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Piraterie oder Allmende der Wissenschaften?

Zum Streit um Open Access und der Rolle von Wissenschaft, Bibliotheken und Markt bei der Verbreitung von Forschungsergebnissen

Piracy or creative commons?

The role of libraries, the scientific community and the market

  • Positionen, Begriffe, Debatten
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Leviathan

Zusammenfassung

Open Access wird hier nicht nur als Modell des freien Zugangs zu wissenschaftlichen Texten gesehen, sondern darüber hinaus als eine Möglichkeit, das Allmende-Problem der Bibliotheksetats zu lösen. Open Access als eine spezielle Organisationsform für die Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse erfordert jedoch nicht, das Urheberrecht als grundsätzlich obsolet zu betrachten. Der Ansatz, Wissen und jegliche Information zu einem öffentlichen oder gar freien Gut zu erklären und Piraterie zur Tugend zu proklamieren, wird nicht geteilt.

Abstract

Open Access is not only a model of free access to scientific texts but also a way, to solve the problem of the commons of the library-budgets. With open access as a special way of organizing the spread of scientific results the copyright is not getting obsolete. The approach, to declare science and any information as a public or free good and piracy a virtue is not shared.

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Notes

  1. Von Open Access soll die Rede sein, wenn wissenschaftliche Ergebnisse (nicht notwendig Texte) durch aktives Handeln ihrer Schöpfer für die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft ohne Barrieren rezeptiv zugänglich sind.

    Google-Book-Search, das gelegentlich mit Open Access in Verbindung gebracht wird, unterscheidet sich davon jedoch grundlegend, weil es die Autoren nicht beteiligt. Open Access setzt in der hier verwendeten Definition immer eine aktive Entscheidung des Autors oder Schöpfers voraus.

    Eine Mischform ist dagegen das von Springer als erstem Verlag eingeführte Open Choice-Modell. Dabei hat der Autor hat im Rahmen einer konventionellen elektronischen Zeitschrift die Möglichkeit, seinen eigenen Artikel gegen Zahlung einer Publikationsgebühr so freischalten zu lassen, dass er für jedermann im Internet zugänglich ist. Open Access bezieht sich hier nur auf den einzelnen Aufsatz, während die Zeitschrift als ganze weiterhin von den Abonnenten zu dem vom Verlag festgesetzten Preis bezogen werden muss. Dagegen ist die bei originären Open Access-Zeitschriften, z. B. den auf der ehemals nichtkommerziellen, nun aber zum Springer-Verlag gehörenden Plattform BioMedCentral erscheinenden Titeln der Zugang zu allen Inhalten einschließlich des gesamten Archivs frei, eine Subskription ist also nicht mehr erforderlich. Die Kosten des Publikationsprozess übernimmt der Autor, bzw. die Institution des Autors.

    Open Access unterscheidet sich somit von dem herkömmlichen Zeitschriftenbezug („Subskriptionsmodell“) auch hinsichtlich des Geschäftsmodells. Beim herkömmlichen Modell kommen die Subskribenten für die Kosten des Publikationsprozesses auf, beim Open Access-Modell die Autoren. In beiden Fällen haben letztendlich die Etats der Universitäten und der großen Forschungseinrichtungen den größten Teil der Kosten zu übernehmen.

  2. Dieser Zusammenhang wird in der bibliothekarischen Diskussion meist vernachlässigt. Eine Ausnahme ist die luzide Analyse von Shieber (2009).

  3. http://arxiv.org/

  4. www.mpra.ub.uni-muenchen.de

  5. Anders als bei Kuhlen bezieht sich hier der Allmende-Begriff nicht auf die Gesamtheit von vorhandenen Informationen, sondern auf den Bibliotheksetat, der aus Sicht des einzelnen Wissenschaftlers eine Allmende darstellt.

  6. Da die Markteintrittskosten für Open Access Zeitschriften wegen des wegfallenden Vertriebsrisikos deutlich unter den von traditionellen Zeitschriften liegen, ist anzunehmen, dass die Wettbewerbsintensität mit der Durchsetzung von Open Access zunimmt.

  7. http://www.dfg.de/download/formulare/12_20/12_20.pdf

  8. Das Paradigma der „erzwungenen Verknappung“ (Kuhlen) ist in dieser Form ökonomisch nicht haltbar. Die Knappheit entsteht, weil die Ressourcen knapp sind. Auch die Erstellung von Wissen erfordert zumindest intellektuelle wie zeitliche Ressourcen. Kuhlens Argumentation, dass die Mehrung des einzelwirtschaftlicher Nutzen nicht automatisch eine Steigerung der gesellschaftlichen Wohlfahrt bedeutet, lässt sich auch im Rahmen der traditionellen Ökonomie lösen, ohne auf die das Paradigma der „künstlichen Verknappung durch den Markt“ zurückgreifen zu müssen. So ist zumindest der neoklassische Mainstream davon überzeugt, dass Arbeitslosigkeit entsteht, weil Löhne gefordert werden können, die oberhalb eines markträumenden Lohnsatzes liegen. Hoher Lohn ist für den einzelnen Beschäftigten gut, Arbeitslosigkeit gesellschaftlich unerwünscht. Auf der anderen Seite wird bei einem zu niedrigem Lohnsatz der Anreiz fehlen, auch dann kommt Beschäftigung nicht zustande. Die Parallele zur Diffusion von Wissen und Information durch wissenschaftliche Zeitschriften liegt auf der Hand: Auch hier kommt der hohe Preis Einzelnen (insbesondere Verlagen) zugute, ist gesellschaftlich jedoch von Nachteil. In beiden Fällen ist es jedoch nicht der Markt an sich, der zu einer Verknappung sorgt, sondern es sind Monopolisierungen und institutionelle Unvollkommenheiten.

    Ebenso ist die „Unternutzung“ (Kuhlen) eines Gutes ein in der Wirtschaftswissenschaft bereits bekanntes Phänomen, für das Richard A. Musgrave den Begriff meritorisches Gut geprägt hat. Meritorische Güter werden auf dem Markt in einem von der Gesellschaft als zu gering betrachteten Maße nachgefragt, das klassische Beispiel dafür ist Schulbildung. Die Verbreitung von Wissen stellt jedoch kein meritorisches Gut dar, da es nicht in zu geringem Maße nachgefragt wird, sondern aufgrund der – wie bereits gezeigt – überhöhten Preise in zu geringem Maße abgenommen wird.

  9. Auch Steinhauers ansonsten sehr wohlausgewogene Position ist von diesen Anklängen nicht ganz frei s. Steinhauer 2010, S. 76.

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Brintzinger, KR. Piraterie oder Allmende der Wissenschaften?. Leviathan 38, 331–346 (2010). https://doi.org/10.1007/s11578-010-0095-5

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