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Soziologie der Angst

Martin, Susanne, und Thomas Linpinsel (Hrsg.): Angst in Kultur und Politik der Gegenwart. Beiträge zu einer Gesellschaftswissenschaft der Angst. Wiesbaden: Springer VS 2020. 228 Seiten. 978-3-658-30430‑0. Preis: € 49,99.

Nicht allein mit dem Rechtsruck hat die Debatte, wir würden in einer Gesellschaft der Angst leben, neue Anknüpfungspunkte gefunden. Auch die umfassenderen Bedingungen der Spätmoderne führen vermehrt dazu, der Angst als zentraler Emotion unserer Gegenwart neue Aufmerksamkeit zu widmen. Das Versprechen des Sammelbandes von Susanne Martin und Thomas Linpinsel mit dem Titel Angst in Kultur und Politik der Gegenwart liegt nun darin, diesen prägenden Stellenwert durch empirische, kulturwissenschaftliche sowie modernisierungs- und affekttheoretische Ergänzungen, also durch eine interdisziplinäre Perspektive auf Angst, zu differenzieren. Entsprechend haben die einzelnen Beiträge zum Ziel, „exemplarisch das Feld einer interdisziplinären Gesellschaftswissenschaft der Angst“ (S. 15) abzustecken.

Dazu folgen in dem Band drei Kapitel aufeinander, welche zugleich „drei Kernbereiche einer aktuellen Gesellschaftswissenschaft der Angst“ (S. 13) bilden sollen. In dem ersten Kapitel „Angst, Politik und Gesellschaft“ geben Beiträge von Christoph T. Burmeister, Veith Selk und Stefan Vennmann vor allem gesellschaftstheoretische Perspektiven auf Angst und den Liberalismus. Das zweite Kapitel, „Angst und (Medien‑)Kultur“, befasst sich mit kulturellen Repräsentationen von Angst in Klimawandelszenarien (Jörn Ahrens), in Bilderwelten (Gabriele Werner) und als architektonischer Ausdruck im Stil des Brutalismus in der alten Bundesrepublik (Jörg Probst). Das dritte Kapitel „Empirie der Angst“ schließlich fasst vier sozialwissenschaftliche Studien zu Ursachen und konkreten Ausprägungen von Angst zusammen. Sigrid Betzelt und Ingo Bode erörtern dazu Angsterfahrungen in Arbeitskontexten der Daseinsvorsorge, Judith Eckert untersucht Angstrhetoriken in Interviewmaterial, während Larissa Deppisch den Mediendiskurs des Abgehängtseins in Deutschland sowie Andreas Schmitz und Jakob Horneber Angst als Teil von US-amerikanischen TV-Präsidentschaftsdebatten seit den 1960er-Jahren analysieren.

Für diese Kernbereiche stellt Susanne Martin in ihrem einführenden Beitrag zunächst die wichtigsten Debatten dar, die sich mit der Gegenwartsdiagnose der Angst als Ursache und Folge gesellschaftlicher Verhältnisse befassen. Zeitdiagnostiker und -diagnostikerinnen, wie u. a. Ulrich Beck, Frank Furedi, Zygmunt Bauman, Anthony Giddens, Sara Ahmed oder Oliver Nachtwey, machten demnach so vielfältige Bedingungen wie gesteigerte Kontingenzen, zerbröckelnde Wohlstands- und Wohlfahrtsgesellschaften, Nationalismus oder eine intensivierte Sicherheitspolitik infolge von „war on terror“, Migration und Naturkatastrophen zu den ursächlichen Bedingungen von Angst. Gemein sei ihnen weiter, dass sie Angst heute als Ergebnis der gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen vier Jahrzehnte sehen. Sie hätten einem bisher optimistischen Blick in die Zukunft den Boden entzogen, sodass sich als Gefühl unserer Zeit zunehmend negative Erwartungen und eine generalisierte Unsicherheit breitmache. Den hohen Stellenwert der Angst erkennen die Diagnosen wiederum an „drei Befunden“ (S. 4): Erstens betreffe Angst heute „sämtliche Bereiche des Lebens“ (ebd.), was sie zu einer diffusen Grundstimmung unserer Gesellschaft mache und sich an „konkrete Ängste“ (S. 5) haften kann. Zweitens soll gegenwartstypisch sein, dass Angst „keine sozialen Grenzen“ (ebd.) mehr kenne. Und drittens soll Angst „verstärkt (regressive) politische Auswirkungen“ (S. 6) haben.

Vor diesem Hintergrund legen die Beträge nun einen gemeinsamen Fokus „auf westliche Gesellschaften der Gegenwart (und teils jüngeren Vergangenheit)“ (S. 12), um bei gleichzeitiger Gegenstands- und Theorievielfalt ein differenziertes Bild dieser Diagnosen und Befunde zu zeichnen. Beispielhaft zeigt sich dies an verschiedenen Analysen zur Versicherheitlichung von Gesellschaft. So kann Burmeister mithilfe einer affekttheoretischen Perspektive auf Sicherheitspolitik die These der Angst als allgegenwärtige Grundstimmung weiter spezifizieren. Konzeptionell rückt er Relations- und Interaktionsphänomene in den Mittelpunkt der Analyse und kann auf diese Weise Angst nicht allein als Ursache, sondern vor allem als Resultat von Affizierungen umgreifender institutioneller Maßnahmen fassen. Diese generieren dann als „(Vor‑)Vorsorge“ (S. 36) ein Gefühl der potenziellen und permanenten Bedrohung. Dazu ergänzt Gabriele Werner in ihrem bildtheoretisch angelegten Beitrag, wie Pressefotos von islamistischen und rechten Terroranschlägen aus den USA und Europa funktionieren, um über abgrenzende Narrative Angst vor Terror kollektiv zu bewältigen. Weißsein, hegemoniale Männlichkeit, rassistische wie nationalistische Sensibilitäten auf den Fotos bilden dazu die gemeinsamen Bezugspunkte. Sicherheitspolitische Fragen in Verbindung mit Migration und nationaler Identität tauchen ebenso in den Interviews von Judith Eckert auf. Gesellschaftsmitglieder würden, so Eckerts Rekonstruktion, dazugehörige Unrechtserfahrungen von Etabliertenvorrechten über eine mikropolitische Nutzung von Angstrhetorik kommunikativ verarbeiten. Daraus schlussfolgert sie, Angst sei vielmehr Teil einer legitimierenden Kommunikationskultur als ein tatsächlich körperlich empfundenes Gefühl. Wiederum die Sentiment-Analyse der US-amerikanischen TV-Präsidentschaftsdebatten seit 1960 von Schmitz und Horneber legt offen, dass seit den 1990er-Jahren Angst weniger über explizite Bezüge, sondern stärker über Begriffe wie „war“ und „terror“ kommuniziert wurde. Es sind also diese unterschiedlichen sozialen Felder und theoretischen Zugänge in den Beiträgen, welche die gegenwärtige Spezifik von Angst verdichten und dadurch aufzeigen, durch welche kulturellen Bezüge, sozialen Bedingungen und über welche (neue) Medien sich Angst ausbildet und zu sozialer Realität gerinnt.

Diese Stärke, Erscheinungsformen der Angst konkret und durch induktive Verfahren zu erschließen, macht den Band auch in methodisch-methodologischer Hinsicht lesenswert, da er Einblicke in verschiedene quantitative und qualitative Untersuchungsdesigns gibt. Entsprechend gelingt Deppisch mithilfe der Grounded-Theory-Methodologie ein nuanciertes Verständnis der Bedeutungszusammenhänge von „Gefühlen des Abgehängtseins“ und Angst herauszuarbeiten, die in der Medienöffentlichkeit diskursiv als Erklärung für den Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl 2017 für den ländlichen Raum zirkulierten. Schmitz und Horneber zeigen weiter, wie sich auch mittels quantitativer Verfahren überraschende Brücken zwischen gesellschaftstheoretischen Konzepten der Diskurtheorie von Jürgen Habermas und den computergestützten Auszählungen von Angstwörtern wie „risk“, „concern“, „fear“ ergeben können, die als „Angsttypen“ (S. 225) die TV-Präsidentschaftsdebatten formieren. Zwei Beiträge vervollständigen diesen Anspruch mit Blick auf die politische Theorie. Veith legt dar, weshalb der „Liberalismus der Furcht“ (S. 43) einer Aktualisierung bedarf und Vennmann zeigt an Franz L. Neumanns Spätwerk auf, wie die Kritische Theorie auch heute ein Verständnis von Angst in ihren politischen Konsequenzen informieren kann.

Wo man Angst sucht, findet man sie auch? Solch ein Einwand würde für den Band zu kurz greifen. Denn die Beiträge stellen durch ihre konkreten und theoretisch facettenreichen Analysen das Gefühl der Angst in seiner jeweiligen Komplexität scharf, zeigen dabei auch Grenzen zu anderen Affekten und Emotionen auf und können daher gerade gegenüber der im deutschsprachigen Raum noch vielfach anzutreffenden, aber eher ungenauen Unterscheidung zwischen (konkreter) Furcht und (diffuser) Angst konzeptionelle (Neu‑)Perspektivierungen liefern. Dazu trägt auch Ahrens Argumentation über die Angst im Zeitalter des Anthropozäns bei. So sei der Klimawandel insbesondere aufgrund seiner Menschengemachtheit symbolisch kaum stimmig zu erzählen, weshalb auch die daraus resultierende Angst gesellschaftlich desintegrierend wirke – eine Überlegung, die in Aussicht stellt, wie sich auch in Zukunft Angst als immanentes Signum der Moderne neu konfigurieren kann.

Wünschenswert wären noch weitere zeitliche und kulturelle Vergleichshorizonte, ebenso eine systematischere Rückbindung der Analysen an die allgemeinere Diagnose der Emotionalisierung von Gesellschaft. Auch fehlen Bezüge untereinander und Interdisziplinarität wird nicht als Perspektive innerhalb der Beiträge selbst verfolgt. Dennoch bietet der Band vielversprechende theoretische und gegenstandsbezogene Anschlüsse und bereichert das Forschungsfeld mit aktuellen Analysen zu einem prägenden Gefühl unserer Zeit.

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Diefenbach, A. Soziologie der Angst. Köln Z Soziol 73, 589–592 (2021). https://doi.org/10.1007/s11577-022-00810-1

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