ (Cairns und Johnston 2015, S. viii); und wie sehr eine spezifische Art von Weiblichkeitsperformance, die in einen heteronormativen Geschlechterdiskurs eingebettet ist, mit dem Kulturphänomen Essen verflochten ist, kann gut anhand von historischen Alltagsrategebern, wie etwa Koch- und Haushaltsbüchern, nachvollzogen werden, wie dies jüngst Evke Rulffes mit Die Erfindung der Hausfrau (2021) zeigen konnte.Footnote 3 Wir neigen dazu, in Erinnerungen zu schwelgen und diese romantisch zu verklären, was insofern problematisch ist, als dass wir jene „food stories“ (Cairns und Johnston 2015) nicht mehr innerhalb der Lebenszusammenhänge jener Menschen betrachten, die uns mit Essen umsorg(t)en. Als älteste Tochter eines nichtprivilegierten Haushalts hatte meine Großmutter gar keine andere Wahl, als sich um ihre Geschwister zu kümmern. Diese tägliche Ernährungsverantwortung übertrug sie dann, wenn auch unter erleichterten Bedingungen, an meine Mutter. Dies ist nun eine überaus verkürzte Darstellung von teilweise kritischen Lebensereignissen, die mitnichten auf alle (Groß‑)Mütter und (Groß‑)Väter zutrifft; schon die Lebensumstände meiner Großmutter väterlicherseits waren und sind gänzlich andere. Gleichwohl sprechen wir nicht erst seit der Corona-Pandemie über eine geschlechterasymmetrische Ungleichverteilung von Care-Arbeiten (vgl. u. a. Wolff 2020; Häußler et al. 2018; Federici 2015; Das Argument 2011; Kettschau 1989). Sarah Speck (2019) macht sehr deutlich, dass die Frage nach der gesellschaftlichen Organisation von (Für‑)Sorgeaufgaben seit jeher ein kompliziertes Grundthema in feministischen Bewegungen bildet. „Dies verwundert auch nicht, stehen doch Vorstellungen und Praktiken der Fürsorge im Kern der Konstruktion von Weiblichkeit in der modernen Geschlechterordnung“ (Speck 2019, S. 35). Als ein junges Beispiel für die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit der Verwobenheit von Geschlechter- und Care-Politiken ist das Equal Care Manifest zu nennen, in dem erneut eine Sichtbarmachung, Anerkennung und Fairteilung fürsorglicher Tätigkeiten gefordert wird (vgl. Equal Care Day 2020). Im Hinblick auf soziostrukturelle Ungleichheiten spielt der Faktor Zeit im Übrigen eine nicht unwesentliche Rolle, wenn es um das tagtägliche Austarieren von Arbeiten in Privat- und Erwerbsbereichen geht (vgl. Warmuth 2020; Klünder und Meier-Gräwe 2017). Wenn wir über (Groß‑)Mutters Küche sprechen, sollten wir die von ihnen geleistete Kocharbeit wertschätzen, ohne uns dabei in einer ungefilterten Nostalgie zu verlieren, denn: „Viel Zeit blieb den Ur- und Großmüttern nicht, sich in der Küche zu verwirklichen“ (Müller 2013, S. 10), wie im Kochbuch Mama kocht. Erinnerungen und Rezepte aus Mutters Küche (2013) angemerkt wird. Doch „Geschlechterordnungen, die Geschlechterverhältnisse regeln und Orientierung bieten, werden [gegenwärtig] neu verhandelt“ (Lutz und Schmidbaur 2020, S. 4). Hin und wieder, wenn meine Familie in größerer Gemeinschaft zusammenkommt, versorgt uns mein Onkel mit etwas Außergewöhnlichem, wie etwa einer provenzalischen Bouillabaisse. Gerne wird dann erzählt, dass sich der Spitzen- und Fernsehkoch Steffen Hensler im TV-Format Kitchen Impossible (VOX 2020) ja auch der Herausforderung angenommen hat, eine originalgetreue „Bouillabaisse“ zu kochen. Wenn meine Tante für uns kocht, dann heißt es allerdings schlichtweg „Fischsuppe“.

„Wenn ich koche, dann wird mir noch nicht mal zugetraut, dass ich das ohne Maggi oder so gemacht habe. Dann ist Oma immer skeptisch und sagt so was wie „Hast du das alleine gemacht?“ Dabei mache ich es ja eigentlich jeden Tag. Wenn er [mein Onkel] dann einmal kocht, dann wird er immer gelobt, wie toll und besonders das alles ist.“

So meine Tante.Footnote 4 Es ist schwierig, zu dieser familiären Gemengelage derart Position zu beziehen, dass sich die eine oder andere mir nahestehende Person nicht überwältigt fühlt, aber spätestens seit der Zweiten Frauenbewegung wissen wir: Das Private ist politisch. Ich bediene mich hier der treffenden Aussage Christine Otts (2017):

„Der männliche Hobbykoch ist doch ein Elitephänomen. Und vom passionierten Hobbykoch ist es noch ein weiter Schritt zu dem Mann, der es tatsächlich auf sich nimmt, das alltägliche Kochen (das dazugehörige Planen, Einkaufen, Aufräumen etc.) dauerhaft, oder auch nur für die Hälfte der Woche, zu übernehmen.“ (Ott 2017, S. 367)

Bevor ich an dieser Stelle zu einer Sequenz aus der in Deutschland bekannten Kochshow Die Küchenschlacht (ZDF) überleite, um auf die im obigen Beispiel bereits angerissenen Themenschwerpunkte näher eingehen zu können, lege ich in Kürze einige Überlegungen zum Spannungsfeld heteronormativer Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktionen dar.

2 Geschlechterpolitiken des Kochens

Die Kapitelüberschrift ist in Anlehnung an den Aufsatztitel von Swinbank The sexual politics of cooking: A feminist analysis of culinary hierachy in western culture (2002) formuliert. Dieser spielt wiederum auf Kate Milletts Werk Sexual Politics (2010 [1970]) an, das sich der Analyse einer symbolischen Geschlechterordnung auf der Ebene von Kultur- und Literatur(wissenschaft) widmet.

„Cross-culturally, cooking is associated with women and the domestic domain of the household […]. However, a culinary hierarchy is a feature of western society in which a higher status is accorded public professional cooking done usually by male chefs than that accorded to private domestic cooking done by women.“ (Swinbank 2002, S. 465)

Mit Food and Femininity (2015) verorten sich Cairns und Johnston im interdisziplinären Feld der gegenwärtigen Food Studies. Genauer genommen bewegen sich die Autorinnen an den disziplinären Schnittstellen von Gender Studies, der Soziologie des Essens sowie der Konsum- und Esskultur. Cairns und Johnston (2015) ist es daran gelegen, der Komplexität und Vielfältigkeit des „food-femininity nexus“ (Cairns und Johnston 2015, S. ix) nachzugehen, und zwar wohlwissend, dass wir gegenwärtig in einer Zeit leben, in der gesellschaftliche Geschlechterarrangements auch in Bezug auf das Themenfeld Essen in Bewegung geraten sind: „We live in times of shifting gender norms when it comes to food. […] In this book, we argue that food continues to signal femininity, even if it is not the straightforward performance of the 1950s’ housewife“, so Cairns und Johnston (2015, S. vi). Da es in der Geschlechterforschung, im Gegensatz zu Theorien über Männlichkeit(en), „seit Jahrzehnten so gut wie keine theoretische Auseinandersetzung mit Weiblichkeitskonzepten und ihren Folgen für gelebtes Leben gibt“ (Rendtorff und Langer 2018, S. 7), ist dies zunächst einmal ein interessanter Ansatz, um über Weiblichkeit(en) in Relation zu Männlichkeitskonstruktionen sowie den ihnen zugrundeliegenden Differenzierungsprozessen theoretisch (weiter)denken zu können. Weiterhin ist im Blick zu behalten, dass sowohl Männlichkeits- als auch Weiblichkeitsentwürfe nie außerhalb von gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen und -politiken stehen. Und diese haben eine Care-Seite, die sich realiter mitunter darin ausdrückt, dass „die Umverteilung der Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern weiterhin fehlt“ (Lutz und Schmidbaur 2020, S. 7). Gleichwohl sind „[g]eschlechterhierarchische Traditionen der Rollenteilung […] heute sowohl rechtlich als auch gesellschaftlich hinterfragbar“ (BMFSFJ 2017, S. 97). So verweist beispielsweise Tomke König (2012) darauf, dass sich gegenwärtige Geschlechterverhältnisse paradoxerweise durch eine „Gleichzeitigkeit von Persistenz und Wandel“ (S. 14) ausdrücken. König (2012) zufolge ist diese Gleichzeitigkeit weniger ein Indiz für die Beharrlichkeit asymmetrischer Geschlechterarrangements hinsichtlich der familialen Alltagsorganisation, sondern vielmehr ein Hinweis dafür, dass neue Praxen der Aushandlung in Familien- und Fürsorgebeziehungen stattfinden (vgl. König 2012, S. 207). Dies führt zu der Annahme, dass wir es aktuell mit „Transformationen der symbolischen Geschlechterordnung“ zu tun haben, in der sich die Phänomene von Männlichkeit und Weiblichkeit verflüssigen beziehungsweise vervielfältigen (vgl. König 2012, S. 208 ff.). Strittig bleibt weiterhin, ob diese „Un‑/Gleichzeitigkeiten im Geschlechterverhältnis“ (Rendtorff et al. 2019) tatsächlich auf Wandlungsprozesse oder lediglich auf Verschiebungstendenzen hindeuten, oder gar auf Momente der Beharrlichkeit und des Backlash in retraditionalisierte Geschlechterarrangements verweisen.

2.1 „Raus aus dem Klischee, dass die Frauen hinterm Ofen sind“

„Alfons Schuhbeck (Moderator): Herzlich Willkommen, liebe Zuschauer, zur Küchenschlacht. Diese Woche koche ich nur mit Männern – Warum? – Weil am Donnerstag Vatertag ist. Und deswegen stehen nur Männer am Herd, oder Väter, oder solche, die es werden wollen.

Manfred (Kandidat): Es is’ auch für uns […] besonderes, dass nur mal Männer am Herd stehen … raus aus dem Klischee, dass die Frauen hinterm Ofen sind. Jetzt sind die Männer am Werkeln.“ (ZDF 2019a, 0:00–0:22 min)

Küche, Kochen, Ernährung und Essen werden gegenwärtig auf einer breiten kulturellen Bühne (neu) verhandelt, was dazu verleitet von einem „Culinary Turn“ zu sprechen (vgl. Van der Meulen und Wiesel 2017). Die Faszination, die vom Essen als einem sozialen Kulturphänomen ausgeht, macht sich über ein vielseitiges Medienangebot bemerkbar, das sich unter anderem über wissenschaftliche Fachzeitschriften wie Gastronomica, über dokumentarische Serien wie Chef’s Table und unterhaltsamen Kochshows wie Die Küchenschlacht erstreckt, um nur einige zu nennen. Seit 2008 treten im Rahmen der Küchenschlacht (ZDF) wöchentlich bis zu sechs Hobbyköch*innen in einem Kochduell gegeneinander an. Das Ziel ist es, den*die geladene*n Juror*in (professionelle Küchenchefs) mit der dargebotenen Kochleistung zu überzeugen. Auf unterhaltsame Weise soll dem Publikum vorgeführt werden, dass die Tätigkeit des Kochens nicht bloß als lästige Pflicht und Arbeit abgetan werden sollte, sondern eben auch Freude bereiten kann. Im Mai 2019 strahlte das ZDF dann eine Sonderausgabe der Küchenschlacht aus, in der nur männliche Teilnehmende gegeneinander antraten. Wie der zu Beginn angeführten Sequenz aus der Küchenschlacht zu entnehmen ist, kochten diese Kandidaten während der sogenannten „Vatertagswoche“ nicht nur um die Wette, sondern scheinbar auch gegen das Klischee, dass „nur Frauen [zu Hause] hinterm Ofen“ sind. Vor dem Hintergrund aktueller Studienergebnisse lässt sich dieses Motto allerdings nur bedingt halten (vgl. Klünder 2020). Gegenwärtig sind es noch immer mehrheitlich Frauen, insbesondere Mütter, die sich unabhängig von ihrem Erwerbsumfang dem zeitintensivsten Bereich der Haushaltsführung in der Form von (familialer) Beköstigungsarbeit und Ernährungsversorgung zuwenden (müssen) (vgl. Klünder 2020, S. 54; Klünder und Meier-Gräwe 2017). Diese fürsorglichen Tätigkeiten, zu denen beispielsweise auch das Planen von Mahlzeiten und Einkaufen von Lebensmitteln zählen, werden im englischsprachigen Raum, vor allem im Rahmen der Food Studies, häufig mit dem Begriff Foodwork ummantelt (vgl. Cox 2017; Cairns und Johnston 2015). Im Zusammenhang mit der erhöhten Übernahme unbezahlter Care-Tätigkeiten, wie der Bewältigung des alltäglichen Foodwork, ist zudem das Phänomen eines verinnerlichten Empfindens dokumentiert, als Mutter mehr Verantwortung für den Bereich der Beköstigungsarbeit und Ernährungsversorgung tragen zu müssen (Cairns und Johnston 2015, S. 64 ff.; Leonhäuser et al. 2009, S. 101). Dies bedeutet nicht, dass Väter oder Männer am heimischen Herd nicht kochen oder ebenfalls (in Teilen) Ernährungsverantwortung übernehmen; nur eben deutlich weniger. Bezogen auf Deutschland „wenden Väter [täglich] ca. 2,5 h und Mütter zwischen drei bis vier Stunden für die Ernährungsversorgung auf“ (Klünder 2020, S. 56). Zurückgeführt werden derartige Befunde auf weiterhin ungebrochen normative Vorstellungen und Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit (vgl. Klünder und Meier-Gräwe 2017, S. 66). Dass Frauen, insbesondere Mütter, sprichwörtlich „hinterm Ofen sind“, ist somit kein Klischee. Mit Verweis auf Anne Murcott (1993) haben Petra Frerichs und Margareta Steinrücke (1997) bereits deutlich machen können, dass die Küche nach wie vor als „ein vergeschlechtlichter und [als ein] in der Logik geschlechtlicher Arbeitsteilung strukturierter Raum“ (S. 235) zu verstehen ist, aber sie haben ebenfalls aufzeigen können, dass die häusliche Küche trotz fortwährender Geschlechterasymmetrien „nicht mehr ungebrochen das Terrain von Frauen“ (S. 235) bildet, was auf den ersten Blick paradox erscheinen mag. Auch in aktuelleren Studien wie beispielsweise von Ellen Cox (2017) oder Stefanie Baum (2012) wird darauf verwiesen, dass am heimischen Herd trotz einer generellen Gender Care Gap zunehmend kochende Männer anzutreffen sind, was berechtigterweise die Frage aufwirft, was sich denn im Hinblick auf zeitgenössische Geschlechterarrangements, insbesondere in Bezug auf geschlechtsspezifische Arbeitsteilungsmuster in (heterosexuellen) Paarhaushalten, eigentlich verändert (hat). Zumindest könnte die zu Beginn genannte Sondersendung aus der Küchenschlacht den Eindruck erwecken, dass es im Feld von Foodwork in der Sphäre des privaten Haushalts keine Geschlechterungleichheiten mehr gäbe. Bloß geht es in der Küchenschlacht mittlerweile nicht mehr ausschließlich um tagtägliches Essen, sondern um ein außerordentliches Essen. Um den*die Juror*in überzeugen zu können, ist oftmals Tellerkunst gefragt, und zwar in jeglicher Hinsicht (Handwerk, Plating, Geschmack, Produktauswahl). Wie sehr jedoch die häusliche Kocharbeit „als symbolisch weiblich konnotiertes Feld“ (Baum 2012, S. 78) fortbesteht, zeigt sich im weiteren Verlauf der Sendung:

„Alfons Schuhbeck: Herzlich Willkommen, liebe Zuschauer, einen Tag vor Vatertag. Ja und heute haben wa das Thema ‚Grillen‘. Man sagt ja, Grillen ist Männersache, oder?“ (ZDF 2019b, Min. 02:45)

Sogleich dreht sich Schuhbeck zu einem seiner Kandidaten um, welcher zunächst dem Moderator zustimmend zunickt. Es folgt die Frage, ob die Ehefrau des Kandidaten denn auch grille. Auch diese Frage wird bejaht: „Ja, meine Frau grillt auch.“ Scheinbar leicht verdutzt über diese Antwort, muss Schuhbeck noch einmal nachhaken: „Was – grillt se täglich?“ Daraufhin räumt der Kandidat ein: „Mmh, ab und zu.“ (vgl. ZDF 2019b, ab Min. 02:57). Einerseits deutet sich in dieser Sequenz an, dass das Grillen als eine Form sozialer Essenspraxis eine besondere, außerordentliche Situation des Zusammenkommens in Abgrenzung zum Alltäglichen darstellt. Andererseits wird hier unterschwellig auf die Problematik von (Un‑)Equal Care im Hinblick auf Ernährungsverantwortung verwiesen. Das Grillen wird in der „Vatertagswoche“ der Küchenschlacht nicht nur als männliche Praxis markiert, sondern tritt in der Gesamtschau der Sendung als „persönliche Lifestyle-Aktivität“ (Baum 2012, S. 78) hervor, die auf Kreativität, Genussorientierung und Expertise beruht (vgl. ZDF 63,64,a, b). Doch nicht nur das Grillen, sondern das Kochen in der Männerrunde generell wird in dieser Sendung aus dem alltäglichen Versorgungskontext von Foodwork herausgelöst. Dies gibt zwar „Raum für eine häusliche, kulinarische Männlichkeit“ (Baum 2012, S. 78), doch die eigentliche Care-Seite bleibt verdeckt. Die Ernährungsversorgung im Alltag bleibt weiterhin weiblich konnotiert und die „moderne kulinarische Männlichkeit“, die sich über die mediale Repräsentation von zumeist männlichen Küchenchefs aus der ohnehin schon männlich dominierten Spitzenküche speise, funktioniert nur in Abgrenzung zu dieser weiblich markierten Ernährungsverantwortung (vgl. Baum 2012, S. 78 f.; vgl. Cox 2017, S. 23 f., 244 f.). Wohingegen Baum (2012) am Beispiel des männlichen Kochens im Privaten eher Potenzial für gesellschaftliche Transformationsprozesse in Bezug auf Geschlechterarrangements sieht (vgl. Baum 2012, S. 79), positioniert sich Cox (2017) gegenüber den „new paradigms of masculinity“ (S. 233) eher skeptisch und legt den Fokus auf den Moment der Persistenz tradierter Muster von Geschlechterasymmetrien (vgl. Cox 2017, S. 242 ff.).

„I have argued that ideological fantasyFootnote 6 is one useful way to understand the persistence of hegemonic gender ideology despite the production of alternative masculinities. […] Dominant representations of men cooking and the proliferation of new masculinities linked to food seem to contribute to this dissonance, maintaining structures of inequality while announcing their coming obsolescence. Ideological fantasy may help account for the slow pace toward equity in the domestic foodwork of heterosexual couples by convincing us that our actions are already much closer to the ideals we endorse.“ (Cox 2017, S. 245)

Schließlich spielen die, wie Barbara Rendtorff (2019) schreibt, „‚symbolischen‘ Vorstellungen über weiblich und männlich, Frauen und Männer, ihre Unterschiede und Zusammengehörigkeiten“ (S. 106) im Kontext sozialer Aushandlungsprozesse noch immer eine entscheidende Rolle, und zwar trotz Verschiebungen und Veränderungen im Rahmen von Geschlechterkonstruktionen. Solange der Bereich der symbolischen Bedeutung weitestgehend unangetastet bleibt, weil sich dieser im Kern über das Phänomen der „institutionellen Reflexivität“ (Goffman 2001 [1977], S. 107) reproduziert (vgl. auch Rendtorff 2019, S. 106), machen wir uns, mit Cox (2017) gesprochen, im Hinblick auf Wandlungsprozesse im Geschlechterverhältnis lediglich etwas vor (vgl. Cox 2017, S. 245). Wie aber können wir an die Substanz jener geschlechterbezogenen „dogmatischen Überzeugungen“ (Goffman 2001 [1977], S. 107) gehen, um die stetig symbolische Rückversicherung einer asymmetrischen Geschlechterordnung aufbrechen zu können? Können wir dies überhaupt, wenn wir immer wieder auf einen bereits „geltenden ‚Geschlechtersinn‘“ (Setzwein 2004, S. 197), welcher im Grunde auf einer binären Geschlechterlogik fußt, anknüpfen? Pragmatische Ansätze liefern uns zumindest der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (BMFSFJ 2017) sowie das Equal Care Manifest (Equal Care Day 2020). Die „Auflösung von Geschlechterstereotypen“ wird im Gleichstellungsbericht als ein weiterhin zentrales gleichstellungspolitisches Ziel formuliert:

„Insgesamt muss es ein wichtiges gleichstellungspolitisches Ziel bleiben, dass die Verwirklichungschancen in der Erwerbs- und Sorgearbeit nicht von Geschlechterstereotypen abhängen, sondern auf den individuellen Fähigkeiten gründen.“ (BMFSFJ 2017, S. 102)

Das Equal Care Manifest konkretisiert dieses Ziel entlang der Forderung, eine „geschlechter-, care- und diversitätssensible Pädagogik entlang der gesamten Erziehungs- und Bildungskette“ (Equal Care Day 2020, S. 3) zu etablieren. Weiterhin heißt es: „Analog zur Erwerbsbiographie muss der Aufbau einer Care-Biographie als Bildungsziel eingeführt werden.“ (Equal Care Day 2020, S. 3). Sprich, wir bedürfen noch immer neuer Rollenvorbilder, sodass Sorgearbeit nicht mehr mit „einem stereotyp weiblichen Bild“ und Erwerbsarbeit nicht mehr mit einem „stereotyp männlichen Bild“ verbunden sind (vgl. BMFSFJ 2017, S. 102). Ansätze einer geschlechterbewussten Bildung, die Männlichkeits- und Weiblichkeitsanforderungen als historisch und gesellschaftlich gewachsene Phänomene ins Bewusstsein rufen, sind an dieser Stelle notwendige Handlungsschritte, um geschlechterbezogenen Klischees weiterhin entgegenwirken zu können, und um mehr Raum für neue Geschlechterentwürfe wie den Caring Masculinities zu geben. Bewegen wir uns aus der privaten Sphäre der heimischen Küche in die öffentliche Sphäre der professionellen Küche, so deutet sich auch hier beispielhaft an, dass wir noch nicht in Gänze von geschlechtergerechten und -vielfältigen Verhältnissen sprechen können. Im Folgenden führe ich in Kürze durch eine kleine Auswahl (zeit)historischer Kochbücher, um auf geschlechtsspezifische „Differenzierungsprozesse“ (Scott 1997, S. 17) in Bezug auf Kochkunst und Foodwork zu verweisen.

2.2 „Frauen an den Herd“

Das Kochbuch Mastering the Art of French Cooking (2009 [1961]) gilt heute als ein Beststeller der Kochbuch-Literatur. Julia Child, Louisette Berthole und Simone Beck haben schließlich die große Cuisine Française meistern können. Im Vorwort von Mastering the Art of French Cooking schreiben die Autorinnen, dass der Titel dieses Kochbuchs ebenso gut „French Cooking from the Supermarket“ (Child et al. 2009 [1961], S. vii) lauten könnte. Weiterhin schreiben die Autorinnen: „Anyone can cook in the French manner anywhere, with the right instruction.“ (Child et al. 2009 [1961], S. vii). Außerdem ist es ihnen daran gelegen zu betonen, dass das Kochen „not a particularly difficult art“ (Child et al. 2009 [1961], S. viii) sei; es brauche nur Übung, Erfahrung und die richtige Technik. Inwiefern dieses Kochbuch als ein feministisches Statement innerhalb einer langen Hausfrauentradition und -ideologie gelesen werden kann, ist insofern eine Diskussion wert, als es Child, Berthole und Beck gelungen ist, das universelle Prinzip des männlichen Meisterkochs, dem allein die Beherrschung der kunstvollen gehobenen Küche gebührt, zu unterwandern. Ferner haben sie das mythologisierte Narrativ des genialen männlichen Chefkochs entschleiert – ohne jedoch dieser Kochkunsttradition ihr Prestige und ihre Bedeutung für die Entwicklung des Kochhandwerks zu nehmen. Diese Deutung von Mastering the Art of French Cooking wird allerdings nur in Verbindung mit der Kulturgeschichte der (großen) Kochkünste verständlich. Bis heute genießen die französische Küche und Kochkunst ein hohes Prestige, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass diese Tradition während der Professionalisierung des Kochens als Hand- und insbesondere Kunstwerk tonangebend gewesen ist: und zwar auch, weil sich die sogenannte Cuisine Française zunächst als Haute Cuisine in den Küchen der aristokratischen Höfe Frankreichs herausbildete und damit auch die Ess- und Küchenkultur Europas mitprägte (vgl. Mennell 1988, S. 103, 151 f.). Eine Folge dessen ist, dass die „Kluft zwischen professioneller und häuslicher Kochkunst […] größer [wurde], und im Zusammenhang damit wuchs der Unterschied im Prestige zwischen Koch und Köchin“ (Mennell 1988, S. 181). Das Kochen in den Küchenbrigaden, zunächst an den fürstlichen Höfen, später in den Restaurants des bürgerlichen Zeitalters, galt als Männersache (vgl. Mennell 1988, S. 257 f.). Anhand von Zunftordnungen etwa, die gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Paris verfasst wurden, lässt sich nicht nur rekonstruieren, dass Frauen aus den gewerblichen Zusammenschlüssen der Köche bewusst ausgeschlossen wurden, sondern auch, dass sich mit der Epoche der repräsentativen Hofkultur zunehmend das Selbstverständnis von Köchen wandelte (vgl. Barlösius 1999, S. 142 ff.). Der sich in einer Zunft organisierende Koch verstand sich selbst als Künstler (vgl. Barlösius 1999, S. 142). Mit dem internationalen Führungsanspruch der französischen Küche schrieb sich der Trend fort, Köchinnen gezielt aus dem prestigeträchtigen Arbeitsumfeld der professionellen, öffentlichen (Restaurant‑)Küche auszuschließen, insbesondere mit dem Erstarken der Bürgerlichen Sphärentrennung. Zwar waren Köchinnen dennoch und zunehmend bereits ab dem 17. Jahrhundert in städtisch-bürgerlichen Haushalten beschäftigt, doch im Gegenzug zu ihren männlichen Kollegen sollten sie das alltäglich anfallende Foodwork in tugendhafter Manier verrichten (vgl. Barlösius 1999, S. 144). So koch(t)en männliche Köche an sichtbaren Orten, wie den (dem Bürgertum) öffentlich zugänglichen Restaurants. Weibliche Küchenchefs kochten in städtisch-bürgerlichen Haushalten, und somit an Orten, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich beziehungsweise unsichtbar waren. Dass diese geschlechtsdifferenzierenden Prozesse bis heute nachwirken, spiegelt sich unter anderem an der in Medien und im Feuilleton gegenwärtig häufig aufkeimenden Frage, „wie frauenfeindlich die Spitzengastronomie wirklich ist“ (vgl. Weber und Licht 2019). Im Gegensatz zum häuslichen Bereich, in dem, wie bereits dargelegt, noch immer hauptsächlich Frauen, insbesondere Mütter, sich dem Aufgabenspektrum des Foodwork annehmen, werden für die Spitzen- und Profiküche zunehmend „mehr Frauen* an den Herd“ gerufen (vgl. u. a. Feminist Food Club 2022). Inwiefern die Spitzengastronomie als ein Ort gelesen werden kann, an dem die „ernsten Spiele des Wettbewerbs“ im Sinne Pierre Bourdieus (1997, S. 203) ausgetragen werden, und inwiefern sich dieses Phänomen zunehmend im Rahmen einer modernen „kulinarischen Männlichkeit“ (vgl. Baum 2012) am häuslichen Herd abspielt, bleibt noch an anderer Stelle zu diskutieren. Im Folgenden soll noch einmal die Perspektive vom Wandel der Geschlechterverhältnisse in Bezug auf das Thema Foodwork aufgegriffen werden. Dabei wird weiterhin in Kürze auf die Bedeutung (historischer) Koch- und Haushaltsratgeber eingegangen.

2.3 (Für‑)Sorge geht durch den Magen: zwischen Aufbruch und Beharrung

„Das Konzept der bürgerlichen Hausfrau hat sich uns so nachhaltig eingeprägt, dass wir immer noch der Vorstellung anhängen, Frauen seien seit Urzeiten für den Haushalt […] zuständig, während Männer durch eine körperlich oder intellektuell stärker fordernde ‚richtige‘ Arbeit für den Unterhalt der Familie sorgen […]. Auch wenn diese Vorstellung heute an Bedeutung verloren zu haben scheint, greift sie doch nach wie vor oft massiv in unsere Lebensrealitäten und -entwürfe ein.“ (Rulffes 2021, S. 15 f.)

Das Einsetzen eines bürgerlichen Zeitalters ab dem späten 18. Jahrhundert führte nicht nur zur Entstehung einer Restaurantkultur, die auf der einst höfischen Haute Cuisine mit ihren repräsentativen Praxen des Kochens und Essens basiert, sondern auch zu einer Kochkunsttradition und -praxis, die auf das Wirken von Frauen zurückzuführen ist (vgl. Mennell 1988, S. 181, 256 f.), die sich wie Henriette Davidis mit ihrem Praktischen Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche (1893 [1845]) im Rahmen der Ideologie der Bürgerlichen Sphärentrennung zwischen patriarchalem Impetus und weiblichem Emanzipationsstreben bewegten. So können wir zwar nicht annehmen, dass „the authors or editors of cookbooks always directly influenced readers’ ideas and behavior, but we can explore in detail how particular books presented images of gender“ (Neuhaus 2003, S. 4). Überdies ist bekannt, dass Koch- und Haushaltsratgeber wie Davidis’ Praktisches Kochbuch (als wohl bekanntestes Werk) als Sozialisations- und Erziehungsmedien für junge Mädchen und Frauen dienten (vgl. Rulffes 2021; Wiedemann 1993), und zudem zu beliebten Hochzeitsgeschenken avancierten (vgl. Hirschfelder 2018, S. 9). So kann durchaus angenommen werden, dass geschlechterbezogene Wert- und Normvorstellungen über Haushaltsbücher verbreitet und gestützt wurden, und zwar über bürgerliche Gesellschaftsschichten hinaus (vgl. Wiedemann 1993, S. 23). Das Ideal der bürgerlichen Hausfrau und Mutter, der allein die Verantwortung für die familiale Ernährungsversorgung obliegt und die „das gemeinsame Essen zu einem Liebesbeweis an die Familie“ (Schlegel-Matthies 2004, S. 148) werden lässt, hat bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Bestand gehabt, wie sich dies unter anderem am Kochbuch ich koche für Dich (1974) aufzeigen lässt:

„Gutes Essen und Trinken hält nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern auch die ganze Familie. Wie beglückend ist es für Sie, meine verehrte Hausfrau, wenn Sie nach des Tages Hetze und Plage bei Tisch die Augen Ihres Mannes und der Kinder leuchten sehen. Wie schnell vergessen Sie darüber Ihre Sorgen und kleinen Ärgerlichkeiten […]. Wiegt ein strahlender Blick […] nicht all die Arbeit auf, die Sie mal wieder um „Ihre Lieben“ hatten?“ (ich koche für Dich 1974, S. 19)

Manch ein Haushalt mag zwar solch ein Kochbuchexemplar noch besitzen, und auch der Brauch des Übergebens von Kochbüchern als Hochzeitsgeschenke ist mancherorts zwar geblieben, doch derartige Leitbilder sind in aktuellen Ausgaben heute nicht mehr zu finden. So wird im Goldenen Kochbuch (2017) etwa, dem Nachfolgeexemplar von ich koche für Dich, nicht mehr ausschließlich die Hausfrau und Mutter adressiert, sondern das „Brautpaar“. Zudem wird von „Partnerschaft“ gesprochen und Kochen und Essen als „Gemeinschaftserlebnis“ beschrieben (vgl. Das Goldene Kochbuch 2017). So haben sich in Bezug auf Foodwork zwar die Vorstellungen von Partnerschaftlichkeit und partnerschaftlicher Arbeitsteilung durchgesetzt, doch handeln wir noch nicht in Gänze nach unseren neuen gesellschaftlichen Ansprüchen, wie dies beispielsweise die Studie von Nina Klünder Die Ernährungsversorgung in Familien zwischen Zeit, Alltag und Haushaltsführung (2020) zeigt. „Was folgt daraus für einen ‚neuen‘ Gesellschafts- und GeschlechtervertragFootnote 7?“ (Rendtorff 2019, S. 115).

3 Schlussbemerkung: Kitchen Stories. Kitchen Politics

Gehen wir davon aus, dass die Art und Weise, wie gesellschaftliches Zusammenleben funktioniert, auf einem fiktiven Geschlechtervertrag basiert (vgl. Pateman 1988; McRobbie 2010; Rendtorff 2019) – und gegenwärtige Analysen wie etwa der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung unterstreichen dies, indem sie auf strukturelle Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis anhand von Gender Gaps verweisen (vgl. BMFSFJ 2017, S. 93 ff.) –, dann müssen wir uns fragen, wie wir mit diesem Geschlechtervertrag weiterhin umgehen wollen. Wie wollen wir leben? Der „Neue Geschlechtervertrag“, wie ihn Angela McRobbie (2010) beschreibt, bietet zwar jungen Frauen* (aus den westlichen Länder) die Gelegenheit, „öffentlich sichtbar zu werden, die Möglichkeiten des Arbeitsmarkts zu nutzen, sich weiterzubilden, reproduktive Selbstbestimmung zu praktizieren und genug Geld zu verdienen, um an der Konsumkultur teilzuhaben“ (McRobbie 2010, S. 87), jedoch nur unter der Bedingung des Verzichts auf Kritik an einer weiterhin patriarchalen Gesellschaftsordnung (vgl. McRobbie 2010, S. 91). Die Geschlechterverhältnisse auf der Care-Seite des Lebens bleiben somit auch vom Neuen Geschlechtervertrag weitestgehend unangetastet. Wenn wir uns in Richtung Geschlechtergerechtigkeit bewegen wollen, dann muss der Bereich des Privaten als zentral gedacht werden, „um Betreuung und Fürsorge als etwas erkennbar zu machen, was allgemein gewünscht und deshalb auch gemeinsam erstrebt wird und verantwortet werden muss“ (Rendtorff 2019, S. 114). In diesem Beitrag konnte über die Perspektivierung von Essen als sozialer Praxis gezeigt werden, dass das Thema Essen im Sinne von Foodwork auf die fortwährende Diskrepanz und Forderung von (Un‑)Equal Care verweisen kann und somit eine anschlussfähige Perspektive für die soziale Arbeit eröffnet, insofern die Aushandlung von Care- und Geschlechterpolitiken weiterhin gemeinsamer Verantwortung bedürfen.