Advertisement

Soziale Passagen

, Volume 11, Issue 1, pp 5–25 | Cite as

Die Herstellung und Bewältigung von „Familiennormalität“ im Kontext des Schulbesuchs – Goffmaneske Blicke auf den Alltag von Schulkindern in familienanalogen Formen der Hilfen zur Erziehung

  • Maximilian SchäferEmail author
Im Blickpunkt
  • 45 Downloads

Zusammenfassung

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Situation fremduntergebrachter junger Menschen im Kontext des Schulbesuchs und fokussiert dabei thematisch auf erzeugte „Normalität“ und diskreditierbare Andersheit von fremduntergebrachten Schulkindern in sozialen Situationen. Beleuchtet werden hierfür zunächst empirische Befunde zu diesem Themenkomplex, ehe anschließend mittels einer goffmanesken Analyseeinstellung zwei ethnografische Beschreibungen über den Alltag von Schulkindern in familienanalogen Formen der Hilfen zur Erziehung rekonstruiert werden. Analysiert wird, wie in bestimmten Schulsituationen „Familiennormalität“ konstruiert wird und wie damit einhergehende Situationserfordernisse durch die Protagonist*innen familienanaloger Arrangements im Alltag bewältigt werden. Deutlich wird, dass familialisierte Schulsituationen fremduntergebrachte junge Menschen vor besondere Herausforderungen stellen und für sie das strukturelle Risiko beinhalten, aus hierbei erzeugten Normalitätszonen herauszufallen und im Schulkontext Denormalisierungserfahrungen zu machen.

Schlüsselwörter

Familienanaloge Formen der Hilfen zur Erziehung Heimerziehung Familiennormalität Stigma Othering 

The construction of and coping with “family normality” as part of school attendance—Goffmanesque views of the everyday life of schoolchildren in family-analogous forms of residential care

Abstract

The article discusses the situation of young people accommodated outside their family in the context of school attendance and focuses on the construction of “normality” and discreditable otherness of them in social situations. After reviewing empirical findings on this topic, two ethnographic descriptions of the everyday life of schoolchildren in family-analogous forms of residential care will be reconstructed with a goffmanesque perspective. On the one hand it will be analyzed how “family normality” is constructed in certain school situations and how the requirements of these situations are managed by the protagonists of family-analogous arrangements. On the other hand it is shown that for young people accommodated outside their family, familialized school situations entail a special challenge and pose a risk of falling out of zones of normality and thus of making experiences of denormalization.

Keywords

Family-analogous forms of residential care Residential care Family normality Stigma Othering 

Literatur

  1. Adler, P., & Adler, P. (1998). Peer power. Preadolescent culture and identity. New Brunswick: Rutgers University Press.Google Scholar
  2. Bergner, D. (2010). Strukturelemente sozialer Interaktionen. Eine Relektüre ausgewählter Werke Erving Goffmans in praxistheoretischer Perspektive. Bremen: Arbeitsbereich historisch-systematische Bildungsforschung.Google Scholar
  3. Bock, K. (2010). Kinderalltag – Kinderwelten. Rekonstruktive Analysen von Gruppendiskussionen mit Kindern. Opladen, Famington Hills: Barbara Budrich.Google Scholar
  4. Breidenstein, G. (2008). Peer-Interaktion und Peer-Kultur. In W. Helsper & J. Böhme (Hrsg.), Handbuch der Schulforschung (2. Aufl. S. 945–464). Wiesbaden: VS.CrossRefGoogle Scholar
  5. Breidenstein, G., & Kelle, H. (1998). Geschlechteralltag in der Schulklasse. Ethnographische Studien zur Gleichaltrigenkultur. Weinheim, München: Juventa.Google Scholar
  6. Breidenstein, G., Hirschauer, S., Kalthoff, H., & Nieswand, B. (2013). Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. Konstanz: UVK.Google Scholar
  7. Dalbert, C., & Stöber, J. (2008). Forschung zur Schülerpersönlichkeit. In W. Helsper & J. Böhme (Hrsg.), Handbuch der Schulforschung (2. Aufl. S. 905–925). Wiesbaden: VS.CrossRefGoogle Scholar
  8. Dellwing, M. (2014). Zur Aktualität von Erving Goffman. Wiesbaden: Springer VS.CrossRefGoogle Scholar
  9. Eder, K., Rauer, V., & Schmidtke, O. (2004). Die Einhegung des Anderen. Türkische, polnische und russlanddeutsche Einwanderer in Deutschland. Wiesbaden: VS.Google Scholar
  10. Eßer, F. (2013). Familienkindheit als sozialpädagogische Herstellungsleistung: Ethnographische Betrachtungen zu familienähnlichen Formen der Heimerziehung. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 8(2), 163–176.Google Scholar
  11. Farmer, E., Selwyn, J., & Meakings, S. (2013). “Other children say you’re not normal because you don’t live with your parents”’. Children’s views of living with informal kinship carers: social networks, stigma and attachment to carers. Child and Family Social Work, 18, 25–34.CrossRefGoogle Scholar
  12. Freigang, W., & Wolf, K. (2001). Heimerziehungsprofile. Sozialpädagogische Porträts. Weinheim, Basel: Beltz.Google Scholar
  13. Gabriel, T., & Keller, S. (2013). Die Züricher Adoptionsstudie. Kinder und Adoptiveltern in den ersten Jahren. Dübendorf: ZHAW Dept. Soziale Arbeit.Google Scholar
  14. Goffman, E. (1969). Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Pieper.Google Scholar
  15. Goffman, E. (1971). Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp.Google Scholar
  16. Goffman, E. (1975). Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.Google Scholar
  17. Goffman, E. (1982). Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.Google Scholar
  18. Helming, E. (2010). Die Pflegefamilie als Gestaltungsleistung. In H. Kindler, E. Helming, T. Meysen & K. Jurczyk (Hrsg.), Handbuch Pflegekinderhilfe (S. 226–259). München: Deutsches Jugendinstitut (DJI) e.V.Google Scholar
  19. Hildenbrand, B. (2006). Öffentliche Sozialisation: ein Beitrag zur Entwicklung einer Theorie der Identitätsbildung und gelingender Lebenspraxis unter Bedingungen öffentlicher Erziehungshilfe am Beispiel des Sozialisationsmilieus Pflegefamilie. Jena: USB Köln.Google Scholar
  20. Hübsch, F., Schäfer, M., & Thole, W. (2014). Pädagogischer Alltag und biographischer Werdegang. Erziehungsstellen und pädagogische Hausgemeinschaften im Blick. Wiesbaden: Springer VS.Google Scholar
  21. IAB (2013). Von der Schule in den Beruf. Aktuelle Berichte, Bd. Mai 2013. Nürnberg: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.Google Scholar
  22. IGfH (1998). Positionspapier der Fachgruppe Erziehungsstellen der IGfH. In U. Naumann & B. Hammer (Hrsg.), Perspektiven der Erziehungsstellen-Arbeit. Beiträge zur 1. Bundestagung Erziehungsstellen in Kassel 1997 (S. 129–136). Frankfurt am Main: IGfH-Eigenverlag.Google Scholar
  23. von Kardorff, E. (2009). Goffmans Stigma-Identitätskonzept – neu gelesen. In H. Willems (Hrsg.), Theatralisierung der Gesellschaft (Bd. 1, S. 137–161). Wiesbaden: VS.CrossRefGoogle Scholar
  24. Köngeter, S., Mangold, K., & Strahl, B. (2016). Bildung zwischen Heimerziehung und Schule. Ein vergessener Zusammenhang. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.Google Scholar
  25. Krappman, L., & Oswald, H. (1995). Der Alltag der Schulkinder. Weinheim, Basel: Juventa.Google Scholar
  26. Link, J. (2006). Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird (2. Aufl.). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.Google Scholar
  27. Marmann, A. (2005). Kleine Pädagogen. Eine Untersuchung über „Leibliche Kinder“ in familienorientierten Settings öffentlicher Ersatzerziehung. Frankfurt am Main: IGfH – Eigenverlag.Google Scholar
  28. Merchel, J. (2010). „Familienähnlichkeit“ als Qualitätsmerkmal? Zur Notwenigkeit eines reflektierten Umgangs mit familienanalogen Konzepten. In Sozialpädagogisches Institut am SOS-Kinderdorf e. V. (Hrsg.), Glücklich an einem fremden Ort. Familienähnliche Betreuung in der Diskussion (S. 277–294). München: SOS-Kinderdorf e. V.. Onlineausgabe: https://www.sos-kinderdorf.de/resource/blob/8716/98f0a2e47a2786346254bcaaf0c6c73c/gluecklich-an-einem-fremden-ort--familienaehnliche-betreuung-in-der-diskussion-data.pdf.Google Scholar
  29. Niederberger, J. M., & Bühler-Niederberger, D. (1988). Formenvielfalt in der Fremderziehung. Zwischen Anlehnung und Konstruktion. Stuttgart: Ferdinand Enke.Google Scholar
  30. Reimer, D. (2017). Normalitätskonstruktionen in Biografien ehemaliger Heimkinder. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.Google Scholar
  31. Schäfer, M. (2015). Zwischen Institution und Familie. Praktiken und Muster pädagogischen Handelns in Erziehungsstellen. Soziale Passagen, 7(1), 173–176.CrossRefGoogle Scholar
  32. Schäfer, M. (2018). Erziehungsstellen als stationäres Hilfeformat zwischen Institution und Familie. Ethnografische Rekonstruktion des Rahmenwechsels. In M. Schäfer & W. Thole (Hrsg.), Zwischen Institution und Familie. Grundlagen und Empirie familienanaloger Formen der Hilfen zur Erziehung (S. 95–119). Wiesbaden: Springer VS.Google Scholar
  33. Schäfer, M. (2019). Doing, Undoing und Not Doing Family. Zur Deutungs- und Bezeichnungspraxis im Alltag familienanaloger Formen der Hilfen zur Erziehung. In K. Jurczyk (Hrsg.), Un/Doing Family. Konzeptionelle und empirische Weiterentwicklungen. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.Google Scholar
  34. Schäfer, M., & Thole, W. (2018a). Zwischen Institution und Familie. Empirische Befunde eines ethnographischen Forschungsprojektes über familienanaloge Formen der Hilfen zur Erziehung. In M. Schäfer & W. Thole (Hrsg.), Zwischen Institution und Familie. Grundlagen und Empirie familienanaloger Formen der Hilfen zur Erziehung (S. 71–94). Wiesbaden: Springer VS.Google Scholar
  35. Schäfer, M., & Thole, W. (2018b). Praktiken der Beziehungsgestaltung in Erziehungsstellen. Rekonstruktionen der Relationierung von Nähe und Distanz in einem sozialpädagogischen Format der Hilfen zur Erziehung. Zeitschrift für Pädagogik, 64(2), 232–251.Google Scholar
  36. Seelmeyer, U. (2008). Das Ende der Normalisierung? Soziale Arbeit zwischen Normativität und Normalität. Weinheim, Müchen: Juventa.Google Scholar
  37. Seelmeyer, U., & Kutscher, N. (2011). Normalität und Normalisierung. In H.-U. Otto & H. Thiersch (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik (4. Aufl. S. 1022–1029). München, Basel: Ernst Reinhard.Google Scholar
  38. Sternberger, K. (1998). Warum eine Bundestagung Erziehungsstellen? In U. Naumann & B. Hammer (Hrsg.), Perspektiven der Erziehungsstellen-Arbeit. Beiträge zur 1. Bundestagung Erziehungsstellen in Kassel 1997 (S. 14–17). Frankfurt am Main: IGfH-Eigenverlag.Google Scholar
  39. Waldschmidt, A. (2004). Normalität. In U. Bröckling, S. Krasmann & T. Lemke (Hrsg.), Glossar der Gegenwart (S. 190–196). Frankfurt am Main: Suhrkamp.Google Scholar
  40. Waldschmidt, A. (2008). „Wir Normalen“ – „die Behinderten“? Erving Goffman meets Michel Foucault. In K. Rehbaer & Deutsche Gesellschaft für Soziologie (Hrsg.), Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (S. 5799–5809). Frankfurt am Main: Campus.Google Scholar
  41. Werner, K. (2015). Pflegekindspezifische Anforderungen aus der Perspektive von Pflegekindern. 8th International Foster Care Research Conference, Universität Siegen.Google Scholar
  42. Wolf, K. (2010). Der Versuch, glücklich zu leben: Lebensgemeinschaften als pädagogischer Ort. In Sozialpädagogisches Institut am SOS-Kinderdorf e. V. (Hrsg.), Glücklich an einem fremden Ort. Familienähnliche Betreuung in der Diskussion (S. 108–124). München: SOS-Kinderdorf e. V.. Onlineausgabe: https://www.sos-kinderdorf.de/resource/blob/8716/98f0a2e47a2786346254bcaaf0c6c73c/gluecklich-an-einem-fremden-ort--familienaehnliche-betreuung-in-der-diskussion-data.pdf.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Fachgebiet Professionsethik mit dem Schwerpunkt Sexualität und Macht in Schule und Sozialer Arbeit, Institut für SozialwesenUniversität KasselKasselDeutschland

Personalised recommendations