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Digitalisierung

Als wir vor der Pandemie ein Heft zum Thema Digitalisierung planten, waren wir skeptisch: Digitalisierung ist ein Thema, das unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben, unser Zusammenarbeiten, unsere Demokratie zukünftig massiv beeinflussen wird. Andererseits: PsychodramatikerInnen stehen digitalen Medien oft eher skeptisch gegenüber. Inwieweit werden sich unsere LeserInnen von diesem abstrakten Thema berühren lassen? Lassen sich die vielfältigen Auswirkungen der Digitalisierung auf die Praxis von Psychotherapie, sozialer Arbeit, Pädagogik und Beratung sinnvoll in einem Heft beleuchten? Wie relevant ist digitales Arbeiten für die Psychodrama-Community überhaupt? Ist Psychodrama, für das die gemeinsam erfahrene Szene im physischen Raum doch ein wesentliches Merkmal ist, überhaupt sinnvollerweise in den Online-Kontext übersetzbar?

Dann kam Corona. PsychodramatikerInnen waren gezwungen, sich mit der Arbeit im digitalen Raum auseinanderzusetzen und entdeckten dabei einerseits ungeahnte Möglichkeiten, andererseits stieg der Bedarf nach Reflexion und Selbstvergewisserung sprunghaft an, sowohl im Hinblick auf die technische Umsetzung im Online-Kontext als auch im Hinblick auf die Selbstverortung des Psychodramas in einer sich mit der Digitalisierung verändernden Beratungslandschaft und Gesellschaft.

Schon im ZPS-Heft 1/2021 gewährten Kolleginnen und Kollegen spannende Einblicke in ihre psychodramatische Arbeit unter Pandemie-Bedingungen, in ihre Erfolgsmomente und Zweifel im Online-Kontext. Dieses Heft versucht sich an einer vertieften Auseinandersetzung des facettenreichen Verhältnisses von Psychodrama und Digitalisierung auf zwei Ebenen. Zum einen geht es um die Frage, wie sich im Online-Kontext professionelle Arbeit mit dem Psychodrama gestalten lässt, wie Methodik und Techniken adaptiert werden können, welche Plattformen sich am besten eignen und welche Besonderheiten zu berücksichtigen sind. Zum anderen beleuchten wir, was die Digitalisierung mit den Menschen „macht“, wie sie unser Erleben, unser Handeln und unsere Beziehungen verändert und wie wir als PsychodramatikerInnen in den verschiedenen Formaten auf diese Veränderungen reagieren können.

Die Digitalisierung bestimmt unser Leben in ganz unterschiedlichen Dimensionen. Anders als noch vor wenigen Jahren verbringen viele Menschen einen großen Teil ihrer Arbeit vor dem Bildschirm. Schon im Kindesalter ist die Nutzung digitaler Medien – von der Lern-App über Computerspiele bis hin zu Netflix & Co. – ein selbstverständlicher Teil der Alltagsgestaltung. Soziale Beziehungen werden digital vermittelt angebahnt, gerahmt und gestaltet, wobei das Medium nicht nur die konkrete Interaktion, sondern auch die soziometrische Dynamik (Stichwort Likes) und letztlich die soziale Identität verändert. Digitale Kommunikationsmedien – von E‑Mail über Messengerdienste und Videotelefonie bis hin zu komplexen Kollaborationsplattformen – steigern die Reichweite unserer Kommunikationsmöglichkeiten. Digitale Medien ermöglichen es, mit Freunden in Südafrika, Psychodrama-KollegInnen in Indien oder den Angehörigen im abgeschotteten Seniorenheim in Interaktion zu treten, und das in hoher technischer Qualität und ohne nennenswerten Aufwand. In Unternehmen schreiten Automatisierung und Robotisierung voran, KI unterstützt bei ärztlichen Diagnosen, beim Übersetzen von Texten oder beim fahrerlosen Fahren. Bargeldloses Zahlen ist Standard, Computerhandel und Kryptowährungen führen zu Verwerfungen auf den Finanzmärkten. Fitnesstracker, Navigationssysteme, intelligente Haustechnik und Bewertungsapps unterstützen uns in der Optimierung und Standardisierung unseres Lebens. Bots beeinflussen Diskurse in den sozialen Medien und damit den politischen Willensbildungsprozess in Demokratien, in Autokratien sind die Handydaten der BürgerInnen wichtigere Herrschaftsinstrumente als Polizei und Armee. Im Kampf der Systeme haben sich die Battlegrounds ins Internet verlagert. Der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft mit seinen derzeit zu beobachtenden sozialen Verwerfungen und Milieukonflikten wäre ohne Digitalisierung nicht vorstellbar. Und dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der gesellschaftlichen Dynamiken, die durch die Digitalisierung ausgelöst oder verstärkt werden.

Vor diesem Hintergrund ist die These des Soziologen Dirk Baecker (2007) sehr überzeugend, der in der Digitalisierung die vierte große gesellschaftsverändernde Revolution nach der Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks sieht. Jedes neue Verbreitungsmedium birgt nicht nur (wie jede andere neue Technologie) Chancen und Risiken, sondern hat das Potenzial, gesellschaftliche Strukturen grundlegend in Frage zu stellen – man denke an den Buchdruck, der Wissen nicht nur auf breiter Basis verfügbar machte, sondern damit auch die Hegemonie des Klerus und des Adels aufbrach:

Jedes in der Evolution der Gesellschaft neu auftretende Verbreitungsmedium der Gesellschaft attrahiert neue Möglichkeiten der Kommunikation, das heißt des Erreichens und Verstehens neuer Kreise von Adressaten, und bedroht damit die bisherige Struktur und Kultur, die bisherigen Institutionen, Konventionen und Routinen, die auf die Modalitäten der älteren Verbreitungsmedien eingestellt sind. (Baecker 2017, S. 5 f.)

Solche Befürchtungen, die Baecker mit Verweis auf Luckmann schon in der Skepsis Akademie Platons gegenüber der Einführung der Schrift sieht („Man schaut auf Ägypten, befürchtet ein Erkalten des Gemüts im Medium der bürokratisch verschriftlichten Kommunikation und setzt dagegen das lebendige Gespräch der mit Herz und Verstand in ihrer jeweiligen Gegenwart engagierten Menschen“, ebd., S. 7), sind auch in den heutigen Reaktionen auf die Digitalisierung zu finden. Zweifellos gibt es zahlreiche gute Gründe, den Begleiterscheinungen der Digitalisierung skeptisch gegenüberzustehen. Auf der anderen Seite sollte diese Skepsis nicht den Blick auf die Chancen verstellen.

Die Digitalisierung in ihren verschiedenen Aspekten ist ein selbstverständlicher Teil unseres Lebens geworden. Gerade für Jugendliche und die „Digital Natives“ der Generation Y ist die permanente Vernetzung nicht nur mit dem Freundeskreis, sondern auch mit einer größeren Community von Followern mittlerweile identitätskonstituierend. Erwartungen im Hinblick auf Erreichbarkeit, Kontakthäufigkeit usw. verändern sich, getrieben auch durch die Plattformanbieter, die ihren WerbekundInnen hohe und regelmäßige Klickzahlen bieten müssen (Beispiel Snapchat). Jugendliche fürchten oft, Wichtiges zu verpassen oder sozial marginalisiert zu werden, wenn sie offline sind (Calmbach et al. 2020). Wer auf viele Likes Wert legt, muss den (imaginierten) Erwartungen der Netzcommunity gerecht werden, zumal Feedback fast aufwandslos und ohne Differenzierungsmöglichkeit gegeben werden kann – dies gilt für Restaurants und Online-Shops ebenso wie für private Player auf dem Bühne des Worldwide Web. Ein Klick kann über Status, Chancen und Selbstwertgefühl entscheiden (plastisch zu Ende gedacht in Dave Eggers’ „The Circle“ und Marc-Uwe Klings „Qualityland“). Die mediale Formung eines unrealistischen Körperbildes wird durch die sozialen Medien verstärkt (Calmbach et al. 2020). Mit dem Anpassungsdruck verändern sich auch Techniken der Selbstinszenierung und letztlich Identitäten. Abweichende Subkulturen werden durch das Internet einerseits fast zum Verschwinden gebracht, oder ihre Abkoppelung von anderen gesellschaftlichen Communities wird durch die Bildung von Filterblasen verstärkt.

Oliver Hidalgo von der Universität Regensburg verweist in seinem Übersichtsartikel zur Diskussion über Digitalisierung und Demokratie in diesem Zusammenhang auf Cass Sunstein (2017), Professor an der Harvard Law School:

Politisch droht jene Entwicklung in ein Fiasko zu münden, weil die isolierte Konstitution des Selbst […] der persönlichen Begegnung der Bürger, ihrem Austausch von Argumenten sowie dem konstruktiven Umgang mit Dissens widerstrebt. Anstatt in schwierigen Fragen Kompromissfähigkeit auszubilden, schüren die Echokammern des Internet das ungebremste Vertrauen in die eigene Meinung, welches durch die nun grenzenlos mögliche exklusive Diskussion mit Gleichgesinnten weiter verfestigt wird. Eine derartige Kommunikationsrealität provoziert nach Sunstein notgedrungen die soziale Fragmentierung, Polarisierung und Radikalisierung von Gruppen bis hin zur Salonfähigkeit von Extremismus und Gewaltbereitschaft […]. (Hidalgo 2020, S. 82)

Shitstorms können über Existenzen entscheiden, wobei oft unklar ist, inwieweit es sich bei den solchermaßen Protestierenden um einen repräsentativen Spiegel der öffentlichen Meinung, um eine kleine, mit zu viel Zeit versehene Splittergruppe oder um von Fake-Accounts aus operierende Bots im Auftrag propagandistischer Agenten handelt.

Dass sich Fake News und Verschwörungstheorien z. B. im Kontext der US-Präsidentschaftswahlen oder in der Corona-Pandemie so stark ausbreiten konnten, wäre ohne das Internet nicht vorstellbar gewesen. Damit wird das Internet zum Machtfaktor, der nicht nur gesellschaftliche Konfliktlinien vertieft, sondern auch durch die fehlende Bindung an Professionsstandards des Journalismus oder die auf Emotionalisierung und Dramatisierung abzielenden Algorithmen von Plattformen wie Youtube der politischen Polarisierung und Radikalisierung Vorschub leistet. Die von Hidalgo zitierte Analyse von Stalder (2016) zu den Implikationen der Digitalisierung für die Demokratie weist allerdings nicht nur auf diese Gefahren, sondern auch auf konstruktive Potenziale hin, z. B. die Möglichkeiten des Internets für eine breitere politische Partizipation oder die gemeinsame Schaffung von commons wie Wikipedia.

In der Summe kommt Hidalgo (2020) zu dem Schluss, „dass die Krisendiagnostik im Hinblick auf das Verhältnis von Digitalisierung und Demokratie derzeit noch deutlich besser funktioniert, als dass sich auf dem Feld der Therapievorschläge bereits tragfähige und innovative Lösungen abzeichnen würden“ (S. 102).

Während im Hinblick auf die Auswirkungen der Digitalisierung auf Identität, Beziehungsgestaltung, familiäres Leben oder Gesundheit noch großer Forschungsbedarf besteht, sind ihre Folgen für die Arbeitswelt bereits intensiv diskutiert und beschrieben worden (z. B. Schneider 2018). Gerade in der Pandemie hat sich gezeigt, welche Möglichkeiten digitale Medien für die Zusammenarbeit bieten. Arbeit wird (zum Teil) ortsunabhängig, was Wegezeiten und damit verbundene CO2-Emissionen einspart. Frei werdende Büroflächen können in Wohnraum umgewandelt werden und so den Wohnungsmarkt entlasten. Auf der anderen Seite kann die Digitalisierung dazu beitragen, dass sich die soziale Schere weiter öffnet, denn es sind oft eher die höherwertigen Tätigkeiten, die mit einem hohen Maß an Selbstbestimmung und Flexibilität auch von zu Hause aus erledigt werden können.

Chancen und Begrenzungen, technische Möglichkeiten und soziale Folgewirkungen werden auch in unserem Heft von verschiedenen Perspektiven aus beleuchtet. Man könnte sagen, dass das Psychodrama in einem natürlichen Spannungsverhältnis zur Digitalisierung steht, da es ja gerade von der analogen Darstellung (im Sinne der Gegenüberstellung von analoger und digitaler Kommunikation nach Watzlawick, Beavin & Jackson) lebt. In der Tat hat sich die Psychodrama-Community gegenüber den digitalen Medien lange Zeit eher distanziert verhalten, bis sie unter der Notwendigkeit der Pandemie die Möglichkeiten digitalen Arbeitens entdeckte (damit ist sie übrigens in guter Gesellschaft mit anderen humanistischen Ansätzen wie der Supervision). Folgt man aber Baeckers Gedanken, dass „die Analogkommunikation an die Stelle von Negation, über die sie nicht verfügt, die Widersprüchlichkeit setzt (also die Komplexität)“ (Baecker 2017, S. 4)., muss man das Psychodrama nicht als Antipoden, sondern als reflexives Korrektiv für die Veränderungsdynamiken auf individueller und kollektiver Ebene sehen, als Ort, in dem diese Dynamiken erlebbar, beobachtbar und in den Diskurs gebracht werden können. Psychodrama und Soziodrama ermöglichen es, Widersprüchlichkeit und Komplexität in unserem Verhältnis zur Digitalisierung auf die Bühne zu bringen. Das versucht auch das vorliegende Themenheft.

Katharina Novy vertieft in ihrem Grundlagenbeitrag „Szenen der Digitalisierung – Sozialwissenschaftliche Blicke auf alltägliche Erfahrungen“ die hier angerissene Analyse. Die Autorin sieht in der Digitalisierung Folge ebenso wie Treiber des von Hartmut Rosa mit „dynamische Stabilisierung“ bezeichneten, für moderne Gesellschaften prägenden Dreiklangs von Wachstum, Beschleunigung und Innovierung. Rosas Resonanzkonzept sieht Novy als Gegenbild zu dieser Entwicklung. Big Data und digitale Kommunikationsmedien legten eine Zergliederung der Welt nahe, dem es eine Perspektive der Ganzheitlichkeit entgegenzusetzen gälte. Folglich plädiert Novy dafür, die Digitalisierung nicht als feststehende Prämisse zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklungen unhinterfragt zu lassen, sondern die Frage nach dem guten Leben an den Anfang zu stellen. Das Psychodrama könne dann Resonanzräume eröffnen, in denen diese Frage exploriert werden kann – und dort, wo digitale Kommunikation (z. B. in Form von Videokonferenzen) als sinnvoll erachtet werde, auf die Bedeutsamkeit der Resonanzerfahrung hinweisen und so als Korrektiv dienen.

Karsten Krauskopfs Artikel „Wenn die Kamera dunkel bleibt – Psychodramatische Überlegungen zur Rolle digitaler Medien beim Lehren und Lernen“ führt uns als erster in ein konkretes Anwendungsfeld psychodramatisch-digitalen Arbeitens. Untermauert mit einem Fallbeispiel aus der Hochschullehre beschäftigt er sich mit dem Aufforderungscharakter – Affordanzen – digitaler Medien. Er beschreibt die Verlockung mithilfe der Videokonferenzsoftware „Zoom“ „soziometrisches Roulette“ zu spielen, beispielsweise durch die Einteilung von Zufallsgruppen. Neben den Grenzen digitalen Arbeitens weist er auch auf neue Chancen hin, etwa – ganz im Sinne Morenos – Teilnehmenden zumindest teilweise in ihren „wirklichen Lebenslagen“ zu begegnen.

Petra Nonnenmacher gewährt uns mit ihrem Beitrag „Psychodrama und Digitalisierung – Beziehungsstatus: ‚Es ist kompliziert‘!“ ebenfalls Einblicke in der Praxis der Hochschullehre. Auch wenn ihr Fazit bleibt, dass Psychodrama im virtuellen Raum kompliziert(er) sei, so zeigt sie doch vielfältige Möglichkeiten auf, wie dieser kreativ bespielt werden kann: beispielsweise durch die Nutzung eines digitalen Whiteboards für die Arbeit am sozialen Atom oder die kombinierte Arbeit mit Tischbühne bei der Leiterin und Stühlen bei den Teilnehmenden.

Wie Katharina Novy in ihrem Grundlagenbeitrag nimmt auch Christian Stadler zu Beginn seines Beitrags „Digitalisierung in der Psychotherapie – Die Video-Sprechstunde und der virtuelle Behandlungsraum als Change by Desaster-Setting“ auf Rosas Resonanzkonzept Bezug, kommt damit aber zu einer positiveren Einschätzung. Ausgehend von Pruckners bekanntem Konzept der drei Arbeitsbühnen beschreibt er anhand kurzer Impressionen aus seiner therapeutischen Praxis, wie der Kontakt auf der Begegnungsbühne und die Arbeit auf der Spiel-Aktionsbühne auch im virtuellen Raum gestaltet werden können. Die Fallbeispiele zeigen, wie TherapeutInnen mit Hilfe szenischen Verstehens auch aus dem Online-Kontakt wichtige Informationen entnehmen können, zumal es der Videokontakt den TherapeutInnen ermöglicht, einen sonst verborgenen Blick in den privaten Bereich der PatientInnen zu werfen. Der Beitrag schließt mit praktischen Hinweisen zur konkreten Gestaltung sowie einer Diskussion der Vor- und Nachteile von Video-Sprechstunden.

Auch Reinhard Krüger zeigt uns mit seinem Beitrag „Der psychosomatische Resonanzkreis: Wie man die wichtigsten Wirkfaktoren des Psychodramas auch in der Online-Begegnung nutzt“ wie Online-Psychodrama im therapeutischen Setting aussehen kann. Weil eine „Online-Begegnung“ größeren Einschränkungen unterworfen ist als eine „Live-Begegnung“ empfiehlt er, sich „eventuelle Lücken“ in der psychosomatischen Wahrnehmung bewusst zu machen und diese zu schließen, etwa über psychodramatische Selbstsupervision oder die standardisierte Einrichtung einer hilfreichen Stuhl-Konstellation im realen Zimmer der PatientIn.

Christof Mitter weist mit seinem Artikel „Das Wagnis schwuler sexueller Begegnungen – psychodramatische Aspekte schwuler Sexualität unter dem Blickwinkel der Digitalisierung“ darauf hin, dass die Auswirkungen der Digitalisierung zum Thema in der Therapie selbst werden können. Das vielfältige Online-Angebot von Hook-Up-Apps, über Dating-Plattformen und Pornos wirkt sich auf Rollenerwartungen und -entwicklung schwuler Männer aus. Christof Mitter arbeitet diese theoretisch auf und gibt Einblicke in seine monodramatische Sexualtherapie-Praxis, die unter anderem das Ziel hat „sexuelle Spontaneität und Kreativität“ online wie offline zu erhalten und/oder zu entwickeln.

Diane Adderley beschreibt in ihrem englischsprachigen Beitrag „A Year (and more) of Sociodrama Online: The Covid Era 2020/2021“ ihre persönliche Lernreise als Soziodramatikerin während der Corona-Zeit. Sie skizziert, wie sie und ihre KollegInnen von iSCAN (international Sociodrama and Creative Action Network) nach und nach ihre Arbeitsweise an den virtuellen Raum angepasst haben, sei es indem sie mehr Zeit für ihre Soziodrama-Sessions angesetzt haben oder indem sie ihr Vorgehen zu einer vertiefenden Rollenübernahme präzisiert haben. Weiterhin gibt Diane Adderly ein Blitzlicht über die zugenommenen internationalen Soziodrama-(Online‑)Aktivitäten.

Gespräche mit KollegInnen und anderen PsychodramatikerInnen sind in der Pandemie oft zu kurz gekommen. Jan Kretzschmar, Christoph Buckel und Andreas Perlwitz lassen uns in ihrem Artikel „Digitalisierung – Veränderungsmanagement zwischen analogen und digitalen Welten“ ein solches kollegiales Gespräch belauschen. Die drei tauschen die Erfahrungen, Eindrücke und Erkenntnisse aus, die sie als interne Berater der Deutschen Bahn im Online-Kontext gemacht haben. Für die ZPS ist dieses Gespräch unter Fachkollegen auch ein Experiment – lassen Sie uns gerne wissen, ob Sie dieses neue Textformat zu eigenen Erkenntnissen über die Arbeit im virtuellen Raum inspiriert hat.

Stefan Woinoff und Sabine Kistler entwerfen mit ihrem Beitrag „Partnersuche in Zeiten der digitalen Kommunikation – Liebe zwischen Bits und Bytes“ einen differenzierten Blick auf die digitale Beziehungsanbahnung: Einerseits scheinen grundsätzlich ähnliche Gesetze zu gelten wie offline, andererseits erschwert beispielsweise die „Tendenz zur Selbstüberschätzung“ das auch dauerhaft passende Match zu finden. Hat man sich dann wiederum digital gefunden, können so entstandene Beziehungen auch langfristig stabil sein.

Christiane Eichenberg stellt in ihrem Artikel „Digitale Mediensüchte“ aktuelles Störungswissen zu Internet- und Smartphonesucht zusammen. Die Autorin präsentiert und diskutiert Studien zu Nosologie, Diagnostik, Prävalenz und Komorbiditäten, Ätiopathogenese sowie Behandlung. Ein besonderer Schwerpunkt ist Studien zum Zusammenhang von pathologischer Internet- und Smartphonenutzung und Bindungsstilen gewidmet. Abschließend stellt Eichenberg – auch auf der Basis eigener Forschung – Überlegungen zu einer standardisierten Medienanamnese in Psychotherapien an.

Der Toolbox-Artikel von Angela Christoph & Matthias Hunger gibt einen sehr kompakten und praxisorientierten Überblick über Software für Videokonferenzen. Die AutorInnen gehen dabei nicht nur auf Unterschiede im Funktions- und Leistungsspektrum ein, sondern fokussieren besonders auf die Möglichkeiten, die die verschiedenen Plattformen für die psychodramatische Arbeit bieten. Damit geht der Beitrag über eine fundierte „Gebrauchsanleitung“ für Videokonferenz-Software hinaus und inspiriert auch zum Experimentieren mit dem Online-Setting.

Der themenungebundene Teil wird von Ferdinand Buer eröffnet, der in seinem Beitrag „Kreativität zum Glück“ die Corona-Pandemie aus psychodramatischer Perspektive beobachtet. Buer geht von der These aus, dass ein glückendes Leben davon abhängt, inwieweit wir Kreativität mobilisieren können, um unvermeidbare soziale Spannungen (wie sie die Pandemie mit sich brachte) angemessen zu bewältigen. Auf der Basis einer profunden Beschäftigung mit dem Morenoschen Kreativitätskonzept und dem Glückskonzept beleuchtet Buer, wie Kreativität uns zu einem glückenden Umgang mit den Spannungsfeldern Freiheit und Solidarität, Liebe und Streit, Vernunft und Gefühl, Streben und Sollen sowie Aktion und Kontemplation verhelfen kann.

Kerstin Karlhuber setzt in ihrem Artikel „Pathologisches Horten vor dem Hintergrund der psychodramatischen Entwicklungstheorie: Warum genug nie genügen kann“ innere mit äußeren Bühnen in einen Zusammenhang. Die Autorin berichtet von ihrer psychodramatischen Arbeit mit Messies, bei der sie dabei hilft, stärkende Rollen im „inneren Chaos“ zu finden und zu entwickeln.

Ressourcenorientiert geht es mit Uwe Nowak und seinem Beitrag „Das Zürcher Ressourcenmodell als Anreicherung für die Psychodramapraxis. Mit Hund und Elefant über den Rubikon“ weiter. Sehr plastisch beschreibt Nowak in Fallbeispielen, wie Zürcher Ressourcenmodell und Psychodrama Hand in Hand gehen können, beispielsweise durch die Formulierung von „Wenn-Dann-Plänen“ für die Gestaltung von Lösungsszenen.

Im Teil Vernetzung blicken Jacomien Ilbrink und Gerda Mävers auf 30 spannende Jahre Ausbildungspraxis der Psychodrama Association for Europe e. V. als „Real-Life-Soziodrama“ zurück. Maud Bermann und Gudrun Koch beschreiben „Digitalisierung als Chance zur Vernetzung, zum gemeinsamen Lernen und co-kreativer Gestaltung im Deutschen Fachverband für Psychodrama e. V. (DFP)“.

Die Beziehung zwischen Psychodrama und Digitalisierung bleibt spannend und selbstverständlich sind längst nicht alle Fragen beantwortet. Wir wollen Sie, liebe LeserInnen, mit diesem Themenheft zum Nachdenken und Ausprobieren einladen.

Falko von Ameln und Christoph Buckel

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von Ameln, F., Buckel, C. Digitalisierung. Z Psychodrama Soziom 20, 187–194 (2021). https://doi.org/10.1007/s11620-021-00616-x

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