Fühlen(d) Lernen: Zur Sozialisation und Entwicklung von Emotionen im Kulturvergleich

Learning (by) feeling: socialization and development of emotions in cross-cultural studies

Zusammenfassung

Forschungen zur Sozialisation und Ontogenese von Emotionen sind in der Sozial- und Kulturanthropologie bisher weitestgehend vernachlässigt worden. Entwicklungspsychologen beschäftigen sich dagegen intensiv mit diesem Thema, wobei sich jedoch das Gros ihrer Studien auf euro-amerikanische Gesellschaften beschränkt und somit kaum Aussagen über interkulturelle Divergenzen zulässt. In diesem Artikel vergleichen wir die Sozialisation von Emotionen in zwei nicht-westlichen Gesellschaften: den Bara in Madagaskar und den Tao auf der taiwanesischen Insel Lanyu. Es wird aufgezeigt, wie folk models von Person, Emotion und Entwicklung mit den jeweiligen lokalen Erziehungspraktiken verknüpft sind. In beiden Gesellschaften werden von den Bezugspersonen Sanktionierungsstrategien angewendet, die mit einem hohen Maß an emotionaler Erregung einhergehen. Während bei den Bara „Furcht“ induziert wird, kommt es bei den Tao zu einer Evokation von „Angst“ und „Scham“. Eine wichtige Frage ist, inwieweit diese „sozialisierenden Emotionen“ an der Herausbildung eines kultur-spezifischen Emotionsrepertoires beteiligt sind.

Abstract

Research on socialization and ontogeny of emotions has been widely neglected in social and cultural anthropology. In contrast, developmental psychologists are occupied intensively with this subject but the majority of their studies focus on Euro-American societies and thus do not explain intercultural differences. In this article we compare the socialization of emotions in two non-western societies: the Bara in Madagascar and the Tao on the Taiwanese Island of Lanyu. It will be illustrated how folk models of person, emotion, and development interrelate with local child rearing practices. In both societies sanctioning strategies are used by care-givers who operate with high levels of emotional arousal. While “fear” is induced among the Bara, in the Tao’s case the evoked emotions are “anxiety” and “shame”. An important question, among others, is to what extent these “socializing emotions” play a role in the development of a culture-specific emotional repertoire.

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Notes

  1. 1.

    Dies spiegelt in paradigmatischer Weise der von LeVine und New herausgegebene aktuelle (2008) Sammelband „Anthropology and Child Development“ wider: Unter den 24 Beiträgen dieses Readers, der für die Zusammenarbeit von Ethnologie und Entwicklungspsychologie plädiert, findet sich kein einziger Aufsatz, der Sozialisation und Entwicklung von Emotionen eigens thematisiert.

  2. 2.

    Vgl. auch die Kritik von Henrich et al. (2010) an der v. a. in der Psychologie vorherrschenden reduktionistischen Beschränkung auf die Untersuchung von Angehörigen euro-amerikanischer Mittelschicht.

  3. 3.

    Dieses Forschungsprojekt wird von der Ethnologin Birgitt Röttger-Rössler (Freie Universität Berlin) in Kooperation mit dem Entwicklungspsychologen Manfred Holodynski (Universität Münster) geleitet. Es wird aus Mitteln der DFG im Rahmen des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ gefördert; s. a.: www.languages-of-emotion.de/de/sozialisation-ontogenese.html.

  4. 4.

    Biochemische Botenstoffe, die durch emotionale Erregungsprozesse freigesetzt werden, führen zu einer Stärkung der entsprechenden synaptischen Verbindungen, während sie dagegen andere neuronale Vernetzungen abschwächen oder auch ganz auflösen, s. LeDoux 2002, S. 200–234.

  5. 5.

    Unter einer Emotionsepisode verstehen wir eine emotional bedeutsame Interaktion zwischen zwei oder mehreren Akteuren, wobei entweder ein klar erkennbarer Emotionsanlass vorliegt oder zumindest einer der Akteure durch Ausdruckszeichen eine emotionale Erregung sichtbar werden lässt.

  6. 6.

    Die Darstellung der Körpersanktion basiert v. a. auf Interviews mit 64 Kindern zu ihren Erfahrungen mit der Körpersanktion und mit 22 Erwachsenen zu ihrem Umgang mit 20 verschiedenen Formen von kindlichem Fehlverhalten.

  7. 7.

    Für die Versorgung und Erziehung des Kindes ist generell die Mutter zuständig. Wenn sie jedoch Essen zubereitet oder sonst etwas zu erledigen hat, springt der Vater ein und kümmert sich um das Kind. Insgesamt verbringen Väter relativ viel Zeit mit ihrem Nachwuchs. Zu dem Kreis der Bezugspersonen gehören häufig auch die Großeltern sowie die Schwestern der Mutter. Aufgrund der Arbeitsmigration nach Taiwan wächst heute ein beträchtlicher Teil der Kinder bei ihren Großeltern auf.

  8. 8.

    Die Bedeutung von jyasnekan kann am besten mit „verachten“, „respektlos behandeln“, „provozieren“ oder „schikanieren“ wiedergegeben werden.

  9. 9.

    Den Tao-Konzeptionen zufolge befindet sich das Selbst in unmittelbarer Gefahr, wenn körperliche Symptome von Angst auftreten, die den potentiellen Austritt der Seele anzeigen. Eine Person, die erkennen lässt, dass sie Angst hat, muss zudem noch soziale Ausgrenzung fürchten. Bekommt z. B. ein Mann beim Fischen Angst und wird dies für die anderen Fischer ersichtlich, so haben sich die anito seiner Seele bemächtigt, was für alle zur Gefahr werden kann, da diese „Geister“ sich dem Boot und der Besatzung anheften könnten. Niemand will den Ängstlichen deshalb weiter an Bord haben. Aus indigener Sicht besteht hier also eine Notwendigkeit zur sozialen Ausgrenzung, was den Druck für die betroffene Person enorm erhöht.

  10. 10.

    Da Personen unter 35 heute der Muttersprache nicht mehr mächtig sind, wurden die Schüler gebeten, die Emotionswörter auf Chinesisch aufzuschreiben. Die chinesische Entsprechung von maniahey ist ³ (haipa).

  11. 11.

    Für Mädchen bzw. Frauen gilt das jedoch nur in eingeschränktem Maße. Es sind hauptsächlich Männer, die masozi-Kompetenzen erwerben müssen, was sich u. a. durch die funktionale Arbeitsteilung der Geschlechter erklären lässt: Es sind die Männer, die am weitesten in die Wildnis vordringen, um aus dem Meer Nahrung zu beschaffen oder in der unwegsamen Bergwelt Holz für die Boote zu schlagen. Ihr Furcht erregendes Auftreten ist somit eine zentrale Kompetenz, um in der feindlichen und bedrohlichen Umwelt bestehen zu können. Durch die Demonstration ihrer Kraft und Aggression sind sie zudem in der Lage, rivalisierende Lineages in ihre Schranken zu verweisen. Die Genderspezifik der Emotionsentwicklung kann jedoch hier nicht näher behandelt werden.

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Funk, L., Röttger-Rössler, B. & Scheidecker, G. Fühlen(d) Lernen: Zur Sozialisation und Entwicklung von Emotionen im Kulturvergleich. Z Erziehungswiss 15, 217–238 (2012). https://doi.org/10.1007/s11618-012-0302-z

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Schlüsselwörter

  • Sozialisation von Emotionen
  • Emotionale Entwicklung
  • Folk models
  • Kulturvergleich
  • Taiwan
  • Madagaskar

Keywords

  • Socialization of emotion
  • Emotional development
  • Folk models
  • Cultural comparison
  • Taiwan
  • Madagascar