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Paternalismus und Soziale Arbeit

Paternalism and social work

Zusammenfassung

Basierend auf gerechtigkeitstheoretischen Überlegungen diskutiert der Beitrag das Problem des angemessenen Umgangs der Sozialen Arbeit mit ihren AdressatInnen. Dieses Problem mündet in die kontroverse Frage nach der Legitimität einer Sozialen Arbeit, die darüber befindet, worin das Wohl ihrer AdressatInnen bestehe. Der Beitrag argumentiert, dass eine solche sozialarbeiterische Praxis mit beträchtlichen Rechtfertigungshürden konfrontiert ist.

Abstract

On the fundament of ethical considerations the article discusses the issue of an appropriate approach to the clients of Social Work. This issue results in controversial questions about the legitimacy of Social Work when judging about the well-being of its clients. It is argued that a justification of this Social Work practice is confronted with considerable obstacles.

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Notes

  1. 1.

    Für eine deutlich antipaternalistisch motivierte Befürwortung des Dienstleistungs- bzw. Kundenmodells vgl. etwa Bossong 2011. Die Verbindung zwischen der Kritik am Paternalismus herkömmlicher Modelle der Expertentätigkeit in helfenden Berufen einerseits und der Befürwortung des Dienstleistungs- bzw. Kundenmodells andererseits findet ebenfalls eine Parallele im medizinischen Bereich; vgl. Stoecker 2011, S. 178 f.

  2. 2.

    Für die anglo-amerikanische Debatte vgl. beispielsweise Gutmann 1980; Scarre 1980; Gardner 1983 und Reamer 1983. Erst in jüngerer Zeit gibt es in Deutschland eine systematische erziehungswissenschaftliche Aufarbeitung der anglo-amerikanischen Diskussion, vgl. Giesinger 2007.

  3. 3.

    Zwischenzeitig war die philosophische Paternalismusdebatte weitgehend eingeschlafen. Noch im Jahre 2009 beklagt Michael Quante die Vernachlässigung des seines Erachtens bedeutsamen Themas, vgl. Quante 2009, S. 74.

  4. 4.

    Diese Form der paternalistischen Beeinflussung ist gerade in modernen pädagogischen Szenarien besonders prominent. Jean-Jacques Rousseaus bildungsphilosophischer Ansatz einer ‚negativen Erziehung‘ läuft darauf hinaus, das Kind äußere Widerstände und Grenzen nicht als Ausdruck eines fremden Willens, der Unterwerfung verlangt, erfahren zu lassen, sondern als natürliche Beschränkung (vgl. Rousseau 2001, S. 209). Eine habitualisierte Unterwerfungsbereitschaft gegenüber fremden Willen ist Rousseau zufolge eine Deformation, die das Zentrum personalen Lebens betrifft. Der kompetente Erzieher wird Erziehungsarrangements daher im Sinne einer ‚wohlgeordneten Freiheit‘ (vgl. Rousseau 2001, S. 210) gestalten, das heißt so, dass die Beschränkungen, die Freiheitsspielräume eröffnen, dem Kind als natürliche Gegebenheiten erscheinen; vgl. dazu auch Sturma 2001, S. 125 ff.

  5. 5.

    Das bekannteste Beispiel dürfte John Stuart Mill sein, vgl. Mill 1991, 5. Kap., insbes. S. 130.

  6. 6.

    Vgl. Wolf 1990, S. 49: „Paradigma [des Paternalismus] ist das Verhalten guter Eltern. Ihnen geht es um ihre Kinder. Sie entscheiden stellvertretend im wohlverstandenen Interesse der Kinder.“

  7. 7.

    Die Tatsache, dass derartige Manipulationen oftmals auch aus nichtpaternalistischen Motiven erfolgen, wird hier nicht bestritten. Entscheidend ist, dass paternalistische Absichten vorliegen können.

  8. 8.

    Vgl. dazu etwa Böhnisch et al. 2005, S. 255 ff.; Schrödter 2007 und Maaser 2010.

  9. 9.

    Dort, wo sich das Feld sozialarbeiterischer Tätigkeit mit dem medizinischen Arbeitsfeld überschneidet (etwa beim Umgang mit psychisch erkrankten Menschen oder Demenzkranken), liegt das Abgleichen der Normen ethisch angemessenen Handelns ohnehin auf der Hand.

  10. 10.

    Schöne-Seifert argumentiert für den Bereich ärztlichen Handeln, dass ein derart begründeter Paternalismus unter anderem einem darüber hinausgehenden paternalistischen ExpertInnenverhalten Vorschub leisten könnte; vgl. Schöne-Seifert 2009, S. 113.

  11. 11.

    In den Kontext konsequenzialistischer Rechtfertigungen gehört auch der bereits erwähnte ‚libertäre Paternalismus‘ von Thaler und Sunstein (vgl. Thaler und Sunstein 2003). Die beiden Autoren rechtfertigen den von ihnen verfochtenen ‚Nudge‘-Paternalismus damit, dass er dem betroffenen Individuum erhebliche Zugewinne an Wohlergehen und Entscheidungsfreiheit verschaffe, während die hinzunehmenden Autonomieeinschränkungen vergleichsweise harmlos seien (‚no coercion‘).; zur Kritik am ‚Nudge‘-Paternalismus aus unterschiedlichen Perspektiven vgl. Ziegler 2013, S. 58 ff. und Conly 2013, S. 29 ff.

  12. 12.

    Der typische Fall sind Verfügungen von Personen, die im Frühstadium von degenerativen demenziellen Erkrankungen betroffen sind.

  13. 13.

    Vgl. hierzu und zum Folgenden Nussbaum 2006, S. 69 ff.

  14. 14.

    Brumlik stützt sich allerdings anders als Nussbaum und diejenigen, die ihr im Bereich Sozialer Arbeit folgen, auf Rawls’ kontraktualistische Methode zur Legitimation paternalistischer Eingriffe. Nussbaum hält den Kontraktualismus für unzureichend, wenn es um die Einbeziehung der Belange derer geht, die nicht dem Ideal vertragsfähiger Individuen entsprechen (also etwa manche Menschen mit geistigen Behinderungen).

  15. 15.

    Andererseits ist festzuhalten, dass Nussbaum sich beispielsweise dagegen sträubt, ihren Ansatz als ‚perfektionistisch‘ zu deklarieren, vgl. Nussbaum 2014.

  16. 16.

    Vor allem ist zu untersuchen, inwieweit gesellschaftlich verursachte Entfremdungszustände die Selbstbestimmungsfähigkeit von Personen derart deformieren können, dass diese nicht mehr in der Lage sind, entsprechend ihrer Würde zu handeln. Für die Beschreibung von Entfremdungszuständen stellt der Capabilities Approach den Begriff der adaptiven Präferenzen zur Verfügung; vgl. Steckmann 2008 und Ziegler 2013.

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Steckmann, U. Paternalismus und Soziale Arbeit. Soz Passagen 6, 191–203 (2014). https://doi.org/10.1007/s12592-014-0181-7

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Schlüsselwörter

  • Paternalismus
  • Selbstbestimmung
  • Rechtfertigungsstrategien
  • Praktische Philosophie

Keywords

  • Paternalism
  • Self-determination
  • Justification strategies
  • Practical philosophy