Thematischer Hintergrund

Die Kinder- und Jugendhilfe steht mit ihren stationären Einrichtungen sowie der Entwicklung und Implementierung von Schutzkonzepten seit Beginn der Debatte über sexualisierte Gewalt in pädagogischen Institutionen im Fokus der öffentlichen und fachpolitischen Aufmerksamkeit (vgl. u. a. Böllert 2014; Christmann und Wazlawik 2019; Retkowski et al. 2018). Die Aspekte Behinderung und Beeinträchtigung werden jedoch im Kontext von Schutzkonzepten (noch) nicht mitgedacht, obwohl sich Inklusion im Kontext von Heimerziehung von hoher Zukunftsrelevanz zeigt (vgl. Zukunftsforum Heimerziehung 2019, S. 35 f.). Die Entwicklung eines inklusiven Schutzkonzeptes weist daher aus wissenschaftlicher Sicht erhebliche Forschungsdesiderate auf. Insbesondere durch die KJSG-Reform und die damit verbundene, inklusive Ausgestaltung der Kinder- und Jugendhilfe werden Notwendigkeiten inklusiver Schutzkonzepte mehr als deutlich (vgl. Schönecker und Müller-Fehling 2019, S. 97).

Ziele des Forschungsprojektes

Das Verbundprojekt verfolgt insgesamt das Ziel, inklusive Schutzkonzepte in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe im Kontext der Be- und Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt zu entwickeln und organisational zu stärken. Dabei wird eine partizipative und transferorientierte Entwicklung von Schutzkonzepten in inklusiven Einrichtungen angestrebt. Erprobt wird dieser Prozess mithilfe des Trägers SOS Kinderdorf e. V., wobei perspektivisch eine Übertragung auf andere Träger angestrebt wird. Die WWU Münster betrachtet in ihrem Teilprojekt spezifische Schutzbedürfnisse von Kindern mit Beeinträchtigungen ganzheitlich im inklusiven Alltag stationärer Jugendhilfeeinrichtungen mit Fokus auf die Gestaltung von Nähe und Distanz aller beteiligter Akteur:innen (Fachkräfte und Kinder) (vgl. Kowalski 2020; Kowalski et al. 2018; Pöter et al. 2021). Die professionelle Relationierung von Nähe und Distanz im pädagogischen Alltag konkretisiert sich an der kontinuierlichen, reflexiven Verhältnisgestaltung von emotionalen Bedürfnissen der Kinder sowie den Grenzen von Kindern und Fachkräften (vgl. Thole et al. 2019, S. 205; Thiersch 2019, S. 44; Thole 2014, S. 154). Das Projekt liefert somit Erkenntnisse insbesondere zur Regulation von Nähe und Distanz; dies inkludiert u. a. Fragen der spezifischen Bedürfniswahrnehmungen von beeinträchtigten Kindern, die Interaktion zwischen als beeinträchtigt geltenden und als nichtbeeinträchtigt geltenden Kindern, die Interaktion zwischen Fachkräften und (nichtbeeinträchtigten) Kindern sowie die allgemein-professionelle Gestaltung von Nähe und Distanz im inklusiven Alltag der Einrichtungen.

Methodologie und Forschungsdesign

Das Verbundprojekt verfolgt einen mehrdimensionalen Forschungsansatz, der das Leitziel des Gesamtprojektes aus unterschiedlichen Zugängen heraus ermöglicht. Die WWU wird über das qualitative Eintauchen in den inklusiven Lebensalltag von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung mittels ethnographischer Studien (vgl. u. a. Thole et al. 2011) in fünf Einrichtungen des Praxispartners, den allgemeinen Umgang sowie mögliche Besonderheiten, Herausforderungen und Risiken ganzheitlich und offen identifizieren. Die Erkenntnisse werden u. a. in Risiko- bzw. Potenzialanalysen der Einrichtungen implementiert und in Fortbildungsmodule überführt. Zudem leiten sich Erkenntnisse für die weitere Entwicklung inklusiver Schutzkonzepte und damit das Gesamtziel des Verbundprojektes ab. Leitend bleibt die Frage, wie Nähe und Distanz in inklusiven stationären Einrichtungen zwischen allen Akteur:innen (also Fachkräften und Kindern) zu regulieren ist, damit die Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen aller Kinder respektvoll geachtet und erfüllt werden können und ein pädagogisch nahbarer und zugleich grenzachtender Alltag für alle Akteur:innen (Adressat:innen, Fachkräfte, Träger) realisierbar bleibt bzw. wird. Ein Transfer der Ergebnisse wird über Kooperationen mit der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) und der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) in die gesamte stationäre Kinder- und Jugendhilfe angestrebt.