Dierk Borstel und Ute Fischer (2018). Politisches Grundwissen für die Soziale Arbeit.

Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, ISBN: 978-3-17-030595-3, 212 Seiten, 29 €

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Die Autoren verstehen die Soziale Arbeit als politische Arbeit. Politische Fragen, Themen, Zusammenhänge und Erklärungskonzepte werden stets bezogen auf die praktischen Gestaltungsfragen der Sozialen Arbeit. Diese wird von dem praxisorientierten Politikwissenschaftler und der Sozialwissenschaftlerin (beide Professoren an der Fachhochschule Dortmund) vor allem als „Menschenrechtsprofession“ (S. 34) gedeutet. Der „einzige normative Kompass“ zur Orientierung sollte für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter die „Idee der unteilbaren und individuellen Menschenrechte“ (S. 116; S. 122) sein.

In dem Kapitel „Demokratie und Beteiligung“ (S. 115–151) wird das näher ausgeführt. Menschenrechte seien die Basis jeder Demokratie. Somit habe Soziale Arbeit auch den Auftrag der Demokratiestärkung und -entwicklung, Demokratie nicht als in ihrem Bestand ruhende Staatsform verstanden, sondern als dauerhafter Prozess. Die Verteidigung der normativen Werte der Menschenrechte verbinde sich mit der Hilfe dem einzelnen Menschen gegenüber. In der Gemeinwesenarbeit verfüge sie über Aufgaben, Methoden und Instrumente, Demokratie vor Ort zu leben (S. 151). Soziale Arbeit wird aufgerufen zur Beteiligung an der Gestaltungsaufgabe der Sozialpolitik. Keineswegs wird einem affirmativen, quietistischen Zug der Sozialen Arbeit zugestimmt; vielmehr seien die Organisationen der Sozialen Arbeit eine „zentrale Stütze jeder demokratischen Bürgergesellschaft“.

Dieses Buch über „Politisches Grundwissen für die Soziale Arbeit“ spricht eine verständliche Sprache, folgt dem Gebot der Anschaulichkeit, zeigt Schaubilder und bietet Theorie-Praxis-Verknüpfungen. Zur Lesbarkeit gehört auch die klare Gliederung in sieben Felder: Einführung (Politik in der Sozialen Arbeit und die Soziale Arbeit als politische Arbeit) – Kommunalpolitik – Das politische System in Deutschland – Sozialpolitik (Ziele – Wege – Folgen) – Demokratie und Beteiligung – Europapolitik – Globale Probleme vor Ort.

In dem letzten Kapitel wird der Auftrag der Sozialen Arbeit zusammengeführt: Alltägliches Ringen um die Menschenrechte und Hilfe zur Selbsthilfe. Hier werden theoretische Grundlagen der internationalen Politik diskutiert (S. 180 ff.) und zwei – auch für die Soziale Arbeit – bedeutende Konfliktanalysen aufgezeigt, nämlich die Klimapolitik und die Migrationspolitik. Dieses Kapitel zeigt als Herausforderungen für die internationale und interkulturelle Soziale Arbeit die weltweite Armutsbekämpfung, eine neue Klimapolitik und eine neue Weltwirtschaftsordnung. Die Schlusspassagen bringen ein zentrales an die Studierenden gerichtetes Plädoyer für den „Kampf um eine andere Weltordnung“.

Es fällt auf, dass die individuellen Menschenrechte an verschiedenen Stellen hervorgehoben werden. In dem Kapitel „Europapolitik“ (S. 152–179) wird Europa als Stimme einer sozialen Demokratie angesehen. Anders als das Grundgesetz kennt das europäische Recht das Grundwort, den Begriff der Solidarität (so Titel IV der Charta der Grundrechte der Europäischen Union). Soziale Menschenrechte sind auch unübersehbar in der Europäischen Sozialcharta (Recht auf soziale Sicherheit), und in der Europäischen Sozialcharta (Recht auf Inanspruchnahme sozialer Dienste). Es müsste also klarer herausgearbeitet werden, in welcher Generation (Dimension) der Menschenrechte die Soziale Arbeit ihre Begründung und ihren zu realisierenden Sinn findet. Es ist zu bekräftigen, dass das Grundgesetz die Rechtsidee der Solidarität nicht kennt. In diesem politischen Grundwissen für die Soziale Arbeit werden aber als „Prinzipien“ Freiheit, Gleichheit und Solidarität genannt (S. 95). Später heißt es, neben der Solidarität als Grundprinzip spielten in der Sozialpolitik auch die Subsidiarität und die Eigenverantwortung eine Rolle (S. 97). Warum auf dem Feld der Sozialen Arbeit die individuellen Menschenrechte dominieren sollen, lässt viele Fragen entstehen.

In dem Kapitel „Sozialpolitik: Ziele – Wege – Folgen“ (S. 90–114) werden bei dem Nachdenken über Sozialpolitik drei Ebenen unterschieden: die des Sozialstaats als „Grundgerüst“ (S. 90), die der Sozialpolitik als Beschreibung der Ausgestaltung des Leistungsspektrums der sozialen Sicherungssysteme und die Ebene der praktischen Umsetzung. Bevor Ziele und Prinzipien des deutschen Sozialstaats erörtert werden (S. 91–105), wird der aktuelle Diskurs über den „aktivierenden Sozialstaat“ mit präventiver Zielsetzung angedeutet. Auch das „zwiespältige Wesen“ des Sozialstaats wird beachtet. Er diene nicht nur der Hilfe, Solidarität und Wohltätigkeit, sondern sei zugleich ein Instrument sozialer Steuerung, Kontrolle und Disziplinierung (S. 98). In dem Kapitel „Sozialpolitik im Wandel“ werden unterschieden der expansive Sozialstaat, der schlanke Staat und der aktivierende Wettbewerbsstaat. In der Zusammenfassung heißt es, heute gehe es in der Sozialpolitik um die Beschäftigungsfähigkeit für alle durch eine möglichst flexible Anpassung der Arbeitskräfte an die Arbeitsmarktbedingungen. Ob dieser Wandel zu einer Befreiung aus der Logik des Arbeitsmarkts führt, diese Frage steht nicht dahin, zumal die „Vermarktlichung Sozialer Arbeit“ (S. 109) nicht übersehen wird.

Dieses Buch ruft dazu auf, über die Verbindung einer sozialen mit einer ökologischen Demokratie nachzudenken, über eine ökologische Sozialpolitik und eine Stärkung der sozialen Menschenrechte. Es sucht nicht ohne Hoffnung auf eine gerechtere Wirtschaftsordnung auch nach Wegen Sozialer Arbeit in einer globalisierten Welt und ermutigt die Studierenden zu dieser Frage: „Wer schafft eine gerechtere Wirtschaftsordnung, die Armut und soziale Desintegration, das Massensterben von Kindern und die soziale Perspektivlosigkeit von Millionen Menschen begrenzt?“ (S. 158)

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Köpcke-Duttler, A. Dierk Borstel und Ute Fischer (2018). Politisches Grundwissen für die Soziale Arbeit.. Sozial Extra 44, 396–398 (2020). https://doi.org/10.1007/s12054-020-00338-8

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