Eine Wohnung gilt weithin als eine wesentliche Voraussetzung der gesellschaftlichen Teilhabe und der Existenzsicherung. In der Wohnungslosenhilfe und in Kampagnen zu einem Recht auf Wohnen wird daher seit einiger Zeit das Konzept „Housing First“ diskutiert und als Brücke von der Sozial- in die Wohnungspolitik angesehen. Das Konzept steht für einen Paradigmenwechsel, der pathologisierende Vorstellungen von Wohnungslosigkeit ebenso kritisiert wie die unzumutbaren Verhältnisse in Notunterkünften. Eine Wohnung müsse am Anfang und nicht am Ende einer Strategie zur Vermeidung oder Überwindung von Wohnungslosigkeit stehen. Damit geht eine Verschiebung der Problemdeutung einher.Footnote 1 Problemdeutungen führen diagnostische mit mobilisierenden und prognostischen Elementen zusammen (Best 2008; Groenemeyer 2010; Jacobs et al. 2003). Sie haben nicht nur einen analytischen Kern, sondern rahmen das betroffene Phänomen mit Blick auf anschließbare Lösungen.

Im Folgenden betrachten wir die konzeptionellen Grundlagen und Annahmen dieser Verschiebung. Zunächst stellen wir aktuelle theoretische Perspektiven auf Wohnen und Wohnungslosigkeit vor. Wir nutzen das Konzept der Prekarisierung, um die Dynamik und Relationalität in der Produktion von Wohnunsicherheit und Wohnungsverlust zu erfassen. Dann geben wir einen Überblick über aktuelle Studien zur Wohnungs- und Obdachlosigkeit und betrachten, ob und wie diese auf den Zusammenhang zwischen Wohnverhältnissen und Wohnungsverlust eingehen. Auf dieser Basis gehen wir dann näher auf den sich abzeichnenden neuerlichen Paradigmenwechsel in der Wohnungslosenhilfe ein und beleuchten seine Ambivalenzen. Während „Housing First“ auf die Umsetzung des Rechts auf Wohnen zielt und die bevormundenden Züge bisheriger Hilfesysteme überwinden kann, ist es mit dem Risiko der Verschärfung einer (sich schon länger abzeichnenden) Tendenz der Dualisierung des Hilfesystems verbunden. Auch geht es in der Umsetzung um mehr als die Bereitstellung von Wohnraum. Damit stellen sich neue Fragen und Aufgaben für Sozial- und Wohnungspolitik, Wohnungslosenhilfe und Soziale Arbeit.

Theoretische Perspektiven auf Wohnen und Wohnungslosigkeit

Thematisiert man das Verhältnis von Wohnen und Wohnungslosigkeit, stellt sich zunächst die Frage, ob man ohne eine Wohnung wohnen kann. Wird dies positiv beantwortet, schließt sich die Überlegung an, wie man ohne eine Wohnung leben kann. „Man kann nicht Nichtwohnen“ fasst Günter Rausch die philosophische Debatte zusammen: „Wohnen bildet die Grundlage der Lebenswelt, hier entstehen Identitäten, Orientierungsmarken und Deutungsmuster“ (Rausch 2011, S. 235). Damit unterscheidet sich Wohnen vom bloßen Verweilen an einem Ort. Erst wenn ein Mensch einen Raum „als etwas ihm Zugehöriges empfindet“, wohnt er auch dort (Hasse 2009, S. 27). Während die Philosophin Ute Guzzoni (2018) das Wohnen dem Wandern gegenüberstellt (und zwischen dem Ankommen und Weggehen verortet), ist für den Kulturwissenschaftler Jürgen Hasse durchaus auch ein „Wohnen im Wandern“ denkbar (Hasse 2009, S. 93). Wie Menschen ihr Zuhause gestalten und einrichten ist dann eine Frage der Wohnweise und Gegenstand soziologischer Debatten. So hat etwa Jim Kemeny die These der „Einbettung“ aufgestellt, nach der Gesellschaften, in denen Wohneigentum dominiert, generell mit einer an Privatheit orientierten Sozialstruktur korrelieren, wohingegen eine Dominanz von Mietverhältnissen mit einer kollektivierten Struktur einhergeht (Kemeny 1992). Ruonavaara hingegen sieht im Wohnen kein konsistentes und theoretisierbares Phänomen, sondern ein „non-topic“ (Ruonavaara 2018, S. 188) bzw. lediglich den Hauptnenner einer Reihe eigenständiger Gegenstände (ebd., S. 187). Eine praxeologische Perspektive sieht im Wohnen das Zusammentreffen zweier strukturierter strukturierender Strukturen: dem Habitus und dem Habitat (Schroer 2006, S. 88 f). Häußermann und Siebel umschreiben Wohnen als „vermischtes Tun“ (2000, S. 184) und unterscheiden zwischen funktionalen und sozialstrukturellen Aspekten des Wohnens, dem Wohnerleben und dem Zugang zu Wohnraum, um die „moderne Wohnweise“ zu charakterisieren, ihre historische Entwicklung zu rekonstruieren und ihre patriarchalen und ökologisch problematischen „Bequemlichkeitsgewinne“ zu kritisieren (2000, S. 311). In der Architekturtheorie wird aus dieser Kritik heraus derzeit gar das Ende des monofunktionalen Wohnbaus gefordert. So etwa der Philosoph Ludger Scharte: „Längerfristig müssen wir gegen die Behausung, Domestizierung und Disziplinierung zugunsten autonomerer Lebensweisen aufbegehren“ (Schwarte 2021, S. 23).

Forschungen zu Wohnsituationen, die durch die Abwesenheit einer (eigenen) Wohnung gekennzeichnet sind, betonen derweil den Verlust von Autonomie durch identitäts- und verhaltensprägende Einflüsse in Zwangskontexten und Notunterkünften sowie im ungeschützten Überlebenskampf auf der Straße. Studien zu Notunterkünften (engl.: „shelter“) verweisen auf Verhaltensänderungen (engl.: „shelterisation“), die auf die (dauerhafte) Nutzung der Unterkunft zurückgeführt werden (Dordick 1996). Arbeiten zum Leben auf der Straße suggerieren eine spezifische Lebensweise, die sich aus dem Erleben permanenter Abweisung und Unsicherheit ergibt und die Unsicherheit in der Alltagsbewältigung spiegelt (McNaughton 2008). Berichte aus den USA (und somit einem anderen sozialstaatlichen Kontext als in der EU; hierzu: Pleace 2016) nutzen das Konzept der „Homeless Culture“, um die Verfestigung dieser Lebensweise zu beschreiben, bei der die „Homelessness Industry“ eine zentrale Rolle spielt (Ravenhill 2008Footnote 2).

Die Versuche, Wohnungslosigkeit theoretisch zu fassen, sind vielfältig, und im Laufe der Zeit haben unterschiedliche und sich widersprechende Deutungsmuster dominiert. Unterscheiden lassen sich individualisierende bzw. pathologisierende („sin talk“), strukturalistische („system talk“) und gesundheitsbezogene Ansätze („sick talk“) (Gowan 2010) sowie eine „neue Orthodoxie“, die das Zusammentreffen struktureller und individueller Faktoren betont (Somerville 2013, S. 388; Pleace 2016). Somerville hält dem allerdings entgegen, dass die Wirkzusammenhänge im Ungefähren bleiben und dass die sozialen und wohnungsbezogenen Aspekte konzeptionell getrennt werden (ebd., S. 388). Demgegenüber legt er eine eigene Theorie vor, die „Homelessness“ als eine mehrdimensionale Mangelerfahrung fasst (ebd., S. 384). Dazu zählen physiologische, emotionale, territoriale, ontologische und spirituelle Aspekte, die in der deutschen Sprache mit dem „Zuhause“ verbunden werden (vgl. Schreiber 2017). Eine Besonderheit des Konzepts besteht darin, dass es auf Abwesenheit und nicht Anwesenheit verweist. Der Mangel einer Wohnung ist analytisch vom Fehlen eines Zuhauses zu unterscheiden, da eine Wohnung allein noch kein Zuhause macht. Diese Unterscheidung wird auch in der Wohnungslosenhilfe aufgegriffen, die zwischen Wohnungslosigkeit, Obdachlosigkeit und unsicheren Wohnverhältnissen differenziert, wobei oftmals „Wohnungslosigkeit“ als Überbegriff genutzt wird (Gillich 2020, S. 4). Ein linearer Abstiegsprozess bzw. eine eigendynamische Verlustspirale – vom gesicherten Wohnen über prekäre Wohnlagen zum Leben auf der Straße oder in einer Notunterkunft – wird durch die Kategorien suggeriert und auch im Hilfesystem abgebildet, kann aber nicht als Verlaufsmuster generalisiert werden (vgl. Sonnenberg 2021).

Wohnen und Prekarisierung

In ihren vielen Facetten ist Wohnungslosigkeit Ausdruck und Resultat von Prekarisierungsprozessen. Nicht nur das Fehlen einer Wohnung, auch unsichere Wohnverhältnisse gehen mit ökonomischen, gesundheitlichen und sozialen Deprivationen einher. Dazu zählen u. a. beengte Wohnverhältnisse, improvisierte Behausungen, die zeitweilige Übernachtung bei Bekannten und FreundInnen.Footnote 3 Das Konzept der Prekarität beschreibt „gesellschaftliche Positionierungen der Unsicherheit“ (Lorey 2011, S. 2) und bringt die Relationalität zwischen verunsichernden Herrschaftstechniken und Subjektivierungsweisen in den Fokus, die sich auch in diesen Wohnformen zeigen. Eine gouvernmentale Perspektive auf Prekarisierung thematisiert die Unsicherheitserfahrung nicht als Ausdruck sozialer Ungleichheit, sondern als Ergebnis von Regierungsweisen (ebd., vgl. auch Lorey 2012; Butler 2004). In einer Wohnsituation, die keinen Schutz bietet, sondern selbst als gefährdende und Unsicherheit (re)produzierende Gewaltstruktur erlebt wird, spielen zahlreiche verunsichernde Faktoren zusammen, zu denen auch die Materialität, Ausstattung und Raumstruktur der Wohnsituation zählen.

Wohnsituationen wurden bislang in der Rekonstruktion von Biografien betroffener Personen jedoch vornehmlich als Derivat gesellschaftlicher Verhältnisse konstruiert oder ganz ausgeblendet, insbesondere in den als „verdeckte Wohnungslosigkeit“ kategorisierten Wohnformen. Dem gegenüber stehen die in der „Shelterisation“-These verdichteten Annahmen zu den verhaltensprägenden Verhältnissen in Notunterkünften, die schlussendlich den Housing-First-Ansatz mit begründeten. Diese Lücke führt zu einem simplifizierenden Kurzschluss: Eine Wohnung ist besser als keine. Dass diese Ableitung nicht haltbar ist, zeigen nicht zuletzt Studien zu wiederholter Obdachlosigkeit, die beschreiben, wie Personen z. B. vor häuslicher Gewalt flüchten (Gardiner und Cairns 2002; Coalition on Homelessness 2020). Systematisches Wissen darüber, inwiefern prekäre Wohnsituationen subjektivierend wirken, wäre eine wichtige Grundlage für Unterstützungsstrukturen, die auch das soziale Umfeld adressieren (und stärken) und damit das von Busch-Geertsema et al. (2019) thematisierte Dilemma, dass Personen oft „zu spät“ bzw. „erschöpft“ vom Hilfesystem erreicht werden. Eine angespannte Wohnungswirtschaft, drastisch steigende Wohnkosten, Deregulierungen im Mietrecht und weitere Faktoren lassen wiederum eine „sichere Wohnung“ als eine Illusion erscheinen und legen nahe, dass auch Wege aus der Wohnungslosigkeit nicht in gesicherte Wohn- und Arbeitsverhältnisse, sondern, vor allem in Großstädten, in weiterhin prekäre Konstellationen münden können.

Wohnungslosigkeit als „durchgehende Erschöpfung“

Das Zitat ist Stephanie Szcepaneks Charakterisierung von Wohnungslosigkeit als „Existenzkampf“ entnommen (Szczepanek 2021, S. 80).

Aktuelle Studien zu Obdach- und Wohnungslosigkeit im deutschsprachigen Raum folgen weitgehend der oben genannten „neuen Orthodoxie“ und nehmen das Zusammenspiel gesellschaftlicher Verhältnisse und individueller Dispositionen in den Blick. Faktoren, die zu Obdachlosigkeit führen, haben, so fasst Claudia Steckelberg zusammen, „häufig nur wenig mit dem Thema ‚Wohnen‘ zu tun“ sondern stehen im Zusammenhang mit „Armut, Arbeitslosigkeit, Gesundheit, Bildung und mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen, die sich in Form von Homophobie, Sexismus, Rassismus und anderen Diskriminierungsformen“ äußern (Steckelberg 2018, S. 42). Der sechste Armuts- und Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung nennt „körperliche und (unbehandelte) psychische Erkrankungen“, den „Verlust von Partner oder Partnerin, Sucht- oder Gewalterfahrungen sowie Arbeitslosigkeit“ (Bundesregierung 2021, S. 350). Eine Studie zu Wohnungslosigkeit in Baden-Württemberg führt „neben geringen finanziellen Ressourcen“ noch „Mietschulden/Mietzahlungsschwierigkeiten“, „persönliche Konflikte und persönliche Krisensituationen“, „mietrechtliche Konflikte mit Vermieterinnen und Vermietern“ sowie „Wohnungslosigkeit infolge von institutionellem Handeln“ an (Evers und Ruhstrat 2015, S. 108). Susanne Gerull weist überdies auf Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen hin (Gerull 2018).

Konzeptionell lässt sich das Zusammenspiel dieser Faktoren im kontingenten Karrieremodell fassen, das das individuelle Handeln der betroffenen Personen im Kontext struktureller Bedingungen in den Blick nimmt (Paulgerg-Muschiol 2009, S. 78). Paulgerg-Muschiol zeigt auf dieser Basis zwei mögliche Muster des Wohnungsverlusts: ein „strukturbedingtes Hineinschlittern“ und die „Flucht“ aus als unzumutbar empfundenen Bedingungen (ebd., S. 126 ff). Busch-Geertsema et al. (2019) betonen, dass Wohnungsverlust überwiegend nicht unmittelbar auf persönliche Krisen zurückzuführen sei, sondern „erst durch die daraus resultierende Anhäufung von Mietschulden oder aufgrund mietwidrigen Verhaltens als Folge der persönlichen Krisen“ ausgelöst wurde (ebd., S. 150). Unterstützung bei der Bewältigung der Krisen könnte demnach einem Wohnungsverlust vorbeugen. Sie stellen fest,

dass viele der befragten Menschen zum Zeitpunkt, als Wohnungslosigkeit eintrat, ihre Selbsthilfekräfte restlos erschöpft hatten und sich überwiegend ohnmächtig und handlungsunfähig einer existenzbedrohenden Gefahr gegenübersahen, die sie nicht abzuwenden in der Lage waren (ebd., S. 156).

Die Studie zeigt, dass betroffene Personen zunächst in ihrem sozialen Umfeld, bei Familienangehörigen, FreundInnen und Bekannten Unterschlupf suchen, bevor sie auf der Straße landen oder sich an eine Notunterkunft wenden (ebd., S. 163). Diese Phase des prekären Übergangswohnens bzw. der „verdeckten Wohnungslosigkeit“ dauere „mehrheitlich (…) etwa zwei Jahre“ (ebd.). Weitere, jedoch deutlich seltenere Verlaufsformen sind die „sofortige Inanspruchnahme institutioneller Hilfe“, „wechselhafte Karrieren der Wohnungslosigkeit“ und die „direkte Reintegration in Wohnraum“ (ebd., S. 163 ff). Aus der Auswertung der Verläufe folgern die AutorInnen, dass „ohne institutionelle Unterstützung (…) die Überwindung der Wohnungslosigkeit nur in wenigen Fällen“ gelingt (ebd., S. 173).Footnote 4

Eine Befragung obdach- und wohnungsloser Personen in Hamburg (2018) unterscheidet zwischen formalen und inhaltlichen Ursachen und Anlässen der Obdachlosigkeit (Ratzka und Kämper 2018).Footnote 5 Etwa die Hälfte der Fälle wurden entweder durch die Kündigung ihrer Wohnung oder den Verlust einer Mitwohnmöglichkeit obdachlos (ebd., S. 72). Bemerkenswert ist, dass trotz der präventiv arbeitenden Fachstellen für Wohnungslosigkeit Mietkündigungen, Räumungen und Räumungsklagen mit 25,6 % die häufigste Ursache darstellen. Der Befund ist für Männer und Frauen ähnlich, allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede im Zusammenhang mit der Staatsangehörigkeit der Befragten. Bei den Personen ohne deutschen Pass überwiegt dieser Weg über informelle Mitwohngelegenheiten. Auffallend ist, dass ein deutlich geringerer Anteil an Personen die eigene Wohnung ohne Kündigung aufgegeben hat, als dies zehn Jahre zuvor der Fall war (2009: 22,3 %, 2018: 2,3 %; ebd., S. 80). Die Antworten auf die Frage nach den „inhaltlichen Auslösern der Obdachlosigkeit“ geben Hinweise auf die Wohnsituationen und Lebenslagen. Zwei wesentliche Faktoren lassen sich erkennen: „problematische, konfliktbeladene Beziehungen“ (32,9 %) sowie eine „prekäre ökonomische Situation“ (26,5 %).

In der 2018 durchgeführten „1. systematischen Lebenslagenanalyse wohnungsloser Menschen“ wurde ein mehrdimensionales Konzept entwickelt. Die Studie fragte Personen, „die bundesweit die Angebote der diakonischen Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe nutzen“ (ASH/EBET 2018, S. 31) nach ihrer materiellen Situation, Erwerbsarbeit, der Wohnsituation, Gesundheit, Sicherheit und sozialen Beziehungen. Auf Basis von 1135 Fragebögen zeigte sich, dass die Wohnsituation den größten Einfluss auf die Lebenssituation hat (ebd., S. 18):

„Menschen, die sich auf der Straße oder in ähnlich prekären Wohn‑/Übernachtungssituationen befinden (…), können am seltensten ihre materiellen Bedürfnisse befriedigen, sind überproportional häufig arbeitslos und bewerten ihre privaten Beziehungen am schlechtesten von allen Gruppen“; sie sind „am häufigsten sehr unzufrieden mit ihrer Wohnsituation, fühlen sich am unsichersten und haben überproportional häufig höchstens Zugang zu medizinischen Angeboten der Wohnungslosenhilfe“ (ebd., S. 18).

Ein weiterer wichtiger Befund bezieht sich auf die Dauer der Wohnungslosigkeit. Als besonders prekär stellt sich die Lage von Personen dar, die zwischen sechs und zwölf Monaten wohnungslos sind, wohingegen für langzeitwohnungslose Personen „Anpassungsleistungen an ihre Lebenssituation im Sinne einer Bewältigungsstrategie“ ausgemacht werden (ebd., S. 33). Dies korrespondiert mit der oben genannten „Homeless-Culture“-These. Die quantitativen und qualitativen Studien bestätigen komplexe soziale und ökonomische Problemkonstellationen als zentrale Faktoren in der Verursachung von Obdach- und Wohnungslosigkeit. Auch die qualitativen Untersuchungen geben jedoch nur begrenzte Einblicke in die Wohn- und Lebenssituationen und können v. a. nicht zeigen, wie persönliche Krisen und prekäre Verhältnisse in diesen Situationen kumulieren.

In der Auswertung narrativer Interviews, die im Rahmen der 2019 durchgeführten Dortmunder Studie zu Wohnungs- und Obdachlosigkeit erhoben wurden, geht Tim Sonnenberg diesen Zusammenhängen nach. Wenngleich die Pauschalisierung mancher Aussagen überrascht, die ansonsten auf die Wertschätzung von Diversität und Differenz ausgelegt sind, gelingt ihm eine plausible Kollage der heterogenen Situationen. Bei aller Vielfalt erkennt er dennoch spezifische Muster, so unterscheidet er z. B. zwei – in sich wiederum nicht homogene – Gruppen: Einerseits gäbe es „Menschen, die aus dem System herausfallen“ und andererseits „diejenigen, die es gar nicht erst in das System herein schaffen“ (Sonnenberg 2021, S. 28). Personen, die z. B. aufgrund ihres prekären Aufenthaltsstatus keinen Zugang zum Sozial- und Gesundheitssystem haben, werden auch von der Wohnungslosenhilfe nicht erreicht oder bewusst abgewiesen. Das Leben ohne Wohnung beschreibt er als „eine Situation von dauerhaftem Stress, für den es kaum alltägliche Strategien gibt, um Erholung davon zu finden, und der gleichzeitig stetige Folgeschäden mit sich bringt, die bereits nach kurzer Zeit sichtbar werden“ (ebd., S. 51). Seine Ausführungen erinnern ebenfalls an die „Homeless-Culture“-These:

Durch diese permanente Unsicherheit und das Gefühl, um das eigene Überleben kämpfen zu müssen, wird alles Weitere existenziell – jedes weitere Problem und jede weitere Frustration können das Überleben gefährden und werden entsprechend krisenhaft erlebt. Das äußert sich auch in einer permanenten Unruhe, die aus der Gesamtbelastung heraus resultiert. Durch die permanente Unsicherheit werden Strategien vor allem kurzfristig entwickelt, da diese ebenso kurzfristig an neue angepasst werden müssen (ebd., S. 51).

Somit ist Wohnungslosigkeit „nicht nur das Ergebnis einer Krise, sondern selbst auch eine eigene Krise, die die Menschen bewältigen müssen“ (ebd., S. 58), aber im Zuge wiederholten Scheiterns die Hoffnung aufgeben und eine „Akzeptanz der Hoffnungslosigkeit als Überlebensstrategie“ (ebd.) ausbilden:

Viele Menschen, die länger wohnungslos sind, verändern dabei ihre Verhaltensmuster derart und passen sie daran an, dass das klassische Wohnen als Handlungsmuster nicht mehr abrufbar erscheint, es quasi verlernt ist (ebd., S. 59).

Und weiter noch erscheint die Aussicht auf eine Wohnung nicht nur als aussichtslos, sondern auch überfordernd:

Wohnungslosigkeit, als das stabil Schlechte, kann kaum noch schlechter werden, ist genau aus diesem Grund heraus sehr überschaubar und kalkulierbar. Eine Wohnung zu haben, bedeutet demgegenüber, etwas zu haben, was verloren werden kann. Ein potenzieller Aufstieg ermöglicht überhaupt erst wieder einen Abstieg und ein Scheitern (ebd., S. 60).

Der Überwindung der Wohnungslosigkeit stehen demzufolge „interne Haltemechanismen“ und „externe Exklusionsmechanismen“ entgegen. Und auch das Hilfesystem trägt zur Verfestigung bei:

Das Hilfesystem bietet Tagesstruktur und organisiert somit auch jene, die es nutzen möchten. Insbesondere die Angebote, die eine Übernachtung anbieten, zeigen sich dabei sowohl verwaltend-verwahrend, als auch normierend. Normierend, insofern sie alle Personen unter dem Aspekt der Wohnungslosigkeit und ungeachtet der Individualität verwalten. Verwaltend-verwahrend, insofern sie die Wohnungslosen auch aus dem öffentlichen Bild fernhalten und sie durch die vorgegebenen Strukturen kontrollieren. (ebd., S. 71).

Kulturalisierende Erklärungsansätze sind jedoch in mehrfacher Hinsicht problematisch: Ihre Erklärung ist tautologisch (eine Person ist obdachlos, weil sie auf der Straße lebt) und ideologisch. Das hat Bernd Belina für die Debatte um eine „Kultur der Armut“ herausgearbeitet (Belina 2008):

Indem soziale Praxen zu Eigenschaften von Personen(gruppen) reifiziert werden, werden „Andere“ konstruiert, die so denken und sich so verhalten, wie sie es tun, weil sie sind, wer sie sind (…) an die Stelle von gesellschaftlichen Interessensgegensätzen, die erklärbar wären, treten kulturelle Unterschiede, die einfach vorliegen (ebd., S. 17, H.i.O.).

Die „Homeless-Culture“-These widerspricht auch der vielfach konstatierten Diversität der betroffenen Personen und ihrer Lebensumstände. Instruktiv ist allerdings die Einbindung der „Homeless Industry“ (Ravenhill 2008) in die Argumentation bzw. der Hinweis auf das Zusammenspiel „interner“ und „externer“ Faktoren (Sonnenberg 2021) und damit die Verortung der Kultur nicht ausschließlich bei den Betroffen. Praxeologisch betrachtet, treffen auf der StraßeFootnote 6, in UnterkünftenFootnote 7 und AufenthaltsräumenFootnote 8 strukturierte strukturierende Strukturen aufeinander und bewirken, den hier zitierten Studien zufolge, eine Verfestigung der prekären Lebenslage.

Angebote und Paradigmen der Wohnungslosenhilfe

Die Obdach- und Wohnungslosenhilfe hat sich von einem „traditionell und fürsorglich agierenden Hilfesystem zu einer modernen Dienstleistung gewandelt, die in sehr differenzierten Leistungstypen wohnungslosen Menschen Angebote zur Bewältigung ihrer Probleme und Konflikte macht“ (Lutz et al. 2021, S. 9). Ihr übergeordnetes Ziel ist es, bei der Beschaffung bzw. beim Erhalt von Wohnraum zu unterstützen, „um eine möglichst rasche Reintegration von wohnungslosen Personen in die Gesellschaft zu erreichen bzw. den Verlust von Wohnraum zu verhindern“ (Stark 2014, S. 739). Der Auf- und Ausbau der Obdach- und Wohnungslosenhilfe ist regional sehr unterschiedlich (siehe etwa Pleace et al. 2020; BAWO 2015; Busch-Geertsema et al. 2019).

Auch die Ansätze, die Angebotsstruktur zu systematisieren, sind vielfältig. Geläufig ist eine Differenzierung in ambulante, teilstationäre und stationäre Einrichtungen. Ambulante Angebote stellen erste Anlauf- und Koordinationsstellen dar, etwa in Form von Streetwork oder Beratungsstellen, auch die sog. Fachstellen und ihr präventiver Ansatz sind hier zu nennen. Teilstationäre Angebote können nur einen Teil des Tages in Anspruch genommen werden. Stationäre Einrichtungen, wie zum Beispiel Wohnheime und Übergangswohnhäuser, können rund um die Uhr genutzt werden und stellen durchgängige Betreuung zur Verfügung (Gillich/Nieslony 2000, S. 149 ff). Eine zweite Systematisierung fokussiert auf die Zugangsvoraussetzungen und unterscheidet zwischen höher- und niederschwelligen Angeboten. Niederschwellige Angebote haben vergleichsweise wenige Voraussetzungen für die Inanspruchnahme. Sie bieten unter anderem Akutversorgung an, etwa in Form von Streetwork, Tagesaufenthaltsstätten oder Notschlafstellen. Hierzu zählen auch die Winternotpakete, die in zahlreichen Großstädten vorgehalten werden und einen Erfrierungsschutz bieten. Höherschwellige Einrichtungen haben im Vergleich dazu mehr Voraussetzungen, etwa eine formale Aufnahme, ein Einkommen oder einen langfristigen Aufenthalt, und schließen daher zahlreiche Personen aus. Zu diesen Angeboten werden in der Regel Wohnheime, Übergangswohnhäuser und Formen der mobilen Wohnbetreuung gezählt (Stark 2014, S. 740). Ein drittes Schema hat der Europäische Verband der Wohnungslosenhilfe FEANTSA entwickelt (EOH 2018, S. 21 ff). Er differenziert nach Intensität und Art der Unterstützung, wobei zwischen wohnbezogenen und nichtwohnbezogenen Angeboten unterschieden wird (Abb. 1).

Abb. 1
figure 1

Vereinfachte und übersetze Darstellung. (In Anlehnung an 2018, S. 22)

Weder die Akut- noch die Wohnversorgung sind voraussetzungslos. Insbesondere ein fehlender oder prekärer Aufenthaltsstatus kann dazu führen, dass Hilfesuchende abgewiesen werden. In den vergangenen Jahren sind verschiedene Ansätze der „abweisenden Hilfe“ entstanden, die anstelle eines Betts einen Stuhl (wie im Falle der Wärmestuben in Hamburg) oder eine sogenannte „Rückkehrberatung“ anbieten.

Housing First: Effektive Lösungsstrategie oder selektierende Problemverschiebung?

Seit einigen Jahren wird die Ausgestaltung jener Angebote kontrovers diskutiert, die durchgängig genutzt werden können, die also eine Form des Wohnens ermöglichen, die nur bei Erfüllung von spezifischen Voraussetzungen zugänglich ist. Dabei stehen sich zwei Paradigmen gegenüber: das lange Zeit vorherrschenden Modell betreuter Unterbringung, die stufenweise auf das eigenständige Wohnen vorbereiten soll, und der Housing-First-Ansatz, der die eigene Wohnung an den Anfang der Unterstützung stellt (z. B. Pleace 2016; Busch-Geertsema 2013; Harner und Hammer 2015).

Der Housing-First-Ansatz wurde in New York in den frühen 1990er Jahren aus einer Kritik an den Zuständen in (Not‑)Unterkünften sowie den bestehenden Strukturen der Wohnungslosenhilfe heraus entwickelt. Der Vorstellung, dass das Wohnen in betreuten Unterkünften erst wieder erlernt werden müsse, hält er das Recht auf Wohnen entgegen. Insbesondere den Personen, die lange Zeit von Obdachlosigkeit betroffen sind, psychisch krank sind und/oder eine Suchterkrankung haben, würden Angebote des Stufenmodells nicht gewährleisten, dieses Recht zu verwirklichen. Vielmehr würden sie, und die Zustände in ihnen, dazu beitragen, die Personen in der Obdachlosigkeit zu halten. Die von Sam Tsemberis gegründete Organisation „Pathways to Housing“ stellte daher die eigene Wohnung an den Anfang und bot ergänzende Begleitung von einem interdisziplinären Team und einer mobilen und auf den individuellen Bedarf abgestimmte Betreuung, nicht zuletzt auch zur „harm reduction“ an (Tsemberis et al. 2004; Tsemberis 2010).

International hat der Ansatz eine bemerkenswerte Rezeption erfahren und wurde in unterschiedlichen Kontexten weiterentwickelt und adaptiert (für Wien vgl. Halbartschlager et al. 2012; Zierler 2012. Pleace (2012) unterscheidet drei Modelle, die so im europäischen Raum entstanden sind:

  • Pathways Housing First: Unterstützung für ehemals langzeitwohnungslose Personen, die die soziale und psychologische Begleitung vom Wohnangebot trennt,

  • kommunales Housing First: von der Kommune bereitgestellter Wohnraum für vormals langzeitwohnungslose Personen mit gesichertem Mietvertrag und Betreuungsangeboten im direkten Umfeld der Wohnung,

  • Housing First „light“: privatwirtschaftliche oder gemeinnützige Wohnungsangebote mit niedrigschwelligen Beratungsleistungen und Case Management, die nicht nur langzeitwohnungslosen Personen, sondern eine breitere Zielgruppe einschließlich junger Erwachsener adressieren.

Die Variationen illustrieren den wohnungspolitischen Aspekt von Housing First als Strategie zur Umsetzung des Grundrechts auf Wohnen. In politischen Debatten zur Beendigung von Wohnungslosigkeit hat sie inzwischen einen festen Ort und wird verbunden mit weitergehenden Forderungen nach einer Regulierung der Wohnungswirtschaft (z. B. durch die Begrenzung von Mieten durch einen „Mietendeckel“ und durch Maßnahmen zur Stärkung der Rechte von MieterInnen, Kündigungsschutz etc.), Wohnraumversorgung jenseits des profitorientierten Markts (durch kommunalen und gemeinnützigen Wohnungsbau wie etwa in der Wiener Flächenwidmungskategorie „geförderter Wohnbau“) sowie einem niedrigschwelligen Zugang zu leistbarem Wohnraum. Beispielhaft seien hier die Kampagne „Make the Shift“Footnote 9, die von Leilani Farha, der ehemaligen UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf angemessenen Wohnraum geleitet wird, sowie die Initiative „Cities for Adequate Housing“Footnote 10, die von dem globalen Städtenetzwerk UCLG (United Cities and Local Governments) getragen wird, genannt (siehe auch BAWO 2017; BMSGPK 2021, S. 19, CfH 2018; Human Rights Council 2018Footnote 11).

Housing First wird intensiv wissenschaftlich begleitet und sowohl projektbezogen als auch in vergleichenden Studien äußerst positiv evaluiert (Raitakar und Juhila 2015; Greenwood et al. 2020). So haben etwa Greenwood et al. für die Umsetzung in sieben Ländern gezeigt, dass die NutzerInnen im Vergleich zu NutzerInnen von Stufenmodell-Angeboten über mehr Wahlfreiheiten verfügen, ihre Wohnqualität besser bewerten, mit ihrer Betreuung zufriedener sind, weniger an psychiatrischen Symptomen leiden und stärker in die Gemeinschaft integriert sind (2019, S. 360–363). Aufgrund der intensiven Diskussion und den zahlreichen Varianten kann inzwischen von einer Bewegung gesprochen werden, die sich vom ursprünglichen Modell zum Teil weitgehend abgekoppelt hat (Pleace 2011; Lancione et al. 2018) und auch Raum für kritische Einschätzungen zum Ansatz bzw. dessen Beforschung bietet (etwa Williams 2020).

Housing First stellt eine Alternative zu einer institutionellen Unterbringung dar. Das Konzept problematisiert Zwangskontexte und führt ein anderes Narrativ ein. Es bietet eine neue bzw. andere plausible Erzählung des sozialen Problems Obdach- und Wohnungslosigkeit und schlägt neue bzw. andere Maßnahmen vor. Die Kritik von Zwang und die Betonung von Wahlfreiheit, Harm Reduction und Freiwilligkeit (Tsemberis et al. 2004; Busch-Geertsema 2014, S. 159) weist dabei eine inhaltliche Parallele zu Diskursen in anderen Feldern der Wohnversorgung und der Unterstützung durch Soziale Arbeit auf. Heimunterbringungen und die Anwendung von Zwang wurden und werden etwa auch in der Unterstützung von Kindern, Menschen mit Behinderung oder alten Menschen thematisiert, wobei die Auswirkungen einer „institutionellen Kultur“ kritisiert werden (z. B. Hammer 2013; Europäische Expertengruppe 2012). Eine institutionelle Kultur wird von der „Europäischen Expertengruppe zum Übergang von institutioneller Betreuung zu Betreuung in der lokalen Gemeinschaft“ über drei Kriterien definiert:

  1. 1.

    Die Bewohner leben „von der breiteren Gemeinschaft isoliert“ und/oder unfreiwillig zusammen.

  2. 2.

    Sie haben dabei „keine ausreichende Kontrolle über ihr Leben und über Entscheidungen, die sie betreffen“.

  3. 3.

    Die Erfordernisse der Organisation selbst haben tendenziell „Vorrang vor den individuellen Bedürfnissen der Bewohner“ (Europäische Expertengruppe 2012, S. 27).

Eine Herausforderung, die beide Paradigmen teilen, ist der Zugang zu adäquatem Wohnraum (Busch-Geertsema et al. 2010, S. 75 f, Pleace 2016: 55 ff; Halbartschlager et al. 2011, S. 35; FSW 2009, S. 38). Nach der Idee des Stufenmodells ist der Zugang zu adäquatem Wohnraum an das Ende der Unterstützung gesetzt. So dieser Zugang nicht ausreichend gegeben ist, kann dies eine Überlastung bzw. einen Ausbau des institutionellen Sektors aus Mangel an adäquatem Wohnraum fördern. Nach dem Housing-First-Ansatz ist der Zugang zu einer eigenen Wohnung demgegenüber eine Voraussetzung für (Sozial‑)Organisationen, um die Unterstützung überhaupt erbringen zu können. Aus diesem Grunde ist die Auseinandersetzung mit wohnwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Wohnungslosenhilfe unumgänglich (Harner 2019, S. 178).

Denkbar – und durchaus problematisch – ist, dass angesichts von Diskriminierung, Preispolitik und anderen Faktoren außerhalb des Einflussbereichs der Wohnungslosenhilfe ein Segment entsteht, das langfristig aus Sozialhilfe-Budgetmitteln subventioniert wird und/oder die Wohnstandards bedeutend nach unten verschiebt (Reinprecht und Lévy-Vroelant 2014). Die Kooperation zwischen Wohnungslosenhilfe und Wohnungspolitik wird somit zum entscheidenden Erfolgsfaktor (Busch-Geertsema et al. 2010, S. 75 f, Pleace 2016, S. 55 ff.). Housing First allein, so betont auch die Analyse von Halbartschlager et al. (2011), „löst keine strukturellen Probleme des Wohnungsmarkts“ (ebd., S. 15). Im Raum steht daher das Risiko einer Dualisierung der Wohnungslosenhilfe: möglichst sichere Angebote für die einen, möglichst prekäre, abweisende für die anderen (vgl. hierzu Arapoglou et al. 2015). Diese Problematik adressieren in Wien die „Chancenhäuser“. Hier müssen, im Unterschied zu den Housing-First-Angeboten, die allgemeinen Zugangskriterien zu Angeboten der Wohnungslosenhilfe (v. a. Wohnungsverlust in Wien, österreichische Staatsbürgerschaft bzw. gleichgestellter Aufenthaltsstatus) nicht erfüllt sein, um einen Schlafplatz in Ein- bis Zweibettzimmern sowie Beratungsangebote zu erhalten. Diese sind allerdings nicht auf Dauer angelegt, sondern für eine bis zu dreimonatige Übergangsphase.

Im europäischen Vergleich sind diese Standards eine Ausnahme, und auch dort müssen Menschen auf der Straße übernachten und in den Warteschlangen der „Mitleidsökonomie“ anstehen (Kessl et al. 2015). Und auch wenn das Housing-First-Paradigma in vielen Parlamenten Zustimmung erhält, ist es keinesfalls selbstverständlich, dass sich Stadtregierungen an ihm orientieren. Ausgrenzende, diskriminierende und stigmatisierende Diskurse zur Obdachlosigkeit sind vielerorts ebenso alltäglich wie die Ressourcen knapp. Und die COVID-19-Krise hatte dramatische Auswirkungen auf die Betroffenen und die Hilfesysteme. Zu nennen sind u. a. psychische Belastungen und Gewalterfahrungen in beengten Wohnverhältnissen, hohe Ansteckungsrisiken in Gemeinschaftsunterkünften, Schutzlosigkeit auf der Straße bei erhöhter Vulnerabilität durch Vorerkrankungen und gesundheitliche Dispositionen trafen auf Unsicherheit, Personalmangel (v. a. bei ehrenamtlich Tätigen), restriktive Zugangsbeschränkungen und Schutzmaßnahmen (Pleace et al. 2021; Unterlerchner et al. 2020). Während der Aufenthalt im öffentlichen Raum verboten und auch mit Bußgeldern sanktioniert wurde, waren die Einrichtungen überlastet oder geschlossen (Unterlerchner et al. 2020).

Wohnforschung und Wohnungslosenhilfe

Die Ergebnisse der hier vorliegenden Studien und fachpolitischen Diskurse unterstreichen die Notwendigkeit eines Grundrechts auf Wohnen. Wohnen ist allerdings mehr als ein Dach über dem Kopf, und nicht jede Wohnung schützt vor Wohnungslosigkeit. Die Ableitung, allein mit Wohnungen könne Wohnungslosigkeit beendet werden, wäre zu vereinfachend. Einerseits sind „Housing-First“-Projekte bislang so gefasst, dass sie nur einen kleinen Teil der von Wohnungslosigkeit betroffenen Personen zulassen und für viele aufgrund fehlender Aufenthaltsrechte oder anderer Faktoren keine Hilfe bieten. Und andererseits wird in „Housing-First“-Strategien immer wieder betont, dass „first“ nicht „only“ bedeute, und ein Wohnangebot durch weitere soziale und psychologische Unterstützung auf freiwilliger Basis flankiert werden müsse (Fabian et al. 2020; O’Shaughnessy und Greenwodd 2021). Für die Beratung und Begleitung ist (gerade auch mit Blick auf das Ziel der „Harm Reduction“) eine Analyse der Wohnsituation unerlässlich sowie die Möglichkeit, in diese hineinzuwirken. Das erfordert auch die Einbindung des sozialen Umfelds. Aus der Prekarisierungsforschung lässt sich zudem ein strategischer Ansatzpunkt ableiten: das „Aufbrechen der Binarität von Sicherheit und Schutz auf der einen und dem bedrohlichen Prekären auf der anderen Seite“ (als Frage formuliert bei Lorey 2011, S. 6) – Selbstermächtigung durch Solidarität im gemeinsamen Aufbegehren. Seit einigen Jahren, und v. a. im Zuge der COVID-19-Pandemie formieren sich in zahlreichen Städten neue, politisch gerahmte und mit Protestaktionen verbundene Formen der nachbarschaftlichen Hilfe, die in diesem Sinne agieren.

In diesem Kontext ist die Wohnforschung gehalten, zur inhaltlichen Bestimmung der Forderungen beizutragen. Wenn mehr Wohnraum, wie soll dieser aussehen? Feministische, macht- und architekturtheoretisch informierte Kritik am modernen Wohnen ist hier ebenso gefragt wie die empirische Erforschung der Wohnverhältnisse und ihres Beitrags zur Prekarisierung. Wenn Sozialorganisationen heute darauf hinweisen, dass potenziell jede und jeder von Wohnungslosigkeit getroffen werden kann, andererseits ihre europäische Dachorganisation ebenfalls mit guten Gründen in diesem Punkt widerspricht (EOH 2018, S. 97), ist eine Analyse jener Mechanismen dringend geboten, die die Hierarchisierung der Differenzen in der Wohnungswirtschaft bzw. im Zugang zu Wohnraum produzieren.