Emotionsethnologische Untersuchungen zu Scham und Beschämung in der Schule

Examining shame at school: perspectives from an anthropology of emotions

Zusammenfassung

Jugendliche erleben im Schulalltag vielfache Scham- und Beschämungssituationen, die mit wichtigen Prozessen sozialer Inklusion und Exklusion einhergehen. Scham lässt sich dabei als eine Form ‚sozialer Angst‘ verstehen und stellt als solche eine emotionale Dimension dar, die in besonderer Weise soziale Konformität befördert. Erstaunlicherweise wird dem Thema in erziehungswissenschaftlichen und schulsoziologischen Arbeiten kaum Bedeutung zuteil. Im Rahmen einer emotionsethnologischen Studie in einer ‚multikulturellen‘ Schulklasse haben wir Scham und Beschämung deshalb besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Die zentrale Fragestellung für diesen Beitrag lautet: Welche sozialen Funktionen erfüllt Scham im Kontext Schule? Und ferner: Inwiefern beeinflussen unterschiedliche kulturelle Orientierungsmaßstäbe Erleben und Ausdruck von Scham?

Die Ergebnisse zeigen, dass Schamsituationen im Schulalltag unter anderem durch Peernormen definiert werden. Des Weiteren lassen sich emotionale Reaktionsformen als sozial und kulturell vermittelte Verhaltensweisen aufzeigen. Scham und Beschämung stellen wichtige emotionale Dimensionen im Schulalltag dar, deren Untersuchung und Benennung uns – gerade auch in heterogenen Kontexten – gewinnbringend für Schüler und Lehrer erscheint.

Abstract

At school, adolescents experience a variety of shame and shaming situations, which accompany important processes of social inclusion and exclusion. Shame could thereby be understood as a form of ‘social fear’ constituting an emotional dimension, which specifically promotes social conformity. However, there are surprisingly few contributions from the fields of education science or school-sociology concentrating on this subject-matter. Therefore, within our emotion-anthropological study on ‘multi-cultural’ classrooms, we give special emphasis on the theme of shame.

The central question of this article is: What are the social functions of shame in the school context? Moreover: To what extent do differing cultural standards influence the experience and expression of shame?

Our results show that shame-related situations in everyday school life, among others, are defined by peer norms. Furthermore, the forms of emotion-reactions demonstrate how behavior patterns are mediated by their social and cultural contexts. Shame and shaming constitute significant emotional dimensions in every-day school life. Future studies examining this theme, particularly in heterogeneous contexts, would only enrich the debate on questions of school culture.

This is a preview of subscription content, access via your institution.

Notes

  1. 1.

    Der vollständige Titel des bi-disziplinären Forschungsprojekts am Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ der Freien Universität Berlin lautet „Ehre und Schande: Scham, Stolz und Ärger; Untersuchungen zu Normen für das Erleben, den Ausdruck und die Regulation selbst-bezogener Gefühle in deutsch- und türkischstämmigen Bevölkerungsgruppen“. Ziel ist die Exploration von Normvorstellungen in Gruppen von deutschen und türkischstämmigen Jugendlichen und Eltern in Berlin sowie bei türkischen Jugendlichen und Eltern in Istanbul; insbesondere in Hinblick auf Konzepte von ‚Ehre und Schande‘ und deren Zusammenhang mit Emotionsnormen.

  2. 2.

    Scheff verweist in diesem Zusammenhang auf eine Studie Lewis (1971), die Hunderte von Videoaufzeichnungen klinischer Therapiesitzungen auswertete und aufzeigen konnte, dass in diesen Interaktionen zahlreiche Schamepisoden enthalten waren, die weder vom Patienten noch vom Therapeuten als solche erkannt wurden. Lewis identifizierte diese Episoden primär aufgrund der prototypischen Verhaltensdisplays sowie aufgrund der Gesprächsinhalte, die sich jeweils auf Ausgrenzungskontexte bezogen. Ihr Fazit: In den betrachteten Interaktionen stellt Scham ein latent ständig vorhandenes Phänomen dar, das jedoch „highly unacknowledged“ ist.

  3. 3.

    In der Analyse von Solomon Aschs Konformitätsexperiment (1956) postuliert Scheff (1988, S. 404) einen Zusammenhang zwischen Selbstwertgefühl und Schamempfinden. Bei dem Experiment wurde untersucht, ob Individuen bei ihrer Einschätzung eines Sachverhalts blieben, auch wenn sie sich einer Gruppe von anders (und zwar falsch im Sinne der Aufgabenstellung) urteilenden Mitprobanden gegenüber sahen. Scheff argumentiert, dass hohes Selbstwertgefühl dazu beiträgt, dass Individuen trotz des (berichteten) Schamerlebens (als Einziger anders zu urteilen) bei ihrer Meinung blieben.

  4. 4.

    Zur Methode der Teilnehmenden Beoachtung siehe u. a. Beer und Fischer 2006; Hauser-Schäublin 2003, S. 37 ff.; Friebertshäuser und Panagiotopulou 2010, S. 309; Flick 2007, S. 287; Spradley 1980.

  5. 5.

    Das können kleinere soziale Dramen sein, aber auch komplexe Geschichten werden, die in Form einer „extended case study“ (vgl. Rössler 2003, S. 143–160) über einen längeren Zeitraum verfolgt und untersucht werden.

  6. 6.

    Es bedarf vieler wiederholter kommunikativer Akte, bis lebensgeschichtliche Episoden sich zu flüssigen Narrativen verdichten (vgl. Reinders 2005).

  7. 7.

    So fiel es z. B. vielen der türkischstämmigen Schülern auch im türkischsprachigen Unterreicht keineswegs leichter, sich verbal strukturiert auszudrücken.

  8. 8.

    „Sprachlosigkeit“ ist eine Kategorie, die einigen Schülern von der Klassenlehrerin zugeordnet wurde, deren sprachliches Unvermögen vor allem im Unterricht zutage trat.

  9. 9.

    Die entsprechenden Bewertungskriterien waren zuvor in Gesprächen und Interviews mit den Schülern erhoben worden. Als typische Situationen wurden u. a. genannt: Vergessen von Hausaufgaben; Vorträge vor der Klasse; Rückgaben von Tests; von Mitschülern bloßgestellt werden.

  10. 10.

    Yin (1993, S. 13) definiert als: „an empirical inquiry that investigates a contemporary phenomenon within is real-life context.“ Dabei ist die Untersuchungseinheit nicht festgelegt. Mit „Einzelfall“ wird hier die Konzentration auf ein Individuum spezifiziert. Mehrere Einzelfallstudien erlauben (an anderer Stelle) einen Vergleich der Fälle innerhalb der Klasse.

  11. 11.

    Sämtliche Namen und Bezeichnungen von Personen, Orten und Institutionen sind anonymisiert.

  12. 12.

    Weber und Titzmann (2003), haben ärgerbezogenes Verhalten in sechs Reaktionsskalen klassifiziert, wovon eine Feedback ist, womit die direkte Ansprache des Ärgers, ohne Zeichen von Aggression bezeichnet wird. Die Autoren zählen Feedback zu den effektiven Ärgerreaktionen. Die hier diskutierte Fallstudie zeigt interessanterweise, dass Feedback hier ineffektiv ist, was in den vorherrschenden, impliziten Verhaltensstandards begründet ist.

Literatur

  1. Asch, S. (1956). Studies of independence and conformity. 1. A minority of one against a unanimous majority. Psychological Monographs, 70, 1–70.

    Google Scholar 

  2. Barrett, K. C. (1995). A functionalist approach to shame and guilt. In J. P. Tangney & K. W. Fischer (Hrsg.), Self-conscious emotions (S. 25–63). New York: Guilford Press.

  3. Beer, B., & Fischer, H. (Hrsg.). (2006). Ethnologie. Einführung und Überblick. Berlin: Reimer.

  4. Borchardt, A., & Göthlich, S. E. (2007). Erkenntnisgewinn durch Fallstudien. In S. Albers, D. Klapper, & U. Konradt (Hrsg.), Methodik der empirischen Forschung (2. überarb. und erw. Aufl., S. 33–48). Wiesbaden: Gabler.

  5. Casimir, M. J. (2009). ‚Honour and dishonour‘: Connotations of a socio-symbolic category and the quest for emotional equivalents. In B. Röttger-Rössler & H. Markowitsch (Hrsg.), Emotions as a bio-cultural process (S. 229–280). New York: Springer.

  6. Casimir, M. J., & Schnegg, M. (2002). Shame across cultures. The evolution, ontogeny and function of a „moral emotion“. In H. Keller, Y. H. Poortinga, & A. Schölmerich (Hrsg.), Between culture and biology -- perspectives on ontogenetic development (S. 270–300). Cambridge: Cambridge University Press.

  7. Delamont, S. (2002). Fieldwork in educational settings. Methods, pitfalls and perspectives. London: Routledge.

    Google Scholar 

  8. Eid, M., & Larson, R. J. (2007). The science of subjective well-being. New York: Guilford.

    Google Scholar 

  9. Elias, N. (1978). The history of manners. New York: Pantheon.

    Google Scholar 

  10. Elison, J., Lennon, R., & Pulos, S. (2006). Investigating the compass of shame. The development of the compass of shame scale. Social Behavior and Personality, 34(3), 221–238.

    Article  Google Scholar 

  11. Ferguson, T. J. (2005). Mapping shame and its functions in relationships. Child Maltreatment, 10(4), 377–386.

    Article  Google Scholar 

  12. Flick, U. (2007). Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Reinbek: Rowohlt.

    Google Scholar 

  13. Frenzel, A. C., Goetz, T., Lüdtke, O., Pekrun, R., & Sutton, R. E. (2009). Emotional transmission in the classroom. Exploring the relationship between teacher and student enjoyment. Journal of Educational Psychology, 101(3), 507–516.

    Article  Google Scholar 

  14. Friebertshäuser, B., & Panagiotopoulou, A. (2010). Ethnographische Feldforschung. In B. Friebertshäuser, A. Langer, & A. Prengel (Hrsg.), Handbuch qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft (3. vollst. überarb. Aufl., S. 301–322). Weinheim: Juventa.

  15. Gerlach, A. L., Wilhelm, F. H., & Roth, W. T. (2003). Embarrasment and social phobia: the role of parasympathetic acitivation. Anxiety Disorders, 17, 197–210.

    Article  Google Scholar 

  16. Hauser-Schäublin, B. (2003). Teilnehmende Beobachtung. In B. Beer (Hrsg.), Methoden und Techniken ethnologischer Feldforschung (S. 33–54). Berlin: Reimer.

  17. Hochschild, A. (1983). The managed heart. The commercialisation of human feeling. Berkeley: University of California Press.

    Google Scholar 

  18. Holodynski, M., & Friedlmeier, W. (2006). Development of emotions and emotion regulation. New York: Springer.

    Google Scholar 

  19. Holodynski, M., & Kronast, S. (2009). Shame and pride. Invisible emotions in classroom research. In B. Röttger-Rössler & H. J. Markowitsch (Hrsg.), Emotions as bio-cultural processes (S. 371–394). New York: Springer.

  20. Lewis, H. (1971). Shame and guilt in neurosis. New York: International Universities Press.

    Google Scholar 

  21. Markus, H. M., & Kitayama, S. (1995). Emotion and culture. Washington: American Psychological Association.

    Google Scholar 

  22. Mathews G., & Izquierdo C. (Hrsg.). (2009). Pursuits of happiness: well-being in anthropological perspective. Oxford: Berghahn.

    Google Scholar 

  23. Parker, J. G., & Gottman, J. M. (1989). Social and emotional development in a relational context: friendship interaction from early childhood to adolescence. In T. J. Berndt & G. W. Ladd (Hrsg.), Peer relationships in child development (S. 95–131). New York: Wiley.

  24. Pekrun, R. (1998). Schüleremotionen und ihre Förderung: Ein blinder Fleck der Unterrichtsforschung (Regensburger Beiträge zur Lehr-Lern-Forschung). Regensburg: Universität.

  25. Pekrun, R. (2005). Progress and open problems in educational emotions research. Learning and Instruction, 15, 497–506.

    Article  Google Scholar 

  26. Pekrun, R., Goetz, T., Titz, W., & Perry, R. P. (2002). Academic emotions in students’ self-regulated learning and achievement. A program of qualitative and quantitative research. Educational Psychologist, 37, 91–105.

    Article  Google Scholar 

  27. Pekrun, R., Goetz, T., Daniels, L. M., Stupinsky, R. H., & Perry, R. P. (2010). Boredom in achievement settings. Exploring control--value antecedents and performance outcomes of a neglected emotion. Journal of Educational Psychology, 102(3), 531–549.

    Article  Google Scholar 

  28. Reinders, H. (2005). Qualitative Interviews mit Jugendlichen führen. Ein Leitfaden. München: Oldenbourg.

    Google Scholar 

  29. Rössler, M. (2003). Die Extended-Case-Methode. In B. Beer (Hrsg.), Methoden und Techniken ethnologischer Feldforschung (S. 143–160). Berlin: Reimer.

  30. Röttger-Rössler, B. (2004). Die kulturelle Modellierung des Gefühls. Ein Beitrag zur Theorie und Methodik ethnologischer Emotionsforschung anhand indonesischer Fallstudien. Münster: Lit.

    Google Scholar 

  31. Röttger-Rössler, B. (2010). Zur Kulturalität von Emotionen. Existenzanalyse, 27(2), 20–27.

    Google Scholar 

  32. Röttger-Rössler, B. (im Druck). In the eyes of the other: Shame and social conformity in the context of Indonesian societies. Erscheint 2011. In B. Sére & J. Wettlaufer (Hrsg.), Shame between punishment and penance. Micrologus: Nature, Sciences and Medieval Societies.

  33. Scheff, T. (1988). Shame and conformity. The deference emotion system. American Sociological Review, 53, 395–406.

    Article  Google Scholar 

  34. Scheff, T. I. (1990). Socialization of emotions: pride and shame as causal agents. In T. Kemper (Hrsg.), Research agendas in the sociology of emotions (S. 281–304). Albany: State University of New York Press.

  35. Schutz, P. A., & Lanehart, S. L. (2002). Emotions in education [Editorial to the special issue]. Educational Psychologist, 37(2), 67–68.

    Article  Google Scholar 

  36. Spradley, J. P. (1979). The ethnographic interview. New York: Holt, Rinehart und Winston.

    Google Scholar 

  37. Spradley, J. P. (1980). Participant observation. New York: Holt, Rinehart und Winston.

    Google Scholar 

  38. Stipek, D., & MacIver, D. (1989). Developmental change in children’s assessment of intellectual competence. Child Development, 60, 521–538.

    Google Scholar 

  39. Weber, H., & Titzman P. (2003). Ärgerbezogene Reaktionen und Ziele. Entwicklung eines neuen Fragebogens. Diagnostica, 49, 97–109.

    Google Scholar 

  40. Yang, S., & Rosenblatt, P. C. (2001). Shame in South Korean families. Journal of Comparative Family Studies, 32, 361–375

    Google Scholar 

  41. Yin, R. K. (1993). Applications of case study research. Newbury Park: Sage.

    Google Scholar 

Download references

Author information

Affiliations

Authors

Corresponding author

Correspondence to Prof. Dr. Birgitt Röttger-Rössler.

Rights and permissions

Reprints and Permissions

About this article

Cite this article

Wertenbruch, M., Röttger-Rössler, B. Emotionsethnologische Untersuchungen zu Scham und Beschämung in der Schule. Z Erziehungswiss 14, 241–257 (2011). https://doi.org/10.1007/s11618-011-0209-0

Download citation

Schlüsselwörter

  • Schamgefühl
  • Beschämung
  • Multikulturelle Schulklasse
  • Schulethnografie
  • Inklusion
  • Exklusion
  • Emotionsethnologie
  • Konformität

Keywords

  • Anthropology of emotions
  • Classroom ethnography
  • Conformity
  • Exclusion
  • Humiliation
  • Inclusion
  • Multi-ethnic classroom
  • Shame