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Zeitschrift für Erziehungswissenschaft

, Volume 21, Issue 1, pp 1–3 | Cite as

Editorial

  • Jens Möller
  • Johanna Fleckenstein
  • Sandra Preusler
  • Isabell Paulick
  • Jürgen Baumert
Editorial
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Das Erlernen mehrerer Sprachen gilt als wesentliches Ziel von Bildungsprozessen. Dies geschieht üblicherweise als Fremdsprachenlernen; als schulisch gesteuerter Prozess des Lernens einer Zweitsprache (L2) in eigens dafür geschaffenen institutionalisierten Übungssituationen, meist im Klassenverband, gemeinsam mit Mitschülerinnen und Mitschülern und Lehrkräften, für die die zu lernende Fremdsprache ebenfalls nicht die Erstsprache (L1) ist. Im Gegensatz dazu fokussiert dieser Beitrag auf Formen des schulisch institutionalisierten Zweitsprachenlernens, in denen Lernende neben der Verkehrssprache des Landes eine weitere Sprache als Unterrichtssprache in sprachlichen und in nicht-sprachlichen Fächern verwenden. Vom Zweitsprachenerwerb wird das Fremdsprachenlernen als meist schulisch gesteuerter, weniger authentischer Prozess des L2-Erwerbs unterschieden, der stärker über explizites Regellernen geschieht.

Ähnlich wie beim Erwerb der L1 sind beim Zweitsprachenerwerb implizit gelernte kommunikative Kompetenzen wichtiger als explizite Regelkenntnis. Der Zweitsprachenerwerb stellt einen relevanten Gegenstand der bildungswissenschaftlichen Forschung dar, an dem die Bildungsforschung mit der fachdidaktischen Sprachforschung kooperiert. Zweitsprachen zu erlernen ist eine Herausforderung sowohl für Personen, deren L1 die Mehrheitssprache ist als auch für Personen, deren L1 eine Minderheitensprache ist. Der Zweitsprachenerwerb von Sprecherinnen und Sprechern der Mehrheitssprache ist oft als bilingualer Unterricht schulisch organisiert, der Zweitsprachenerwerb von Sprecherinnen und Sprechern von Minderheitensprachen geht häufig mit Migration einher und geschieht im Mix aus schulischer und außerschulischer Sozialisation.

In diesem Themenheft werden Ergebnisse der nationalen und internationalen Forschungsbemühungen zu Varianten bilingualen Lernens zusammengetragen. Dabei spiegelt sich die Heterogenität der bilingualen Lernformen in der thematischen Breite des Stichwortbeitrags und der empirischen Arbeiten: Enthalten sind neben dem überblicksartigen Stichwortbeitrag empirische Beiträge zum Content-and-Language-Integrated Learning (CLIL) und zur dualen Immersion. Aus methodischer Perspektive ist es gelungen, neben large-scale-Studien auch einen experimentellen Forschungsansatz und eine stärker interaktionistische Perspektive einzubinden.

Zunächst fassen aber Jens Möller, Johanna Fleckenstein, Friederike Hohenstein, Sandra Preusler, Isabell Paulick und Jürgen Baumert im Stichwortbeitrag den Stand der Forschung zum schulischen Zweitsprachenlernen zusammen. Insbesondere geht es um die Auswirkungen bilingualer Unterrichtsformen auf sprachliche und fachliche Leistungen. Dabei werden methodische Anforderungen entsprechender Studien und vorhandene Forschungslücken deutlich.

Der erste empirische Beitrag von Dominik Rumlich befasst sich mit längsschnittlichen Effekten bilingualen Sachfachunterrichts auf die Englisch-Leistungen und die Englisch-Noten. Die oft beschriebenen positiven Effekte von CLIL auf die Englisch-Leistungen lassen sich danach vor allem auf Selektions- und/oder Vorbereitungseffekte zurückführen. Schülerinnen und Schüler mit CLIL-Unterricht müssen im Fach Englisch deutlich bessere Leistungen zeigen als die Schülerinnen und Schüler, die keinen CLIL-Unterricht haben, um die gleichen Noten zu erhalten.

Im zweiten empirischen Beitrag von Amanda Pastrana, Ana Llinares und Irene Pascual werden sprachliche Interaktionen innerhalb des Geschichtsunterrichts analysiert, verglichen wird zweitsprachige (Englisch) mit erstsprachiger (Spanisch) Instruktion. Im CLIL-Unterricht zeigten die Schülerinnen und Schüler kooperativere sprachliche Interaktionen als im traditionellen Geschichtsunterricht.

Im dritten empirischen Artikel von Esther Volmer, Roland Grabner und Henrik Saalbach werden Sprachwechselkosten beim bilingualen (Deutsch und Französisch) Mathematiklernen untersucht. Solche Kosten zeigen sich sowohl bei einfachen Aufgaben als auch bei komplexen Transferaufgaben.

Um duale Immersion geht es im vierten empirischen Beitrag von Johanna Fleckenstein, Jens Möller und Jürgen Baumert. Der dual-immersive Unterricht an der Staatlichen Europa-Schule Berlin (SESB) wirkt sich danach positiv auf den Lernerfolg in der Fremdsprache Englisch als Drittsprache aus, was als Indikator für zwischensprachlichen Transfer bei den dual-immersiv unterrichteten Schülerinnen und Schülern interpretiert wird. Weiter zeigt sich, dass auch bei Kontrolle wichtiger Hintergrundvariablen die Kompetenzen in der L1 und der L2 mit den Kompetenzen in der L3 zusammenhängen. Schließlich präsentiert Dominik Rumlich drei aktuelle Buchrezensionen zur Thematik.

Alle Beiträge widmen sich den diversen Bedingungen und Ergebnissen bilingualen Lernens. Insbesondere die Gegenüberstellung unterschiedlicher Konzeptionen des Zweitsprachenlernens birgt die Möglichkeit, dieses bislang gegenüber dem Lesen und der mathematisch-naturwissenschaftlichen Domäne eher vernachlässigte Feld schulischer Bildungsprozesse im Rahmen des Themenheftes in den Vordergrund zu rücken. Deutlich wird dabei auch, wie gründliche empirische Analysen zwar manche, aber längst nicht alle großen Erwartungen, die mit innovativen Unterrichtsformen verbunden sind, bestätigen. Wir hoffen, dass wir mit diesem Themenschwerpunkt sowohl die interessierten Forscherinnen und Forscher als auch die Vertreterinnen und Vertreter solcher Ansätze in der Schulpraxis in ihren Bemühungen ermutigen, den Zweitsprachenerwerb und die damit verbundene Forschung weiter zu optimieren.

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Jens Möller
    • 1
  • Johanna Fleckenstein
    • 2
  • Sandra Preusler
    • 1
  • Isabell Paulick
    • 1
  • Jürgen Baumert
    • 3
  1. 1.Christian-Albrechts-Universität zu KielKielDeutschland
  2. 2.Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und MathematikKielDeutschland
  3. 3.Max-Planck-Institut für BildungsforschungBerlinDeutschland

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