Armut und Ausgrenzung als Beschämung und Missachtung

Hilfe im Kontext der Lebensmittelausgaben „Die Tafeln“ und ihre Konsequenzen

Poverty and social exclusion as shame and disrespect – Support within the context of food banks and its consequences

Zusammenfassung

Der Beitrag reflektiert das Phänomen der Lebensmittelausgaben „Die Tafeln“ vor dem Hintergrund ausgrenzungs- und intersubjektivitätstheoretischer Überlegungen und fragt anhand eines empirischen Falls nach der Bedeutung und den Konsequenzen für die NutzerInnen der Angebote. Armut und soziale Ausgrenzung werden dabei als Verhältnisse innerhalb der Gesellschaft verstanden, welche durch die Gleichzeitigkeit von Integration und Ausgrenzung gekennzeichnet sind. Innerhalb dieser Konstellation stellen Gefühle der Scham und Missachtung emotionale Ausdrucksformen von Armut und Ausgrenzung dar, welche die positiven Selbstbeziehungen der jeweiligen Subjekte angreifen. In der Analyse eines biographischen Interviews mit einer Nutzerin wird aufgezeigt, welche Bedeutung die Angebote der Lebensmittelausgabe einnehmen und in welcher Weise die Hilfeleistung mit Angriffen auf die positive Selbstbeziehung ihrer Nutzerin einhergeht. Die Lebensmittelausgaben werden als ein Ort rekonstruiert, an dem zum einen Hilfe geleistet wird, zum anderen jedoch die Beschämung und Missachtung der betroffenen Subjekte zu den konstitutiven Bedingungen gehören.

Abstract

The article reflects about the phenomenon of food banks against the backdrop of theories on social exclusion and intersubjectivity, questioning the significance and consequences for users of the service based on an empirical case. Poverty and social exclusion are considered as circumstances within the society which are hallmarked by the concurrency of integration and exclusion. Within that constellation feelings of shame and disrespect become emotional expressions of poverty and exclusion, leaving the positive self-relation of the affected subjects vulnerable. In the analysis of a biographical interview with a user, it’s shown what importance the food supply offerings take up and in which way this support is accompanied by assaults on positive self-relation. The food banks can be understood as places that offer support on the one hand, however also feature shame and disrespect for the affected subjects as constitutive circumstances.

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Notes

  1. 1.

    Das Zusammenspiel von Fremd- und Selbstzwang sowie die jeweiligen Mechanismen hat Norbert Elias (1980, S. 312 ff.) in seinem „Prozess der Zivilisation“ als den „gesellschaftlichen Zwang zum Selbstzwang“ beschrieben.

  2. 2.

    Während Neckel sehr auf die konkreten Emotionen blickt und damit den konkreten Empfindungen der Subjekte folgt, ist Honneth durch seine normative Perspektive daran interessiert Missachtungen über die Perspektive emotionaler Erfahrungen der Subjekte hinaus auch normativ zu bestimmen.

  3. 3.

    Gleichzeitig sollte bezüglich der Lebensmittelspenden mit dem Begriff der Mildtätigkeit im Sinne einer „guten Tat“ nicht naiv umgegangen werden. Die Lebensmittelspenden speisen sich aus ganz unterschiedlichen Quellen, wobei zu den Spendern sowohl kleine örtliche Bäckereien, Gemüsehändler und Fleischereien und ähnliche Betriebe gehören, insbesondere beziehen die Lebensmittelausgaben die Spenden jedoch von den großen Lebensmittelkonzernen. Die Spenden sind in diesem Kontext als Teil ökonomischer Rationalitäten zu verstehen. Sie sind eingebettet in umfassende unternehmerische Strategien und zielen auf Imagegewinne und Einsparungen bei den Abfallkosten (vgl. Selke 2008).

  4. 4.

    In der Transkription wurde ein vereinfachtes Transkriptionssystem verwendet. Pausen werden dabei in Klammern notiert, wobei Pausen in der Länge von einer Sekunde als (.) und Pausen von zwei Sekunden als (..) gekennzeichnet werden. Bei längeren Sprechpausen wurde die entsprechende Zeit in Sekunden notiert, bspw. (5). Kurze Erzählunterstützungen durch den Interviewer wie „mhm“ und ähnliche Laute werden ohne Absatzwechsel durch zwei eckige Klammern eingeschlossen und damit als [[mhm]] gekennzeichnet.

  5. 5.

    Leider ist es nicht möglich diese Schilderungen an dieser Stelle detailliert wiederzugeben und zu analysieren. Sie werden aus diesem Grund zusammenfassend wiedergegeben.

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Schoneville, H. Armut und Ausgrenzung als Beschämung und Missachtung. Soz Passagen 5, 17–35 (2013). https://doi.org/10.1007/s12592-013-0132-8

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Schlüsselwörter:

  • Armut
  • Beschämung
  • Lebensmittelausgaben
  • Helfen
  • Almosen

Keywords:

  • Poverty
  • Shame
  • Food Banks
  • Support
  • Charity