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Prognosefaktoren für den Krankheitsverlauf von COVID-19 bei Diabetespatienten

Prognostic factors for disease course in diabetic patients with COVID-19

FormalPara Originalpublikation

Cariou B, Hadjadj S, Wargny M et al (2020) Phenotypic characteristics and prognosis of inpatients with COVID-19 and diabetes: the CORONADO study. Diabetologia 1–16 https://doi.org/10.1007/s00125-020-05180-x

FormalPara Hintergrund.

Bisher liegen nur wenige Daten vor, welche Auswirkungen die Diagnose Diabetes auf den Verlauf der Coronavirus-Erkrankung-2019 („coronavirus disease 2019“, COVID-19) hat. Eine kürzlich veröffentlichte Metaanalyse von Daten aus China zeigte, dass die Diagnose Diabetes mit einem etwa 2‑fach erhöhten Risiko für eine intensivmedizinische Behandlung und einem verdreifachten Risiko für Versterben assoziiert ist [1]. In einer retrospektiven Betrachtung aus Italien konnte die Prävalenz von Diabetes mellitus bei intensivmedizinisch betreuten Patienten mit schweren Verläufen einer Infektion mit dem „severe acute respiratory syndrome corona virus 2“ (SARS-CoV-2) mit 17 % angegeben werden [2], ohne dass weitere diabetesspezifische Analysen durchgeführt wurden.

In der Beobachtungsstudie CORONADO (Coronavirus SARS-CoV‑2 and Diabetes Outcomes) wurden nun klinische Parameter identifiziert, die innerhalb der Gruppe der Diabetespatienten mit dem Schweregrad des Krankheitsverlaufs und dem Mortalitätsrisiko stationär behandelter COVID-19-Patienten korrelieren.

FormalPara Methoden.

In 53 französischen Kliniken wurden zwischen dem 10. und dem 31. März 2020 Daten von insgesamt 1300 Diabetespatienten mit gesicherter COVID-19 erhoben.

Der primäre „composite endpoint“ bestand aus Intubation und Beatmung oder Tod innerhalb von 7 Tagen nach Aufnahme. Sekundäre Endpunkte waren intensivmedizinische Behandlung sowie am Tag 7 nach Aufnahme Entlassung, Intubation oder Tod.

Die erhobenen Daten beinhalteten neben klinischen Daten, wie Alter, Geschlecht und Body-mass-Index (BMI), die Klassifikation des Diabetes in die verschiedenen Typen, den aktuellsten verfügbaren Hämoglobin‑A1c-Wert (HbA1c), mikro- und makrovaskuläre Komplikationen und weitere Komorbiditäten. Zudem wurden COVID-19-spezifische klinische und laborchemische Befunde (z. B. Inflammationsparameter) erhoben.

Es wurden uni- und multivariate Analysen durchgeführt, unter Einbeziehung der Diabeteskomorbiditäten einerseits und der klinischen Parameter der SARS-CoV-2-Infektion andererseits.

FormalPara Ergebnisse.

Etwa 89 % der eingeschlossenen Patienten waren Typ-2-Diabetespatienten, 3 % Typ-1-Diabetespatienten, 5 % Patienten mit anderen Diabetesätiologien, bei den übrigen Patienten konnte zum Auswertungszeitpunkt keine eindeutige Zuordnung getroffen werden. In der univariaten Analyse waren ein BMI >25 kg/m2 und das männliche Geschlecht mit einem erhöhten Risiko assoziiert, den primären „composite endpoint“ zu erreichen. In der multivariaten Analyse war ein BMI >25 kg/m2 der einzige Prädiktor für das Erreichen des „composite endpoint“. Alter, mikro- und makrovaskuläre Komplikationen sowie ein Schlafapnoesyndrom waren unabhängig mit dem sekundären Endpunkt Tod an Tag 7 korreliert. Der HbA1c-Wert war weder mit dem primären noch mit dem sekundären Endpunkt Tod an Tag 7 assoziiert. In Korrelation der Symptome und klinischen Parameter der COVID-19 waren Dyspnoe, Erhöhung des C‑reaktiven Proteins, Lymphopenie und Niereninsuffizienz mit Erreichen des primären Endpunkts assoziiert.

Kommentar

Die aktuellen Daten geben einen wichtigen Überblick über Prognosefaktoren bei stationär behandelten Diabetespatienten mit COVID-19. Bisher lagen ausschließlich Daten aus China vor, wo sich Diabetesprävalenzen und Komorbiditäten von denen in Europa unterscheiden [3].

In der hier vorgestellten Studie stellte sich der BMI, interessanterweise aber nicht der HbA1c, als prognoserelevant heraus. So scheint nicht die generelle Blutzuckereinstellung, sondern vielmehr die aus dem Diabetes resultierenden Komorbiditäten für den Krankheitsverlauf eine entscheidende Rolle zu spielen. Übergewichtige Patienten haben ein höheres Risiko für die Entwicklung von Komorbiditäten, was hier eine Rolle spielen kann. Die Datenerhebung erfolgte retrospektiv und ausschließlich bei stationären Patienten. Nur bei etwa zwei Dritteln der Patienten lag ein aktueller HbA1c-Wert vor, sodass ein prospektives Studiendesign, ausgelegt auf die Analyse diabetesspezifischer Parameter mit entsprechend fokussierter Datenerhebung zur weiteren Spezifizierung prognoserelevanter Faktoren hilfreich wäre. Zudem wäre ein Vergleich mit ambulant behandelten Diabetespatienten interessant. Des Weiteren wurden die Patienten nur bis zum 7. stationären Tag verfolgt, im Langzeitverlauf hätten ggf. weitere prognoserelevante Faktoren identifiziert werden können.

Es ist nicht auszuschließen, dass die erhebliche Belastung des Gesundheitssystems in Frankreich, die zu dem Zeitpunkt der Datenerhebung regional bestand, einen Einfluss auf die Ergebnisse hatte.

Zuletzt wäre ein Vergleich von Patienten mit und ohne Diabetes interessant, um zukünftig differenzieren zu können, ob bereits das Vorliegen eines Diabetes allein ein Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19 ist.

Fazit für die Praxis

  • Ein erhöhter BMI ab >25 kg/m2 stellte sich als unabhängiger Prognosefaktor für einen schweren Krankheitsverlauf heraus.

  • Bei älteren Diabetespatienten und bei Patienten mit bestehenden diabetesassoziierten Komplikationen scheint ein erhöhtes Mortalitätsrisiko vorzuliegen.

Literatur

  1. 1.

    Roncon L, Zuin M, Rigatelli G, Zuliani G (2020) Diabetic patients with COVID-19 infection are at higher risk of ICU admission and poor short-term outcome. J Clin Virol 127:104354. https://doi.org/10.1016/j.jcv.2020.104354

    CAS  Article  PubMed  PubMed Central  Google Scholar 

  2. 2.

    Grasselli G, Zangrillo A, Zanella A et al (2020) Baseline characteristics and outcomes of 1591 patients infected with SARS-coV‑2 admitted to ICus of the Lombardy region, Italy. JAMA 323(16):1574–1581. https://doi.org/10.1001/jama.2020.5394

    CAS  Article  PubMed  PubMed Central  Google Scholar 

  3. 3.

    https://www.diabetesatlas.org/upload/resources/material/20200302_133351_IDFATLAS9e-final-web.pdf. Zugegriffen: 24. Juni 2020

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Henn, A. Prognosefaktoren für den Krankheitsverlauf von COVID-19 bei Diabetespatienten . Diabetologe 16, 601–602 (2020). https://doi.org/10.1007/s11428-020-00655-2

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