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Schulabsentismus von Kindern mit Migrationsgeschichte aus Südosteuropa

Kommunikationshürden zwischen Schule und marginalisierten Familien mit Migrationsgeschichte aus Bulgarien und Rumänien

School absenteeism among children with a migration background from south-eastern Europe

Communication barriers between school and marginalized families from Bulgaria and Romania

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Zusammenfassung

Aus der Binnenperspektive einer inklusiven Grundschule in Duisburg thematisiert der Beitrag, welche Kommunikationshürden sich zwischen Schule und marginalisierten Familien mit Migrationsgeschichte aus Südosteuropa zeigen: die Eltern können oftmals der Rolle als Kommunikationspartner_innen den schulischen Normalitätserwartungen nicht entsprechen. Das schulische, mehrheitlich ausschließlich deutschsprachige Personal sieht sich Kommunikationsanforderungen gegenüber, ohne dass dafür die strukturellen und personellen Voraussetzungen im Bildungswesen gegeben sind.

Abstract

From the internal perspective of an inclusive primary school in Duisburg, the article discusses the communication barriers that arise between the school and marginalised families with a migration history from South Eastern Europe. In their role as communication partners, parents are often unable to meet the school’s expectations of normality. School staff, most of whom are exclusively German-speaking, are confronted with communication requirements without the structural and personnel conditions in the education system being in place.

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Notes

  1. Vgl. dazu auch Schenk (2023) und Raudies (2023). Dies betrifft zwar grundsätzlich alle „als Roma gelabelten Unionsbürger:innen“ (Neuberger und Hinrichs 2021, S. 57) aus Bulgarien und Rumänien, gilt aber insbesondere für diejenigen, die sich als Roma identifizieren (vgl. Scherr und Brüggemann 2022), Romanes als Familiensprache verwenden (Böckler et al. 2018, S. 244 ff.) und im Alltag auch nicht auf rumänisch-deutsch sprechenden Kommunikationsvermittler_innen zu ihrer Umwelt zurückgreifen können.

  2. Die damit verbundene „Entwicklungsarbeit im sozialpädagogischen Feld“ des Autors steht in der Tradition von Kurt Lewin (1953), vgl. Schweitzer et al. (1976). Vor diesem methodologischen Hintergrund sind auch die inzwischen knapp 2000 Seiten umfassenden Tagebuchnotizen entstanden, die die empirische Grundlage der explorativen Thesen bilden und in einigen Fußnoten durch Beispiele aus der Praxis erläutert werden. Nach Information des Autors gibt es bislang keine wissenschaftliche Studie aus einer Binnenperspektive der Schnittstelle zwischen Grundschule und marginalisierten Familien mit Migrationsgeschichte aus Bulgarien und Rumänien.

  3. s. Fußnote 2.

  4. Das Äußern von Krankheitssymptomen der Kinder ihren Eltern gegenüber kann ebenso schulinterne Gründe haben – z. B. das Bedürfnis, wiederholte unangenehme, u. U. angstbesetzte Erfahrungen mit einzelnen Schüler_innen oder dem Schulpersonal (vgl. Darbinski 2017) zu meiden. Entsprechend kann die Schulzurückhaltung der Eltern als eine schützende Reaktion gelesen werden kann, auch wenn dies letztlich nicht förderlich ist.

  5. Die Mehrheit der Mütter hat im Herkunftsland die Schule nur ein bis drei Jahre oder gar nicht besucht und in Deutschland auch kein Zertifikat eines Deutsch‑/Integrationskurses erworben.

  6. Die Mütter nehmen die Kinder auch für eigene Dienste (Dolmetschen bei Arztbesuchen, Betreuung jüngerer Geschwister bei Abwesenheit der Eltern) in Anspruch. Das Schulpersonal reagiert immer wieder mit einer Mischung aus Verständnis für die beengten Wohnverhältnisse und Resignation auf Berichte von Schüler_innen, dass sich die Eltern nicht durchgesetzt haben, wenn die Kinder abends nicht altersgemäß schlafen gehen wollten oder nach eigenen Aussagen nicht zur Schule kommen, weil „es regnet“ oder „es kalt ist“.

  7. Dabei hat der Familienverband – auch bei Konflikten mit Anforderungen des Erziehungs- und Bildungssystems (Bommes und Scherr 2012, S. 231) – als transnationales Netzwerk und Schutzraum für das Überleben in der Fremde höchste Priorität.

  8. Für Eltern aus Rumänien ohne eigene Mail-Adresse ist es unter dem Druck, für die weitere Inklusion in Deutschland jederzeit gültige Identitätspapiere vorweisen zu müssen, einfacher, für die Verlängerung ihres Reisepasses mit den schulpflichtigen Kindern auch außerhalb der Schulferien ins Herkunftsland zu fahren und dort die fertigen Pässe nach drei Wochen abzuholen, statt einen nur online zu buchenden Termin in sechs Monaten im rumänischen Konsulat mit weiterer Bearbeitungszeit zu organisieren. B. (s.oben) blieb sechs Wochen der Schule fern und versäumte damit 125 Unterrichtsstunden.

  9. Mehrwöchige Fahrten der gesamten Familie nach Bulgarien während der Unterrichtszeit werden damit schlüssig begründet, dass dort ärztliche Operationen (z. B. Kiefernbehandlung der Kinder) finanziell günstiger sind und eine Therapie psychischer Krankheiten von Elternteilen durch eine Kommunikation mit herkunftssprachlichem Fachpersonal leichter ist.

  10. Bezogen auf Rumänien sind die dort doppelt so langen Sommerferien ein Anlass, in Bundesländern mit frühen Sommerferien, erst mehrere Wochen nach Wiederbeginn des Unterrichts in Deutschland hier zur Schule zu kommen. Analog gilt dies für „eigenmächtig“ verlängerte Schulferien während des christlich-orthodoxen Osterfestes, das im Kirchenkalender 13 Tage nach dem katholischen bzw. evangelischen Ostern gefeiert wird.

  11. Die langen Fehlzeiten von D. (s. oben) wurden von ihrer Mutter und dem ältesten Bruder während eines Termins im Jugendamt damit erklärt, dass in „unserer Kultur“ die ersten fünf Jahre nach dem Tod des Vaters bzw. anderer naher Verwandten die ganze Familie in Rumänien „einen Monat lang trauern“.

  12. Terminvereinbarungen scheitern häufig daran, dass die Eltern, entgegen ihrer Verpflichtung für Notfallsituationen (Unfälle, im Laufe des Schultages wegen Krankheit von Lehrpersonal mangels Vertretungskräften erforderliche Stundenplankürzungen etc.), unter den in der Schule hinterlegten Telefonnummern bzw. ihrer Postadresse nicht erreichbar sind. Häufig kommunizieren die Eltern aus Kostengründen nur über Whatsapp, während dies der Schule aus Datenschutzgründen nicht erlaubt ist.

  13. Eine solche zum eigenen Schutz benutzte Sprachbarriere ist auch bei Familien mit verschiedenen arabischen Dialekten sowie Familien aus Bulgarien wirksam, deren regionalen osmanisch-alttürkischen Dialekt selbst die modernes Türkisch sprechenden Mitarbeiter_innen kaum verstehen.

  14. vgl. https://www.wirindortmund.de/dortmund/roma-als-bildungsmediatorinnen-und-mediatoren-start-fuer-das-projekt-in-der-nordstadt-84019 [letzter Zugriff: 13.03.2023].

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Schweitzer, H. Schulabsentismus von Kindern mit Migrationsgeschichte aus Südosteuropa. Sozial Extra 47, 68–73 (2023). https://doi.org/10.1007/s12054-023-00585-5

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