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Erledigungen aus dem Maßregelvollzug nach § 63 StGB aus Gründen der Verhältnismäßigkeit gemäß § 67d Absatz 6 StGB – differenzielle Merkmale der betroffenen Patienten

Patients discharged from forensic psychiatry according to section 63 of the German Criminal Code (StGB) due to disproportionality reasons—differential group characteristics

Zusammenfassung

Im Jahr 2016 trat u. a. die Novellierung des § 67d Absatz 6 Strafgesetzbuch (StGB) in Kraft, der unter dezidierter Berücksichtigung des Verhältnismäßigkeitsgebotes nun erstmals klare gesetzliche Vorgaben für eine Fortdauerentscheidung bei einer mehr als 6 bzw. 10 Jahre vollzogenen Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gemäß § 63 StGB macht. Mit dem Ziel der Identifikation von charakteristischen Merkmalen der davon betroffenen Patientengruppe und der Ermittlung von Prädiktoren für diese Entlassform wurde eine Vollerhebung aller zwischen August 2016 und Juli 2018 aus dem nordrhein-westfälischen Maßregelvollzug entlassenen Patienten durchgeführt. Als Datengrundlage dienten dabei die Basisdatendokumentationen der beiden großen Träger von Maßregelvollzugseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen (NRW) (dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und dem Landschaftsverband Rheinland) sowie der Alexianer Christophorus-Klinik in Münster. Es wurden Gruppenvergleiche zwischen Patienten mit Verhältnismäßigkeitserledigungen (n = 157) und Bewährungsentlassungen (n = 227) durchgeführt und gefundene Unterschiede in logistische Regressionsmodelle integriert. Dabei zeigte sich, dass pädosexuelle Eingangsdelikte sowie Paraphilien und (in geringerem Maße) Persönlichkeitsstörungen als Hauptdiagnose insbesondere in Kombination mit deliktischer Vorbelastung eine spätere Verhältnismäßigkeitserledigung wahrscheinlicher machen. An psychotischen Störungen erkrankte Patienten erhalten häufiger dann keine für eine frühzeitige Bewährungsentlassung notwendige positive Prognose, wenn sie komorbid eine Suchterkrankung und bei niedrigem Bildungsstand schon vor der Unterbringung sozialen Unterstützungsbedarf aufweisen. Somit lassen sich vorläufig zwei Problemgruppen ableiten, bei denen es möglicherweise aufgrund größerer Behandlungshemmnisse häufiger zu „überlangen“ Verweildauern und damit auch häufiger zu Erledigungsentscheidungen kommt.

Abstract

In 2016 the amendment to Section 67d (6) of the German Criminal Code (StGB) came into force, which for the first time sets out clear legal requirements for a decision on continuation in the event of placement in a psychiatric hospital for more than 6 or 10 years in accordance with Section 63 of the German Criminal Code (StGB), taking into account the principle of proportionality. With the aim of identifying characteristic features of the patient group affected by this and determining predictors for this form of discharge, a full survey of all patients discharged from forensic psychiatry in North Rhine-Westphalia between August 2016 and July 2018 was conducted. The basic data documentation of the two large providers of institutions for the treatment of psychiatric disorders in North Rhine-Westphalia (Landschaftsverband Westfalen-Lippe, the Landschaftsverband Rheinland) and the Alexianer Christophorus-Klinik in Münster provided the data to complete the database. Group comparisons were made between patients with proportionality discharges (n = 157) and probation discharges (n = 227), and differences found were integrated into logistic regression models. This showed that pedosexual offenses, as well as paraphilias and (to a lesser extent) personality disorders as principal diagnoses, made subsequent proportionality discharges more likely, especially when combined with a history of prior offenses. Patients suffering from psychotic disorders, such as schizophrenia are more likely not to receive a positive prognosis for early release from probation if they have a comorbid addictive disorder and if they have a low level of education and already had a need for social support prior to placement. Thus, two problem groups can be derived for the time being, in which overlong lengths of stay and thus also discharge decisions occur more frequently, possibly due to greater treatment obstacles.

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Danksagung

Die Autoren bedanken sich für die äußerst zielführende und gewinnbringende Kooperation mit Frau Dr. Hufnagel, therapeutische Fachberatung des LVR-Fachbereichs Maßregelvollzug, und Herrn Professor Dr. Seifert, Chefarzt der Alexianer Christophorus Klinik.

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Correspondence to Nora Hein M. Sc..

Ethics declarations

Interessenkonflikt

N. Hein, J. Querengässer und B. Schiffer geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht. Die hiesige Forschungsarbeit ist im Rahmen des Landesprojekts zur Untersuchung der Verhältnismäßigkeitserledigung gem. § 67d Abs. 6 StGB beauftragt durch den LBMRV NRW durchgeführt worden.

Ethische Standards

Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien. Das der vorliegenden Studie zugrunde liegende Untersuchungskonzept wurde durch die Datenschutzbeauftragten des LWL und der Behörde des Landesbeauftragten für den MRV NW datenschutzrechtlich geprüft und für unbedenklich befunden.

Additional information

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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Hein, N., Querengässer, J. & Schiffer, B. Erledigungen aus dem Maßregelvollzug nach § 63 StGB aus Gründen der Verhältnismäßigkeit gemäß § 67d Absatz 6 StGB – differenzielle Merkmale der betroffenen Patienten. Forens Psychiatr Psychol Kriminol (2021). https://doi.org/10.1007/s11757-021-00679-4

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Schlüsselwörter

  • Forensische Psychiatrie
  • Verhältnismäßigkeitserledigung
  • Epidemiologie
  • § 63 StGB
  • Behandlungsprognose

Keywords

  • Forensic psychiatry
  • Proportionality adjudication
  • Epidemiology
  • § 63 StGB
  • Treatment prognosis