1 Das Wohnhaus von J. L. Moreno – ein Haus mit Geschichte

1919 wurde dem jungen Arzt J. L. Moreno ein Haus von der Gemeinde Bad Vöslau in Miete zur Verfügung gestellt.

Die Stadt gab mir ein Haus „Im Maital“. Das Mai-Haus war aus Stein, eher eine kleine Burg mit einem Turm. Eine lange Veranda verlief das ganze Tal überblickend entlang der Rückseite des Hauses. Es gab auch einen enormen Weinkeller, den größten der Stadt, der unter dem Haus und darüberhinaus aus dem Fels gehauen war. Das Haus war von Bäumen umsäumt. (Moreno 1995, S. 92)

Das Haus, das Moreno in seiner Vöslauer Zeit als Arbeits- und Wohnhaus nutzen konnte, war 1840 als „kleines Schweizerhaus“ in Materialbauweise errichtet worden und wurde ursprünglich als Neben- und Wirtschaftsgebäude des gräflich Fries’schen Försterhauses genutzt. Es lag direkt neben der Ursprungsquelle des Bad Vöslauer Mineralwassers und hatte die malerische Anschrift „Maital 4“. 1843 mietete Robert Schlumberger das Gebäude und erzeugte, im großen, unter dem Gebäude gelegenen Felsenkeller, den ersten – nach der Champagnermethode hergestellten – österreichischen Schaumwein.

Moreno wohnte und wirkte im Haus Maital 4 bis 1925. Dass der Ort große Bedeutung für ihn hatte, kommt in seinen Gedichten, in seinen Kommentaren, in seiner Rede anlässlich der Ehrung der Universität Wien 1969 und in Erzählungen von Zeitzeugen immer wieder zum Ausdruck.

O Maithal, mein Haus.O hatte ich je noch ein Haus.O in Edens Hall und BlauDas einzige irdene Haus.Hier ist mein Thron, mein Bett.Hier ist mein Bett auch mein Thron.Kein Engel erreicht dieses Wort.Ich wende mich um und bin dort.Ich bleibe am Ort und bin dort.(Moreno 1922, S. 104)

Von der Form des Hauses zu Zeiten Morenos ist heute nur noch der vordere Teil erhalten. Er umfasst ebenerdig zwei Wohnräume, einen Vorraum und zwei bergseitig gelegene Lagerräume. Eine Holztreppe führt in den ersten Stock, in dem sich drei Wohnräume befinden. Das Haus steht seit mehreren Jahren leer und befindet sich im Besitz der Vöslauer Bad-, Betriebs- und Besitz GmbH, die wiederum der Ottakringer Brauerei gehört. Die Spuren des Verfalls werden von Jahr zu Jahr offensichtlicher. „Vor drei Jahren wurde […] das Dach komplett saniert, damit das Haus in seiner Grundsubstanz erhalten bleibt“, erklärt Bettina Racz, Leiterin der Vöslauer Bad-, Betriebs- und BesitzgesmbH (Kranzl 2013). So wird das Haus zwar prinzipiell erhalten, aber derzeit nicht genutzt.

1.1 Das Haus revitalisieren – AktivistInnen aus verschiedenen Berufsfeldern schließen sich zusammen

Bereits seit den 1980er Jahren gibt es internationale Bemühungen, den Rest des Wohnhauses Maital 4 zu revitalisieren. Verschiedene nationale und internationale kleinere und größere Netzwerke bildeten sich, denen die Adaptierung des Hauses als „Morenomuseum“, als Gedenk- und Forschungsstätte ein Anliegen ist. Die einzelnen Mitglieder und Teams setz(t)en sich aus unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen (PsychotherapeutInnen, PsychodramatikerInnen, Kultur- und Filmschaffende, Bildungsverantwortliche, PolitikerInnen, UnternehmerInnen, ArchitektInnen, KünstlerInnen u. a.). Sie agier(t)en in unterschiedlich langen Gruppenzusammensetzungen und Arbeitsformen auf diversen gesellschaftlichen nationalen und internationalen „Bühnen“, um Ideen und Visionen eines Museums weiter zu entwickeln.

So gestaltete eine Initiativgruppe ab dem Sommer 2004 intensive Begegnungsphasen, um eine gemeinsame politische Aktionsplattform zwischen Behörden in Bad Vöslau, den Eigentümern der Liegenschaft Maital 4 und deren VerwalterInnen zu schaffen. Gleichzeitig wurden, durch erwärmende Präsentationen der Museumsidee auf den internationalen Bühnen angeregt, „gemalte Bausteine für ein Morenomuseum“ gefertigt und vertrieben, und ebenso mit internationaler Beteiligung eine kleine Filmdokumentation über das ehemalige Wohnhaus von J. L. Moreno in Vöslau gedreht.Footnote 1 Zur gleichen Zeit beginnt in Österreich ein Team am „Bau“ virtueller Beteiligungsräume und im deutschen und italienischen Raum werden Modelle von bereits geglückt renovierten Bauprojekten (mit Stiftungsunterstützungen) gesammelt, die als Vorlagen für ein Morenomuseum dienen können. Für die Gründung eines Trägervereines werden Statuten erarbeitet. Auch verschiedene Formen von Benefizveranstaltungen (Weiterbildungsseminare, Theateraufführungen) und ein größeres Fundraisingprojekt werden im Wiener Raum initiiert.

Um den kommunikativen Austausch zwischen den AkteurInnen, PartnerInnen und UnterstützerInnen zu stärken und um parallel dazu Beiträge für die Finanzierung des Projektes zu lukrieren, bildet sich ab Sommer 2005 ein eigenes Entwicklungsteam zur Gestaltung einer „Museumswebsite“. Damit soll der virtuelle Raum für Information und Formung der Museumsideen genützt werden.

2 Zeitbrücken spannen zwischen realem und virtuellem Aktionsraum

In einem ersten Schritt sollte eine statische Webseite (www.morenomuseum.at) die umfassende Idee eines Morenomuseums – als Ort lebendiger Interaktion und Begegnung in Bad Vöslau – gleichsam wie ein „Incentive“ befördern, und das Miteinander zwischen handelnden Personen und Gruppen stärken (Vernetzung I). Der Webauftritt ist von Anfang an international angelegt – in Englisch und Deutsch ausgeführt – und beinhaltet im Entwurf auch Komponenten für einen virtuell lebendigen Begegnungsraum. So war gemeinschaftliches Einrichten von Wissensplattformen und das Gestalten virtueller innenarchitektonischer Spielräume inklusive eines 360°-Innen-und-Außen-Panoramas des Hauses Maital 4 geplant. Als erstes interaktives Element sollte es für die BenutzerInnen des virtuellen Raumes die Möglichkeit geben, in ein leeres 360°-Panorama eigene Ideen für die Einrichtung eines Morenomuseums mit Texten und Bildern zu gestalten. Für eine spätere Ausbauphase waren dazu weitere interaktive Elemente geplant: ein Weblog aller am Projekt Beteiligten und E-Learning-Netzwerke in Verbindung mit Universitäten und anderen wissenschaftlichen psychotherapeutischen Forschungsinstitutionen (Vernetzung II). Dieses erste Konzept, das auch für einen Kulturpreis des Landes NÖ 2007 im Bereich Design eingereicht wurde, beinhaltet zudem eine virtuelle Führung durch die realen Räume des Wohnhauses im jetzigen Zustand, sodass die realen szenischen Konstanten „Ort, Umgebung, Geschichte und Kommunikation“ und die virtuellen zu einer lebendigen, interaktiven Wirklichkeit verknüpft werden.

Da dieses erste interaktive Beteiligungskonzept von einem Fundraisingsprojekt im realen Aktionsraum „gestoppt“ wurde, ist bis dato nur die Variante einer statischen Webseite realisiert.

2.1 Visuelle Gestaltung des Webauftrittes

Diese ist von Anfang an von Emotionen, die in Morenos lyrischen Texten über das Haus Maital 4 zum Ausdruck kommen, geleitet. Frische und verspielte, naturnahe und intensiv gehaltene Farbgebungen sollen den kreativen und unkonventionellen Menschen Moreno und seine Zugänge zu Menschen und Wissenschaft zum Ausdruck bringen. Im Kontrast zu dieser intensiven Farbgebung wurde eine Schwarz-Weiss-Fotografie von Moreno gesetzt. Sie zeigt ihn bei der Ehrung durch den Bürgermeister von Bad Vöslau im Jahr 1969: mit ausgebreiteten Armen vor seinem ehemaligen Wohnhaus stehend, als jenen „Mann, der Freude und Lachen in die Psychiatrie brachte“Footnote 2.

Der Inhalt der Webseite konzentrierte sich in der Anfangsphase auf erste Informationen zum Wohnhaus, auf die Visionen der Renovierung, Teile der Entwicklungsgeschichte des Museumsprojektes und der Vorstellung einiger Projektmitglieder. Eine Bildergalerie zum realen Haus soll zudem überzeugend die Dringlichkeit des Renovierungsanliegens sichtbar machen (Abb. 1).

Abb. 1
figure 1

Interaktive Internetplattform als kultureller Erzählvorgang zur Schaffung eines Morenomuseums Bad Vöslau, Maital 4. (Gestaltung: Kulturinitiative „Moreno-Museum“)

3 Begehbare Erinnerungen – im Stadtmuseum Bad Vöslau und als virtueller „Morenoguide“

Durch ForschungsarbeitenFootnote 3 der letzten Jahre konnten einige Gegenstände Morenos aus seiner Wirkungszeit in Bad Vöslau recherchiert und sichergestellt werden. Gemeinsam mit den bereits im Stadtmuseum Bad VöslauFootnote 4 archivierten historischen Fotografien und Objekten haben diese seit Mai 2013 in einer eigens gestalteten VitrineFootnote 5 einen festen Platz bekommen. Dort gibt es zudem auch eine digitale Station, die Videos, Zeitschriften, Objekte und Links präsentiert. In einem weiteren Schritt ist nun ein webbasiertes „Itinerarium“Footnote 6 – eine Art Reisebegleiter für „Moreno-PilgerInnen“ – geplant, das wichtige Lebensstationen Morenos präsentiert und auch auf Tablets und Smartphones zur Verfügung stehen soll. Damit sind die Erinnerungen für BesucherInnen aus der ganzen Welt begehbar: Wohn-, Arbeits- und Wirkungsstätten Morenos in Wien, Bad Vöslau und Mitterndorf an der FischaFootnote 7.

Mit der Einrichtung der Website http://www.morenomuseum.at melden sich mit steigender Regelmäßigkeit PsychodramtikerInnen aus der ganzen Welt per E-Mail. Sie fragen nach einem „Moreno-Museum“ als festes Gebäude mit regelmäßigen Öffnungszeiten und angestelltem Personal, und stellen überrascht fest, dass es ein solch „traditionelles“ Museum derzeit nicht gibt. Was es gibt, das sind neue, erweiterte Räume der Interaktion, der internationalen Begegnung und gemeinsam „begehbare“ Erinnerungsstätten.

Zu hoffen bleibt, dass sich zwischen diesen Räumen des derzeitigen „lebendigen“ Morenomuseums auch das Geräusch, das Moreno eines Nachts in der oberen Etage seines Hauses hörte, als seine Haushälterin Frau Frank vor einem Tisch mit einem „Haufen Gulden, Gulden, Gulden“ (Moreno 1995, S. 9) stand, wieder einstellt, und das Haus „Maital 4“ einmal für BesucherInnen offen steht (Abb. 2, 3 Footnote 8, 4, und 5).

Abb. 2
figure 2

Grundriss des Hauses Maital 4 im Jahr 1953. (aus: Wildhaber 2006, S. 113; Kuramt Bad Vöslau)

Abb. 3
figure 3

Das Ordinationsschild von J. L. Moreno am Haus Maital 4. (Quelle: Stadtmuseum Bad Vöslau)

Abb. 4
figure 4

Das Haus Maital 4 – Aufnahme aus dem Jahr 2013. (Scherr)

Abb. 5
figure 5

Baustein: Spende für das Morenomuseum. (Gestaltung: Carlos Meira)