Kommunale Ressourcen als ein Element des „Chronic care Modells“

Eine qualitative Studie mit Hausärzten
  • R. Bölter
  • I. Natanzon
  • A. Miksch
  • S. Joos
  • T. Rosemann
  • J. Szecsenyi
  • K. Götz
Konzepte der Gesundheitsförderung

Zusammenfassung

Hintergrund

Chronische Erkrankungen nehmen weltweit zu. Ein Konzept zur Verbesserung der Versorgung chronisch Kranker ist das „Chronic care Modell“ (CCM). Ziel der Studie ist eine Bestandsaufnahme der hausärztlichen Erfahrungen und Ansichten zur Nutzung kommunaler Ressourcen als ein Element des CCM.

Methode

Es wurden Interviews mit 14 Hausärzten durchgeführt. Die Auswertung erfolgt inhaltsanalytisch mit dem Computerprogramm Atlas.ti.

Ergebnisse

Ärzte sehen Ressourcen im Rahmen der Prävention, aber auch Beeinträchtigungen hinsichtlich der Organisation, Koordination und/oder Kooperation. Außerdem werden der hohe zeitliche Aufwand und die geringe Motivation der Patienten, kommunale Angebote zu nutzen, als Barriere gesehen.

Schlussfolgerung

Eine Lösungsmöglichkeit kann ein Roundtable der Akteure auf Gemeindeebene sein. Weiterhin besteht Bedarf an Studien, die sich speziell mit der Relevanz an Gemeindeangeboten innerhalb der biopsychosozialen Versorgung von chronisch Kranken beschäftigen.

Schlüsselwörter

Hausarzt Chronic care Modell Gemeinde Qualitative Studie 

Communal resources as one element of the chronic care model

A qualitative study with general practitioners

Abstract

Background

Chronic diseases are increasing world wide. The chronic care model is a framework to improve the care for chronic ill patients. The goal of this study is to get a survey of the experience and opinions of general practitioners according to the integration of communal resources, one element of CCM.

Method

14 general practitioners were interviewed. Analysis and categorization were carried out with Atlas ti.

Results

General practitioners see resources in prevention but also difficulties in organisation, coordination and/or cooperation. Further on, barriers are the huge amount of time and the lacking motivation of the patients in using communal resources.

Conclusion

One possible solution may be a “roundtable” of the stakeholders in the community. Further studies with certain emphasis on the relevance of community resources within the bio-psycho-social model of health care for patients with chronic conditions are necessary.

Keywords

General practitioners CCM Community Qualitative study 

Hintergrund und Fragestellung

Der Altersdurchschnitt in der Bevölkerung steigt stetig. Immer mehr Menschen, ca. 46% weltweit, leiden unter chronischen Erkrankungen, besonders häufig sind Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Depression. Nach den Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden bis 2020 etwa 60% der Weltbevölkerung von chronischen Krankheiten betroffen sein. Herausforderung für das Gesundheitssystem sind die aktuellen Strukturen, die hauptsächlich auf die Behandlung akuter medizinischer Probleme ausgerichtet sind. Vor diesem Hintergrund wurde in den USA das „Chronic care Modell“ (CCM) von Ed Wagner entwickelt [16]. Dieses Modell stellt ein Rahmenkonzept zur Verbesserung der Versorgung chronisch kranker Menschen dar. Das Modell besteht aus 6 Strukturelementen [6], (Tab. 1):

Tab. 1

Strukturelemente des CCM

Original

Übersetzung

Erläuterungen/Beispiele

1. „Self-management support“

Unterstützung des Selbstmanagements

Stärkung der Eigenverantwortung und der Kompetenz des Patienten

2. „Decision support“

Entscheidungsunterstützung

Hilfe bei der Therapieentscheidung durch z. B. evidenzbasierte Leitlinien für Patienten und Ärzte

3. „Delivery system design“

Gestaltung der Leistungserbringung

Aufgabenteilung innerhalb von Versorgungs-/Praxisteams

4. „Clinical information system“

Klinisches Informationssystem

Praxis – EDV mit Patientenregister und Reminder

5. „Community resources“

Gemeinwesen

Gegebenheiten auf kommunaler/lokaler Ebene

6. „Health system“

Gesundheitssystem

Organisation der Gesundheitsversorgung im größeren auch gesetzlich geregeltem Zusammenhang

Im CCM wird die kontinuierliche und regelmäßige Beziehung des Patienten zum Behandlungs-/Praxisteam (Arzt und Medizinische Fachangestellte) als Mittelpunkt der Versorgung betrachtet. Grundlegend für das CCM ist die Behandlung chronisch kranker Menschen im Team bzw. Netzwerk [12, 13]. Patienten sollen innerhalb ihrer individuellen Lebenswelt behandelt werden. Das Modell sieht daher eine Nutzung der schon vorhandenen Möglichkeiten des kommunalen Umfeldes vor. Dazu zählen u. a. soziale Dienste, Pflegedienste, Selbsthilfegruppen, aber auch Sportvereine und Fitnessstudios sowie Einrichtungen bzw. Angebote der Krankenkassen. Eine Nutzung dieser kommunalen Ressourcen erfordert eine gute und frühzeitige Kooperation zwischen Ärzten und den Gegebenheiten vor Ort.

In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass Elemente des CCM zu einer Verbesserung der Versorgungsprozesse und Behandlungsergebnissen führen. Diese Studien wurden hauptsächlich in den USA durchgeführt [2, 3, 15, 17, 18]. Das amerikanische Gesundheitssystem zeichnet sich allerdings durch eine starke Strukturierung aus. Eine Übertragung des CCM auf die Verhältnisse in Deutschland ist deshalb nicht ohne Probleme möglich, sondern erfordert Anpassungen auf kultureller Ebene sowie auf Ebene des Gesundheitssystems und auf der Ebene der Allgemeinarztpraxen. Erste Überlegungen hinsichtlich dieser Tatsache liefern u. a. die Artikel von Gensichen et al. [6], Rosemann et al. [11] sowie Wagner et al. [17].

Die wissenschaftliche Fragestellung der vorliegenden Arbeit besteht in einer Bestandsaufnahme der hausärztlichen Erfahrungen und Ansichten zur Nutzung kommunaler Ressourcen bei der Behandlung von Patienten. Es sollen mögliche Barrieren und Chancen eruiert werden, die sich auf die Implementierung der entsprechenden Aspekte des CCM im Setting deutscher Allgemeinarztpraxen beziehen. Im Weiteren sollen mögliche Lösungsansätze aufgedeckt und generiert werden, auf deren Basis Interventionen konzipiert und evaluiert werden können.

Methodik

Die vorliegende Arbeit bedient sich eines qualitativen Ansatzes [5] und ist eingebettet in das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt CARAT („chronic care“ für Arthrose).

Für die Bearbeitung der Frage wurde ein qualitativer Ansatz gewählt. Durch die Möglichkeit, Situationsdeutungen oder Handlungsmotive in offener Form zu erfragen, können Alltagstheorien und Selbstinterpretationen differenzierter und offener erhoben werden. Mit der Durchführung von halbstandardisierten Interviews ergibt sich die Möglichkeit empirischer Umsetzung handlungstheoretischer Konzeptionen. In der vorliegenden Studie wurden die Einzelinterviews mit den Hausärzten anhand eines halbstrukturierten Leitfadens durchgeführt.

Datenerhebung

Rekrutierung der Ärzte

Ärzte wurden aus zwei Landkreisen rekrutiert. Insgesamt wurden 22 Ärzte angesprochen und anschließend schriftlich über die Studie informiert.

Leitfadenentwicklung und Durchführung

Anhand des beschriebenen CCM wurden Leitfragen in interdisziplinärer Zusammenarbeit von den an der Auswertung Beteiligten (Gesundheitswissenschaftler, Soziologen, Ärzte) entwickelt. In diesen Leitfragen sollten die wesentlichen patientenbezogenen und praxisrelevanten Elemente des CCM berücksichtigt werden, u. a. die Einbeziehung der „community resources“ (Einbindung der Gemeinde) in die Behandlung chronisch kranker Patienten. Dieser Leitfaden wurde auf Verstehbarkeit und Anwendbarkeit in einer vorgeschalteten Pilotphase in Interviews mit drei anderen Ärzten überprüft. Daraufhin wurden die Fragen angepasst.

Der vorliegende Artikel stellt die Ergebnisse zum 5. Strukturelement des CCM dar, welches sich mit der Einbindung der Gemeindestrukturen in die primäre Versorgung beschäftigt. Die Ergebnisse zu folgender Leitfrage werden vorgestellt: „Die Versorgung chronisch Kranker nach dem Chronic Care Modell sieht sogar die Vernetzung mit kommunalen Einrichtungen, wie etwa dem Sportverein oder regionalen Selbsthilfegruppen bzw. anderen Anbietern des Gesundheitssystems (ambulante Pflegedienste) vor. Wie sehen Sie dies?“

Datenauswertung

Die Interviews wurden vollständig auf ein digitales Aufnahmegerät aufgezeichnet und anschließend am PC pseudonymisiert transkribiert und inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Auswertung erfolgte mit Atlas.ti 5.2.12 (Scientific Software Development GmbH). Es wurden unabhängig voneinander durch mehrere an der Auswertung Beteiligte induktiv Haupt- und Unterkategorien aus den Antworten der Ärzte entwickelt. Eine erste Version der Unterkategorien wurde primär durch Kodierung der drei Pilotinterviews entwickelt. Anschließend wurde im Sinne einer konsensuellen Kodierung die Zuordnungen verglichen und diskutiert. Am Material konnte so ein Kategoriensystem entwickelt werden, das unter Zunahme des Abstraktionsniveaus durch die folgenden Interviews überarbeitet, revidiert und ergänzt wurde.

Diese Methode ist angelehnt an die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring [8]. Anschließend wurden aus allen Zitaten der jeweiligen Unterkategorie ein bzw. zwei prägnante Aussagen der Ärzte zur Veranschaulichung ausgewählt. Die Generalisierung stellt eine kurz gefasste Paraphrasierung der ärztlichen Antworten dar. Entsprechend den Empfehlungen für die Qualitative Datenanalyse erfolgte die Bewertung der Ergebnisse nach dem Prinzip der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit und nicht der intersubjektiven Reproduzierbarkeit [1, 14].

Ergebnisse

Mit 14 Hausärzten führte eine Fachärztin für Allgemeinmedizin in den Praxen der Ärzte Interviews durch. Diese dauerten 30–45 min. Die Beschreibung der Arztstichprobe kann aus Tab. 2 entnommen werden.

Tab. 2

Beschreibung der Arztstichprobe (n=14)

Geschlecht

Weiblich

3

Männlich

11

Mittelwert (SD), Altersspanne (Jahre)

52,4 (8,3), (39–63)

Mittelwert der Niederlassungszeit (Zeitspanne), (Jahre)

16,2 (5–31), (1976–2002)

Gemeinschaftspraxis

9

Einzelpraxis

5

Kleinstadt (<20.000 Einwohner)

8

Mittelstadt (<100.000 Einwohner)

6

Anhand der Antworten wurden 3 Hauptkategorien definiert: Relevanz der Gemeinde, Barrieren für die Nutzung, Lösungsansätze. Im Folgenden werden die Ergebnisse für die 3 Aspekte dargestellt.

Relevanz der Gemeinde

Definition: „Welche Bedeutung haben die vorhandenen Gemeindestrukturen für die medizinische Primärversorgung?“

Die Gemeindestrukturen (Tab. 3) werden von den meisten Ärzten (13/14) als sinnvolle Ergänzung für die Gesundheit bzw. den Erhalt der Gesundheit ihrer Patienten betrachtet. Zwei Ärzte halten die kommunalen Gegebenheiten sogar für notwendige Ergänzungen und „einzige Chance bestimmte Gesundheitsprobleme in den Griff zu bekommen“. Die Ärzte sehen viele Ressourcen im Rahmen der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention (u. a. Herzsportgruppe, Rückengymnastik oder Seniorengymnastik). Einige (7/14) Ärzte berichteten über persönliche Erfahrungen bezüglich ihres individuellen Engagements z. B. „Projekt dicke Kinder in der Gemeinde“ (Tab. 5, 1. Zitat) bzw. „Gründung einer Herzsportgruppe“. Von diesen sieben Ärzten berichten 6 über negative Erfahrungen, die sie insbesondere bei der Organisation und Koordination und/oder Kooperation gemacht haben.

Tab. 3

Relevanz der Gemeinde

Unterkategorie

Generalisierung

Zitat

Gesundheitsförderung

Kommunale Angebote als Ergänzung für die Gesundheit der Patienten

„Das ist so ein Modell, wie ich mir das vorstellen kann auf der anderen Seite, dass man versuchen kann für bestimmte Krankheitsbilder, die bei uns jetzt in der Zukunft sicherlich entstehen werden, auch versuchen einen Konsens zu finden in dem gesamten sozialen Umfeld.“

Prävention

Ärzte erkennen Ressourcen der Gemeinde für die Prävention (Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention),

Prävention ist komplex

„ … dass alle Kinder in der zweiten Klasse schon mal primär getestet werden. Erstens: Größe, Gewicht. Zweitens: Was die für Bewegungsmodelle haben. Und dann wird festgestellt, welches Kind hat Bewegungsdefizite und die werden dann konsequent an die Sportvereine gegeben und damit also schon mal eine Entlastung gemacht.“

Reduktion der Arztkontakte

Wunsch nach Entlastung und Reduktion der Arztkontakte

„Das heißt wir müssen eine Selbsthilfeorganisation schaffen, die sich um die zunächst einmal primären kleinen Probleme der Leute kümmert und dann herausfiltert ob ein Arztbesuch oder ähnliches notwendig ist.“

Barriere für die Nutzung

Definition: „Was verhindert eine sinnvolle Integration der Gemeindestrukturen in die medizinische Versorgung?“

Eine wesentliche Barriere (Tab. 4) für die Nutzung der kommunalen Ressourcen wird im hohen zeitlichen Aufwand gesehen. Unter anderem zeigt sich diese Problematik in der Kooperation unterschiedlicher Berufsgruppen, in der Entwicklung gemeinsamer Strategien oder in der Motivation der Patienten. Obwohl von den Befragten keine Wertschätzung und Entlohnung des ärztlichen Engagements wahrgenommen wird, wurden interessante Ansätze und Projekte erwähnt (z. B. Projekt dicke Kinder in der Gemeinde).

Insgesamt sehen die Hausärzte wenig Interesse der beteiligten Akteure im Gesundheitswesen, die kommunalen Ressourcen in die primäre Versorgung der Patienten zu integrieren und eine mögliche Vernetzung mit gegenseitigem Informationsaustausch zu schaffen. Fehlende Strukturen verhindern aus Sicht der Ärzte die sinnvolle Nutzung der kommunalen Angebote, was insbesondere als Schnittstellenproblematik gesehen wird. Die aus der Sicht der Ärzte geringe Motivation der Patienten, diese Angebote zu nutzen, schränkt die Chance einer Integration des öffentlichen Angebotes in die Versorgung und Behandlung zusätzlich deutlich ein.

Tab. 4

Barrieren für die Nutzung

Unterkategorie

Generalisierung

Zitat

Entlohnung

Individuelles Engagement der Ärzte trotz fehlender Wertschätzung

„Ich mein, es geht ja nicht anders. Gut, für alles kann man heute nicht bezahlt werden, wir werden ja eh für viele Sachen, die wir jetzt machen nicht bezahlt …, in sofern ist es mir lieber, ich mache engagiert irgendetwas, wo ich mich vielleicht ein bisschen mehr außerhalb der medizinischen Seite bewegen kann ….“

Fehlendes Interesse der Akteure im Gesundheitssystem

Aus ärztlicher Sicht fehlendes Interesse an der Zusammenarbeit

„Vielleicht müssten die Krankenkassen oder die Sportvereine einfach ein bisschen mehr nach Außen tragen: Das haben wir als Präventionsprogramm, das ist geeignet für die und die.“

Fehlende Koordination

Fehlende Information über die unterschiedlichen Angebote und Möglichkeiten auf Arztebene

„Ich soll Präventionsempfehlungen raus schreiben, ist ja alles ganz schön und gut, aber wenn ich nicht weiß, was die überhaupt anbieten, ist das immer so ein bisschen ein Schuss ins Blaue.“

Fehlende Motivation der Patienten

Fehlende Motivation schränkt die Integration des öffentlichen Angebotes in die Vorsorge und Behandlung ein

„Traurige Bilanz ist wirklich so, dass wir jetzt glaube ich insgesamt dreihundert Leute geschult haben und drei Anmeldungen im Sportverein hatten.“

„Es funktioniert nicht, es ist diese Klientel, Verein, ist ganz schwer zugänglich für Leute, die damit nicht aufgewachsen sind.“

Zeit

Präventive Ansätze treten in der hausärztlichen Primärversorgung mit bei fehlender Zeit des Arztes in den Hintergrund

„Das ist sicherlich sinnvoll, weil der heutige Alltag eher eh so aussieht, das ein Doktor in vieler Hinsicht recht überfordert ist und das er solchen Fragestellungen natürlich, die teilweise präventive Maßnahmen betreffen, einfach viel zu wenig Zeit hat das zu machen ….“

Fehlende Strukturen

Fehlende Strukturen verhindern eine sinnvolle Nutzung kommunaler Angebote

„Am besten wäre es auf kommunaler Ebene, zum Beispiel, dass die Stadt eine Broschüre heraus bringt …“

Lösungsansätze

Definition: „Was ermöglicht eine sinnvolle Integration der kommunalen Strukturen in die Primärversorgung?“

Als Lösungsansätze (Tab. 5) sehen die Ärzte die Behebung der oben genannten Barrieren. Eine Koordination der Angebote ist aus Sicht der Ärzte zwingend notwenig. Allerdings äußern die Ärzte ebenso, dass die Koordination nicht unbedingt in der Arztpraxis stattfinden muss. In den Aussagen der Ärzte zeigt sich, dass sie auch externe Unterstützung als hilfreich empfinden. Wichtig ist den Hausärzten, ihr medizinisches Fachwissen in diesen Prozess mit einzubringen. Ein fachlicher Austausch der verschiedenen Akteure ist ihnen daher wichtig.

Tab. 5

Lösungsansätze

Unterkategorie

Generalisierung

Zitat

Kooperation verbessern

Kooperation der Akteure des Gesundheitssystem notwendig z. B. als Roundtable aller Akteure der Gemeinde

„Also, ich habe hier zum Beispiel die Anregung gemacht …, die dicken Kinder mal anzugehen und da haben wir uns dann zusammengesetzt …  dem Bürgermeister hier … vom Ort, hab ich das gesagt: ‚Jetzt machen wir mal das’, versuchen Schulen, die Schuldirektoren, Sportlehrer, Kindergärten und Anbieter im Gesundheitswesen, auch Bäcker, Metzger mit dabei zu haben, um einfach mal dieses Problem „Dicke Kinder“ ….“

Koordination verbessern

Aus Sicht der Ärzte ist Koordination notwendig, externe Unterstützung (z. B. durch die Kommune) erwünscht

“ … dass ist auf jeden Fall sinnvoll, dass der Hausarzt das weiß, was der so überall macht, weil ich denke, sonst ist ja die Gefahr, dass eine Überforderungssituation, wenn er mehrere Sachen gleichzeitig macht und ich das nicht weiß, wenn einer, meinetwegen KHK-Patient ist, nimmt schon an der Sportgruppe teil und macht auf der anderen Seite irgendeine anderen Geschichte mit Walken oder sonst was, was zu einer Überforderungssituation führen könnte, wenn ich das nicht weiß, das kann ja auch fatale Folgen haben.“

Informationsaustausch

Fachlicher Informationsaustausch wird erwünscht/ist notwendig

„Das wäre der eine wichtige Teil, das Kontakt da ist, das ein Informationsfluss da ist. Ja von der Krankengymnastik … “

Patientenmotivation

Patientenmotivation ist zur Integration kommunaler Strukturen notwendig

„Also ich ermuntere die Patienten auch, dass sie sich gerade anschließen einer Seniorengruppen …. Oder, dass sie einfach mit anderen Menschen hier Kontakt aufnehmen oder gerade im Sportprogramm teilnehmen für Senioren etc. Da gibt es vieles.“

Ärzte können sich durchaus eine Unterstützung durch die Kommunen vorstellen. Einige wünschen sich indikationsbezogene Broschüren, andere stellen sich eine Koordinationsstelle, die innerhalb der Kommune angesiedelt ist, vor. Eine Möglichkeit scheint auch die Initiierung eines Roundtables auf Gemeindeebene zu sein. Ärzte äußern dabei ihre Hoffnung, hinsichtlich der Arztkontakte mit ihren Patienten entlastet zu werden. Einige Ärzte äußern die Meinung, dass bestimmte Probleme der Patienten möglicherweise durch nicht-medizinisches Personal kompetent gelöst werden können. Zwingend benötigt wird nach Meinung der Ärzte mehr Zeit für ausführliche Gespräche mit den Patienten, um diese zu motivieren.

Diskussion

Diese Ergebnisse zeigen, dass die Integration der kommunalen Strukturen aus Sicht der befragten Hausärzte gute Ansätze bietet, um Patienten in ihrem individuellen Umfeld ganzheitlich zu behandeln. Insgesamt besteht aus Sicht fast aller (13 von 14) Ärzte erheblicher Bedarf kommunale Ressourcen effektiv zu nutzen. Viele Ärzte haben in diesem Zusammenhang jedoch frustrierende Erfahrungen gemacht, da derzeit kaum Koordination und Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren erfolgt. Durch negative Erfahrungen haben einige Ärzte kein Interesse mehr, Patienten zu motivieren. Allerdings zeigt sich in den Aussagen der Ärzte auch, dass die Patientenmotivation als ein Schlüssel zum Gelingen einer Integration der kommunalen Strukturen in die Versorgung angesehen wird. Weiterhin wird bei den Ärzten der Wunsch nach Strukturen und geregelter Vernetzung in Hinblick auf die Nutzung kommunaler Ressourcen ersichtlich.

Die vorliegenden Ergebnisse deuten daraufhin, dass u. a. die Bildung von Netzwerken ein Ansatzpunkt für die ganzheitliche Versorgung von Patienten sein kann. Es bestehen aus Sicht der Ärzte gegenseitige Vorbehalte der Akteure. Gute Kooperation gelingt aber nur mit gegenseitiger Wertschätzung. Aktuelle Projekte beruhen häufig auf individuellem Engagement einzelner Akteure, die ehrenamtlich in ihrer Freizeit Projekte koordinieren und mit verschiedenen Beteiligten kooperieren.

Aktuell wird dieses Engagement nicht honoriert. Grundsätzlich bleibt offen, wer für diese Arbeit finanziell aufkommt. Eine einheitliche Versorgungsstruktur ist im Bereich der kommunalen Angebote aktuell nicht vorhanden.

Das CCM sieht die Integration der kommunalen Angebote in die Versorgung chronisch kranker Menschen vor. Wenige Studien zum CCM beschäftigen sich bisher mit kommunalen Ressourcen. Im Bereich der Prävention (Primär-, Sekundär,- oder Tertiärprävention) sowie der Gesundheitsförderung finden sich jedoch Übersichtsarbeiten und Studien zur Integration kommunaler Möglichkeiten [10, 19]. Es zeigen sich Schnittmengen zwischen präventiven Ansätzen und Behandlungsstrategien bei chronisch kranken Menschen. Synergieeffekte sollten zwischen den präventiven Ansätzen und dem CCM genutzt werden [7, 19]. Insbesondere die Nutzung von mulitdimensionalen Präventionsprogrammen für Senioren zeigen die synergetischen Effekte, die innerhalb der Förderung von gesundheitlichen Ressourcen eine Rolle spielen [9].

Die Ausführlichkeit der Antworten zeigt das Interesse und Engagement der Ärzte, aber auch die hohe Frustration bei der Umsetzung der Einbindung der kommunalen Strukturen in die primärärztliche Versorgung. Viele Projekte (z. B. Roundtable – Adipositas bei Kindern, Herzsportgruppe) beruhen auf individuellen Interessen der jeweiligen Ärzte. Die Heterogenität der Antworten auf die hier gestellte Interviewfrage zeigt, in welcher Vielfalt kommunale Strukturen aus hausärztlicher Sicht eine Rolle spielen.

Es zeigt sich, dass weitere Forschung auf diesem Sektor notwendig und sinnvoll ist. Barrieren bei der Teambildung unterschiedlicher Professionen und der Etablierung sog. Roundtable der Beteiligten auf Gemeindeebene sollte in weiteren Forschungsarbeiten untersucht werden. Ein weiteres wichtiges Forschungsthema bleibt, wann Ärzte es für notwendig erachten, sich mit ihrer speziellen hausärztlichen Expertise und der Chance den Patienten frühzeitig zu erreichen, einbringen möchten. Außerdem besteht weiterer Bedarf an Studien, die sich ganz speziell mit der Relevanz an Gemeindeangeboten innerhalb der biopsychosozialen Versorgung der Patienten beschäftigen.

Stärken und Schwächen

Die Stärke der Interviews ist die vertrauensvolle Atmosphäre mit authentischen Berichten über Meinungen, Erfahrungen und Wünschen der Hausärzte. Die Beiträge zu dieser Interviewfrage fielen sehr emotional aus. Ärzte erwähnen insbesondere die Barrieren, möglicherweise geprägt durch ihre Erfahrungswirklichkeit. Trotz der Heterogenität der Antworten werden differenziert sowohl die aktuellen Barrieren wie mögliche Lösungsansätze deutlich. Allerdings kann der Komplexität dieses Themas nicht umfassend in dieser einen Frage nachgegangen werden.

Eine weitere Limitation dieser Studie ergibt sich aus der Rekrutierung der Ärzte, die nach Kassenarztsitz in zwei Landkreisen erfolgte. Ärzte aus Großstädten wurden gar nicht befragt und ländliche Praxen sind unterrepräsentiert.

Fazit für die Praxis

Prinzipiell sehen die teilnehmenden Hausärzte die Ressourcen aus dem Gemeindebereich als Chance für eine verbesserte gesundheitliche Versorgung im Rahmen des individuellen Umfeldes des Patienten. Kooperation und Koordination der Akteure mit gegenseitigem Informationsaustausch sind die Schlüssel für die Nutzung der kommunalen Ressourcen. Hierfür müssen sinnvolle Strukturen geschaffen werden. Weitere Studien zur Relevanz der Gemeinde innerhalb der Versorgung chronisch kranker Menschen, z. B. zum Roundtable der Akteure auf Gemeindeebene, sollte erfolgen. Ebenfalls sollten weitere Interventionen, die insbesondere die Schnittstellen zwischen ambulanter hausärztlicher Versorgung und gemeindenahen nicht medizinischen Angeboten berücksichtigen, initiiert werden.

Notes

Interessenskonflikt

Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenskonflikt besteht.

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag 2009

Authors and Affiliations

  • R. Bölter
    • 1
  • I. Natanzon
    • 1
  • A. Miksch
    • 1
  • S. Joos
    • 1
  • T. Rosemann
    • 2
  • J. Szecsenyi
    • 1
  • K. Götz
    • 1
  1. 1.Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Department of General Practice and Health Services ResearchUniversitätsklinikum HeidelbergHeidelbergDeutschland
  2. 2.Institut für HausarztmedizinUniversitätsspitalZürichSchweiz

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