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Sicherungsverwahrung und Behandlung

Das der Vollstreckung der Sicherungsverwahrung vorgelagerte gerichtliche Kontrollverfahren nach 119 a StVollzG – eine tickende Zeitbombe im Strafvollzug?
  • Klaus Michael Böhm
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Zusammenfassung

Durch therapeutische Behandlungen im Strafvollzug kann bei zureichender Nachsorge nicht nur das Rückfallrisiko nach Entlassung erheblich reduziert, sondern bei vielen Gewalt- und Sexualstraftätern auch der Vollzug einer nach der Freiheitsstrafe verhängten Sicherungsverwahrung vermieden oder zumindest deren Dauer reduziert werden. Da diese Maßregel das letzte Mittel der Strafjustiz darstellt, verpflichtet § 119 a des Strafvollzugsgesetzes (StVollzG) die Vollzugsanstalten zur Bereitstellung entsprechender Angebote. Gleichzeitig unterwirft die Vorschrift diese einer weitreichenden gerichtlichen Kontrolle. Mit der Umsetzung dieser verfassungsrechtlichen Vorgabe tun sich Strafvollzug und Justiz jedoch schwer. Eine erfolgreiche Therapie setzt zunächst eine sorgfältige Diagnostik und eine darauf beruhende Planung voraus. Auf dieser Grundlage hat die Vollzugsanstalt dem Gefangenen eine individuelle, intensive und zu Weckung und Förderung seiner Mitwirkungsbereitschaft geeignete Betreuung anzubieten. Obwohl die möglichen Konsequenzen eines unzureichenden Angebots mit der Freilassung auch weiterhin gefährlicher Straftäter weitreichend sind, ist eine bundesweit effektive Umsetzung noch nicht festzustellen. Auch setzt die Verpflichtung des Strafvollzuges zur Durchführung einer Therapie zu spät ein. Solche tragen nämlich gerade bei erstmalig auffällig Gewordenen zur Reduzierung der Rückfallrisikos bei und können damit im Sinne des präventiven Opferschutzes die Begehung schwerster Straftaten verhindern.

Schlüsselwörter

Behandlungsindikation Therapiefähigkeit Gutachterliche Expertise Bindungswirkung Rückfall 

Preventive detention and treatment

The judicial control procedure preceding the execution of preventive detention according to 119a Prison Act—a ticking time bomb in the penal system?

Abstract

Through therapeutic treatment while serving a sentence can, with sufficient aftercare, not only the risk of recidivism after release be substantially reduced but for many violent and sexual offenders the enforcement of preventive detention following imprisonment can also be avoided or the duration can at least be reduced. Because this measure represents the last means of criminal justice, §119a Prison Act obligates the penal institutions to provide appropriate offers. Simultaneously, the regulation of this is subject to extensive judicial control; however, the penal system and judiciary have problems with the implementation of this constitutional stipulation. Prerequisites for a successful therapy are a thorough diagnostic procedure and planning based on this. On this basis, the penal institution must offer the prisoner an individual and intensive appropriate supervision to stimulate and promote the willingness to cooperate. Although the possible consequences of an insufficient offer with the release of offenders who are still dangerous are far reaching, an effective nationwide implementation cannot yet be discerned. The obligation of the penal institution to carry out a therapy is also introduced too late. Such measures contribute to a reduction in the risk of recidivism, especially for those who become conspicuous for the first time and can, therefore, in the sense of preventive victim protection, prevent the severest crimes being committed.

Keywords

Treatment indications Treatability Expert opinion Binding effect Recidivism 

Notes

Interessenkonflikt

K.M. Böhm gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Richter am Oberlandesgericht KarlsruheKarlsruheDeutschland

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