Skip to main content

Verdient – Unverdient. Der öffentliche Diskurs um die Erbschaftssteuer in Deutschland und Österreich

Deserved – undeserved. The public discourse on inheritance tax in Germany and Austria

Mérité ou immérité? Le discours public sur les droits de succession en Allemagne et en Autriche

Zusammenfassung

Trotz des erheblichen Einflusses der Vermögensvererbung auf die generationsübergreifende Fortschreibung sozialer Ungleichheit spricht sich sowohl in Deutschland als auch in Österreich eine Mehrheit der Bevölkerung gegen die Erbschaftssteuer aus. In diesem Beitrag untersuchen wir, wie Gegner und Befürworter der Steuer ihre jeweilige Position begründen, und ergründen so die Strukturen des Diskurses zur Erbschaftssteuer. Datengrundlage sind zwei Online-Diskussionen, die jeweils durch ausführliche Interviews zu dem Thema ausgelöst wurden. Insgesamt wurden 3573 Argumente inhaltsanalytisch codiert und ausgewertet. Die Ergebnisse bestätigen den Befund einer überwiegenden Ablehnung der Erbschaftssteuer. Die Auswertung der Positionsbegründungen gibt darüber hinaus jedoch Einblicke in die vielschichtigen Kontroversen, die sich mit der normativen und funktionalen Problematik dieser Steuer verbinden.

Abstract

Despite the significant impact of inheritance on perpetuating social inequality from one generation to the next, a majority of Germans and Austrians are opposed to an inheritance tax. In the present contribution, we investigate how opponents and proponents of such a tax justify their respective positions in order to understand the structure of the discourse on this issue. The paper draws on our content analysis of 3573 arguments, expressed in two online debates that were both triggered by in-depth interviews on the topic. The results confirm that a majority rejects an inheritance tax. Yet beyond this finding, the analysis of the respective justifications offers insights into the complex controversies this tax and the normative and functional questions it poses give rise to.

Résumé

En dépit de l’influence considérable de la transmission du patrimoine sur la reproduction des inégalités sociales entre générations, une majorité de la population allemande et autrichienne est opposée aux droits de succession. Cet article étudie la manière dont partisans et opposants aux droits de succession justifient leur position et examine ainsi les structures du débat sur la question. Il s’appuie sur une analyse du contenu de 3573 arguments exprimés sur deux forums de discussion en ligne qui ont été choisis à la suite d’entretiens approfondis sur le sujet. Les résultats obtenus confirment la thèse d’un rejet majoritaire des droits de succession. L’analyse des justifications proposées donne en outre un aperçu de la complexité des débats sur les problèmes normatifs et fonctionnels liés aux droits de succession.

This is a preview of subscription content, access via your institution.

Abb. 1
Abb. 2

Notes

  1. Siehe auch Altzinger und Humer (2013, S. 81).

  2. Solche Begründungen ließen sich natürlich mithilfe darauf zielender Fragen mit dem Instrument der Umfrageforschung eruieren. Damit könnten repräsentative Daten erlangt werden. Doch haben Umfragen auch zumindest drei erhebliche Nachteile. Erstens wird durch die Standardisierung von Antworten das Ergebnis gelenkt und möglicherweise eingeengt. Zweitens laufen die Ergebnisse Gefahr, durch Effekte der sozialen Erwünschtheit bestimmter Antworten beeinflusst zu sein. Und drittens würden sich in Umfragen auch Personen zu dem Thema äußern, die sich nie oder selten Gedanken um die Erbschaftssteuer machen. Diese Begründungen von Einstellungen zur Erbschaftssteuer würden gleichberechtigt mit Begründungen von Personen eingehen, die sich mit der Frage der Erbschaftssteuer aus eigenem Antrieb beschäftigen und somit auch eher als Wortführer im öffentlichen Diskurs in Erscheinung treten.

  3. Ein mögliches alternatives Vorgehen wäre etwa die Durchführung von Fokusgruppen gewesen, in denen ausgewählte Personen ihre Argumentationsmuster zur Erbschaftssteuer offengelegt hätten. Für ein solches Vorgehen bei der Untersuchung von Einstellungen zu Steuern (darunter der Erbschaftssteuer) in Großbritannien, siehe Prabhakar (2012). Stark et al. (2016) erheben und analysieren zudem freie Assoziationen zu Erbschaft und Vermögen aus der Perspektive der ökonomischen Verhaltensforschung.

  4. So zitieren zum Beispiel Harris et al. (2014, S. 1312–1313) verschiedene Studien zur Repräsentativität von Online-Diskussionen auf News-Webseiten, die für die USA nahelegen, dass die Nutzer von Online-News-Webseiten sich von der Gesamtbevölkerung vor allem durch das Alter, aber auch durch Herkunft, Geschlecht, Einkommen und Bildungsgrad unterscheiden. Zudem zeigt etwa Strandberg (2008) anhand repräsentativer Daten für Finnland, dass Online-Kommentatoren zur finnischen Wahl tendenziell auch außerhalb des Internets politisch aktiv sind und im Vergleich zu allgemeinen Internetnutzern in Finnland politisch sehr interessiert sind. Menschen, die online partizipieren, „tend to be more knowledgeable about political issues, more involved in civic affairs offline, and as a result contribute knowledgeable viewpoints online“ (Harris et al. 2014, S. 1313). Ähnliche Ergebnisse zur politischen Online-Partizipation im Allgemeinen wurden zum Beispiel von Weber et al. (2003) oder Best und Krueger (2005) für die USA oder von Escher (2013) für Großbritannien aufgezeigt.

  5. Eine solche Verteilung ist nicht ungewöhnlich und deckt sich zum Beispiel mit den Zahlen bei Blom et al. (2014, S. 1322; 47 % der Kommentare durch 10 % der Kommentatoren) oder bei Fuchs (2006, S. 14; 51 % der Kommentare auf 12 % der Kommentatoren).

  6. In dieser Studie ging es dabei nicht um die Erforschung der Strukturen des Diskurses zur Erbschaftssteuer. Vielmehr ging es um die Methodenfrage der Vergleichbarkeit der Kommunikation online und offline, wofür die Erbschaftssteuer als eines von sechzehn Themen herangezogen wurde.

  7. Die Inter-Coder-Reliabilität wurde nach Holsti berechnet.

  8. Die Kommentare werden hier jeweils ohne irgendwelche Korrekturen wiedergegeben. Die Rechtschreibfehler und häufigen Betonungen etwa durch Großschreibung ganzer Wörter geben einen Eindruck von der Flüchtigkeit, mit der die Autoren teilweise kommentiert haben, aber auch von ihrer emotionalen Involviertheit. Die Kommentare auf Spiegel Online können anhand der dargestellten Nummerierung so online nachgelesen werden. Die Kommentare auf Standard.at konnten von uns jedoch nur nach ihrem zeitlichen Auftreten sortiert und nummeriert werden, sodass die Nummerierung hier nicht der im öffentlichen Forum entspricht.

  9. In diesem Fall wurden – wie in anderen auch – einzelne Teile des Kommentars in unterschiedliche Kategorien vercodet. Neben dem Verweis auf die Rahmenbedingungen betrifft das bei diesem Zitat die Kategorien Soziale Ungleichheit und Wohneigentum, allerdings jeweils bezogen auf unterschiedliche Teile (es wurde nie derselbe Teil eines Satzes in mehr als eine Kategorie vercodet). Dennoch zitieren wir hier die gesamte Passage, damit der Sinnzusammenhang deutlich wird.

Literatur

  • Altzinger, W., & Humer, S. (2013). Simulation des Aufkommens verschiedener Erbschaftsbesteuerungen. Wien: Wirtschaftsuniversität Wien.

    Google Scholar 

  • Backhaus, K., Erichson, B., Plinke, W., & Weiber, R. (2016). Multivariate Analysemethoden. Eine anwendungsorientierte Einführung. Berlin: Springer.

    Google Scholar 

  • Beckert, J. (2004). Unverdientes Vermögen: Soziologie des Erbrechts. Frankfurt a. M.: Campus.

    Google Scholar 

  • Beckert, J. (2013). Erben in der Leistungsgesellschaft. Frankfurt a. M.: Campus.

    Google Scholar 

  • Beckert, J., & Arndt, L. R. (2016). Unverdientes Vermögen oder illegitimer Eingriff in das Eigentumsrecht? Der öffentliche Diskurs um die Erbschaftssteuer in Deutschland und Österreich. MPIfG Discussion Paper Nr. 16/8. http://www.mpifg.de/pu/mpifg_dp/dp16-8.pdf.

    Google Scholar 

  • Best, S. J., & Krueger, B. S. (2005). Analyzing the representativeness of internet political participation. Political Behavior, 27, 183–216.

    Article  Google Scholar 

  • Blom, R., Carpenter, S., Bowe, B. J., & Lange, R. (2014). Frequent contributors within US newspaper comment forums. An examination of their civility and information value. American Behavioral Scientist, 58, 1314–1328.

    Article  Google Scholar 

  • Boltanski, L., & Thévenot, L. (2007). Über die Rechtfertigung: Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Edition.

    Google Scholar 

  • Bruckner, R. (2014). „Erbe und Arbeit gleich besteuern“. Interview mit Jens Beckert. Der Standard, 13.12.2014. http://derstandard.at/2000008561989/Erbe-und-Arbeit-gleich-besteuern. Zugegriffen: Februar 2016. (Basisartikel der analysierten Diskussionen)

    Google Scholar 

  • Diaz-Bone, R. (2015). Die „Economie des conventions“: Grundlagen und Entwicklungen der neuen französischen Wirtschaftssoziologie. Wiesbaden: Springer VS.

    Book  Google Scholar 

  • Escher, T. (2013). Wi(e)der die „üblichen Verdächtigen“? Politische Beteiligung via Internet. In J. Wolling, M. Seifert & M. Emmer (Hrsg.), Politik 2.0?: Die Wirkung computervermittelter Kommunikation auf den politischen Prozess (S. 131–151). Baden-Baden: Nomos.

    Chapter  Google Scholar 

  • Friedrichs, J. (2015). Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht. Berlin: Berlin Verlag.

    Google Scholar 

  • Fuchs, C. (2006). eParticipation research: A case study on political online debate in Austria. http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.473.7117&rep=rep1&type=pdf. Zugegriffen: Oktober 2016.

    Google Scholar 

  • Gaisbauer, H., Neumaier, O., Schweiger, G., & Sedmak, C. (Hrsg.). (2013). Erbschaftssteuer im Kontext. Wiesbaden: Springer VS.

    Google Scholar 

  • Haas, A., Keyling, T., & Brosius, H.-B. (2010). Online-Diskussionsforen als Indikator für interpersonale (Offline‑)Kommunikation? Methodische Ansätze und Probleme. In N. Jackob, T. Zerback, O. Jandura & M. Maurer (Hrsg.), Das Internet als Forschungsinstrument und -gegenstand in der Kommunikationswissenschaft (S. 246–266). Köln: Herbert von Halem.

    Google Scholar 

  • Harris, B. D., Morgan, C. V., & Gibbs, B. G. (2014). Evidence of political moderation over time: Utah’s immigration debate online. New Media & Society, 16, 1309–1331.

    Article  Google Scholar 

  • Hucht, M. (2015). Vermögensverteilung in Deutschland: „Viele Erben fühlen sich schuldig“. Interview mit Julia Friedrichs. Spiegel Online, 18.3.2015. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/erbschaft-und-vermoegensteuer-julia-friedrich-ueber-die-last-mit-dem-erbe-a-1023477.html. Zugegriffen: Februar 2016. (Basisartikel der analysierten Diskussionen)

    Google Scholar 

  • Infratest dimap (2013). ARD-DeutschlandTREND Mai 2013. http://www.infratest-dimap.de/fileadmin/_migrated/content_uploads/dt1305_bericht_01.pdf. Zugegriffen: Oktober 2016.

    Google Scholar 

  • Kaiser, H. F. (1974). An index of factorial simplicity. Psychometrika, 39, 31–36.

    Article  Google Scholar 

  • Market Institut (2014). Erbschafts- und Vermögenssteuer. Brauchen wir diese Steuern? www.market.at/de/market-aktuell/news/entity.detail/action.view/key.1117.html. Zugegriffen: Oktober 2016.

    Google Scholar 

  • Marterbauer, M., & Schürz, M. (2007). Der Streit um die Abschaffung der Erbschaftssteuer in Österreich. WISO: Wirtschafts- und sozialpolitische Zeitschrift, 30, 35–52.

    Google Scholar 

  • Prabhakar, R. (2012). What do the public think of taxation? Evidence from a focus group study in England. Journal of European Social Policy, 22, 77–89.

    Article  Google Scholar 

  • Sachweh, P. (2010). Deutungsmuster sozialer Ungleichheit. Frankfurt a. M.: Campus.

    Google Scholar 

  • Schmidt, M. (2015). Sieben von zehn Deutschen finden Erbschaftssteuer unfair. YouGov, 3.4.2015. https://yougov.de/news/2015/04/03/sieben-von-zehn-deutschen-finden-erbschaftssteuer-/. Zugegriffen: Oktober 2016.

    Google Scholar 

  • Schweiger, W., & Weihermüller, M. (2008). Öffentliche Meinung als Online-Diskurs. Ein neuer empirischer Zugang. Publizistik, 53, 535–559.

    Article  Google Scholar 

  • Stark, J., Kogler, C., Gaisbauer, H., Sedmak, C. & Kirchler, E. (2016). Differentiating views of inheritance: The free association task as a method to assess social representations of wealth, inherit, and bequeath. Review of Behavioral Economics, 3, 91-111.

    Article  Google Scholar 

  • Storper, M., & Salais, R. (1997): Worlds of production: The action frameworks of the economy. Cambridge: Harvard University Press.

    Google Scholar 

  • Strandberg, K. (2008). Public deliberation goes on-line? An analysis of citizens’ political discussions on the internet prior to the finnish parliamentary elections in 2007. Javnost - the Public, 15, 71–89.

    Article  Google Scholar 

  • Tiefensee, A., & Grabka, M. M. (2017). Das Erbvolumen in Deutschland dürfte um gut ein Viertel größer sein als bisher angenommen. DIW Wochenbericht Nr. 27. Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.

    Google Scholar 

  • Weber, L. M., Loumakis, A., & Bergman, J. (2003). Who participates and why? An analysis of citizens on the internet and the mass public. Social Science Computer Review, 21, 26–42.

    Article  Google Scholar 

Download references

Danksagung

Für die Mitarbeit bei der Durchführung der Inhaltsanalyse danken wir Moritz Höfeld. Für hilfreiche Kommentare zu früheren Versionen des Artikels bedanken wir uns bei Philipp Korom, Lothar Krempel, Mark Lutter, Benjamin C. Seyd sowie den Reviewern des BJS.

Author information

Authors and Affiliations

Authors

Corresponding authors

Correspondence to Jens Beckert or H. Lukas R. Arndt.

Rights and permissions

Reprints and Permissions

About this article

Verify currency and authenticity via CrossMark

Cite this article

Beckert, J., Arndt, H.L.R. Verdient – Unverdient. Der öffentliche Diskurs um die Erbschaftssteuer in Deutschland und Österreich. Berlin J Soziol 27, 271–291 (2017). https://doi.org/10.1007/s11609-017-0346-2

Download citation

  • Published:

  • Issue Date:

  • DOI: https://doi.org/10.1007/s11609-017-0346-2

Schlüsselwörter

  • Erbschaftssteuer
  • Vermögensvererbung
  • Finanzsoziologie
  • Inhaltsanalyse
  • Österreich
  • Deutschland
  • Online-Diskussion
  • Soziale Ungleichheit

Keywords

  • Inheritance tax
  • Inheritance
  • Fiscal sociology
  • Content analysis
  • Austria
  • Germany
  • Online discussion
  • Social inequality

Mots-clés

  • Droits de succession
  • Transmission du patrimoine
  • Sociologie de la finance
  • Analyse de contenu
  • Autriche
  • Allemagne
  • Discussion en ligne
  • Inégalité sociale