Ausgangslage: Wohnformen jenseits des Standards und im Kontext des sozialen Wandels

„Wohnen im Rohbau“, „Hallenwohnen“ und „Selbstausbauloft“: Hinter diesen Bezeichnungen stecken die neusten und vielleicht radikalsten Wohnkonzepte, die in der Schweiz derzeit realisiert werden. Trägerschaften derselben sind experimentierfreudige Wohnbaugenossenschaften. In diesen Konzepten nehmen sie Wohnbedürfnisse eines Teils der Bevölkerung auf, welche sowohl Ansprüche an Selbstbau als auch an Gemeinschaft im Wohnen beinhalten. Selbstbau meint hier die Möglichkeit, eine Wohneinheit im Rohbau, die von der Trägerschaft zur Verfügung gestellt wird, nach persönlichen Vorstellungen als Einzelperson oder gemeinsam als Gruppe auszubauen. Gemeinschaft bezieht sich neben dem gemeinsamen Ausbauen weiter auf den Wunsch, mit anderen innerhalb einer Wohneinheit gemeinschaftlich zusammenzuleben, und dies aus einer Grundhaltung heraus (nicht z. B. als reines Mittel zum Zweck).Footnote 1

Die genannten drei Konzepte enthalten jeweils Elemente des Selbstbaus sowie des gemeinschaftlichen Wohnens, jedoch in je unterschiedlicher Ausprägung: So steht beim Konzept „Wohnen im Rohbau“ der Genossenschaft Kraftwerk1 in Zürich der Selbstbau im Vordergrund, wohingegen bei den Konzepten „Hallenwohnen“ der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich sowie „Selbstausbauloft“ der Genossenschaft Warmbächli in Bern das Selbermachen Hand in Hand geht mit dem Ziel, gemeinschaftlich zu wohnen (und vielfach auch zu arbeiten). Beim „Wohnen im Rohbau“ stellt die Genossenschaft als Trägerschaft konventionell geschnittene Wohnungen zur Verfügung, die die Bewohnerinnen und Bewohner eigenhändig nach ihren Vorstellungen ausbauen können. Beim „Hallenwohnen“ und beim „Selbstausbauloft“ wird einer (oder mehreren) Gruppen von circa zehn bis 20 Personen je eine Halle im Rohbau zur Verfügung gestellt, welche sie nach eigenen Bedürfnissen weitgehend frei gestalten und ausbauen können (Breit und Gürtler 2018, S. 25; Schumacher 2021, i. E.); auf diese Halle müssen sich die Interessentinnen und Interessenten als Gruppe bewerben. Dabei werden individuelle Wohnflächen zugunsten gemeinschaftlicher Wohnflächen maximal reduziert. Anstelle konventioneller Raumaufteilungen und Grundrisse treten offene, kollektiv organisierte Flächen (Simon 2019, S. 34). Einzige Limitierungen sind baurechtliche Vorgaben sowie finanzielle Ressourcen. Wie die Menschen dort zukünftig leben wollen, entscheiden sie schon in partizipativen Entwicklungsprozessen maßgeblich mit.

Diese Trends zu Gemeinschaft und Selbstbau im Wohnen sind eine Reaktion auf die fortschreitende Individualisierung und damit verbundene vermehrte Wahlfreiheiten in Bezug auf die Gestaltung des Lebens und Wohnens (Schmid 2019, S. 208). Einerseits sind Menschen heute offener für verschiedene Lebens- und Wohnformen, andererseits sind sie aber auch vermehrt auf sich allein gestellt und verlieren traditionelle Bindungen und Sicherheiten (Beck 1986; Reckwitz 2017; Breit und Gürtler 2018). Dies kann Vereinsamung, Überforderung oder Überlastung und ein stärkeres Bedürfnis nach Gemeinschaft auslösen (Breit und Gürtler 2018), sodass auch das Interesse an neuen Wohnformen wächst.Footnote 2

Neue Wohnkonzepte wie „Wohnen im Rohbau“, „Hallenwohnen“ und „Selbstausbauloft“ ermöglichen den Bewohnerinnen und Bewohnern, in der physisch-materiellen und sozialen Ausgestaltung ihres Wohnens flexibel auf sich wandelnde Bedürfnisse einzugehen (Schmid 2019; Breit und Gürtler 2018). Den Trägerschaften erlauben derlei Konzepte eine kurzfristigere Reaktion auf sich zunehmend schneller verändernde Nutzungsbedürfnisse (Breit und Gürtler 2018, S. 2), Haushaltsstrukturen oder Arbeitsmodelle (Zemp et al. 2018, S. 118) und eine dichtere Nutzung der Flächen (Schneider o.J., S. 4).

Zugleich knüpfen die Trägerschaften ebenso wie die Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch andere Akteurinnen und Akteure des Wohnungsmarktes (z. B. aus der Politik und Verwaltung) vielfältige Erwartungen an solche neuen Wohnkonzepte, was ihre sozialintegrative Kraft für die Bewohnerschaft, die Nachbarschaft beziehungsweise das Quartier betrifft. Dementsprechend erachten sie diese Konzepte nicht selten auch als probate Ansatzpunkte, um gesellschaftliche Bruchlinien zu überwinden, indem nachbarschaftliche Hilfe- und Unterstützungssysteme geschaffen oder nahräumliche Netzwerke gestärkt werden, oder indem allgemeiner der soziale Zusammenhalt respektive „Kitt“ unter den Bewohnerinnen und Bewohnern bestimmter Gebiete (wieder-)hergestellt wird (Reutlinger et al. 2015; Hilti und Lingg 2021).

Die Akteurinnen und Akteure, welche neue Wohnkonzepte wie die beschriebenen realisieren, bemühen sich häufig in besonderer Weise darum, keine sozial homogenen, isolierten „Inseln der Seligen“ zu sein, sondern ein selbstverständlicher Teil einer diversen, integrativen Stadtgesellschaft. Dies wird versucht, indem beispielsweise die Bewohnerzusammensetzung stark gesteuert und vielfältige öffentliche Nutzungen offeriert werden.

Während es zu verschiedenen Formen des gemeinschaftlichen Wohnens bereits etliche Untersuchungen gibt (z. B. Bundesinstitut für Bau‑, Stadt- und Raumforschung 2020; Schmid 2019; Spellerberg 2018; Emmenegger et al. 2017; Philippsen 2014; Wonneberger 2015; Fedrowitz und Gailing 2003), sind die neusten Wohnkonzepte „Wohnen im Rohbau“, „Hallenwohnen“ und „Selbstausbauloft“ bislang unerforscht.

Forschungsdesign: Lernen von den Pionierinnen und Pionieren

Bei dieser Lücke setzt das im Januar 2022 startende und 36 Monate laufende angewandte Forschungsprojekt „‚Wohnen im Rohbau‘, ‚Hallenwohnen‘ und ‚Selbstausbauloft‘ – neue Wohnkonzepte in der Schweiz“ des Instituts für Soziale Arbeit und Räume der OST – Ostschweizer Fachhochschule an. Es befasst sich mit den genannten drei Wohnkonzepten. Die drei Konzepte sind in unterschiedlichen Entwicklungsstadien: Während die Hallenbewohnerinnen und -bewohner vor Kurzem eingezogen sind, läuft beim „Wohnen im Rohbau“ und beim „Selbstausbauloft“ der Findungs- respektive Selbstorganisationsprozess der künftigen Bewohnerinnen und Bewohner; der geplante Bezug ist auf ca. 2023/2024 datiert.

Mit der Untersuchung der drei skizzierten Wohnkonzepte soll ein Beitrag zur erfolgreichen Umsetzung künftiger ähnlicher Konzepte geleistet werden – und übergeordnet zu einem insgesamt diverseren und bedürfnisorientieren Wohnungsangebot, als es heute in der Schweiz besteht. Hierfür werden die Erfahrungen der „Pionierinnen und Pioniere“ – hier: der Vertreterinnen und Vertreter der Wohnbaugenossenschaften und der (künftigen) Bewohnerinnen und Bewohner – erhoben und systematisch aufgearbeitet, und zwar in Bezug auf: 1) die Projektentwicklung und -planung (z. B. den involvierten Akteurinnen und Akteuren, der Prozessgestaltung), ggf. auch der Finanzierung und der Rechtsform; 2) die bauliche Umsetzung (z. B. die Gestaltung von Grundrissen, der Einsatz von Materialitäten); 3) die Aneignung im Sinne der eigentätigen Auseinandersetzung mit der vorgefundenen materiellen und sozialen Welt (Stichworte: Nutzungsweisen, Umgang mit dem Gebauten, Zusammenleben, Bedeutungen des Wohnens, Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit etc.).

Methodisch im Mittelpunkt stehen einerseits Interviews mit (zukünftigen) Bewohnerinnen und Bewohnern (zu verschiedenen Zeitpunkten) u. a. über ihre Beweggründe, Erwartungen und Erfahrungen bezogen auf die genannten Wohnkonzepte; hinzu kommen Begehungen und teilnehmende Beobachtungen (z. B. Bewohnerversammlungen, Planungssitzungen der Bewohnerinnen und Bewohner). Andererseits werden Interviews mit Genossenschaftsvertreterinnen und -vertretern sowie weiteren relevanten Akteurinnen und Akteuren (z. B. Planungsfachleuten) geführt. Wichtiges Kontextmaterial bilden relevante Dokumente zum „Wohnen im Rohbau“, „Hallenwohnen“ und „Selbstausbauloft“ wie beispielsweise Protokolle, Zeitungsberichte, Filmmaterial u. a. m.

Die so erhobenen Daten werden inhaltsanalytisch (Mayring 2010) und punktuell sinnrekonstruierend ausgewertet mit dem Ziel, konkrete praxisrelevante Aussagen über Herausforderungen und Gelingensbedingungen bei der Entwicklung, Planung und Umsetzung der untersuchten Konzepte herauszuarbeiten. Diese Aussagen werden weiter auf ihre Übertragbarkeit auf andere ähnliche Konzepte hin geprüft. All dies gilt es schließlich in geeigneter Form aufzubereiten und den relevanten Akteurinnen und Akteuren aus Wohnungswirtschaft, Politik, Verwaltung sowie der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.