Die Krisenhaftigkeit der Krise – Misslingende demenzielle Interaktionsprozesse

The constitution of crisis. Failing interaction processes in the context of Dementia

Zusammenfassung

Dass die Betreuung von Demenzkranken als besonders belastend gilt, ist gemeinhin bekannt. Das situative Handlungssystem von Erkrankten und pflegenden Angehörigen ist unter Zuhilfenahme von Ansätzen der interpretativen Soziologie jedoch kaum ausgeleuchtet. Anhand von Interviews mit pflegenden Angehörigen wird in diesem Beitrag untersucht, wie sich die Interaktion mit demenzkranken Familienmitgliedern konstituiert und welche Handlungsstrategien der Angehörigen sichtbar werden. Dabei zeigt sich, dass es zum Zusammenbruch normaler Interaktionsprozesse aufgrund der Suspension der Reziprozitätsidealisierung kommt, was zu massiven Störungen der Beziehung und Verunsicherung des eigenen Selbst führt. Darüber hinaus sind die Interaktionskrisen weder vorhersehbar noch auf Dauer gestellt. Die Angehörigen können kein neues Handlungswissen aufbauen und es bleibt unklar, ob die konstitutiven Erwartungen aufzugeben sind oder nicht – es kommt zu einem Vertrauensbruch in der Beziehung.

Abstract

It is generally understood that the care of dementia patients is particularly demanding. However, the situational action system of sufferers and family caregivers has yet to be adequately analysed by means of interpretive sociological approaches. Using interviews with family caregivers, this article examines the nature of patient-caregiver interactions and particular strategies for action that relatives adopt. It shows that suspending the so-called Reziprozitätsidealisierung (‚idealization of reciprocity‘) leads to a breakdown of normal interaction processes, which in turn results in a severe deterioration of the relationship and in destabilized (caregiving) subjects. These disturbances of interaction are neither predictable nor permanent. Relatives are thus unable to acquire new recipe knowledge and uncertain whether or not they have to relinquish constitutive expectancies – as a result, the relationship becomes characterized by a breach of trust.

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Notes

  1. 1.

    Medizinisch definiert gilt Demenz als psychische Krankheit mit einer nachweisbaren zerebralen Veränderung infolge einer Hirnverletzung oder anderen Schädigung, die zu einer Hirnfunktionsstörung führt. Sie führt zu einer Beeinträchtigung des Denk- und Sprachvermögens, der Auffassungs- und Lernfähigkeit, zu zeitlichen und räumlichen Orientierungsstörungen und zum Verlust der Fähigkeit, vernünftig zu urteilen. Die heute am häufigsten diagnostizierte Form ist die Alzheimer-Demenz. Die verschiedenen Demenzformen unterscheiden sich laut Definition durch Beginn, Verlauf sowie körperliche und psychische Merkmale. Es werden auch Mischformen diagnostiziert (ICD-10-GM 2015). Bei der Demenz handelt es sich um eine ursächlich nicht geklärte Krankheit. Eine spezifische medikamentöse Therapie ist gegenwärtig nicht möglich. Ergänzend zur pharmakologischen Behandlung existiert eine breite Palette komplementärer Interventionen (z. B. Mal-, Atem-, Musik- und Bewegungstherapie sowie Gehirntrainingskurse), deren Evidenz kontrovers diskutiert wird (vgl. die Arbeiten der Forschungsgruppe „Versorgungsinterventionen“ von Margareta Halek am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen).

  2. 2.

    Schütz bezieht sich hier nicht nur auf die physische Stellung, die der Einzelne in seinem gegenwärtigen Jetzt einnimmt, sondern auch auf seinen Platz in der kosmischen Zeit, bezüglich Status und Rolle sowie auf eine moralische und ideologische Position (Schütz 1971, S. 10). Der hellwache Mensch in der natürlichen Einstellung ordnet seine Welt aus seiner gegenwärtigen raum-zeitlichen Position um sich herum mittels der Kategorien von Rechts und Links, Vorn und Hinten, Oben und Unten, Nah und Fern sowie von Vorher und Nachher, von Vergangenem und Zukünftigem (ebd., S. 255).

  3. 3.

    Schütz spricht hierbei auch von der „intersubjektiven Motivkette“ (1972d, S. 12 ff.).

  4. 4.

    Ein Vergleich der Erschütterungsexperimente, die in verschiedenen Beziehungssettings stattfanden, kann einen möglichen Anhaltspunkt dafür geben. Garfinkels ausführliche Schilderungen der Reaktionen der Experimentator/innen und Versuchspersonen beim Hotelgast-Experiment, die in einer familialen Beziehung zueinander standen, deuten auf einen wichtigen Unterschied zu den Rollenverwechslungsexperimenten hin, die in anonymen Beziehungskonstellationen stattfanden. Die Studierenden, die sich in der Familie für einige Stunden wie Hotelgäste verhalten sollten, sahen im Vorfeld des Experiments hohe Risiken für die Beziehung, die aus der Verletzung der entsprechenden Verhaltenserwartungen resultieren können. Einige verweigerten sodann die Durchführung. Die Studierenden, die sich am Experiment beteiligten, berichteten hinterher über emotionale Spannungen beiderseits, die sich auch nicht hatten glätten lassen, nachdem das Experiment aufgelöst wurde und die Versuchspersonen darüber aufgeklärt waren. Das Vertrauen in die Kooperationsvereinbarung wurde so erschüttert. Für eine weiterführende Argumentation wäre zweifellos eine wichtige Untersuchungsfrage, wie sich demenzielle Interaktionskrisen in Familien mit anonymeren Pflegebeziehungen kontrastiv vergleichen lassen.

  5. 5.

    Über die prä-diagnostische Phase berichten die Angehörigen ausnahmslos als die schwierigste Zeit, weil vollständig offen bleibt, wie das ungewöhnliche und sonderbare Verhalten des Gegenübers einzuordnen ist.

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Danksagung

Ich danke Claudia Vorheyer, Stephanie Kernich, Sabrina Künzle und Manuela Schäfer sowie Alexander Leistner und Monika Wohlrab-Sahr für die ausführlichen Diskussionen. Bei Anke Jähnke bedanke ich mich für die redaktionelle Überarbeitung des Manuskripts.

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Radvanszky, A. Die Krisenhaftigkeit der Krise – Misslingende demenzielle Interaktionsprozesse. Österreich Z Soziol 41, 97–114 (2016). https://doi.org/10.1007/s11614-016-0208-8

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Schlüsselwörter

  • Demenz
  • Pflegende Angehörige
  • Interaktionskrisen
  • Handlungstheorie
  • Qualitative Sozialforschung

Keywords

  • Dementia
  • Family caregivers
  • Interaction crisis
  • Theory of action
  • Qualitative social research