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Akademische Lehr-Lern-Forschung im Vergleich: Wissenschaftliche Selbstthematisierungen aus transnationaler Perspektive

Academic research-teaching: a scholarly debate from a transnational angle

Zusammenfassung

International geführte Debatten zur Verbindung von Forschung und Lehre an Universitäten befördern seit den 1990er Jahren Untersuchungen, die das akademische Lehren systematisch aus der Perspektive des Lernens erforschen. Dieser Spezialfall der Lehr-Lern-Forschung erlangt gegenwärtig als forschungsinformiertes Lehren (research-informed teaching) internationale Bedeutung und wird als wissenschaftliche Selbstthematisierung theoretisch diskutiert. Am Beispiel der Lehr-Lern-Forschungslinie „The Scholarship of Teaching and Learning“ zeigt der Aufsatz, dass es sich hierbei nur scheinbar um eine neue Perspektive auf akademisches Lehren und Lernen handelt. Diese These wird anhand ausgewählter Forschungsarbeiten der deutschsprachigen Bildungsgangforschung und Bildungsdidaktik belegt, die in den 1980er Jahren publiziert wurden. Auf der Basis einer vergleichenden Analyse von Merkmalen der jungen angelsächsischen Lehr-Lern-Forschungslinie mit Forschungsarbeiten der deutschsprachigen Bildungsgangforschung und Bildungsdidaktik werden Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen der jüngeren und älteren Form der wissenschaftlichen Selbstthematisierung herausgearbeitet. Neben Gemeinsamkeiten hinsichtlich ihres Erkenntnisinteresses und der von ihnen eingesetzten Untersuchungsmethoden erweisen sich die Forschungslinien dort als verschieden, wo Aussagen über die mikro-und mesostrukturelle Dimension ihres Untersuchungsgegenstandes hinaus zu treffen wären. Indem sie die gesamtgesellschaftliche Dimension ihres Untersuchungsgegenstandes erkennbar zum Thema machen, gehen die älteren deutschsprachigen Arbeiten über die junge angelsächsische Forschungslinie hinaus. Bei einer Übertragung ins Englische könnten sie insofern als Pionierstudien einer international gerade hoch im Kurs stehenden Wissenschaft des Lehrens und Lernens transnationale Relevanz erlangen.

Abstract

Since the 1990’s, international debate regarding the correlation between research and teaching has been encouraging new research, which systematically investigates academic learning from the perspective of learning. The special case of teaching-learning research currently obtained international recognition and will be discussed theoretically as academic self-reflection. The example of the teaching-learning line of research “The Scholarship of Teaching and Learning,” the essay shows as a matter of fact, it only seems as though a new perspective on academic teaching and learning has been established. This thesis is based on selected research by the German educational background research and education didactics, which were published in the 1980s. On the basis of a comparative analysis of characteristics of young Anglo-Saxon teaching-learning lines of research, accompanied by German educational background research and education didactics, similarities and differences between the newer and older forms of scientific self- reflection will be discussed. In addition to similarities in terms of their research interest and methods employed, the lines of research provided discrepancies in statements beyond the micro-and meso-structural dimension of its object of study. By making the overall social dimension of their object of study the clearly identifiable theme, the older German work becomes more expansive than the young Anglo-Saxon line of research. With a translation into English they could be recognized as pioneer studies of international standing and transnational relevance in the field of scholarship of teaching and learning.

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Notes

  1. 1.

    Für eine fundierte Einführung zu „The Research-Teaching Nexus“ vgl. bspw. Gottlieb und Keith 1997.

  2. 2.

    Zu weiteren möglichen Verbindungen von Forschung und Lehre vgl. bspw. Freestone und Wood 2006; Bennett 2007; Halliwell 2008 sowie den Abschn.  3 des Beitrags.

  3. 3.

    „The Scholarship of Teaching and Learning“ wird Bass zufolge (1999, S. 2) als besondere akademische Handlungsaktivität definiert, die nicht nur eine wissenschaftliche Komponente akademischen Lehrens darstelle, sondern vielmehr als „Wissenschaft des Lehrens und Lehrens“ zu bezeichnen sei. Lehren, definiert als ein Bündel von Problemen, sei in diesem Sinne eine wissenschaftliche Auseinandersetzung an sich. Im Folgenden werden „The Scholarship of Teaching and Learning“ und die deutsche Übersetzung als „Wissenschaft des Lehrens und Lernens“ synonym verwendet.

  4. 4.

    Deutliche Parallelen zu dieser Form wissenschaftlicher Selbstthematisierung sind auch in der akademischen Schreibforschung erkennbar (für einen aktuellen Überblick zum university writing vgl. bspw. Castelló und Donahue 2012). Die sogenannten writing studies basieren allerdings forschungsmethodisch im Vergleich zu den hier besprochenen Forschungslinien deutlich stärker auf Analysen studentischer Texte.

  5. 5.

    Neben „universitärer Lehr-Lern-Forschung im engeren Sinne“ und „Hochschulsozialisation“ werden „internationale Vergleichsstudien“, „Hochschulpädagogik und -didaktik“ und „Beratung und Intervention“ unterschieden (Helmke und Krapp 1999, S. 19).

  6. 6.

    Aktuelle deutschsprachige hochschuldidaktische Beiträge können im Sinne der o. g. Auswahlkriterien nicht zweifelsfrei der Perspektive des Bildungserwerbs zugeordnet werden. Sie werden daher nur dann herangezogen, wenn Bezüge entweder auf den angelsächsischen Diskurs des Nexus of Teaching and Research (vgl. bspw. Beyerlin et al. 2014) oder zum SoTL (bspw. Walzik 2012) erkennbar werden.

  7. 7.

    Für den Zeitraum von 2000 und 2007 werden beispielsweise neun internationale Konferenzen zu dieser Thematik aufgeführt (vgl. Halliwell 2008, S. 20 f.).

  8. 8.

    Mit Blick auf die zahlreichen Publikationen zu forschendem Lernen (für eine frühes Plädoyer vgl. Dippelhofer-Stiem und Lind 1987, aktuell vgl. Miethe und Stehr 2007; BAK 2009; Huber 2009; Inowlocki et al. 2010;Welbers 2011; Speck 2012) erscheint forschungsorientiertes Lehren (b) im universitären Projektstudium und in Lehrforschungsprojekten als erwartbar.

  9. 9.

    Fragen zu Analyse und Bedeutung vorgängig erworbenen Wissens, das sowohl im Sinne von Perspektiven als auch im Sinne von Kompetenzen und inhaltlichem Wissen in die jeweiligen Lehrveranstaltungen von den Studierenden eingebracht wird, erweisen sich, wie weiter oben angerissen, auch für „The Scholarship of Teaching and Learning“ als bedeutsames Erkenntnisinteresse (Bass 1999, S. 5).

  10. 10.

    Hutchings (2001, S. 4) spricht in ihrem einführenden Artikel „Approaching the Scholarship of Teaching and Learning“ etwas einfacher von „‚what works‘ questions“ als Teil der von ihr entwickelten Taxonomie von Untersuchungsfragen.

  11. 11.

    Die studentischen Berichte über ihre eigene Sozialisation, sagt Schiek (1982, S. 131), gehörten nicht unbedingt in die Öffentlichkeit. Selbst dann nicht, wenn sie durch Anonymisierungen geschützt würden, da die Welt ein Dorf sei und sie unter keinen Umständen einem bei ihr Studierenden schaden wolle.

  12. 12.

    Vgl. hierzu auch die Ansätze forschenden Lernens bei Inowlocki et al. 2010 sowie Miethe und Stehr 2007.

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Bromberg, K. Akademische Lehr-Lern-Forschung im Vergleich: Wissenschaftliche Selbstthematisierungen aus transnationaler Perspektive. Z Erziehungswiss 18, 551–567 (2015). https://doi.org/10.1007/s11618-015-0621-y

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Schlüsselwörter

  • Wissenschaft des Lehrens und Lernens
  • Verbindung von Forschung und Lehre
  • Wissenschaftliche Selbstthematisierung
  • Deutschsprachige Bildungsgangforschung und Bildungsdidaktik

Keywords

  • Academic research-teaching
  • Academic self-articulation
  • German educational background research and education didactics
  • The scholarship of teaching and learning