Prävention und Gesundheitsförderung

, Volume 10, Issue 3, pp 263–272

Gemeinschaftliche Selbsthilfe als Gesundheitsförderung pur!?

Analyse des Verhältnisses anhand von Grundsatzdokumenten und gemeinsamer Praxis
Prävention/Gesundheitsförderung

Zusammenfassung

Hintergrund

Gemeinschaftlicher Selbsthilfe werden große Gesundheitsförderungspotentiale zugeschrieben. Gleichzeitig besteht der Eindruck, dass es an einer systematischen Bezugnahme aufeinander und an gemeinsamer Praxis mangelt.

Ziel

Der wechselseitigen Bezugnahme von Gesundheitsförderung und gemeinschaftlicher Selbsthilfe wird anhand der Strategien und Handlungsfelder der Gesundheitsförderung auf programmatischer Ebene sowie auf Praxisebene nachgegangen. Möglichkeiten, Voraussetzungen und Grenzen einer verstärkten Kooperation werden diskutiert.

Material und Methoden

Datengrundlage für die Dokumenten- und Literaturanalyse bilden Leitdokumente, Sammelpublikationen, Magazine, Tagungsunterlagen und schriftlich dokumentierte Projekte von Gesundheitsförderungsagenturen und Selbsthilfeorganisationen im deutschsprachigen Raum. Die Kategorisierung der wechselseitigen Bezugnahme erfolgt anhand der Strategien und Handlungsfelder der Gesundheitsförderung (3 × 5-Matrix).

Ergebnisse

Programmatische Bezugnahmen und Hinweise auf gemeinsame Praxis wurden in neun der 15 Zellen der Matrix identifiziert, insbesondere im Bereich der individuellen Befähigung. Die Bezugnahme von Selbsthilfe auf Gesundheitsförderung ist stärker ausgeprägt als umgekehrt. Insgesamt überwiegen implizite Bezugnahmen.

Diskussion

Die identifizierten Überschneidungen zeigen die vielfältigen inhaltlichen Anschlussmöglichkeiten zwischen gemeinschaftlicher Selbsthilfe und Gesundheitsförderung auf. Besonders anschlussfähig scheint die aktuelle Health-Literacy-Diskussion und die Zusammenarbeit im Rahmen der Gesundheitsfördernden Krankenhäuser. Dabei sind die je eigenen Handlungslogiken beider Seiten zu berücksichtigen sowie Vermittlungsstrukturen und finanzielle Ressourcen bereitzustellen.

Schlüsselwörter

Programmatik Kooperationspraxis Entwicklungspotentiale Prävention Gemeinschaftliche Selbsthilfe 

Mutual self-help as genuine health promotion!?

Analysis of the relation based on policy papers and joint practice.

Abstract

Background

Mutual self-help is said to have huge potentials for health promotion. Simultaneously there is an impression of a shortage of systematic mutual referencing and practice.

Objectives

The mutual referencing of health promotion and mutual self-help is analysed on the goal-setting and practice levels. Potentials, prerequisites and limits of increased cooperation of health promotion initiatives and mutual self-help are discussed.

Materials and methods

Data sources of the document and literature analysis are policy papers, anthologies, magazines, conference documents and documented projects of health promotion agencies and self-help organizations in German-speaking countries. Categorization of the mutual referencing is guided by a 3 × 5 matrix of health promotion strategies and action areas.

Results

Explicit referencing at the goal-setting level and practice level was found in nine of 15 matrix cells, in particular in the area of enabling individuals. The referencing of self-help to health promotion is stronger than vice versa. Overall implicit references prevail.

Conclusions

The identified overlaps show the manifold connections as well as further potentials of cooperation between mutual self-help and health promotion. Particularly compatible seem the actual health-literacy discussion and cooperation in the context of health-promoting hospitals. Thereby the different logics of action on both sides have to be taken into account as well as the necessity for providing mediating structures and monetary resources.

Keywords

Goals Cooperation practice Program development Prevention Mutual self-help 

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015

Authors and Affiliations

  1. 1.Ludwig Boltzmann Institut Health Promotion ResearchWienÖsterreich

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