Sektorkopplung – Was ist darunter zu verstehen?

Sectoral Coupling—What Does this Mean?

Zusammenfassung

Sektorkopplung ist in den letzten Jahren in der Energie- und Klimapolitik als neue Begrifflichkeit aufgetaucht und hat aktuell einen sehr hohen Stellenwert in der energiepolitischen Diskussion als eine der zentralen Maßnahmen zur Minderung der Treibhausgase. Eine Auswertung der Literatur zeigt allerdings, dass für den Begriff Sektorkopplung bislang kein einheitliches Begriffsverständnis existiert.

Ausgehend von der Analyse, welche Sektoren überhaupt miteinander gekoppelt werden, welche Technologien unter der Sektorkopplung üblicherweise gefasst werden und welche unterschiedlichen Zielsetzungen mit der Sektorkopplung verfolgt werden, wird in dem Artikel eine breiter gefasste Definition erarbeitet. Diese bezieht sowohl die direkte erneuerbare Stromnutzung wie die Umwandlung von Strom in gas- oder flüssige Brenn- und Kraftstoffe ein. Weiterhin wird gezeigt, dass auch eine Beschränkung auf erneuerbaren Strom nicht zielführend sein muss, sondern auch die Nutzung von konventionellem Strom oder anderer erneuerbaren Energiequellen durchaus einen wertvollen Beitrag für eine Sektorkopplung liefern kann. Neben der Kopplung der Umwandlungs- und Nachfragesektoren kann auch die Verknüpfung von nachfrageseitigen Sektoren untereinander über Infrastrukturen zur Sektorkopplung gezählt werden.

Um eine Sektorkopplung zu einem Erfolg zu führen, sind der regulatorische Rahmen anzupassen sowie juristische Aspekte, die mit dem Begriffsverständnis verbunden sind, zu klären.

Abstract

Sector coupling has emerged in recent years as a new concept in energy and climate policy and is currently very important in the energy policy debate as one of the central measures to reduce greenhouse gases. An evaluation of the literature shows, however, that there is no uniform understanding of the term sector coupling.

Based on the analysis of which sectors are linked to each other at all, which technologies are usually covered by sector coupling and which different objectives are pursued with sector coupling, the article provides a broader definition. This includes both the direct use of renewable electricity and the conversion of electricity into gas or liquid fuels. Furthermore, it is shown that a restriction to renewable electricity does not have to be effective either, but that the use of conventional electricity or other renewable energy sources can also make a valuable contribution to sector coupling. In addition to the coupling of transformation and demand sectors, the linking of demand-side sectors can also be counted as sector coupling via infrastructures.

In order to make a sector coupling a success, the regulatory framework must be adapted and legal aspects associated with the conceptual understanding have to be clarified.

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Abb. 1

Notes

  1. 1.

    In einer gemeinsamen Veröffentlichung im Rahmen des Kopernikus-Projekts ENavi werden weitere Perspektiven untersucht (siehe Wietschel et al. 2018).

  2. 2.

    Vgl. zum Begriff „Sektor“ auch Acatech (2017), die sich auf die Einteilung in die „Sektoren“ Strom, Wärme und Mobilität berufen.

  3. 3.

    Power wird in diesem Artikel mit Strom gleichgesetzt.

  4. 4.

    Siehe hierzu auch Wietschel et al. (2018).

  5. 5.

    Siehe hierzu auch Wietschel et al. (2018).

  6. 6.

    Wärme und Kälte kann auch über synthetischen Kraftstoffen hergestellt werden, wird dann aber hier als Power-to-Gas oder Power-to-Liquid-Anwendung gefasst. Hier sind Anwendungen wie ein Heizstab in einem Wärmenetz gemeint.

  7. 7.

    Die weitere Nutzungsform als Kraft- bzw. Brennstoff oder auch als Produktnutzung wird hier nicht weiter differenziert, aber lässt natürlich eine weitere Klassifizierung zu, die auch in einigen Ausführungen entsprechend vorgenommen wird.

  8. 8.

    In einigen Ausführungen wird PtH auch hierzu gezählt, aber in der vorliegenden Definition zählt PtH zur direkten Stromnutzung, da wie oben erwähnt, die Nutzungsformen in den Anwendungssektoren nicht weiter differenziert werden.

  9. 9.

    Z. B. Wasserstoff als Nebenprodukt aus der Industrie für mobile oder stationäre Energieerzeugung oder Abwärme, die in Wärmenetze eingespeist wird.

  10. 10.

    Siehe hierzu auch Wietschel et al. (2018).

  11. 11.

    Bspw. § 3 Abs. 2 Nr. 2 der 37. BImSchV, vgl. BT-Drs. 18/11283.

  12. 12.

    Art. 107 Abs. 1, Abs. 3 c AEUV i. V. m. den Leitlinien der Europäischen Kommission für staatliche Umweltschutz- und Energiebeihilfen 2014–2020 (2014/C 200/01).

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Danksagung

Der Artikel ist im Rahmen des Kopernikus-Projekts Systemintegration, Energiewende-Navigationssystem (ENavi), entstanden, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Weiter Informationen finden sich unter https://www.kopernikus-projekte.de/projekte/systemintegration.

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Wietschel, M., Plötz, P., Klobasa, M. et al. Sektorkopplung – Was ist darunter zu verstehen?. Z Energiewirtsch 43, 1–10 (2019). https://doi.org/10.1007/s12398-018-0241-3

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