Rassismus

FormalPara Heitzmann, Daniela, und Kathrin Houda:

Rassismus an Hochschulen. Analyse – Kritik – Intervention. Weinheim: Beltz Juventa 2020. 262 Seiten. ISBN: 978-3-7799-3889‑7. Preis: € 29,95.

Rassismus als Strukturprinzip ist auch in Wissenschaft und Hochschulen tief verankert. Diese Erkenntnis wird durch den Sammelband von Heitzmann und Houda eindrücklich und vielfältig belegt. So versammelt der Band ausgehend von dem zutreffenden Befund, „dass die Diskussion zu Rassismus an Hochschulen im deutschsprachigen Raum noch immer zu wenig Aufmerksamkeit erfährt“ (S. 9) unterschiedliche Perspektiven auf den Gegenstand. Diese reichen von grundlegenden strukturellen Analysen, die das Wissenschaftssystem oder zumindest einzelne Teile davon infrage stellen, bis hin zu kleinteiligen Analysen von – weitestgehend qualitativem – empirischem Material. Durch das Fehlen eines gemeinsamen konzeptionellen Rahmens, geteilter Definitionen und abgestimmter Fragestellungen stehen die verschiedenen Aufsätze größtenteils für sich. Die knapp gehaltene Einleitung erläutert die Relevanz des Themas und stellt die verschiedenen 12 Beiträge vor.

Ein Punkt, der sich durch eine Vielzahl der Artikel zieht und zugleich die Grundlage einer ernsthaften Beschäftigung mit Rassismus in Hochschulen, Wissenschaft und Forschung sein muss, sind Reflexionsprozesse. Diese beziehen sich auf ganz unterschiedliche Aspekte. Als erstes ist die Positionierung von Forschenden selbst zu nennen. Dies wird bereits in der Einleitung durch die Herausgebenden angesprochen. Dabei wird der Auftrag formuliert, sich auch aus einer weißen Perspektive gegen Rassismus zu engagieren. Der Beitrag von Fereidooni, in dem er Reaktionen und Kritiken an seiner Dissertation reflektiert, zeigt sehr deutlich, mit welchem Rassismus und welcher Nichtanerkennung rassismuskritische, PoCs und Schwarze Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konfrontiert werden. Die reflektierten und eingeordneten Erfahrungen der Delegitimation von Forschung weisen eindrücklich nach, wie sich Hochschulen als weiße Räume konstituieren. Ergänzt wird diese Perspektive von dem Beitrag von Amiri, die in qualitativen Interviews erhobene Rassifizierungspraxen analysiert und darlegt, dass diese Praxen verschiedene Bereiche der Hochschule durchziehen. Das Bild der Hochschule als weißer Raum muss jedoch durch vereinzelte Ausnahmen ergänzt werden. So beschreibt Wagner die Studiensituation in der islamischen Theologie und betont, dass es sich hierbei nicht um einen weißen Raum handle. Bei der Analyse der Erfahrungen der Studierenden zeigt er, dass das beständige Ansprechen als Alltagsexperten und -expertinnen zum Thema Islam zu Spannungen mit dem akademischen Wissenserwerb führen kann.

Doch nicht nur auf der Ebene individueller Anwesenheit und individuellen Erlebens können Hochschulen und Wissenschaft als weiße Räume beschrieben werden. Es sind auch die inhaltlichen Perspektiven, die Rassismus reproduzieren. Van Lück kritisiert etwa weite Teile der Integrationsforschung dafür, dass sie über keinen rassimuskritischen Zugang verfügen. Forschungsperspektiven – und hier argumentiert sie in eine ähnliche Richtung wie auch Fereidooni –, die eine rassismuskritische Position einnehmen, werden darüber hinaus marginalisiert. In eine ähnliche Kerbe schlägt Wiest, indem sie die Fremdheitskonstruktionen bei Simmel und Park rassismuskritisch hinterfragt und deren Schwächen herausarbeitet, die bei der Verwendung in der Lehre unbedingt reflektiert werden sollten. Doch die Auseinandersetzung mit Rassismus sollte nicht primär unter den Paradigmen von Integration und Migration oder Fremdheit geführt werden – auch wenn beide Themen ohne rassismuskritische Perspektive kaum wirklich zu verstehen sind. Sie betreffen Gesellschaft und Wissenschaft als Ganzes. Dies gilt etwa auch für die MINT-Fächer, Rechtswissenschaften, Medizin und viele andere Fächer, die innerhalb des Bandes keine ausführliche Erwähnung finden (können).

Eng verbunden mit einer fehlenden Rassismuskritik in den Forschungsperspektiven ist die Reproduktion von rassistischer Ausgrenzung in den Darstellungen von Forschungsergebnissen. So kritisiert Voß verschiedene sexualwissenschaftliche Studien, bei denen mit der Kategorisierung Migrationshintergrund ein generalisiertes Othering einhergeht, während die Dominanzkultur als progressiv und emanzipiert konstruiert und markiert wird. Auf sehr plastische Weise zeigen auch Engel und Hierse die rassistischen Implikationen von Ergebnisdarstellungen auf, indem sie Karten, die in der geografischen Migrationsforschung benutzt werden, kritisch reflektieren. Dabei demonstrieren sie, wie durch Farbgebung, fehlende Referenzwerte und Eindimensionalität bei der Leserschaft Essenzialismus und negative Assoziationen mit Migration reproduziert werden.

Doch auch das strukturelle System der Hochschule und des Wissenschaftsbetriebes bedürfen eines Reflexionsprozesses. So arbeitet Dornick heraus, wie die Kombination aus neoliberaler Wettbewerbslogik und Internationalisierung sich in einer kolonialen Logik im deutschen Wissenschaftssystem materialisiert. Während sie damit zentrale Prämissen des bestehenden Systems auf theoretischer Ebene hinterfragt, steht bei Kanuiteh, Sajad, Schitow und Simon der Praxisbezug im Vordergrund. Sie reflektieren hierbei eine Intervention zu Sprache und Sprecher- und Sprecherinnenrollen auf wissenschaftlichen Tagungen. Dabei re- und neuinszenieren sie die ursprüngliche Intervention in Schriftform. Auf der institutionellen Ebene rückt Stoltmann die Beratungsstellenarbeit als Unterstützungsstruktur für Betroffene rechter Angriffe an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in den Fokus und vergleicht diese mit Empfehlungen zum Diskriminierungsschutz an Hochschulen.

Hinzu kommt die historische Dimension von Rassismus. Innerhalb des Bandes wird sie von Graf thematisiert, der die Geschichte des Antisemitismus in österreichischen akademischen Korporationen des späten 19. Jahrhunderts darstellt. Dabei berichtet er auch davon, wie jüdische Studierende daraufhin eigene Korporationen gegründet haben. Die Frage der Fortwirkung dieser Entwicklungen für die Gegenwart wird jedoch genauso wenig gestellt wie viele andere Fragen zu Kontinuitäten kolonial-rassistischer Wissensproduktionen und deren Reproduktionen.

Mit den unterschiedlichen Ebenen von Reflexionsprozessen spricht der Sammelband auch die verschiedenen Facetten von Rassismus an. Dieser zeigt sich an der Hochschule ebenso wie in der Gesellschaft, sowohl in seiner interpersonalen, institutionellen, strukturellen wie auch historischen Dimension. Der interpersonalen Seite und damit auch der rassistischen Ideologie nähern sich die verschiedenen Artikel allerdings vorrangig aus der Perspektive der von Rassismus Betroffenen an. Diese direkt aufseiten der weißen Dominanzgesellschaft zu identifizieren und zu kritisieren, bleibt offen.

Etwas vernachlässigt wird im Band eine intersektionale Perspektive. Am ehesten wird sie von Popal-Akhzarati vertreten. Sie untersucht die Verknüpfung von Klasse, ausgedrückt durch den Status als Studierende, und der Erfahrung von Rassismus im Hinblick auf ihren Repräsentationsanspruch für marginalisierte Gruppen. Außerdem strebt zumindest Amiri eine solche Perspektive explizit an. Aber was an den von ihr analysierten Rassifizierungspraxen spezifisch für die Intersektion von Frau und Schwarz-Sein steht, bleibt weitgehend unbeantwortet. Fereidooni diskutiert seine Rassismuserfahrungen zwar auch kurz in Hinblick auf andere Positionierungen, Zugehörigkeiten und Zuschreibungen, dennoch bleiben viele relevante Fragen der Verflechtung von verschiedenen Macht- und Ungleichheitsdimensionen im Hochschulkontext und Wissenschaft weiter offen.

Alles in allem besteht der Sammelband aus vielen einzelnen Analysen, von denen jede eine intensive Auseinandersetzung im Rahmen dieser Rezension verdient hätte. Damit – und dies ist auch der eigene Anspruch der Herausgeberinnen (S. 13) – ist der Band lediglich eine Annäherung an die Thematik auf Basis der Untersuchung von einzelnen Aspekten. Er stellt sich als Potpourri der Forschung dar und leistet so wichtige Beiträge, um Debatten zu Rassismus an Hochschulen und Wissenschaft zu beleben. Zugleich zeigt er aber auch auf, wie viel Arbeit noch getan werden muss, um die vielfältigen Befunde zusammenzuführen und zu systematisieren. Noch mehr Arbeit bedarf es jedoch, rassismuskritische Positionen in der Praxis zu verankern. Doch genau auf diesem Weg ist der Sammelband von großer Bedeutung und eine Motivation, weiter zu lesen und zu reflektieren.

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Beigang, S. Rassismus. Köln Z Soziol 72, 695–698 (2020). https://doi.org/10.1007/s11577-020-00721-z

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