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Determinanten und Konsequenzen der Anerkennung von Bildungsabschlüssen bei Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland

Determinants and consequences of the recognition of education among immigrants from the former Soviet Union in Germany

Zusammenfassung

Im Zuge der anhaltenden Diskussionen über die Anwerbung hochqualifizierter Einwanderer in Deutschland beschäftigt sich dieser Artikel mit den Determinanten der Bemühungen seitens der Migranten um die Anerkennung ihrer Bildungsabschlüsse und den Folgen einer solchen Anerkennung. Die beiden Fragen werden mit Hilfe eines speziell erhobenen Datensatzes für Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion untersucht. Die Ergebnisse der Propensity-Score-Matching-Analyse zeigen, dass sich das Bildungsniveau, die berufliche Stellung im Herkunftsland, die Beschäftigung in Berufen, die in Deutschland eine Zertifizierung erfordern sowie die Sprachkenntnisse der Migranten positiv auf ihre Investitionsneigung in Bildungsanerkennung auswirken. Das Alter bei der Einwanderung hat dagegen einen negativen Effekt. Auf dem Arbeitsmarkt lohnt sich die Bildungsanerkennung in jedem Fall, besonders in Bezug auf den schnellen Eintritt in eine hochqualifizierte Beschäftigung. Dabei fallen die Abstriche durch eine nur partielle Anerkennung auch nicht sehr stark ins Gewicht. Die größten Verlierer sind Migranten, die versuchten, ihre Bildungsabschlüsse anerkannt zu bekommen, dabei aber scheiterten. Weniger gebildete Migranten, die an einer Bildungsanerkennung auch weniger interessiert sind, verfolgen anscheinend die Strategie eines schnellen Arbeitsmarkteinstiegs, ohne sich besonders um einen hohen Status ihrer Beschäftigung zu bemühen.

Abstract

In light of the continuing discussions about the recruitment of a highly-qualified labour force in Germany, this article explores the determinants of immigrants’ investments in official recognition of their education, and the labour market effects of this recognition. We examine both research questions with the help of the dataset extending to immigrants from the former Soviet Union. Results of the propensity score matching analysis show that level of education, occupational status in the country of origin, employment in professions that in Germany require specialized authorization, and language proficiency all positively affect immigrants’ investments in education recognition. Conversely, age at migration exerts a negative effect. Recognition of education certainly pays off in the German labour market, particularly when concerning high-status employment entry. Penalties associated with a partial recognition of education seem to be of minor importance. The biggest losers appear to be immigrants who attempted to get their education recognized but failed altogether. Not attempting to get one’s education recognized, on the other hand, seems to be a rational strategy largely on the part of less educated migrants who are more interested in investing into a quick labour market entry without much concern about the status of their employment.

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Abb. 1

Notes

  1. 1.

    Die Massenauswanderung aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland begann in den frühen 1990er Jahren. Seitdem kamen ca. 2 Millionen Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland (Münz2002). Zusätzlich führte Deutschland 1991 ein Umsiedlungsprogramm für jüdische Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion ein, das ihnen einen „Kontingentflüchtlingsstatus“ gewährte (Cohen und Kogan2005,2007). Über 200 000 Personen jüdischen Glaubens und ihre Familienangehörigen aus der ehemaligen Sowjetunion sind seither in Deutschland ansässig.

  2. 2.

    Wenn im Folgenden über Anerkennung der Qualifikationen gesprochen wird, sind sowohl formelle Anerkennung als auch informelle Bewertung gemeint.

  3. 3.

    Diese Webseiten sind: www.kmk.org/zab/zeugnisbewertungen.html und www.berufliche-anerkennung.de.

  4. 4.

    Das Projekt wurde von der Deutsch-Israelischen Stiftung in den Jahren 2005–2009 gefördert. Obwohl es sich um ein vergleichendes Projekt handelt, wird im Folgenden ausschließlich auf die Daten aus Deutschland Bezug genommen.

  5. 5.

    So wird basierend auf dem Abgleich von computergestützten Namensverzeichnissen und entsprechenden Regionalkennzahlen die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass bestimmte Kombinationen von Vor- und Nachnamen auf einen bestimmten ethnischen Hintergrund hinweisen.

  6. 6.

    In dem Fall, dass nur eine Person im Haushalt alle Zielgruppenkriterien (s. oben) erfüllte, wurde diese Person befragt. Sofern die gescreente Person und ihr Partner diese Kriterien beide erfüllten, wurde die befragte Person über den jeweiligen Erwerbsstatus bestimmt. Dabei wurden Erwerbstätige den Arbeitslosen oder Nichterwerbstätigen vorgezogen. Das hat als Konsequenz, dass wir den Anteil der Erwerbstätigen in unserer Stichprobe eventuell überschätzen.

  7. 7.

    Ein besonderer Vorteil des PSM im Vergleich zu anderen Matching-Verfahren besteht darin, dass die zumeist hohe Dimensionalität des Kovariatenvektors durch die Verwendung des eindimensionalen Propensity Scores reduziert wird. Besonders in kleineren Stichproben erlaubt dies, vergleichbare Individuen in so genannten „Kontroll“- und „Experimentalgruppen“ zu finden (Morgan und Harding2006).

  8. 8.

    Diese Annahme besagt, dass die Zuweisung der Individuen zum Treatment unabhängig vom Ergebnis sein sollte. Zum Vergleich wird das im klassischen Experiment durch die zufällige Aufteilung der Versuchspersonen auf die Experimental- und Kontrollgruppe gewährleistet.

  9. 9.

    Der wesentliche Unterschied zwischen diesen Verfahren besteht darin, welche und wie viele Personen aus der Kontrollgruppe zum Vergleich mit den Personen aus der Experimentalgruppe herangezogen werden und wie diese gewichtet werden (Caliendo und Kopeinig2008).

  10. 10.

    Anscheinend handelt es sich dabei um eine stärkere Selektion der jüdischen Einwanderer verglichen mit Spätaussiedlern. Während Aussiedler sich lediglich für Deutschland entscheiden konnten, standen jüdischen Migranten andere Optionen zur Verfügung (z. B. Israel), wobei sie sich bewusst für Deutschland entschieden haben (Cohen et al.2008).

  11. 11.

    Diese Analysen können im Text aus Platzgründen nicht aufgeführt werden, sind aber auf Wunsch erhältlich.

  12. 12.

    Was nicht zuletzt damit zu erklären wäre, dass im Bereich schulischer Bildung grundsätzliche Verfahrensansprüche für alle Migranten in Deutschland bestehen.

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Danksagung

Für wichtige Hinweise bedankt sich die Verfasserin bei den Herausgebern und anonymen Gutachtern. Das Papier profitierte ebenfalls von anregenden Diskussionen mit den Teilnehmern des Kolloquiums am Lehrstuhl für Soziologie, Gesellschaftsvergleich, an der Universität Mannheim und der Tagung „Work, Welfare and Migrant Integration in Germany and the EU“, die an der Munk School of Global Affairs, Universität Toronto, am 6.–7. Mai 2011 stattgefunden hat. Antje Wechsler sei für die Hilfe bei der Erstellung dieses Manuskripts ganz besonders gedankt sowie meinen Kollegen im Projekt, aus dem dieses Papier entstanden ist, Frank Kalter, Elisabeth Liebau, Yinon Cohen und Yitchak Haberfeld.

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Kogan, I. Potenziale nutzen!. Köln Z Soziol 64, 67–89 (2012). https://doi.org/10.1007/s11577-012-0157-6

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Schlüsselwörter

  • Arbeitsmarktintegration der Einwanderer
  • Bildungsanerkennung
  • Propensity-Score-Matching
  • Deutschland

Keywords

  • Immigrant labour market integration
  • Recognition of education
  • Propensity Score Matching
  • Germany