Das Format Intervision

Dieser Artikel ist in erster Linie ein Praxis- und Erfahrungsbericht aus einer Intervisionsgruppe, deren Mitglieder ausschließlich Psychodramatiker*innen sind. Er stellt keinen theoretischen Anspruch. Die Beschreibung des Formats der Intervision soll lediglich den Rahmen für den darauf folgenden Praxisbericht abstecken.

Treffen sich Personen ohne einen oder eine externe Expert*in, um ihr berufliches Handeln zu reflektieren, wird von Intervision gesprochen (Lippmann 2013, S. 12).

„Inter“ bezieht sich auf den beruflichen Austausch zwischen Kolleg*innen. Dieser besteht darin, dass die Gruppenmitglieder freiwillig zusammenkommen, um mit- und füreinander aus einer Meta-Perspektive auf Aspekte ihrer Arbeitswelt zu blicken und diese zu reflektieren. Im Mittelpunkt können dabei die Intervisand*innen selbst stehen (zum Beispiel mit Fragen zur beruflichen Identifikation) oder deren Klient*innen mit den jeweiligen Problemstellungen. Aber auch die Beziehung und mögliche Irritationen zwischen Klient*in und Intervisand*in können reflektiert werden, wie auch das (Arbeits‑)Umfeld (etwa die Auswirkungen von berufs- oder gesundheitspolitischen Entwicklungen). Ein sehr aktuelles Beispiel dafür sind die Auswirkungen der Covid-Pandemie auf das Arbeitsleben der Gruppenmitglieder. Um ein gutes Weiterarbeiten zu gewährleisten, muss nicht nur der Stress bewältigt werden, der mit der Herausforderung einhergeht, für sich und die Klient*innen sichere Begegnungen zu ermöglichen, die frei von Ängsten vor Infektionen sind. Es muss auch eine Haltung zu den auf die Covid-Pandemie bezogenen gesundheitspolitischen Maßnahmen gefunden und vertreten werden.

Mit dem Begriffsteil „inter“ ist auch ein wesentliches Merkmal des Psychodramas angesprochen, nämlich die „Einladung zu einer Begegnung“ als Basis, auf der arbeits- und berufsbezogenes Handeln und Erleben reflektiert wird.

„Vision“ bezieht sich auf die neuen Sichtweisen, die durch die Auseinandersetzung mit einer bestimmten Problematik entstehen können (Kühl und Schäfer 2020, S. 5). Dieser Aspekt beschreibt die Funktion von Intervision. Ähnlich wie in der Supervision liegen die prinzipiellen Aufgaben der Intervision in der Optimierung, Ressourcenstärkung sowie in der Selbstreflexion und persönlichen Entwicklung in arbeitsbezogenen Zusammenhängen.

In der Psychotherapie, Sozialarbeit und in der Pädagogik hat diese Form der kollegialen Beratung eine lange Tradition. Auch in anderen Berufsfeldern wird Intervision als eine Möglichkeit der Qualitätssicherung immer beliebter.

Zur Intervision gibt es mittlerweile eine umfangreiche Methodenliteratur, aber nur wenig wissenschaftliche Fundierung. Vor allem eine konsistente theoretische Konzeption von Intervision ist noch in Entwicklung. Es zeichnen sich jedoch einige Elemente einer solchen wissenschaftlich-theoretischen Fundierung ab, die aus psychodramatischer Perspektive besonders interessant sind: Zum einen ist das der zentrale Stellenwert der Wertschätzung und Akzeptanz der „Subjektiven Theorien“, die für die Gruppenmitglieder handlungsleitend zur Bewältigung ihres beruflichen Alltags sind (vgl. Schlee 2019, S. 38). Basierend auf einem konstruktivistischen Menschenbild versteht man unter „Subjektiven Theorien“ persönliche kognitive Konstrukte, die von Individuum zu Individuum variieren können. Entsprechend dieser Theorie entwickelt jeder Mensch (subjektive) Wahrheiten, die es ihm ermöglichen, soziale Ereignisse und Situationen vorausschauend zu kontrollieren. Daraus ergibt sich, dass das Individuum selbst Expert*in der eigene Anliegen bzw. Problemstellungen ist. Somit ist festzustellen: das theoretische Konzept der Intervision wurzelt wesenhaft sowohl im Konstruktivismus als auch in der humanistischen Psychologie. Aus psychodramatischer Perspektive ist das sehr vertraut, basiert das psychodramatische Menschen- und Weltbild doch auch auf der Idee, dass jedes Individuum Drehbuchautor*in, Regisseur*in und Hauptdarsteller*in in den Szenen des eigenen Lebens ist.

Eine weitere theoretische Konzeption der Intervision scheint sich durchzusetzen: Jede Person hat prinzipiell das Potenzial zur Verfügung, die eigene innere Wahrnehmung und in weiterer Folge das eigene (berufliche) Handeln zu verändern. Es geht im Format der Intervision darum, dieses Potenzial freizulegen, im Sprachgebrauch des Psychodramas: das Erreichen einer Spontanitätslage und kreatives Handeln im Arbeitsumfeld der Intervisiongruppenmitglieder zu ermöglichen.

Die Geschichte einer psychodramatherapeutischen Intervisionsgruppe

In diesem Artikel wird das Format Intervision bezogen auf eine konkrete, seit vielen Jahren bestehende Intervisionsgruppe beschrieben. Im Folgenden werden jene Passagen, die auf den Erfahrungen dieser Gruppe beruhen, in der Wir-Form beschrieben, die allgemeinen und theoretischen Ausführungen in der 3. Person.

Unsere Intervisionsgruppe hat sich in der Mitte der 1990er-Jahre gebildet. Die ersten Teilnehmenden waren junge Frauen, die gemeinsam die Oberstufengruppe zur Ausbildung zur Psychodrama-LeiterinFootnote 1 absolviert hatten. Unser Anliegen war es, in einem geschützten Rahmen unsere ersten Erfahrungen als Psychotherapeutinnen in Ausbildung unter Supervision zu teilen und Hilfestellungen bezüglich Klienten*innen zu erhalten, bei denen es Unklarheiten bei der korrekten psychodramatherapeutischen Vorgehensweise gab. Besonders wichtig war uns, in diesem Rahmen selbst leiten zu können. So versuchten wir Fragestellungen, die sich in der psychodramatherapeutischen Praxis ergaben und in die Einstiegsrunde eingebracht wurden, mittels eines psychodramatischen Spiels zu klären. Hier implementierten wir, dass sich die Protagonistinnen ihre Leiterinnen selbst wählen könnten. Dadurch konnte sowohl eine Lösung für das eingebrachte Problem gefunden werden, aber auch quasi in einer Live-Supervision das Vorgehen als Leiterin eines psychodramatischen Spiels optimiert werden.

Natürlich machte die Gruppe Veränderungen durch, sukzessive wurden die TeilnehmerInnen in die Psychotherapeut*innen-Liste des Österreichischen Bundesministeriums eingetragen und verfügten zusehends über mehr psychotherapeutisches Know-How. Die Intervisionsgruppe öffnete sich schrittweise nach außen: So kamen neue Teilnehmende hinzu, andere verließen die Gruppe wieder.

Mit der Zeit nutzten wir die Intervision auch, um persönliche Themen zu bearbeiten und um uns über Veränderungen in der österreichischen Therapielandschaft, über Tratsch und Klatsch in der Fachsektion sowie über neue Arbeitsfelder auszutauschen. Es entwickelte sich eine Art Seilschaft. So wurden Kolleg*innen, die über freie Kapazitäten verfügten Klient*innen vermittelt und Psychodramatiker*innen, die auf der Suche nach neuen Herausforderungen waren über freie Arbeitsstellen informiert.

All das verlief nicht nur harmonisch. So löste zum Beispiel ein Zusammenschluss einiger Personen aus der Intervisionsgruppe zu einer Gemeinschaftspraxis Irritation und Ausgrenzungsgefühle bei manchen anderen Intervisionsteilnehmenden aus. Auch Konkurrenz, Auseinandersetzungen und Missverständnisse waren und sind dieser Intervisionsgruppe nicht fremd. Wir versuchten, so gut es ging, diese nicht unter den Teppich zu kehren – eine Herausforderung, der wir uns immer noch ab und an zu stellen haben. Einmal zogen wir auch einen externen Mediator hinzu, durch dessen Hilfe schwelende Konflikte geklärt werden konnten. Diese Umgangsweise mit Unstimmigkeiten hat diesen langen Fortbestand der Gruppe ermöglicht.

Ein weiterer wichtiger Moment, um die Kohäsion der Intervisionsgruppe zu stärken, war die Einführung der sogenannten „Auracher Intervisions-Tage“. Diese fanden und finden alle zwei Jahre an einem Wochenende in einem großen Landhaus in Oberösterreich statt. An diesen Wochenenden wird neben der Durchführung von Intervisionseinheiten gemeinsam gekocht, Morgengymnastik betrieben, spazieren gegangen und am Abend musiziert sowie gesungen.

Mittlerweile findet die Intervisionsgruppe einmal im Quartal statt. Wobei sich Intervisionstage und Intervisionsabende abwechseln.

Spezielle Merkmale von Intervision und wie diese in der hier angeführten Intervisionsgruppe umgesetzt werden

Im folgenden Abschnitt werden die Merkmale von Intervisionsgruppen nach Lippmann (2013, S. 15 f) beschrieben und gleichzeitig aufgezeigt, wie diese in unserer Intervisionsgruppe umgesetzt wurden.

  • Gleichrangige Personen treffen sich zu regelmäßigen Zusammenkünften, bei denen jede*r bestimmte berufliche Problem- und Fragestellungen einbringen kann.

    Unsere Intervisionsgruppe besteht hauptsächlich aus freiberuflich tätigen Psychotherapeut*innen, die unabhängig voneinander arbeiten, sodass es innerhalb der Gruppe kein hierarchisches Gefälle gibt. Die Gruppe kommt in vorgegebenen Abständen zusammen, in der Regel vier bis fünf Mal im Jahr. Die Problem- und Fragestellungen der einzelnen Gruppenmitglieder werden in der Anwärmrunde, die am Anfang jedes Intervisionstreffens steht, formuliert und gesammelt. Es werden dann jene Anliegen vorrangig behandelt, für welche die Gruppe als Ganzes am meisten angewärmt ist.

  • Die Teilnehmenden haben einen gemeinsamen beruflichen Hintergrund. Somit verfügen alle Gruppenmitglieder über eine Expertise in diesem Fachbereich.

    Unser Bindeglied stellt die gemeinsame Ausbildung zur Psychodramaleiter*in im ÖAGG und den Beruf als Psychotherapeut*in dar. Bezüglich unserer Grundberufe gibt es viele Überschneidungen, die meisten sind Klinische und Gesundheitspsycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und Pädagog*innen, einzelne teilen auch andere Professionen miteinander, wie die Mediation, die Supervision, die Beratung, das Training und die Lehre.

  • Es gibt eine gemeinsame, zielgerichtete Struktur, wie etwa der Ablauf, die Phasen oder auch in Bezug auf die Hilfsmittel, welche zur Erlangung einer Lösung herangezogen werden.

    Bei den Intervisionen, die im Präsenz-Modus stattfinden, hat sich ein bewährter Ablauf etabliert. Wie die Geschichte unserer Intervisionsgruppe deutlich macht, ist diese gemeinsame Struktur zum Großteil schon bei der Gründung durch die „Gründungsfrauen“ beschlossen worden.

    Zu Beginn jedes Treffens ist circa eine halbe Stunde dem zwanglosen mentalen Ankommen gewidmet, auf Wienerisch: dem Eintrudeln. Das dient in erster Linie dem Warming-up für die interpersonelle Begegnung.

    Danach übernimmt in der Regel der*die jeweilige Gastgeber*in, in dessen*deren Praxisräumlichkeiten sich die Gruppe trifft, die Moderation des Abends. Er*sie läutet die Arbeitsphase ein. Diese entspricht dem klassischen Ablauf einer psychodramatischen Gruppensitzung. Die Teilnehmer*innen sitzen im Kreis und legen in einer Einstiegsrunde ihre Themen, Anliegen und Problemstellungen dar. Den Teilnehmenden ist wichtig, dass jede*r zumindest kurz von sich etwas erzählt, was sie oder ihn beruflich oder privat bewegt, sodass sich jede teilnehmende Person zumindest einmal „auf der Bühne“ befindet. Das schafft den Boden für die kooperative, offene und wertschätzende Arbeit an den berufsbezogenen Intervisionsanliegen.

    Im Anschluss entscheidet sich die Gruppe für einzelne Themen, die vertieft behandelt werden. Allenfalls wird auch eine Reihenfolge der zu behandelnden Fragestellungen festgelegt. Es wird stets darauf geachtet, dass dies – so gut es geht – im Konsens passiert, so dass sich niemand mit seinen*ihren Anliegen „abgewählt“ fühlt.

    Nachdem nun festgelegt wurde, wer in welcher Reihenfolge Protagonist*n ist, wählt diese*r eine*n Kolleg*in aus der Runde für die psychodramatische Leitung seines*ihres Themas. Die vertiefende Klärung des Anliegens und die Entwicklung einer Spielidee entsteht somit zwischen dem*der gewählten Psychodrama-Leiter*in und dem*der Protagonist*in.

    Der weitere Ablauf kann als klassisch bezeichnet werden: Spielphase, Feedback und Sharing.

    Nachdem die eingebrachte Fragestellung hinreichend beantwortet wurde, übernimmt der*die jeweilige Gastgeber*in wieder die Moderation. Entweder wird ein zweites Anliegen behandelt oder die Arbeitsphase beendet. Falls noch keine weiteren Termine für die folgenden Intervisionstreffen vereinbart wurden, geschieht dies noch in der Arbeitsphase.

    Der Ausklang des Abends wird in aller Regel gemütlich gestaltet mit tratschen, essen und trinken.

  • Der Besuch der Gruppe erfolgt freiwillig, ist aber mit einer Verbindlichkeit der regelmäßigen Teilnahme verknüpft.

    Prinzipiell sind die Zugehörigkeit zur Intervisionsgruppe und die jeweilige Teilnahme an den einzelnen Treffen selbstverständlich freiwillig. Aber es gibt eine deutliche Verbindlichkeit, was die Zugehörigkeit betrifft: Man kann durch einen Gruppenbeschluss offiziell aufgenommen werden. Das passiert allerdings nicht sehr oft. Und man kann die Teilnahme beenden. Dafür erwartet sich die Gruppe eine eindeutige Stellungnahme von der betroffenen Person, ob sie noch Mitglied sein will oder eben nicht. Auch das ist ein eher seltenes Ereignis. Wenn, dann sind es meist veränderte Lebensumstände, manchmal auch berufliche Umgestaltungen, die dazu führen, dass jemand nicht mehr Teil der Gruppe sein kann oder will. Die Gruppe selbst hat noch nie jemanden von sich aus ausgeschlossen, allerdings in Einzelfällen Anfragen zur Aufnahme abgelehnt.

  • Es herrscht Gleichgewicht von Nehmen und Geben.

    Dies kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass die Intervisionen abwechselnd in den verschiedenen psychotherapeutischen Praxen der Teilnehmenden stattfinden. Die Person, die in ihre Praxis einlädt, ist der*die Gastgeber*in, der*die an den Termin erinnert und meist die Intervision moderiert. Die tendenzielle Vorliebe für einige Praxen basiert vor allem auf deren leichte Erreichbarkeit (zentrale Wiener Lage). Geben und Nehmen drückt sich aber auch in der Bereitschaft aus, füreinander die psychodramatisch zu bearbeitenden Anliegen zu leiten. Geben und Nehmen kann in unserer Gruppe aber auch bedeuten, Themen zu protagonieren, die einen Großteil der Gruppe betreffen und die entsprechenden persönlichen Beiträge dafür bereit zu stellen. In einer echten, offenen Begegnung muten wir uns einander zu. Geben und Nehmen drückt sich aber auch im Engagement jedes einzelnen Gruppenmitglieds für die Gruppe aus, das sehr unterschiedlich gelagert sein kann, wie Bereitstellung des Praxisraums, etwas zum Essen und Trinken für den Ausklang des Treffens zur Verfügung zu stellen, die vereinbarten Termine an die jeweils Nicht-Anwesenden weiterzuleiten, Informationen aus dem berufspolitischen Umfeld mitzuteilen, über Jobmöglichkeiten zu informieren, u. v. m.

  • Lernen findet auch durch die Erfahrungen von anderen statt.

    Im regelmäßigen Sharing lassen wir voneinander wissen, welche Aspekte der eingebrachten Anliegen und Problemstellungen für jede*n einzelne*n relevant und für das jeweils eigene berufliche Handeln verwertbar sind.

  • Für die erbrachte Unterstützung wird kein Honorar bezahlt.

    Honorar bedeutet die Vergütung von Leistungen. Da in dieser Intervisionsgruppe Leistungen mit- und füreinander erbracht werden, wäre eine materielle Vergütung ein Nullsummenspiel – allenfalls ein Durchgangsposten.

    Allerdings findet Vergütung statt, jedoch nicht materieller Natur: das Gefühl der Zugehörigkeit, die Optimierung des speziellen psychodramatischen Handelns in unseren beruflichen Tätigkeiten, die Solidaritätserfahrung, die gegenseitige Wertschätzung, etc. All das ist ein unmittelbar erlebbarer Gewinn der Intervisionsgruppenerfahrung.

Die Intervisionsgruppe aus der Sicht der Teilnehmenden

Um zu erfahren, was die derzeitigen Teilnehmer*innen der Intervisionsgruppe dazu bewegt, regelmäßig an dieser teilzunehmen, haben wir eine kleine Umfrage durchgeführt, die natürlich keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt. Die Ergebnisse dieser werden in Folge angeführt.

Drei der Personen, die den Fragebogen beantwortet haben, sind Gründungsmitglieder und nehmen somit seit über 25 Jahren mehr oder weniger regelmäßig an der Intervisionsgruppe teil. Das „jüngste“ Mitglied ist seit 2004 Teil der Gruppe.

Die Gründungsmitglieder geben an, die Intervisionsgruppe ins Leben gerufen zu haben, um einerseits den Kontakt zu den Ausbildungskolleginnen zu halten, sich andererseits fachlich austauschen zu können und ein Übungsfeld für die erlernten psychodramatischen Arrangements und Techniken zu haben. Personen, die später zur Gruppe gestoßen sind, geben als Motivation zu diesem Schritt an, dass sie den Wunsch nach einer kontinuierlichen Auseinandersetzung über berufliche und persönliche Fragestellen hatten, sie die Teilnehmenden bereits kannten und sie als sympathisch empfanden. Ein Gruppenteilnehmer erklärt, dass er sich zur Teilnahme entschlossen habe, weil er zu diesem Zeitpunkt begonnen habe, ausschließlich selbstständig als Psychotherapeut zu arbeiten und er einen kollegialen Austausch nicht vermissen wollte.

Mittlerweile sind die meisten der Teilnehmer*innen dieser Intervisionsgruppe „nur mehr“ selbstständig und vorwiegend als Psychodramatherapeut*innen in freier Praxis tätig. Da dies bedeutet, dass sie eigenständig und ohne Rücksprache mit einem Team Entscheidungen treffen müssen, scheint es für viele Gruppenmitglieder besonders wichtig zu sein, regelmäßig Möglichkeit zur fachlichen Reflexion mit vertrauten und fachlich versierten Kolleg*innen zu haben, die fallweise auch außerhalb der Intervision, mit Rat und Tat zur Verfügung stehen. Eine Gruppenteilnehmerin betont, dass die Intervisionsgruppe mittlerweile zu einer wichtigen „Lebensbegleiterin“ sowohl in beruflicher als auch in persönlicher Hinsicht geworden sei. Durch die langjährigen Treffen habe sie die beruflichen und privaten Höhen und Tiefen der einzelnen Mitglieder hautnah miterlebt. Dies schweiße zusammen. Durch die dadurch entstandene Nähe bestehe viel Offenheit für viele Themen, seien sie therapeutischer, gesellschaftlicher oder persönlicher Natur. Diese Möglichkeit der Begegnung schätzen viele der Gruppenmitglieder. Sie meinen, dass sie die Gruppe gerne besuchen, weil eine warme und freundliche Atmosphäre herrsche, die dazu einlade, Unsicherheiten zuzugeben und etwaige Fehler zu reflektieren. Die meisten geben auch an, dass die Teilnehmenden im Laufe der Jahre zu Freund*innen geworden sind. Ein Teilnehmer betont, dass ihm diese Gruppe eine berufliche Zugehörigkeit vermittle. Dass bei dieser Zusammenkunft viel gelacht wird, bringt, wie viele der Befragten betonen, Leichtigkeit in die oft belastenden Themen.

Als Momente, die sie im Laufe der Intervisionsgruppe als bemerkenswert und besonders wichtig empfanden, werden das gemeinsame Austragen und Bewältigen von Konflikten, das Begleiten und Getragen-Werden bei eigenen Krisen und beruflichen Herausforderungen genannt, wie etwa bei einem Suizid eines Klienten. Bei Letzteren wurde das Sharing als ganz besonders wertvoll erlebt. Auch das sich berühren lassen und zu berühren, wird als befruchtend empfunden.

Die Konflikte, die sich im Laufe der Gruppe ergeben haben, wurden von Befragten als herausfordernd und für manche auch als Belastungsprobe erlebt. Die schwerwiegendsten wurden aus der Sicht der Teilnehmenden gelöst und haben auch eine Neuorientierung bewirkt, manche Kontroversen wurden durch eine zeitliche Distanz entschärft und andere blieben bestehen, es konnte aber eine Umgangsweise damit gefunden werden.

Als das Besondere dieser Intervisionsgruppe wird unisono der lange Bestand dieser gesehen: „Dass wir einander schon so lange in unserem professionellen und privaten Werdegang begleiten, unterstützen und voneinander lernen“, „die Gruppe begleitet mich seit meiner Praxisgründung bis zu meiner Pensionierung und wahrscheinlich auch darüber hinaus“. Aber auch die wohlwollende und konstruktiv konfrontative Arbeitsatmosphäre, die geschaffen wurde, wurde hervorgehoben.

Da es im Rahmen dieser Intervisionsgruppe auch verschiedene Settings gibt, wurde die Teilnehmenden gefragt, welche Form sie am liebsten haben. Als besonders gewinnbringend werden ganze Tage erlebt, weil sich dabei mehr Möglichkeiten ergeben, die Themen von verschiedenen Seiten zu beleuchten und informelle Kontakte gepflegt werden können. Als besonders schön werden die „Auracher Intervisionstage“ empfunden, weil das Rahmenprogramm allgemein sehr geschätzt wird.

Die Pandemie als Herausforderung für die Intervisionsgruppe

Die Covid-Pandemie hat die Entwicklung zur Verlagerung des realen Lebens in die sogenannten „virtuellen Welten“ mithilfe der digitalisierten Medien enorm beschleunigt. Wichtige und relevante Begegnungen finden zunehmend online statt. Abgrenzungen zwischen „online/virtuell“ und „physisch/real“ machen zusehends weniger Sinn. Online ist de facto real. Online ist eine existente soziale Bühne geworden.

Durch die elektronischen Medien kann man erleben, dass die physische Distanz nicht gleichbedeutend mit sozialer Distanz ist. Die Teilhabemöglichkeit an Begegnungen ist bedeutend niederschwelliger geworden: Man ist unabhängig vom Ort, an dem man sich befindet (wiewohl es einer guten Internetverbindung bedarf), unabhängig von körperlichen Gebrechen und unabhängig von zeitlich aufwändigen Anfahrtswegen. Der Digitalisierungsschub ist zugleich ein Inklusionsschub. Auch an unserer Intervisionsgruppe ging diese Verlagerung nicht spurlos vorüber: Wir sind „online gegangen“.

Zunächst ein paar einleitende Gedanken: Was bedeutet virtuell eigentlich? Der Begriff meint einen Zustand, den man als nicht echt, aber als echt erscheinend bezeichnen kann. Er kann aber auch verstanden werden als ein latent vorhandenes Potenzial, eine (noch) nicht ausgeschöpfte Möglichkeit. Aus der Sicht des Psychodramas fällt dazu fast automatisiert das Potenzial des psychodramatischen Spiels in der Surplus-Realität ein, der Als-Ob-Zustand, der den Zugang zu zuvor verdeckten Möglichkeiten zur Erweiterung des Rollenrepertoires und zur Rollenflexibilisierung eröffnet. Man könnte meinen, dass unter diesem Gesichtspunkt Psychodramatiker*innen eine nahezu natürliche Affinität zu den virtuellen Welten haben, die durch die Digitalisierung möglich geworden sind.

Und tatsächlich: viele Protagonist*innen des Psychodramas arbeiten schon lange daran, unter den Begriffen „Teledrama“ oder „Webdrama“ die Methode im online-Modus, sowohl für Gruppen als auch für Einzelpersonen, zugänglich zu machen. Siehe da: Teledrama lässt erstaunliche Tele-Erlebnisse zu. Psychodramatisches Spielen im virtuellen Raum funktioniert – trotz vielseits beklagter Mängel an unmittelbarem, persönlichem und ganzheitlich-sinnlichem Kontakt.

Beschreibung der psychodramatischen Intervision in unserer Gruppe im Online-Modus

Schon bei der letzten Präsenz-Intervision Anfang März 2020 zeichnete sich der Beginn der Corona-Krise ab, allerdings war noch niemandem von uns klar, wie sich das auf unsere weiteren Treffen auswirken sollte.

Mit dem ersten Lockdown 2020 begann die erste Auseinandersetzung von einigen unserer Gruppenmitglieder mit dem virtuellen Arbeiten, vor allem mittels Zoom. Dabei beschäftigten uns anfangs vor allem Fragen der sicheren Datenübertragung und des geschützten Rahmens der Therapiesitzungen. Das waren auch die vorrangigen Themen, die wir in den ersten online Intervisionen mittels Zoom bearbeiteten. Einige Kolleg*innen hatten anfangs auch Probleme teilzunehmen, einerseits wegen Hardware-Defiziten, andererseits auch aus Sorge vor Datenschutzproblemen. Schon beim zweiten Online-Treffen gestaltete sich das einfacher, inzwischen konnten auch Datenschutzfragen abgeklärt werden. In den ersten beiden Online-Treffen vor dem Sommer 2020 konzentrierte sich das inhaltliche Arbeiten auf den Erfahrungsaustausch in der psychotherapeutischen Arbeit mit dem bisher ungewohnten Medium: online per Zoom oder mit anderen Plattformen bzw. auch der telefonischen Therapiearbeit. Auch motivationale Aspekte der Klient*innen bzw. deren Widerstände gegenüber dem neuen Medium wurden diskutiert.

Im Sommer 2020 gab es dann wieder einmal ein Präsenz-Treffen in Aurach, wo wir die Gelegenheit nutzten, im wunderschönen Garten im Freien miteinander psychodramatisch zu arbeiten. Im Herbst 2020 mussten wir aber wieder auf die Online-Ebene wechseln. Unsere Themen konzentrierten sich nun auf Tools, die wir für die psychodramatische Arbeit auch im virtuellen Raum verwenden können. Insbesondere Gruppentools wie Soziogramme waren dabei von Interesse. Aber auch die virtuelle Arbeit im Einzelsetting mit unseren Klient*innen wurde behandelt. Zu diesem Zeitpunkt konnten nun fast alle Kolleg*innen in den virtuellen Raum eintreten. Dennoch hofften wir auf baldige Präsenzmeetings, da die ersten Gruppenmitglieder bereits im Jänner 2021 eine Corona-Impfung erhielten. Es folgte ein hybrides Treffen, bei dem wir ein Online-Meeting hatten, aber auch teilweise zwei Kolleg*innen gemeinsam vor dem Bildschirm saßen, so konnte auch jene teilnehmen, die keinen neueren PC hatten. Neben Fallbesprechungen nahm in den folgenden Intervisionen auch eigene Umgang und die eigene Betroffenheit in der Krise immer etwas Raum ein.

Nachdem bis zum Ende des Sommers 2021 alle Intervisionär*innen voll immunisiert waren, konnten wir nun wieder in den Präsenz-Modus wechseln.

Online-Psychodrama-Intervision aus der Sicht der Teilnehmenden

Die Möglichkeit, während der Covid-19 Pandemie und den in diesen Zusammenhang verordneten Lockdowns, die Intervision online durchzuführen, wurde sehr unterschiedlich aufgenommen. Einige konnten dem neuen Medium nichts abgewinnen und blieben den Online-Intervisionsterminen fern. Andere wiederum fanden die Umgangsweise mit videounterstützten Verfahren Gruppen durchzuführen als eine spannende Herausforderung und hatten Spaß daran. Der allgemeine Tenor von denen, die daran teilnahmen war, froh zu sein, so miteinander in Kontakt treten zu können. Für Gruppenteilnehmer*innen, die weiter entfernt wohnen, bot dies auch eine Möglichkeit, ohne langen Anfahrtsweg dabei sein zu können. Mittlerweile scheint der Reiz des Neuen aber verflogen und es wird angestrebt, die Intervisionsgruppe – wenn möglich – in Präsenz abzuhalten. Als Gründe dafür werden angeführt: weil dieser Modus mehr Möglichkeiten bietet aufeinander einzugehen und in persönlichen Kontakt zu treten, psychodramatische Spiele und Aufstellungen besser durchgeführt und alle Sinne beim Erfassen der Problematik miteinbezogen werden.

Nicht zuletzt wird der Präsenz-Modus vorgezogen, weil der inoffizielle Teil der Intervision, bei dem gemeinsam geplaudert, gegessen und getrunken wird, im Online-Setting nicht durchgeführt werden kann.

Resümee

Psychodramatische Intervision kann anhand des beschriebenen Beispiels lange Bestand haben und konnte in diesem Fall sogar an die speziellen Bedingungen der Covid-19-Pandemie angepasst werden. Auch wenn es immer wieder notwendig ist, sich neuen Herausforderungen zu stellen, sei es gruppendynamischer Art oder auch bezüglich der aktuellen Ausnahmesituation, deren weiterer Verlauf oder deren respektives Ende noch nicht vorhersehbar ist, erscheint das hier beschriebene Format für psychodramatische Intervision durchaus zur Erweiterung und Vertiefung der psychodramatischen Professionalität geeignet und empfehlenswert. Insbesondere für freiberuflich tätige Psychdramatiker*innen sollte der regelmäßige Austausch und die Reflexion des eigenen psychotherapeutischen Handelns im Rahmen der Intervision selbstverständlich sein.