Sowohl in der Praxis als auch in den fachlichen Diskursen Empathie häufig als eine zentrale Kompetenz professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit verortet. Demgegenüber beansprucht der Beitrag entlang einer kritischen Analyse das Verhältnis von Empathie und Macht in den Beziehungskonstellationen zwischen Professionellen und Nutzer_innen zu diskutieren.

Der Aufhänger für diesen Beitrag basiert auf der Beobachtung, dass oftmals in der Ausschreibung von Stellenanzeigen für Fachkräfte Sozialer Arbeit ‚Empathie‘ als eine professionelle Kompetenz benannt wird, die die Bewerber_innen mitbringen sollten. Dies verweist darauf, dass für eine Vielzahl von Arbeitgeber_innen in der Sozialen Arbeit – insbesondere im Feld der Sozialpsychiatrie – ‚Empathie‘ als bedeutsam für eine professionelle Praxis erachtet wird. Beispielsweise kann man in dem Anforderungsprofil an die Bewerber_innen in Stellenanzeigen folgende Stichpunkte lesen: empathische Fähigkeiten, Empathiefähigkeit oder empathieorientiertes bzw. empathisches Handeln.

Dies nehme ich zum Anlass, um eine problematisierende Perspektive auf Empathie als Handlungskompetenz zu entwickeln. Problematisiert wird das in dem empathischen Mitfühlen eingebettete Machtverhältnis in den Beziehungskonstellationen zwischen Professionellen und Nutzer_innen. In diesem Zusammenhang werden die im Mitfühlen eingebetteten soziale Formationen von Anerkennung diskutiert, die als – in Anlehnung an Bourdieu (1998) – symbolisches Kapital rekonstruiert werden. Gegenstand des Beitrages ist damit das Verhältnis von Empathie und Macht in professionellen Arrangements und den in ihnen sich verwirklichenden Beziehungskonstellationen.

Grundlagentheoretische Überlegungen zur menschlichen Formation professionellen Handelns

Die Gestaltung von Beziehungen ist in der Sozialen Arbeit ein zentraler Kernpunkt professionellen Handelns. Ja, man könnte gar sagen, dass ohne Beziehungen eine sich professionell verstehende Soziale Arbeit nur schwerlich vorstellbar wäre. Dies gilt besonders für den Bereich der Gemeindepsychiatrie. Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit vollzieht sich in großen Teilen in Interaktionen, die darauf bezogen sind, dass die Konflikte und Widersprüche im Alltagsleben sowie die Betroffenheit von benachteiligenden Lebenslagen der Nutzer_innen einen Gegenstand darstellen. Professionelles Handeln ist ein intersubjektiv angelegter Produktionsprozess, da die Fachkräfte und Nutzer_innen innerhalb der Arbeitsbeziehung ein „gemeinsames Drittes“ bilden, denn „[d]as Anzueignende bestimmt sich in den konkreten gemeinsamen Tätigkeiten“ (Kunstreich 2005, S. 1095). Darin verwirklichen sich Beziehungskonstellationen, die eine menschliche Formation umfassen und ganz grundlegend durch Kooperationsverhältnisse bestimmt und von Empathie umgriffen sind wie auch sich darin gleichzeitig Prozesse der Vergesellschaftung Ausdruck verschaffen.

Kooperation und geteilte Intentionalität

Dies zeigen vor allem die Studien von Michael Tomasello, der von einem anthropologischen Standpunkt das Verhältnis von Natur und Kultur untersucht. Er bezeichnet kooperative Verhältnisse als ein Zusammenwirken unterschiedlicher Akteur_innen, dessen Handeln sich im Modus geteilter Intentionalität verwirklicht (vgl. Tomasello 2012, S. 11f.). Mit geteilter Intentionalität beschreibt Tomasello die menschliche „Fähigkeit, mit anderen in kooperativen Unternehmungen gemeinsame Absichten zu verfolgen und Verpflichtungen einzugehen. Diese gemeinsamen Absichten und Verpflichtungen werden durch gemeinsame Aufmerksamkeit und wechselseitiges Wissen geformt und basieren auf den kooperativen Motiven, anderen zu helfen und Dinge mit ihnen zu teilen“ (ebd.). Kooperationen beinhalten vor diesem Hintergrund einen reziproken und responsiven Charakter. Die reziproke Charakteristik kommt darin zum Ausdruck, dass menschliches Handeln davon abhängt, „was der eine glaubt, daß der jeweils andere tun wird“ (ebd., S. 51), sodass die Interaktionspartner in der Zieldefinition für eine auf geteilte Intentionalität basierende Kooperation „ausreichend miteinander kommunizieren und sich vertrauen“ (ebd.) müssen. Kooperative Verhältnisse sind demgemäß darin begründet, dass „[b]ei ‚gemeinsamen kollektiven Aktivitäten‘ die Partner zuallerst empfänglich für den intentionalen Zustand des jeweils anderen sein [müssen]“ (ebd., S. 55). Die responsive Charakteristik kommt darin zum Tragen, dass die Partner nicht nur „ein gemeinsames Ziel [haben]“, sondern beide auch darum wissen, „daß sie gemeinsam X tun“ (ebd.). Vor diesem Hintergrund „koordinieren die Partner ihre Rollen – ihre Handlungspläne und Teilschritte, einschließlich der Möglichkeit, dem anderen wenn nötig in seiner Rolle zu helfen –, wobei beide voneinander abhängig sind. Dabei stellt schon das Festlegen eines gemeinsamen Ziels an sich ein Koordinationsproblem dar, das spezifische Formen der Kommunikation erfordert“ (ebd., S. 55f.). Eine Voraussetzung für kooperative Aktivitäten sind einerseits die gemeinsamen Ziele und Aufgabenverteilung und andererseits ein Verständnis für die Rolle des jeweils anderen (vgl. ebd., S. 60).

Empathie als Grundlage von Kooperation

Darin ist ebenso ein Bezug auf Empathie benannt, der dadurch markiert ist, dass die Kooperierenden die Handlungsabsichten des jeweils anderen nachvollziehen können. Winkler hebt diesbezüglich hervor, dass Tomasello mit seinen Studien aufzeigen kann, dass „Menschen in der Lage [sind], die Absichten anderer nicht nur nachzuvollziehen, sondern geradezu antizipatorisch zu erkennen, weil sie über die Fähigkeit verfügen, die gemeinsame Handlungssituation zu begreifen“ (Winkler 2011, S. 9). Dies setzt für Interaktionen voraus, auf sich selbst, den Anderen und der Situation von einer außerhalb der eigenen Person stehenden – einer exzentrischen – Position aus zu blicken, so dass in dieser Perspektivenverschränkung eine Person hypothetisch nachvollziehen kann, was das Gegenüber gerade denkt und fühlt. Diese Verstehensprozesse sind eine Grundlage dafür, um einschätzen zu können, wie das Gegenüber in Kooperationsprozessen beabsichtigt zu handeln (Tomasello 2012, S. 51; Demmerling und Landweer 2007, S. 177). Dies erfolgt unter anderem durch die Aneignung von Kultur, die uns eine auf Sprache basierende begriffliche Vorstellung davon vermittelt, in welcher Situation es angemessen ist traurig, stolz, wütend, glücklich zu sein und dieses Wissen als Grundlage für das Verstehen des jeweils anderen dient (vgl. Hochschild 1990, S. 74). Dieses Verstehen steht in einem dialektischen Verhältnis zum Fühlen als eine Form der Bewertung, die zum Ausdruck bringt, wie das Subjekt sich zu diesem Verstehen positioniert. Darin konstituiert sich das affektiv-leiblich gebundene hineinversetzen in das Fühlen des Anderen, weil wir uns von dem, was wir an Leid oder Freude bei dem Gegenüber wahrnehmen, affektiv betroffen fühlen: Das Mitfühlen zieht uns in eine Vollzugsbahn des Mit-Leidens, des Mit-Freuens, so dass das eigene Fühlen darin angesprochen wird und in Verbindung steht mit den biographischen Erfahrungshorizonten der mitfühlenden Person (vgl. Demmerling und Landweer 2007, S. 178). Dies bedeutet: Im Nachvollzug werden „die Gefühle anderer lediglich wahrgenommen, während man im Mitfühlen seinerseits von den Gefühlen anderer auf eine bestimmte Weise betroffen ist“ (ebd., S. 177). In diesem Zusammenhang konfiguriert sich im kulturellen Raum eine „sozialisierte Subjektivität“ (Bourdieu und Waquant 1996, S. 159), in der sich in der Dialektik von Verstehen und Mitfühlen das Moment von Empathie als eine gesellschaftliche Praxis reproduziert. Empathie stellt einen zentralen Moment menschlicher Kooperation dar und gehört zur Wesenhaftigkeit des Mensch-Seins.

Empathie als Bestandteil von Beziehungen in professionellen Arrangements

Die Studien von Tomasello (2012) stellen eine grundlegende Bestimmung des Menschen als auf Kooperation angewiesenes Gattungswesen dar. So markieren solche auf der Beziehungsebene verorteten Produktionsprozesse in der Sozialen Arbeit, die auf ein „gemeinsames Drittes“ (Kunstreich 2005, S. 1095) verweisen, dass Kooperation der Ausgangspunkt professionellen Handelns ist, wenn das Anzueignende in den gemeinsamen Tätigkeiten verwirklicht wird (vgl. ebd.). Ebenso wie Timm Kunstreich merkt Michael May (2017) an, dass es Aufgabe Sozialer Arbeit ist, an den Bedingungen der Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung in Allgemeinheit zu arbeiten. Mit ‚Selbstverwirklichung in Allgemeinheit‘ ist der Umstand angesprochen, dass es, wie May verdeutlicht, um die Verwirklichung des Gemeinwesens gehe, der es einzelnen Individuen ermögliche, sich einerseits selbst zu verwirklichen, andererseits dies sich in Tätigkeiten vollzieht, die von einem zutiefst sozialen Moment umgriffen sind, in dem der Anspruch der Verwirklichung von Allgemeinheit sich darin Ausdruck verschafft, dass der Mensch sich am Menschen – in der Sozialität – gewinnt (vgl. May 2017, S. 74 f.).

Subjektbildung in gesellschaftlichen Widerspruchsverhältnissen

Demgegenüber aber sind die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse von Widersprüchen und Konflikten geprägt, die gesellschaftlich hervorgebrachte Ungleichheitsverhältnisse umfassen: Oskar Negt (2010) erinnert daran, dass bürgerlich-kapitalistische Gesellschaften auf Ungleichheit basieren, in denen ein Drittel ihre Privilegien abgesichert wissen, wohingegen sich zwei Drittel fortwährend in prekären, unsicheren Lebensverhältnissen bewegen, so dass der gesellschaftliche Reichtum wie auch die sozialen Sicherheiten und Statuspositionen ungleich verteilt sind (vgl. S. 20 f.). Vor diesem Hintergrund hat Soziale Arbeit es mit Nutzer_innen zu tun, die sich in ihrer Integrität und Würdeinnerhalb des Vollzugs ihres Alltagslebens bedroht fühlen: durch die Abhängigkeit von sozialstaatlichen Transferleistungen, durch instabile wie auch befristete Arbeitsverhältnisse sowie unsichere materielle Existenzsicherung, ungeeignete Wohnverhältnisse: Innerhalb dieser gesellschaftlichen Praxis reproduzieren sich Lebenssituationen, in denen sich die Nutzer_innen mit Erfahrungen von Unsicherheit und Ungewissheit in ihrem Alltagsleben konfrontiert sehen (Paulus et al. 2020, S. 13). All dies gilt für krisen- und psychiatrieerfahrene Menschen in besonderem Maße. Wenn diese Lebenslagen im Modus einer Ungewissheit und Unsicherheit verhangen bleiben und die darin eingebetteten konfliktiven Verhältnisse nicht mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen befriedigend bearbeitet werden können, entsteht dadurch ein Gefühl des Angewiesen-Seins auf Andere in der Hilfslosigkeit und Ausgeliefert-Seins. Michael Winkler problematisiert in diesem Zusammenhang die Differenzerfahrungen des Subjekts und die damit in Verbindung stehenden Konflikte im Alltagsleben, die es nicht aus eigenen Kräften heraus zu bearbeiten vermag. Er sieht das Subjekt „mit einer realen Schwierigkeit konfrontiert und in seiner Entwicklung behindert, ja sogar existenziell gefährdet“ (Winkler 1988, S. 273). Heinz Sünker spricht in diesem Zusammenhang von einem „Gefährdungspotential“, welches er in einer Atomisierung und Partikularisierung des Subjekts sieht (vgl. Sünker 1995, S. 86). Dies führe zu einer Destruktion des Sozialen bzw. zu einer Entsolidarisierung der Gesellschaftsmitglieder zueinander und ende in „Privatismus, Egoismus und Konsumismus“ (Sünker 1995, S. 86). Demgegenüber wird in der Sozialen Arbeit eine Vorstellung vom Subjekt entworfen, die im Konstitutionsprozess von Subjektivität auf Emanzipation und Autonomie verweist: Walter Hornstein fordert von der Sozialpädagogik ein „Interesse an der Entfaltung und Steigerung der Handlungs- und Lebensmöglichkeiten des Individuums“ (Hornstein 1995, S. 24). Michael Winkler geht es darum, dass die Subjekte „über die eigenen Lebensbedingungen […] verfügen und sich durch deren Aneignung weiter […] entwickeln“ (Winkler 1988, S. 273). Und auch Heinz Sünker betrachtet es als Aufgabe der Sozialpädagogik, die „Zusammenhänge zwischen Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit“ (Sünker 1995, S. 86) der Subjekte bestimmen zu können.

Zur asymmetrischen Logik von Macht in Beziehungen

Beziehungen in professionellen Settings als einen Möglichkeitsraum zu entwerfen, um solche Aneignungsbedingungen zu schaffen, die eine Selbstverfügung oder Selbstbestimmung über das eigene Leben ermöglichen, begründet im Kern ein professionelles Selbstverständnis, das die Dialektik gesellschaftlicher Macht und Herrschaft wie auch die Mündigkeit und Emanzipation der Nutzer_innen zum Gegenstand hat. Hierbei darf nicht davon ausgegangen werden, dass die Beziehungsgestaltung in der Sozialen Arbeit einen machtfreien Raum darstellt. Vielmehr sind die Macht- und Kräfteverhältnisse zwischen den Professionellen und Nutzer_innen asymmetrisch strukturiert: Die Macht der Institution (z. B. darüber zu entscheiden, ob Menschen in einer Krise psychiatrisch-stationär unterzubringen sind oder ambulant betreut werden können) sowie der Wissensvorsprung (psychiatrisches, juristisches, psychologisches, erziehungswissenschaftliches, soziologisches Wissen) der Fachkraft gegenüber den Nutzer_innen implizieren ein ungleiches Verhältnis. Mit der asymmetrischen Strukturierung der Macht- und Kräfteverhältnisse in den Interaktionsbeziehungen zwischen Sozialarbeiter_in und Nutzer_in ist die inhaltliche Substanz von Hilfe und Herrschaft bzw. Hilfe und Kontrolle angesprochen (Böhnisch und Lösch 1973). Innerhalb dieses Handlungsspielraums besteht prinzipiell die Gefahr, dass sich in der Beziehung zwischen den Hilfesuchenden und professionell Handelnden Interaktionen realisieren können, in denen eine Abhängigkeits- und Unterwerfungsspirale erzeugt wird, wenn die positionale Macht der Fachkräfte in der professionellen Beziehung unreflektiert bleibt.

Empathie und symbolisches Kapital

So ist die Frage nach Empathie und Kooperation immer auch eine Frage nach der Machtposition der Professionellen und der darin eingebetteten Statusreproduktion der Nutzer_innen. In diesem Zusammenhang wird das von Bourdieu benannte symbolische Kapital wirksam, das auf die Gewinnung von sozialer Anerkennung bezogen ist, um die Chancen für das eigene Handlungsspektrum zu erweitern (Beispiele sind Prestige, Vertrauen, Ehre, Reputation) (vgl. Bourdieu 1998, S. 108 f.). Wenn entlang dieser Überlegungen angenommen werden kann, dass sich im Kontext Sozialer Arbeit Subjektbildung in Anerkennungsverhältnissen verwirklicht, konstituiert sich in positiven Klassifikationen „für Personen, deren soziale Identität durch Stigmata (psychische Krankheit, Behinderung, Armut, Arbeitslosigkeit, fehlendem Bildungserfolg etc.) beschädigt wurde“ (Wagner 2013, S. 174f.) die symbolische Kapitalform darin, dass den Nutzer_innen eine soziale Anerkennung ihrer von sozialen Konflikten geprägten Lebenssituation zuteil wird.

Ebenso aber können institutionelle Adressierungsmechanismen mit einer Logik der Ausschließung operieren, da Professionelle „über einen Teil des negativen Definitionsrepertoires verfügen, durch welches ihren Adressat/innen negativen Status im Sinne sozialer Mindereinschätzung zugeschrieben werden kann“ (ebd., S. 176). Empathie qualifiziert sich in doppelter Weise als ein Mittel zur Reproduktion symbolischen Kapitals: Zum einen im Nachvollzug und zum anderen in der Bewertung dieser Verstehensprozesse. Der perspektivenverschränkende Nachvollzug als auch das affektiv gebundene Mitfühlen stellen eine Grundlage für die auf die Lebenssituation der Nutzer_innen bezogenen Verstehensprozesse dar. Inwiefern den Nutzer_innen eine soziale Anerkennung ihrer Lebenssituation zuteil wird, hängt von der damit verbundenen Statuszuweisung ab, denn wie Fachkräfte Sozialer Arbeit das Leid der Nutzer_innen bewerten, ist immer auch eine Frage nach gesellschaftlicher Anerkennung (Bourdieu 1998). So macht es einen Unterschied, ob Menschen unverschuldet oder selbst verschuldet in eine Lebenssituation geraten, die sie in eine prekäre und/oder missliche Lage drängen. Darin vermittelt ist eine Bewertung, in der sich im Mitfühlen eine soziale Anerkennung für die Lebenslage ausdrückt, weil die Person nicht selbst verschuldet in diese geraten ist (z. B. durch schwerwiegende Traumatisierungen) oder aber zwar nachvollzogen werden kann, dass eine Person in einer prekären Situation lebt, jedoch aufgrund ihres Selbstverschuldens sich ein Mitfühlen nicht verdient hat (z. B. weil die Psychose angeblich durch Drogenmissbrauch induziert wurde). In dem Mitfühlen drückt sich dann das symbolische Kapital aus.

Soziale Arbeit und die Politiken der Empathie

Das Mitfühlen kann von dieser Betrachtungsweise aus in der Sozialen Arbeit als eine Form der Identitätspolitik verortet werden, denn das Verstehen über den Nachvollzug wie das Mitfühlen umfasst Bewertungen darüber, welche Nutzer_innen das Mitfühlen verdienen und welche nicht. Thomas Wagner schlussfolgert diesbezüglich, „dass der (mitkonstruierte) soziale Hintergrund der Klientel zu einem Ausgangspunkt professionseigener mittelschichtsbezogener Identitätspolitiken werden kann, so dass historisch stets aufs Neue die Frage hervorgebracht wird, inwiefern Sozialarbeiter_innen ihren professionseigenen Anerkennungskampf“ (2013, S. 183) führen. Darin eingebettet sind die Verstrickungen Sozialer Arbeit in gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die sich im Mitfühlen der Fachkräfte Ausdruck verschaffen. In dieser Perspektive ist das Empathische politisch, wenn sich Identitätspolitiken im Kontext der Reproduktion symbolischen Kapitals andeuten und damit Prozesslogiken erzeugt werden, die das Soziale in die Atomisierung und Partikularisierung wie auch Moralisierung drängen (vgl. Bargetz 2020, S. 31). Für professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit ist Empathie eben nicht nur als ein Gefühl oder als Handlungskompetenz zu betrachten, sondern es ebenso als ein symbolisches Kapital, das ein Mittel der Statusreproduktion der Nutzer_innen darstellt. Empathie ist notwendig, denn es ist die Grundlage kooperativen Handelns (vgl. Tomasello 2012), aber problematisch ist es dann, wenn es zu einem Mittel der Moralisierung wird (vgl. Bargetz 2020). In der Konsequenz resultiert daraus die Anforderung, dass professionell Handelnde sich selbst kritisch befragen müssen, ob durch das eigene Mitfühlen und der darin sich konstituierenden Anerkennung soziale Ungleichheitsverhältnisse reproduziert werden.