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Limit. Ein Essay zur Lage der Weltbevölkerung. Teil 2: Lösungsansätze und Schlussfolgerungen

Limit. An Essay on the State of the World’s Population. Part 2: Approaches and Conclusions

Zusammenfassung

Dieser Essay beschäftigt sich in zwei Teilen mit der Entwicklung der humanen Weltbevölkerung. Diese Entwicklung ist nicht ausschließlich positiv zu beurteilen und hat in ihren Auswirkungen auf den Planeten ein Ausmaß erreicht, das diesen in seiner Funktionalität gefährdet. Teil 1 identifizierte zentrale Grenzen und Herausforderungen, denen die Menschheit gegenübersteht. Teil 2 zeigt mögliche Lösungsansätze auf.

Abstract

This essay deals in two parts with the development of world population. This development is not exclusively positive and its impact has reached an extent which endangers the planet’s functionality. Part 1 identified the central limits and challenges facing humanity. Part 2 outlines possible solutions.

Wir brauchen ein höheres Verständnis von dem, was wir machen wollen. Wir haben eine fatale Informationsgesellschaft geschaffen, wo wir jeden Tag ein bisschen dümmer aufwachen. Wir brauchen eine Gesellschaft des Verstandes. (Anders Indset, zit. n. Doğan 2020)

Einleitung

Der vorliegende Essay befasst sich in zwei Teilen mit der Lage der humanen Weltbevölkerung, also des Homo sapiens. Dessen dominante Rolle hat zu Entwicklungen geführt, die nicht ausschließlich positiv zu beurteilen sind und die in ihren Auswirkungen auf den Planeten bzw. die Natur ein Ausmaß erreicht haben, das diese/n in der Funktionalität gefährdet. Die Abhandlung stellt eine politikwissenschaftliche Erörterung des Ist-Zustandes dar.

Der erste Teil (Scholik 2021) diente der Vorstellung zentraler Grenzen und Herausforderungen, mit denen sich die Menschheit konfrontiert sieht. Mit den Bereichen Weltbevölkerung, Klima und Umwelt, Energie und Rohstoffe, politische Systeme sowie Wirtschaft und Finanzen wurden fünf Problemfelder identifiziert, in denen sich die heutigen Staatensysteme an der Grenze (Limit) der Belastbarkeit befinden. Darauf aufbauend stellt Teil 2 Vorschläge für Lösungen, Änderungen und Verbesserungen vor.

Alle Überlegungen und Lehren aus Teil 1 sollen nun dazu dienen, auf dem jeweiligen Problemfeld an Verbesserungen und Änderungen zu arbeiten. Das geschieht indes schon heute. In allen Systemen bzw. Bereichen arbeiten Menschen an deren Optimierung und Verbesserung – mit mehr oder weniger Erfolg. Die Globalisierung der Wirtschaft, Kommunikation und Wissenschaft hat in den vergangenen 20–25 Jahren ungeahnte Kräfte und Möglichkeiten freigesetzt, aber auch ein gerütteltes Maß an schwierigsten Problemen offengelegt. Wie immer, wenn der Mensch bahnbrechende Entdeckungen macht oder Forschungsergebnisse erreicht, ist Dual UseFootnote 1 im Spiel. Nehmen wir das Internet: Noch nie war es für die Menschen so einfach, das (fast) ganze, gemeinsame Wissen auf Fingerdruck bei „Mr. Google“ abzufragen oder global mit Wort, Text, Bild, Ton etc. jederzeit (fast) uneingeschränkt zu kommunizieren. Noch nie war es aber auch so leicht, ein Kommunikationssystem für derart viele negative Ziele einzusetzen; Desinformation, Fake News, Diebstahl, Betrug, Kommunikation für Terrorismus, organisierte Kriminalität sind nur einige von vielen Beispielen. Gen- und Nanotechnologie, Laserwaffen und medizinischer Fortschritt ständig zunehmenden Ausmaßes öffnen neue Dimensionen und erzeugen gleichzeitig große Sorgen, bedenkt man die anderen Seiten der Anwendung.

Im Folgenden geht es darum, aus dem in Teil 1 sowie in dieser Einleitung skizzierten „Puzzle“ ein praktisch anwendbares Ordnungssystem zu kreieren, Prioritäten zu reihen und Lösungsansätze zu überlegen sowie aufzuzeigen, warum dies notwendig ist.

Grundlagen

Wie in Teil 1 des Essays erläutert, sahen und sehen die Menschen sich im beginnenden 21. Jahrhundert mit Grenzen und Herausforderungen konfrontiert, deren Dimensionen bislang unbekannt, ja undenkbar waren. Das Erkennen und Schaffen des Verständnisses für die notwendigen, vernetzten Denk- und Handlungsansätze ist deshalb unerlässlich: Wie kann das internationale, anarchische Staatensystem dazu gebracht werden zu verstehen, dass diese Probleme, die gesamte Menschheit ohne Unterschied betreffend, nur gemeinsam gelöst werden können? Welche Antworten können oder müssen Philosophie, Religion und Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik geben? Wie kann das allgemeine Verständnis der Menschen – unabhängig der politischen, sozialen oder gar religiösen Sichtweisen – geformt werden? Und wie kann die Politik dazu gebracht werden, auf globaler Ebene gemeinsam zu handeln? In allen Bereichen des nun globalen menschlichen Zusammenlebens müssen wir diese Grenzen, Probleme und Gefahren erkennen und daraus resultierend rasch Lösungen finden sowie diese umsetzen. Der Essay befasst sich daher mit der Suche nach Mitteln, Ansätzen und Möglichkeiten bzw. mit der Fragestellung: Welche zu Antworten führenden Wege gibt es im Hinblick auf die vielen aufgeworfenen Fragen?

„Wie kann die Politik dazu gebracht werden, global gemeinsam zu handeln?“ scheint einer der Schlüsselsätze dieses Essays zu sein. Ungeachtet des politischen Systems oder der Form verfügt nur die Politik über die Führungs- und Entscheidungsinstrumente. Teil 1 hat die Bedeutung von Global Governance bereits adressiert. Diese tritt in verschiedenen Formen in Erscheinung, allerdings nicht in der eines Global Government. Gleichzeitig scheint es ohne Government bei künftig zehn Milliarden Menschen undenkbar, auf schnellem Wege eine gemeinsame Zielsetzung zu erreichen. Auch der ins Spiel gebrachte Fluchtweg in die Nationalstaatlichkeit ist angesichts der Hauptproblematik Klimaenergie völlig ungeeignet; die Natur erkennt ausschließlich den globalen Ausstoß, dieser trägt keine nationalen Identifikationen. Eine Hilfe könnte die ebenfalls in Teil 1 angeschnittene Zweck-Ziel-Mittel-Relation nach Carl von Clausewitz (2010 [1984]) sein.

Was muss warum und mit welchen Mitteln erreicht werden? Dies sind drei kurze, aber bedeutungsschwere Fragen, wobei die nach den Mitteln die bedeutungsvollste ist: Clausewitz’ Relation kommt aus der militärischen Welt, in der die Mittelfrage zwar nicht die alleinige, aber die mit höchster Priorität ist. Während Ziel und Zweck eher Spielraum für philosophische und andere Betrachtungsweisen geben, ist bei den Mitteln nur eine einzige Wahl gestattet: die realistische. Ohne Mittel ist nichts möglich. Diese werden in der betrachteten Problematik weder ausschließlich Hard Power noch exklusiv Soft Power sein können, sondern überwiegend eine Kombination aus beidem (Smart Power) sein müssen.Footnote 2

Es muss nun überlegt werden, wie man die aus den Analysen der fünf Bereiche abgeleiteten notwendigen Schritte bzw. Änderungen zusammenfasst und als „Überlebenspaket“ der Menschheit der Natur anbietet (Ziel). Zweck dieser Aktion ist ganz einfach der Fortbestand des Homo sapiens. Die Mittel sind den Abschnitten 4.1 bis 4.5 aus Teil 1 zu entnehmen. Das klingt sehr einfach, ist aber (fast) übermenschlich schwierig, betrachtet man die Ausgangsbasis und unser bisheriges „Krisenmanagement“, das in Wahrheit einer der ältesten und schlechtesten Managementmethoden entspricht: der Ablage (Etikett: „Später erledigen!“). Die Mittel sind als Ergebnisse der fünf Untersuchungen abzuleiten, zu gruppieren, abzustimmen, festzulegen und umzusetzen.

Die drei horizontalen Komponenten in Abb. 1 – Ausrichtung der politischen Systeme sowie des Bereichs Wirtschaft und Finanzen und die Entwicklung der Weltbevölkerung – liegen grundsätzlich in unserer Hand und sind, in einem gewissen Ausmaß, variabel. Die vertikalen Komponenten Klima und Umwelt sowie Energie und Rohstoffe unterliegen nicht allein unserer Kontrolle bzw. Flexibilität in dem Sinn, dass sie von der Natur vorgegeben, gemessen und reaktiv überwacht, toleriert oder sanktioniert werden. Hier besteht wenig Spielraum, aber nicht kein Spielraum, wie uns manch WeltuntergangsfanatikerFootnote 3 weismachen möchte – aber, zugegeben: Der Spielraum wird nicht mehr lange gegeben sein.

Abb. 1
figure1

Ableitung der Mittel (Quelle: Eigene Darstellung)

Es wäre der Blick in die Glaskugel des Zauberers notwendig, um an dieser Stelle mit konkreten Maßnahmen und Urteilen aufzufahren. All das muss hart, ernsthaft und schnell erarbeitet werden. Geführt von der Politik müssen Philosophie, Wissenschaft, Forschung und Technik organisiert auf diesen zentralen Ebenen arbeiten. Dabei muss die Politik klug lenken und die Wirtschaft alle notwendigen Mittel bereitstellen.

Die Coronakrise hat einen Vorgeschmack auf zu erwartende, mögliche Szenarien gegeben, wenngleich nicht im 1:1-Vergleich. Der läge sehr falsch. Zunächst haben wir es bei der derzeitigen Pandemie mit einer nicht ungewöhnlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Teilen/Spezies der Natur zu tun. Diese ist gewissermaßen schwieriger als die bekannten Kriege der Menschheit untereinander, nur Homo sapiens betreffend, weil der Feind unsichtbar und mittels der bekannten militärischen Methoden nicht fassbar ist. Die Auseinandersetzung ist aber nicht neu, weil in der Geschichte der Menschheit Seuchen von jeher eine große Gefahr bedeuteten, bis es Homo sapiens dank Personen wie Robert Koch oder Louis Pasteur gelang, durch Fortschritte in Biologie und Medizin grundsätzlich seine Dominanz zu behaupten. Da ist allerdings die kleine Unannehmlichkeit, dass heute, trotz unseres Wissens und unserer Möglichkeiten auf allen Ebenen, ein Nachteil gegenüber früheren Pandemien sehr erschwerend wirkt: die physische Vernetzung der Menschheit. Diese muss nun – koste es, was es wolle; – temporär unter- bzw. gebrochen werden, bis der Gegner (SARS-CoV-2) besiegt ist. Dann werden zwar die globale Wirtschaft und die gesamten sozialen Systeme schwer beschädigt sein, aber es wird keine – wie bei unseren human-internen Auseinandersetzungen üblichen – Zerstörungen und Verwüstungen geben.

Das, was uns aber unabhängig von der Pandemie konfrontiert, ist ungleich schwieriger zu bekämpfen. Es steht uns ein anscheinend unbesiegbares Etwas gegenüber, kein Feind, kein Gegner, sichtbar und doch nicht: unsere eigene Blindheit, ja Dummheit, da wir selbst immer stärker gegen unseren Lebensraum, gegen dessen mehr als vier Milliarden Jahre alte Regeln verstoßen. In Summe bedeutet das: Wir bräuchten ein Wunder …

Voraussetzungen

Die Kernfrage, die in diesem Kapitel behandelt wird, lautet: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit gehandelt werden kann? Die erste und wichtigste Voraussetzung ist wohl das Erkennen, dass nur globales Handeln in dieser Situation erfolgreich sein kann. Bislang hat Homo sapiens, seinen gewohnten soziopolitischen Strukturen vertrauend, keinerlei Vorstellung, wie wohl globales Handeln herzustellen wäre. Die staatliche Ordnung, vor allem die der Globalen Player, ist nicht in Richtung Global Governance ausgerichtet. Wir müssen also in den Katalog der zu überlegenden Voraussetzungen diese Erkenntnis, nämlich globales Handeln, an die Spitze stellen. Mehr als die Erkenntnis, dass eben nur globales Handeln eine Basis für Erfolg darstellt, ist hier und jetzt (noch) nicht möglich. Auf dieser Basis kann nun eine kausale Kette von sich gegenseitig bedingenden Hauptelementen aufgestellt werden: Führung, die Clauswitz-Relation Ziel-Zweck-Mittel sowie handelndes Organ und (Zeit‑) Planung.

Führung

In allen politischen Systemen war und ist nach wie vor die Führungsfrage entscheidend. In der Politik, aber auch in anderen Bereichen, könnte man vielleicht folgendermaßen definieren: Führung ist das Ausführen planender, kontrollierter Tätigkeiten durch Menschen, Gruppen oder Organisationen. Auf der militärischen Ebene, wo Führung unter anderen, strengeren Voraussetzungen und durch das Mittel des Befehls, der keiner Diskussion oder Veränderung durch den oder die Geführten unterliegt, wird folgendermaßen definiert: Führung ist das

  • Treffen von Entscheidungen mit gewollter Wirkung in der Zukunft,

  • fortdauernde Auslösen und Steuern von Verhaltensweisen und Handlungen anderer Menschen zur Verwirklichung von Zielvorstellungen,

  • Steuern von verschiedenen Einzelaktivitäten in einer Organisation im Hinblick auf das übergeordnete Ganze.

Der Führende (Politiker/Kommandant) ist der Führungsverantwortliche. Er führt seinen Staat bzw. seine Truppe. Er trifft alleinverantwortlich (der Politiker anders als der Militär) die Entscheidungen und setzt sie durch Anordnungen/Befehle an Bevölkerung/Unterstellte in die Tat um. Führungsverantwortung erfordert: Vorausdenken, Entschlusskraft, Organisationstalent, Improvisationsvermögen, schnelle und klare Vorgaben/Befehlsgebung und Einsatz der eigenen Persönlichkeit. Letztlich lässt sich daraus das Führungssystem ableiten. Es dient der Erfüllung von Aufgaben und ist der geordnete Zusammenhalt von Organisation – Verfahren – Mitteln.

Warum hat dieses Element eine derartige Bedeutung? Weil es in der von uns nun offengelegten Problematik ohne Führungspersönlichkeiten auf vielen entscheidenden Ebenen, später in der Durchführung von einer obersten Führung, zusammengefasst und umgesetzt werden muss. Im militärischen Bereich ergeben sich aus all dem nun die sogenannten Führungsgrundsätze (Bundesministerium für Inneres, 2007, S. 13–15): Einheit der Führung, klares Ziel, Einfachheit, Schwergewichtsbildung, Reservenbildung, Handlungsfreiheit, Beweglichkeit, Ökonomie der Kräfte, Verhältnismäßigkeit.

Als Paradebeispiel einer politischen Führung in extremster Krise (Fortbestand des Staates oder Untergang) darf der britische Premierminister (1940–1945) Winston Churchill genannt werden. In Krisenzeiten hängt der Fortbestand immer auch und vorrangig von der Persönlichkeit und Führungsstärke des Verantwortlichen ab.

Ziel-Zweck-Mittel

Die Clausewitz-Relation ist in Kap. 2 dargelegt worden. Aufgrund der Komplexität des Problems und vor allem wegen des Imperativs der globalen Lösung wird in allen Phasen und Teilkomponenten des endgültigen Ansatzes immer wieder die Ziel-Zweck-Mittel-Relation zu untersuchen, analysieren und beurteilen sowie ein planrelevantes Entwickeln von Lösungsschritten notwendig sein.

Handelndes Organ

Dem Grundsatz der Einheit der Führung folgend muss eine Organisationsform oder ein Organisationsorgan bestimmt werden, respektive sich herauskristallisieren, empfehlen bzw. die Macht und Führungsrolle übernehmen: ein Staat, eine internationale Organisation, ein Global Player, Hegemon oder Imperium?

Bei realistischer Betrachtung der derzeitigen globale Lage, des Zeitrahmens und der voraussichtlichen Entwicklung über die nächsten ein bis zwei Dekaden kommen eigentlich nur zwei Global Player bezüglich der Führungsrolle in Frage: die Vereinigten Staaten oder China. Allerdings befinden sich beide bereits mitten in der Frage bzw. Auseinandersetzung um die globale Führung – ohne zunächst unser Thema Limits im Zentrum zu sehen. Kap. 4 stellt zwar eine Lösung als Vorschlag vor, allerdings prinzipiell eher in Richtung einer zuarbeitenden Komponente für eine oder mehrere wissenschaftliche Lösungsmöglichkeiten. Auch dort wird die entscheidende Frage sein: Wer führt politisch, wer hat die Stärke? Hier gibt es Ähnlichkeiten zum rein politischen Fall der Frage nach einem führenden Imperium, weil ja nur dieses die inneren politischen Verhältnisse anderer Staaten beeinflussen kann.

Als wichtigste Erkenntnis bleibt die Notwendigkeit der Einheit der Führung. Das amerikanische und das chinesische politische Modell unterscheiden sich fundamental und basieren auf zwei völlig gegensätzlichen Eckpfeilern – dem demokratisch/individuellen gegen den autoritär/gemeinschaftlichen.Footnote 4 Die Frage, welches der beiden so unterschiedlichen Systeme Führungsmacht im Sinne der untersuchten Problematik übernehmen kann, will oder wird, ist derzeit nicht zu beantworten.

Möglichkeiten

Die Zukunft hat viele Namen. Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für Furchtsame das Unbekannte, für die Mutigen die Chance. (Victor Hugo)

Trotz der großen Schwierigkeit, im Rahmen dieses Beitrags Möglichkeiten für Ansatz und Beginn mit Gewissheit anbieten zu können, bedarf jede Analyse auch einer Beurteilung, einer Durchführungsidee. Hier ist das Eis nun besonders dünn – sind doch, wie in Kap. 4.3 (Energie und Rohstoffe) in Teil 1 schon erwähnt, alle Bemühungen seit nun fast 70 Jahren ohne wirklichen Erfolg geblieben. Es gilt nun zunächst zusammenzuführen, was an Strukturen zu einer Problemlösung vorhanden, funktionstüchtig und belastbar ist. Das ist nicht unbedingt viel versprechend, aber auch nicht ganz hoffnungslos. Da gibt es zum einen die Vereinten Nationen: völlig ineffizient, um Frieden auf dem gemeinsamen, einzigen Planeten zu sichern. Wie bei anderen internationalen Unternehmungen – nicht allen! – ist auch hier schon der Keim des Todes in die Wiege gelegt worden. Es sei nur, und das genügt, an das Vetorecht der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates erinnert. Mehr als sonst gilt hier das Morgenthau-Credo der „Interessen, als Macht definiert“. Allerdings bietet die UN eine Struktur, in der alle Staaten der Welt vertreten sind. Diese Struktur könnte sich unter Druck wandeln bzw. anpassen. Und mit dem International Thermonuclear Experimental Reactor (ITER) Projekt gibt es ein solides Beispiel (Scholik 2021), leider nur eines, für eine über viele Jahre gehende dauerhafte, wissenschaftlich-technische Kooperation, trotz Spannungen unter den Teilnehmerstaaten bis zur Kriegsgefahr (USA-UdSSR, Kuba-Krise 1962). Das Beispiel könnte ein, vielleicht der Hoffnungsschimmer sein, auf den sich aufbauen ließe. Wie könnte nun ein derartiger Anstoß organisatorisch aussehen?

Im Zentrum des angedachten Ansatzes steht die Weiterentwicklung einer schon älteren, in Teil 1 bereits vorgestellten Idee: eine neue Version des betagten Club of Rome. Es könnte eine Institution im Rahmen der UN sein, um die Arbeit den Nationalstaaten zu entziehen; die in ihr Tätigen wären auf die Dauer ihrer Tätigkeit „Weltbürger“, keine Bürger eines Nationalstaates. Das klingt schon (fast) unerfüllbar. Doch warum sollte es nicht funktionieren, beispielsweise mit Wissenschaftlern der verschiedensten Fachrichtungen, primär die der fünf Limit-Bereiche, ergänzt um Philosophen, Historiker und Sozialwissenschaftler. Ähnlich dem Institut de France als eine globale, elitäre Denkfabrik organisiert, von jedem Nationalstaat mit Vertretern beschickt, wäre die einzige und wichtigste Aufgabe, in Gruppen und Untersuchungsbereiche geteilt, für die „globale Politik“ jene Elemente zu erforschen, festzulegen und in Vorschläge zu kleiden, die als Mittel dem Zweck dienen. Doch im klaren Gegensatz zum Club of Rome oder anderen NGOs stünde ein solcher Globaler Wissenschaftlicher Rat (GWR) bzw. Global Scientific Council (GSC) – von einem Staatenbund der willig-entschlossenen Staaten, z. B. nach dem Muster von ITER geschaffen – auf einer völlig anderen Ebene. Der GWR wird vom Staatenbund gegründet und finanziert, beschickt und – rein wirtschaftlich, nicht sachlich/fachlich oder bezüglich der Tätigkeit, wie ITER – kontrolliert. Er könnte jederzeit weitere Wissenschaftler in dem ihm als notwendig erscheinenden Ausmaß temporär oder permanent beiziehen. Das Geld sollte, würde der Schritt getan, keine Rolle spielen.

Auf Basis dieser Vorschläge fällt der Staatenbund bindende politische Entscheidungen zur Zielerreichung. Das hat mehr als nur einen Hauch von Global Governance, scheint aber angesichts der Herausforderungen alternativlos. Die Voraussetzung für einen funktionierenden GWR wäre natürlich der diesbezüglich einzugehende Staatenbund, wenn irgend möglich, zunächst aus den gleichen Staaten zusammengesetzt wie ITER. Das klingt noch utopischer als der GWR selbst. Aber auch hier besteht Hoffnung. So wie für die Verschleierungspolitik Chinas zu Beginn der Coronakrise in Wuhan rasch Game Over gekommen ist und danach offen und energisch gegen diese Bedrohung vorgegangen wurde – viele europäische Staaten haben das Virus zunächst, so wie die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich, nicht ernst genommen. So müssen die ungleich größeren Probleme, von denen wir hier sprechen, angegangen werden.

Zusammenfassung

Die Hoffnungslosigkeit ist schon vorweggenommene Niederlage. (Karl Jaspers)

Dieses Kapitel zieht mit Unterstützung einer grafischen Darstellung ein Resümee. Einer der wichtigsten Grundsätze im militärischen Führungsverfahren lautet: Einfachheit (s. Kap. 3) – je komplexer das Problem, umso notwendiger! Wenngleich manches nicht so klar oder eindeutig behandelt werden konnte, so ist zumindest die indirekte Darstellung der Komplexität (hoffentlich) gelungen. Die Verzahnungen der Probleme, ihre Ausstrahlung auf einfach alle Bereiche des menschlich-staatlichen Lebens sind die komplexeste Situation, der sich Homo sapiens seit dem „sapiens“ im Namen gegenübersieht. Es geht deshalb vorrangig und primär um das Erkennen des vernetzten Ansatzes. Die erste Schlussfolgerung lautet folglich: Keine singulär auch noch so gut angedachte oder konzipierte Maßnahme kann das wahre Problem lösen. Es bietet sich an, diese Schlussfolgerung in Form von vier Hauptfakten und vier daraus abgeleiteten Thesen darzustellen (Tab. 1).

Tab. 1 Fakten und Thesen zum vernetzten Ansatz (Quelle: Eigene Darstellung)

Das Akzeptieren der Thesen aus Tab. 1 führt wiederum zu den in Abb. 2 zusammengefassten Schlussfolgerungen.

Abb. 2
figure2

Schlussfolgerungen (Quelle: Eigene Darstellung)

Die vier Grundfelder der Abb. 2 können so interpretiert werden, dass die Menschheit:

  • nicht einem Gegner „Natur“ gegenübersteht,

  • derzeit und auch noch mehrere Generationen in der Zukunft keine Möglichkeit des „Ortswechsels“ in Betracht ziehen kann,

  • das Spielen „auf Zeit“ ebenfalls unmöglich ist

und eben das globale Handeln in Anbetracht der dargestellten Faktenlage in Summe betrachtet werden muss. In allen Fällern führt aber Nichtbeachtung und Haltungsänderungsverweigerung eben zur Selbstauslöschung.

Es mag sich nun der Gedanke aufdrängen, dass das alles Utopie sei, undurchführbar, nicht oder gar in diesem Ausmaß eintreffend, noch genug Zeit da wäre und überhaupt… – wahrscheinlich denken wir alle instinktiv so. Oder?

Epilog

Wer in der Zukunft lesen will muss in der Vergangenheit blättern. (André Malraux)

Der Essay wurde inmitten der Coronakrise beendet, mit ihren für uns so eindrücklichen Folgen, die thematisch so gut zum Titel und Plan des Schreibens beigetragen haben. Die aufgezwungene Wegsperrung von uns allen vor uns allen hat uns rasch und effizient vor Augen geführt, dass der Homo sapiens seine Grenzen hat. Dabei waren wir uns unserer Sache doch schon so sicher – ungeahnte Möglichkeiten wurden für die Zukunft diskutiert, angedeutet, mit Milliardenbeträgen werden Forschung und Entwicklung gefördert und „zum Wohle der Menschheit“ Grenzen überschritten, die dafür nicht freigegeben waren.

Aufgrund all der Euphorie haben wir vergessen, dass unsere Anzahl nicht nur unserem Wirt, sondern immer rascher uns selbst zu schaffen macht – noch nicht äußerst bedrohlich, aber immerhin. Das Überschreiten von Grenzen – doppelsinnig wie Vieles, was Menschen tun – war der Gegenstand dieser Betrachtungen. Die Sicht war dabei primär politikwissenschaftlich – für die anderen betroffenen Ebenen fehlt einfach die gesicherte Basis –, aber doch zielorientiert im Hinblick auf das Problem und eine eventuelle Möglichkeit eines Lösungsansatzes, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Notes

  1. 1.

    Dual Use (Doppelverwendungsfähigkeit) bezeichnet die prinzipielle Verwendung von Gütern (Maschinen, Software, Technologien) sowohl zu zivilen als auch militärischen Zwecken. Im WASSENAAR-Abkommen (The Wassenaar Arrangement on Export Controls for Conventional Arms and Dual-Use Goods and Technologies, 1996, Nachfolgeabkommen des gegen den Warschauer Pakt gerichteten COCOM) werden regelmäßig Listen von doppelverwendungsfähigen Gütern überarbeitet und veröffentlicht. Die Mitgliedsstaaten (41: Argentinien, Australien, Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien und Nordirland, Irland, Italien, Japan, Kanada, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Mexiko, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, Südafrika, Südkorea, Tschechische Republik, Türkei, Ukraine, Ungarn, USA) übernehmen diese Listen für Exportkontrollzwecke.

  2. 2.

    Zum besseren Verständnis des Konzepts Smart Power siehe das Interview von Doug Gavel (2008) mit Joseph Nye.

  3. 3.

    Im vorliegenden Artikel wird, abweichend vom ZfAS-Standard, bei personenbezogenen Substantiven die männliche grammatikalische Form verwendet. Der Autor schließt damit Personen jeden Geschlechts gleichermaßen ein.

  4. 4.

    Die unterschiedlichen politischen Modelle Chinas und der USA werden etwa durch einen Vergleich der Arbeiten von Heilmann (2016) und Oldopp (2005) sichtbar.

Literatur

  1. Bundesministerium für Inneres (2007). Richtlinie für das Führen im Katastropheneinsatz. Wien: Bundesministerium für Inneres.

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  2. von Clausewitz, C. (1834). Vom Kriege. https://www.clausewitz-gesellschaft.de/wp-content/uploads/2014/12/VomKriege-a4.pdf. Zugegriffen: 8. Mai 2021.

  3. Doğan, A. (2020). Der achte Tag #3 – Anders Indset: „Wir brauchen eine Gesellschaft des Verstandes“ (Podcast). https://www.thepioneer.de/originals/der-achte-tag/podcasts/der-achte-tag-3-anders-indset-wir-brauchen-eine-gesellschaft-des-verstandes. Zugegriffen: 8. Mai 2021. Podcast.

  4. Gavel, D. (2008, 3. Juli). Joseph Nye on smart power. Belfer Center for Science and International Affairs. https://www.belfercenter.org/publication/joseph-nye-smart-power. Zugegriffen: 8. Mai 2021.

  5. Heilmann, S., Shih, L., & Heep, S. (2016). Partei und Staat. In S. Heilmann (Hrsg.), Das politische System der Volksrepublik China (S. 27–139). Wiesbaden: Springer VS.

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  6. Oldopp, B. (2005). Das politische System der USA. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS.

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  7. Scholik, N. (2021). Limit. Ein Essay zur Lage der Weltbevölkerung. Teil 1: Grenzen und Herausforderungen. Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik, 14(2), 189–212. https://doi.org/10.1007/s12399-021-00862-9.

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Danksagung

Ich danke meinen Freunden Hannelore Kusserow und Matthias Wolf, die für meine Forschung als – strenges! – wissenschaftliches Gewissen fungiert haben. Ohne ihre Hilfe wäre das Einhalten sorgsamer Recherche und Darstellung nicht möglich gewesen. Für alle Fehler trage ich natürlich die einzige, alleinige Verantwortung.

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Scholik, N. Limit. Ein Essay zur Lage der Weltbevölkerung. Teil 2: Lösungsansätze und Schlussfolgerungen. Z Außen Sicherheitspolit (2021). https://doi.org/10.1007/s12399-021-00867-4

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Schlüsselwörter

  • Weltbevölkerung
  • Klima und Umwelt
  • Energie und Rohstoffe
  • Politische Systeme
  • Wirtschaft und Finanzen

Keywords

  • World population
  • Climate and environment
  • Energy and resources
  • Political regimes
  • Economy and finances