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Organisationssoziologie

FormalPara Lazega, Emmanuel:

Bureaucracy, Collegiality and Social Change. Redefining Organizations with Multilevel Relational Infrastructures. Cheltenham: Edward Elgar Publishing 2020. 326 Seiten. ISBN: 978-1-83910-236‑3. Preis: $ 145,-.

Die von Max Weber beschriebene Rationalisierung der modernen Gesellschaft durch die Emergenz bürokratischer Organisationen ist eine der grundlegenden Thesen der Soziologie im Allgemeinen und der Organisationssoziologie im Besonderen. Indem er das Phänomen „Organisation“ als Spannungsfeld zwei idealtypischer Logiken der Bürokratie und Kollegialität betrachtet und so die Bedeutung von Organisationen in Dynamiken übergreifenden sozialen Wandels in den Blick nimmt, fokussiert Emmanuel Lazega die fortschreitenden Konsequenzen der Bürokratisierung der Moderne und setzt sie ins Verhältnis zu den Problemlagen aktueller Regulierungs‑, Ungleichheits- und Digitalisierungsdynamiken. Während die bürokratische Logik der Organisation dabei im Sinne von Weber den Idealtypus einer Organisation auf der Basis von Routine, Hierarchisierung und Entpersonalisierung benennt, beschreibt Kollegialität eine Organisationslogik, die auf Innovation, Kreativität, Konsensbildung und personalisierte (Arbeits‑)Beziehungen abzielt. Beide Logiken sind für Lazega konstitutiv für Organisationen, welche sich stets in einem Spannungsfeld zwischen Bürokratie und Kollegialität bewegen und in ihrem widersprüchlichen Zusammenhang organisationsinterne und gesellschaftliche Machtverhältnisse prägen.

In der modernen Gesellschaft hat sich die bürokratische Logik als dominante Koordinationsform entwickelt, die aber stets durch kollegiale Dynamiken komplementiert wird. Als vermittelnde Instanzen zwischen den Logiken der Bürokratie und Kollegialität identifiziert Lazega „multilevel relational infrastructures“, also Strukturtypen, die in der Lage sind, zwischen diesen stets mehrere Ebenen (personal, organisational) betreffenden Logiken zu vermitteln und zu koordinieren. Zwei Formen solcher Strukturtypen fokussiert Lazega im weiteren Verlauf besonders: Relationale und kollegiale Netzwerke („collegial pockets“) sowie die damit eng verknüpften aus sozialem Status resultierenden „vertical linchpins“. Diese „vertical linchpins“ sind Personen, die auf mehreren Ebenen Einfluss ausüben und so zwischen Bürokratie und Kollegialität vermitteln können. Lazega fokussiert anschließend vor diesem Hintergrund das Verhältnis von Bürokratie und Kollegialität durch die Betrachtung kollegialer Netzwerke in Organisationen, zwischen Organisationen und in der Gesellschaft insgesamt. Konzeptionell verortet er die Studie im Kontext der strukturellen Netzwerkforschung und beschreibt seinen mehrere Ebenen übergreifenden Ansatz als neo-strukturelle Analyseperspektive, die auf die Fokussierung von Organisationen auf mehreren Ebenen personaler, organisationaler und interorganisationaler Netzwerke ausgerichtet ist.

Im einleitenden Kapitel werden die benannten Grundthesen entfaltet und die Basiskonzepte sowie das mehrere Ebenen übergreifende Forschungsdesign („stratigraphic and multilevel“) zur Analyse präsentiert. Im zweiten Kapitel wird aufgezeigt, wie Bürokratie und Kollegialität sich organisationsintern als aufeinander verweisende und ermöglichende wie zugleich widerstreitende Organisationslogiken darstellen. Anhand von drei Fallbetrachtungen – einer Anwaltskanzlei, einer katholischen Diözese sowie einem französischen Handelsgericht – wird gezeigt, wie die Bürokratisierung von Organisationen stets mit der Bildung von kollegialen Netzwerken („collegial pockets“, die bei entsprechender Dominanz zu kollegialen Oligarchien werden) einhergeht und wie diese die Machtstrukturen in Organisationen prägen. Kapitel 3 erweitert den Fokus und zeigt, wie solche „multilevel relational infrastructures“ über Organisationsgrenzen hinaus etabliert werden. Am Fall eines Netzwerks von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird gezeigt, wie personalisierte Kollegialität Innovationen befördert, bürokratische Logiken in Organisationen herausfordert und wie sich Machtverhältnisse dadurch in und zwischen Organisationen und Personen(-netzwerken) verändern und verschieben.

Kapitel 4 richtet den Blick auf die Rolle kollegialer Netzwerke und Oligarchien in Governance-Prozessen zwischen privaten und öffentlichen Akteuren. Lazega zeigt, wie der Erarbeitungsprozess eines harmonisierten europäischen Patentrechts durch interpersonale Netzwerke von besonders einflussreichen Patentrichtern als „vertical linchpins“ geprägt wird. In Kapitel 5 wird der Analysefokus erweitert und untersucht, wie Organisationen und kollegiale Oligarchien soziale Ungleichheiten in Organisation und Gesellschaft befördern und reproduzieren. Schließlich betrachtet Lazega in Kapitel 6 die aktuellen Digitalisierungsdynamiken der Gesellschaft. Die Digitalisierung organisationaler Prozesse führt zu einer neuen Form entpersonalisierter Kollegialität, die Lazega als „inside-out-collegiality“ beschreibt, also eine auf links gewendete Form der Kollegialität, die paradoxerweise Bürokratisierungstendenzen verstärkt. Artifical Intelligence, Big Data und Social Media bewirken eine Erosion von Bottom-up-Kollegialitätsdynamiken von Angestellten und führen zu einer fortschreitenden Bürokratisierung der Gesellschaft, welche letztlich liberale und freiheitliche Werte unter Druck setzen und autoritären Gesellschaftsmodellen Vorschub leisten könnte.

Lazegas Studie beeindruckt durch ihre theoretische Komplexität, ihre empirische Reichweite und ihren Fokus auf zentrale Wandlungsdynamiken der modernen Gesellschaft. Die enge Verknüpfung von theoretischer Grundlagenarbeit und detaillierten empirischen Analysen aktueller (organisations-)soziologischer Problemfelder von Einzelorganisationen und Netzwerken über Governance-Prozesse, soziale Ungleichheiten bis zu Digitalisierungsdynamiken ist eine der wesentlichen Stärken dieser Arbeit. Der klare Fokus auf das Spannungsverhältnis von Bürokratie und Kollegialität und das Forschungsdesign über mehrere Ebenen integriert die vielfältigen empirischen Beobachtungen in einem konsistenten theoretischen Rahmen, der es erlaubt, die empirischen Charakteristika der behandelten Fälle konkret und detailliert anhand der Mischungs- und Verweisungsverhältnisse von Bürokratie und Kollegialität zu analysieren. Im weiteren Verlauf wird das Spannungsverhältnis von Bürokratie und Kollegialität in gesellschaftstheoretischer Absicht generalisiert, indem die Rolle von Organisationen und ihrer idealtypischen Logiken in Dynamiken der Reproduktion sozialer Ungleichheiten und der fortschreitenden Digitalisierung der heutigen Gesellschaft betont wird. Die große Stärke der Studie liegt in ihrer „Multilevel“-Perspektive auf Organisationen: Lazega gelingt so eine Einordnung der Rolle von Organisationen von mikrosoziologischen Relationen des Verhältnisses von Individuen und Organisationen über interorganisationale Netzwerke bis hin zum allgemeinen Verhältnis von Organisation und Gesellschaft.

Problematisch erscheint der exklusive Fokus auf netzwerktheoretische Analyseperspektiven. So könnten neo-institutionalistische und kapitaltheoretische Ansätze die Besonderheiten kollegialer Netzwerke über die fokussierten personalen Netzwerkrelationen hinaus als auf geteilten kulturellen Normen begründete Gruppen wie auch ihre (Nicht‑)Verfügung über symbolische Kapitalformen adäquater erklären (statt des nur aus der Stellung im Netzwerk begründeten „relationalen Kapitals“). Angesichts der schon im Titel formulierten Intention – „Redefining Organizations“ – könnte auch der Einbezug von entscheidungs- und kommunikationstheoretisch orientierten Organisationskonzepten die unscharf erklärten Grenzen von Organisationen und (personalen und organisationalen) Netzwerken schärfer herausstellen und verdeutlichen, wie Organisationen im Widerspruch von bürokratischen und kollegialen Logiken gleichwohl über die Verknüpfung von Entscheidungen ihre Identität und Einheit selbst konstituieren und so ihre Grenzen zu den hier primär im Fokus stehenden personalen Netzwerken definieren.

Insgesamt legt Emmanuel Lazega mit seiner Studie eine sehr gute, theoretisch abgeklärte und empirisch sorgfältige Analyse und Einordnung der Rolle von Organisationen in heutigen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen vor. Er liefert damit wesentliche Impulse zur tiefergehenden Erklärung des Verhältnisses von Organisation und Gesellschaft und zur Weiterentwicklung und Verknüpfung organisations- und netzwerksoziologischer Analyseperspektiven.

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Jöstingmeier, M. Organisationssoziologie. Köln Z Soziol 73, 307–310 (2021). https://doi.org/10.1007/s11577-021-00781-9

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