Skip to main content

Advertisement

Log in

Individuelle und kollektive Aufarbeitung sexualisierter Gewalt am Beispiel der Odenwaldschule – ein Werkstattbericht

Individual and collective processing of sexual violence exemplified by the Odenwaldschule—a workshop report

Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie Aims and scope Submit manuscript

Zusammenfassung

Der Beitrag beschreibt Kontext, Methode und ausgewählte Ergebnisse einer wissenschaftlicher Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in pädagogischen Institutionen am Beispiel der Odenwaldschule. Sozialwissenschaftliche Studien erweisen sich als hilfreiche Vehikel zur Bündelung und Intensivierung von Aufdeckungsprozessen, die von Betroffenen angestoßen und gesellschaftlich befördert werden. Die Benennung der Taten und Täter sowie die Übernahme einer Sprachrohrfunktion für Betroffene stehen dabei im Vordergrund. Dabei fällt auf, dass im Verlauf von Aufdeckungsprozessen individuelle und kollektive Erinnerungen miteinander interagieren und ungelöste Konflikte aus der Vergangenheit reproduziert werden.

Abstract

Context, methods and selected results of scientific processing of sexual violence in educational institutions are described based on the example of the Odenwaldschule. Social science studies seem to be helpful vehicles in condensing and intensifying disclosure processes, which were brought on by victims and transported by society. Naming the offences and perpetrators and being a mouthpiece for victims are central aspects of such studies. The interaction of individual and collective memories and the reproduction of unsolved conflicts arising from the past during the disclosure process stand out.

This is a preview of subscription content, log in via an institution to check access.

Access this article

Price excludes VAT (USA)
Tax calculation will be finalised during checkout.

Instant access to the full article PDF.

Institutional subscriptions

Notes

  1. Glasbrechen e. V. setzt sich für die Belange der von sexualisierter Gewalt betroffenen Odenwaldschüler ein und forderte u. a. die wissenschaftliche Aufarbeitung der Gewaltvorkommisse an der Odenwaldschule.

  2. Weitere Ausführungen hierzu finden sich bei Mosser et al. (2018).

  3. Zu den Experten zählen wir Vertreter von Glasbrechen e. V., Mitglieder des Trägervereins, eine Mitarbeiterin eines Jugendamtes, eine Juristin, eine Journalistin sowie 3 Pädagogen.

  4. Beispielweise: Niemann (2010); Dehmers (2011); Jens (2011); Füller (2011); Miller und Oelkers (2014); Oelkers (2016). Eine breite öffentliche Aufmerksamkeit erhielten die Dokumentarfilme Und wir sind nicht die Einzigen (Röhl 2011) und Geschlossene Gesellschaft (Schmid und Schilling 2011) und der Fernsehfilm Die Auserwählten (Röhl 2014).

  5. Introjektion (Übernahme von Normen, Werten, Anschauungen, Verhaltensweisen von anderen Personen ins eigene Ich im Rahmen der Sozialisation) ist ein normaler psychologischer Vorgang und nicht grundsätzlich pathologisch. Die Bildung eines Täterintrojekts dient dem Überleben einer (langfristigen) traumatisierenden Situation, in der flüchten, kämpfen und/oder dissoziieren (unterdrücken des äußeren und innerer Reizstroms) nicht möglich sind/ist. Das Täterintrojekt wird später oftmals als Fremdkörper im Selbst erlebt. Eigene Verhaltensweisen, unter denen man leidet und die man später oftmals bedauert, werden dabei als fremd empfunden. Es entsteht dabei eine Art „innerer Feind“, der zu Selbstabwertung, Selbstverachtung und Selbstbestrafung (auch in Form von selbstverletzenden Verhalten) auffordert.

Literatur

  • Burgsmüller C, Tilmann B (2010) Abschlussbericht über die bisherigen Mitteilungen über sexuelle Ausbeutung von Schülern und Schülerinnen an der Odenwaldschule im Zeitraum 1960 bis 2010. Wiesbaden, Darmstadt. http://www2.ibw.uni-heidelberg.de/~gerstner/120430-Odenwaldschule-Abschlussbericht.pdf. Zugegriffen: 17. Jan. 2018

    Google Scholar 

  • Dehmers J (2011) Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg (http://digitool.hbz-nrw.de:1801/webclient/DeliveryManager?pid=4297010&custom\_att\_2=simple\_viewer)

    Google Scholar 

  • Flick U (2011) Triangulation. Eine Einführung, 3. Aufl. Qualitiative Sozialforschung, 12. VS Verl. für Sozialwiss, Wiesbaden https://doi.org/10.1007/978-3-531-92864-7 (Online verfügbar unter https://doi.org/10.1007/978-3-531-92864-7)

    Book  Google Scholar 

  • Füller C (2011) Sündenfall. Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte. DuMont, Köln

    Google Scholar 

  • Hagemann-White C, Kelly E, Römkens R (2010) Feasibility study to assess the possibilities, opportunities and needs to standardise national legislation on violence against women, violence against children and sexual orientation violence. European Commission, Brussels

    Google Scholar 

  • Jens T (2011) Freiwild. Die Odenwaldschule – ein Lehrstück von Opfern und Tätern. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh.

    Google Scholar 

  • Keupp H (2016) Reflexive Sozialpsychologie. Springer VS, Wiesbaden

    Book  Google Scholar 

  • Keupp H, Straus F, Mosser P, Gmür W, Hackenschmied G (2017a) Schweigen – Aufdeckung – Aufarbeitung. Sexualisierte, psychische und physische Gewalt im Benediktinerstift Kremsmünster. Reihe Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend. Springer VS, Wiesbaden

    Book  Google Scholar 

  • Keupp H, Straus F, Mosser P, Gmür W, Hackenschmied G (2017b) Sexueller Missbrauch und Misshandlungen in der Benediktinerabtei Ettal. Ein Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung. Reihe Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend. Springer VS, Wiesbaden

    Book  Google Scholar 

  • Keupp H, Mosser P, Busch B, Hackenschmied G, Straus F (2018) Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Eine sozialpsychologische Perspektive. Reihe Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend. Springer VS, Wiesbaden ((im Erscheinen))

    Google Scholar 

  • Miller D, Oelkers J (Hrsg) (2014) Reformpädagogik nach der Odenwaldschule – wie weiter? Beltz Juventa, Weinheim

    Google Scholar 

  • Mosser P, Gmür W, Hackenschmied G (2018) Sozialwissenschaftliche Studien als Instrument zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Institutionen. In: Retkowski A, Treibel A, Tuider E (Hrsg) Handbuch Sexualisierte Gewalt und pädagogische Kontexte. Theorie, Forschung, Praxis, 1. Aufl. Beltz Juventa, Weinheim, S 814–821

    Google Scholar 

  • Müller-Schwefe R (2015) Der primäre Rückzug: Depression, Dissoziation und Resignation nach schweren Traumata. Trauma Z Psychotraumatol Anwend 13(2):78–93

    Google Scholar 

  • Niemann B (Hrsg) (2010) Altschüler-Erinnerungen aus 80 Jahren. Manufaktur für Biografien, Heppenheim

    Google Scholar 

  • Oelkers J (2016) Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Beltz Juventa, Weinheim

    Google Scholar 

  • Rieske TV, Scambor E, Wittenzellner U, Könnecke B, Puchert R (Hrsg) (2018) Aufdeckungsprozesse männlicher Betroffener von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend. Verlaufsmuster und hilfreiche Bedingungen Bd. 4. Springer, Wiesbaden https://doi.org/10.1007/978-3-658-15803-3

    Book  Google Scholar 

  • Röhl C (2011) Und wir sind nicht die Einzigen (Dokumentarfilm). BRD

  • Röhl C (2014) Die Auserwählten (Spielfilm). BRD

  • Sachsse U (2005) Täter-Introjekte und Opfer-Introjekte: Fremdkörper im Selbst. In: Sachsse U, Dulz B (Hrsg) Traumazentrierte Psychotherapie. Theorie, Klinik und Praxis. Schattauer, Stuttgart, S 216–228

    Google Scholar 

  • Schlingmann T (2015) Für ein neues Verhältnis von Wissenschaft, Praxis und Betroffenen. Anmerkungen aus der Perspektive eines forschenden, betroffenen Praktikers. Z Sexualforsch 28:349–362

    Google Scholar 

  • Schmid L, Schilling R (2011) Geschlossene Gesellschaft (Dokumentarfilm). BRD

  • Witzel A (1985) Das problemzentrierte Interview. In: Jüttemann G (Hrsg) Qualitative Forschung in der Psychologie. Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder. Beltz, Weinheim, S 227–255

    Google Scholar 

Download references

Author information

Authors and Affiliations

Authors

Corresponding author

Correspondence to Heiner Keupp.

Ethics declarations

Interessenkonflikt

G. Hackenschmied, P. Mosser und H. Keupp geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Rights and permissions

Reprints and permissions

About this article

Check for updates. Verify currency and authenticity via CrossMark

Cite this article

Hackenschmied, G., Mosser, P. & Keupp, H. Individuelle und kollektive Aufarbeitung sexualisierter Gewalt am Beispiel der Odenwaldschule – ein Werkstattbericht. Forens Psychiatr Psychol Kriminol 13, 151–157 (2019). https://doi.org/10.1007/s11757-018-0508-x

Download citation

  • Received:

  • Accepted:

  • Published:

  • Issue Date:

  • DOI: https://doi.org/10.1007/s11757-018-0508-x

Schlüsselwörter

Keywords

Navigation