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Ökonomisches Kapital der Eltern und Medizinstudium im Ausland. Wie Europäisierungs- und Globalisierungsprozesse die Reproduktion sozialer Ungleichheiten verändern

Parents’ economic capital and studying medicine abroad. How processes of Europeanization and globalization change the reproduction of social inequalities

Capital économique des parents et études de médecine à l’étranger. L’influence des processus d’européanisation et de mondialisation sur la reproduction des inégalités sociales

Zusammenfassung

Die europaweite Anerkennung von Studienabschlüssen hat zur Gründung von medizinischen Fakultäten vor allem in Mittel- und Osteuropa geführt, die ein Studium in Deutsch oder Englisch anbieten und Studierende aus den wohlhabenden Ländern der EU und vor allem aus Deutschland anziehen. Im Unterschied zu einem Studium der Medizin in Deutschland ist der Zugang zu diesen Universitäten nicht von der Abiturnote abhängig, sondern von der Fähigkeit, hohe Studiengebühren bezahlen zu können. Der Artikel vergleicht den sozialen Hintergrund von deutschen Medizinstudierenden in Deutschland mit dem von deutschen Studierenden in Ungarn. Der Vergleich zeigt, dass der Studierendenanteil aus höheren sozialen Klassen in Ungarn deutlich größer ist als in Deutschland. Das Studium in Ungarn dient vor allem der unmittelbaren Reproduktion des Berufes der Eltern, da viele der Eltern der deutschen Studierenden in Ungarn selbst den Arztberuf ausüben. Das Beispiel illustriert, wie Europäisierungs- und Globalisierungsprozesse die Möglichkeiten der Reproduktion sozialer Ungleichheit verändern. Es sind vor allem die oberen Klassen, die von der nationalstaatlichen Öffnung profitieren.

Abstract

The fact that university degrees are accepted throughout Europe has led to the founding of medical faculties, especially in Central and Eastern Europe, that offer medical studies in German or English and thus attracting students from richer Western European countries like Germany. Unlike medical studies in Germany, access to these foreign universities is not dependent on the final school exam grade, but on the ability to pay high tuition fees. The article compares the social class background of medicine students in Germany with German medicine students in Hungary. The analysis shows that the percentage of medicine students who come from higher social classes is even higher in Hungary than it already is in Germany. Studying medicine in Hungary primarily serves as an immediate reproduction of the parents’ profession as many of German medicine students in Hungary have a parent who belongs to the medical profession. The case of German students studying medicine abroad illustrates how Europeanization and Globalization have changed the reproduction of social inequalities; upper classes profit most from the new opportunities.

Résumé

La reconnaissance des diplômes universitaires à travers l’Europe a entraîné en particulier en Europe centrale et orientale la création de facultés de médecine qui, proposant un cursus en allemand ou en anglais, attirent des étudiants des pays prospères de l’UE et notamment d’Allemagne. À la différence des études de médicine en Allemagne, l’accès à ces universités ne dépend pas de la note obtenue à l’Abitur (baccalauréat) mais de la capacité à payer des frais d’inscription élevés. Cet article compare l’origine sociale des étudiants en médecine allemands en Allemagne et en Hongrie. Cette comparaison montre que la proportion d’étudiants issus des classes sociales supérieures est nettement plus élevée en Hongrie qu’en Allemagne. Les études de médecine en Hongrie servent surtout à reproduire la profession des parents, de nombreux parents exerçant eux-mêmes la profession de médecin. Cet exemple illustre l’influence des processus d’européanisation et de mondialisation sur les possibilités de reproduction des inégalités sociales. Ce sont avant tout les classes supérieures qui profitent de l’ouverture des États-nations.

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Notes

  1. 1.

    Daneben gibt es noch die Möglichkeit, über ein Klageverfahren einen Studienplatz zu bekommen. Dabei muss einer Universität nachgewiesen werden, dass sie in dem jeweiligen Fach nicht ausgelastet ist, also mehr Studierende hätte immatrikulieren können, als sie faktisch aufgenommen hat. Der Anteil an Studierenden, die über diesen Weg einen Studienplatz in der Medizin erhalten, ist aber marginal. Man kann vermuten, dass auch hier die soziale Herkunft der Kinder einen Einfluss auf die Klagewahrscheinlichkeit hat, da die Klagen mit erheblichen Kosten verbunden sind. Die Kosten entstehen vor allem dadurch, dass die meisten Eltern bzw. deren Kinder mehrere Universitäten gleichzeitig verklagen, um die Erfolgswahrscheinlichkeit der Klage zu erhöhen und einen Studienplatz zu bekommen.

  2. 2.

    http://www.hochschulstart.de/fileadmin/downloads/NC/WiSe2014_15/nc_alle_ws14_nrv_1.pdf. Zugegriffen: Dez. 2014.

  3. 3.

    Für das Studium der Tiermedizin musste man im Wintersemester 2014/15 eine Abiturnote von ca. 1,3 erreichen, um direkt einen Studienplatz zu bekommen. Die Wartezeit betrug 11 Semester bei einem Notendurchschnitt von 2,1. In der Zahnmedizin war im gleichen Semester eine Abiturnote von 1,2 erforderlich; die Wartezeit betrug 12 Semester bei einer Abiturnote von 3,2. http://www.hochschulstart.de/fileadmin/downloads/NC/WiSe2014_15/nc_alle_ws14_nrv_1.pdf. Zugegriffen: Dez. 2014.

  4. 4.

    Bis 2006 ist der größte Anteil an Personen, die in Deutschland keinen Studienplatz bekommen haben, nach Österreich gegangen. Diese Ausweichmöglichkeit wurde aber durch die Festlegung von Quoten für Ausländer stark eingeschränkt.

  5. 5.

    Siehe: http://www.anerkennung-in-deutschland.de.

  6. 6.

    http://www.anerkennung-in-deutschland.de/html/de/arzt_aerztin.php. Zugegriffen: Jan. 2015.

  7. 7.

    Absolventen von Universitäten außerhalb der EU, dem EWR und der Schweiz durchlaufen ein Prüfungsverfahren.

  8. 8.

    Der Semmelweis Universität kommt eine Vorreiterfunktion zu, weil hier bereits seit 1984 ein deutschsprachiges Medizinstudium angeboten wird.

  9. 9.

    http://www.asklepios.com/ams_Studiengebuehren.Asklepios?ActiveID=3602. Zugegriffen: Juni 2015.

  10. 10.

    Wir können leider nicht kontrollieren, ob unsere Stichprobe ein repräsentatives Abbild der Grundgesamtheit aller Medizinstudierenden in Ungarn darstellt, weil wir nicht wissen, welche der Medizinstudierenden in der Facebook-Gruppe vertreten sind („coverage error“) und welche von diesen wiederum auf unsere Anfrage geantwortet haben („non-response error“). Aus anderen Studien wissen wir, dass vor allem ältere Personen, Personen mit geringer Bildung und Personen, die bereits eine Familie mit Kindern haben, in Online-Befragungen unterrepräsentiert sind (Baur und Michael 2009). Diese Faktoren der Verzerrung treffen aber auf unsere Befragung nicht zu, weil es sich bei den von uns Befragten bezüglich aller drei Dimensionen um eine homogene Gruppe jungen Alters mit hoher Bildung und ohne Familie handelt. Wir haben auch keine theoretisch plausible Hypothese darüber, dass bezüglich der uns interessierenden Merkmale z. B. Studierende von Eltern mit höherer Bildung oder höherem Berufsstatus eher in der Facebook-Gruppe teilnehmen bzw. auf unsere Anfrage geantwortet haben als Personen, deren Eltern eine geringere Bildung oder einen geringeren Berufsstatus haben. Insofern können wir zwar empirisch nicht prüfen, ob unsere Stichprobe repräsentativ ist, theoretisch spricht aber erst einmal nichts für eine Verzerrung der Stichprobe.

  11. 11.

    Die Preise für den Kauf einer Staatsbürgerschaft variieren je nach Status des Landes und den mit der Staatsbürgerschaft verbundenen Rechten erheblich (Shachar und Bauböck 2014). Je höher die Anzahl der Länder, in die man mit der entsprechenden Staatsbürgerschaft reisen kann, desto teurer ist der Kauf dieser Staatsbürgerschaft. Malta ist als EU-Land hier besonders attraktiv und damit besonders teuer (ca. 650.000 Euro; Süddeutsche Zeitung, 13.11.2013).

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Gerhards, J., Németh, B. Ökonomisches Kapital der Eltern und Medizinstudium im Ausland. Wie Europäisierungs- und Globalisierungsprozesse die Reproduktion sozialer Ungleichheiten verändern. Berlin J Soziol 25, 283–301 (2015). https://doi.org/10.1007/s11609-015-0290-y

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Schlüsselwörter

  • Soziale Ungleichheit
  • Bildungsungleichheit
  • Hochschulforschung
  • Globalisierung

Keywords

  • Social inequality
  • Educational inequality
  • Research on higher education
  • Globalization

Mots-clés

  • Inégalité sociale
  • Inégalité scolaire
  • Sociologie de l’enseignement supérieur
  • Mondialisation