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Akutes Leberversagen

Acute liver failure

Zusammenfassung

Das akute Leberversagen (ALV) ist ein seltenes, aber lebensbedrohliches Krankheitsbild, das durch das akute Auftreten der Trias aus Ikterus, Koagulopathie und hepatischer Enzephalopathie (HE) bei Patienten ohne vorbestehende Lebererkrankung gekennzeichnet ist. Häufigste Ursachen in Deutschland sind Medikamententoxizität, Paracetamolintoxikation und Virushepatitis (A, B, E). In der Ersteinschätzung von Patienten mit ALV sind die frühzeitige Diagnose einer HE, der Ausschluss einer zugrunde liegenden Leberzirrhose, die rasche Diagnostik der potenziellen Ursache und die Abschätzung der Notwendigkeit zur Lebertransplantation (LTX) entscheidend. Intensivmedizinische Maßnahmen dienen der Vermeidung von Komplikationen bzw. ihrer rechtzeitigen konsequenten Behandlung. Die Plasmapherese bietet möglicherweise einen Überlebensvorteil für Patienten, die keine LTX erhalten (können). Als Prognosekriterien für die Indikation zur LTX werden die King’s-College- und die Clichy-Kriterien verwendet.

Abstract

Acute liver failure (ALF) is a rare, but life-threatening disease that is characterized by the acute onset of jaundice, coagulopathy, and hepatic encephalopathy (HE) in patients without pre-existing liver disease. Main causes in Germany are drug toxicity, acetaminophen overdose, and viral hepatitis (A, B, E). For the initial assessment of patients with ALF and the diagnostic algorithm, the early detection of HE, exclusion of liver cirrhosis, immediate diagnosis of the underlying etiology, and evaluation for the necessity of liver transplantation (LT) are critical. Intensive care therapeutic measures aim at preventing or treating complications of ALF. Potentially, plasmapheresis (full plasma exchange) offers a survival benefit for ALF patients who do not undergo LT. The King’s College criteria and the Clichy criteria are used as prognostic tools for the indication for LT.

Lernziele

Nach der Lektüre dieses Beitrags ist es Ihnen möglich …

  • das akute Leberversagen eindeutig zu definieren,

  • Patienten mit akutem Leberversagen prognostisch einzuschätzen,

  • Strategien zur zielgerichteten Diagnostik des akuten Leberversagens zu benennen,

  • wichtige allgemeine und spezifische Therapiemöglichkeiten einsetzen zu können,

  • die Indikation zur Lebertransplantation abzuschätzen.

Hintergrund

Das akute Leberversagen bezeichnet ein lebensbedrohliches klinisches Syndrom, das durch das akute Auftreten der Trias aus Ikterus, Koagulopathie und hepatischer Enzephalopathie bei Patienten ohne vorbestehende Lebererkrankung gekennzeichnet ist. Während Leberwerterhöhungen bei hospitalisierten Patienten häufig auftreten, ist das akute Leberversagen ein seltenes Krankheitsbild, das in der Diagnostik ein strukturiertes Vorgehen erfordert. Neben organsupportiven intensivmedizinischen Maßnahmen und ursachenspezifischen Therapiemöglichkeiten ist oftmals die Lebertransplantation die einzige definitive Therapieoption.

Definition

Das akute Leberversagen ist definiert als [1, 2]:

  • schwere Hepatopathie (Transaminasenerhöhung) mit Lebersynthesestörung (Ikterus und Koagulopathie mit International Normalized Ratio (INR) >1,5)

  • Vorliegen einer hepatischen Enzephalopathie

  • Ausschluss einer zugrunde liegenden chronischen Lebererkrankung und einer sekundären Ursache (z. B. Sepsis, kardiogener Schock)

Gemäß der Zeitraums zwischen dem Auftreten des Ikterus und der Manifestation einer hepatischen Enzephalopathie werden folgende Verlaufsformen unterschieden: hyperakutes Leberversagen (Intervall zwischen Ikterus und Enzephalopathie innerhalb von 7 Tagen), akutes Leberversagen (Intervall 8–28 Tage) und subakutes Leberversagen (Intervall 5–12 Wochen). Diese Differenzierung ist klinisch bedeutsam, da Patienten mit subakutem Leberversagen eine geringe Wahrscheinlichkeit der spontanen Restitution der Leberfunktion haben, wohingegen Patienten mit hyperakutem Leberversagen trotz dramatischer klinischer Präsentation eine bessere Prognose aufweisen [3].

Die Beurteilung des Schweregrads der hepatischen Enzephalopathie erfordert eine besondere Aufmerksamkeit, um gerade Frühstadien nicht zu übersehen. Hierbei ist die Klassifikation nach den West-Haven-Kriterien klinisch etabliert, die die Bewusstseinslage sowie psychiatrische und neurologische Symptome integriert (Tab. 1; [4]).

Tab. 1 Klassifikation der hepatischen Enzephalopathie (HE) nach den West-Haven-Kriterien

Der in der Definition des akuten Leberversagens geforderte Ausschluss einer zugrunde liegenden chronischen Lebererkrankung dient dazu, das Krankheitsbild von Endstadien chronischer Lebererkrankungen (Zirrhose), ihren akuten Dekompensationen oder Organversagen bei terminaler Lebererkrankung („acute-on-chronic liver failure“) abzugrenzen. Demgegenüber können sich die Autoimmunhepatitis, der Morbus Wilson (Kupferspeicherkrankheit) oder das Budd-Chiari-Syndrom (Lebervenenverschluss) als akutes Leberversagen manifestieren [3].

Epidemiologie

Prinzipiell ist das akute Leberversagen eine seltene Erkrankung. In Deutschland treten jährlich schätzungsweise 200–500 Fälle eines akuten Leberversagens auf [1]. In einer multizentrischen retrospektiven Erhebung deutscher Transplantationszentren waren nichtparacetamolinduzierte Medikamententoxizität (32 %, u. a. Vitamin-K-Antagonisten oder Antibiotika, z. B. Aminopenicilline), akute Virusinfektionen (21 %) und paracetamolvermittelte Hepatotoxizität (9 %) die führenden Ursachen [5]. In fast einem Viertel aller Fälle ließ sich jedoch keine eindeutige Ursache für das akute Leberversagen feststellen [5]. In Nordamerika und Mitteleuropa dominieren Intoxikationen (hauptsächlich Paracetamol, Antibiotika u. a.) vor viralen Hepatitiden und selteneren Ursachen, in Süd- und Osteuropa sind v. a. akute Virusinfektionen (Hepatitis A, B oder E) Auslöser für das akute Leberversagen [3]. Es ist wichtig anzumerken, dass etwa 20–30 % der erwachsenen deutschen Bevölkerung eine Fettleber aufweisen und dies mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines akuten Leberversagens (z. B. nach Paracetamoleinnahme oder Hepatitis-E-Virus-Infektion) einherzugehen scheint [6].

Ersteinschätzung

In der Ersteinschätzung von Patienten mit akutem Leberversagen sind folgende Leitfragen wichtig:

  • Gibt es neben dem schweren akuten Leberschaden Zeichen der hepatischen Enzephalopathie?

  • Liegt eine Zirrhose oder eine alkoholbedingte Lebererkrankung vor?

  • Was ist die potenzielle Ursache des akuten Leberversagens?

  • Benötigt der Patient voraussichtlich eine Lebertransplantation?

Das Vorliegen einer hepatischen Enzephalopathie und der Zeitpunkt ihres Auftretens nach Entwicklung eines Ikterus determiniert die zu erwartende Prognose. Der Ausschluss einer Leberzirrhose und eines Alkoholmissbrauchs sind, wie bereits erwähnt, einerseits wichtig für die Diagnosestellung und andererseits aufgrund der bestehenden Rechtslage ein Ausschlusskriterium für eine Listung mit höchster Dringlichkeitsstufe („high urgency“) zur Lebertransplantation. Die Aufklärung der mutmaßlichen Ursache erlaubt in einigen Fällen eine unmittelbare spezifische Therapie (z. B. bei Paracetamolvergiftung oder akuter Hepatitis B). Bei Vorliegen eines akuten Leberversagens benötigen erwartungsgemäß zwischen einem Drittel und der Hälfte der Patienten eine Lebertransplantation [5]. Mittels klinischer Scoring-Systeme ist hier eine erste Einordnung möglich [7]. Aufgrund der Schwierigkeit, die Krankheitsdynamik bei akutem Leberversagen einzuschätzen, ist es sinnvoll, frühzeitig Kontakt mit einem Lebertransplantationszentrum aufzunehmen und die individuelle Akutsituation zu diskutieren. Besteht die potenzielle Notwendigkeit (und Möglichkeit) einer Lebertransplantation, sollten die Patienten frühestmöglich ist das Transplantationszentrum verlegt werden [7].

Während Patienten mit einem primären akuten Leberversagen prinzipiell Kandidaten für eine Lebertransplantation sind, kommt dieses Verfahren für Patienten mit einem sekundären Leberversagen, z. B. im Rahmen eines Schocks, bei hypoxischer Hepatitis oder bei Tumorerkrankungen, nicht infrage (Tab. 2).

Tab. 2 Primäre und sekundäre Ursachen des akuten Leberversagens

Diagnostik

Wegweisend für die initiale Diagnostik bezüglich möglicher Ursachen des akuten Leberversagens sind die Eigen- und Fremdanamnese des Patienten. Tab. 3 gibt eine Übersicht über die abzufragenden Themenkomplexe.

Tab. 3 Anamnese bei Patienten mit akutem Leberversagen

Die Labordiagnostik bei akutem Leberversagen dient einerseits der Einschätzung der Krankheitsschwere und andererseits der Bestimmung der zugrunde liegenden Ursache. Die Krankheitsschwere ist durch das Ausmaß der Störung der Lebersynthese und -entgiftungsfunktion sowie die Art der Beeinträchtigung weiterer Organsysteme (v. a. Niere, Kreislauf, Lunge, Immunsystem/Infektabwehr) bedingt. Die Krankheitsschwere muss engmaschig überwacht werden. Dies kann beim hyperakuten Leberversagen beispielsweise Leberwertkontrollen in 8‑stündigen Intervallen erforderlich machen.

Zur laborchemischen Ursachendiagnostik ist es sinnvoll, in Abhängigkeit von anamnestischen Hinweisen (Tab. 3) strukturierte Untersuchungen bezüglich Viruserkrankungen, Toxikologie, Autoimmunität oder genetischer Erkrankungen vorzunehmen. Tab. 4 fasst die wesentliche Labordiagnostik zusammen.

Tab. 4 Labordiagnostik bei Patienten mit akutem Leberversagen

Die Labordiagnostik liefert auch wichtige Hinweise auf das Vorliegen einer bestehenden chronischen Lebererkrankung. Häufige hepatologische Krankheitsbilder, wie die chronische Hepatitis C, die nichtalkoholische Fettleberhepatitis, die Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit) oder der α1-Antitrypsin-Mangel präsentieren sich nicht mit dem Bild eines akuten Leberversagens. Neben „klassischen“ Laborveränderungen, wie erhöhtes „mean corpuscular volume“ (MCV), IgA oder γ‑Glutamyl-Transferase (γ-GT), liefern spezifische Tests, wie das carbohydratdefizientes Transferrin (CDT) im Serum oder das Ethylglukoronid (ETG) im Urin Hinweise auf einen relevanten Alkoholmissbrauch (Tab. 4).

Zur Ursachenabklärung gehört auch immer die transabdominelle Ultraschalluntersuchung des Abdomens, inklusive der Beurteilung von Lebergröße, Lebertextur (Verfettung, Zirrhose, Raumforderungen) und Gefäßdurchblutung (Pfortaderfluss, Lebervenenfluss). Aszites kann auch im Rahmen eines akuten Leberversagens auftreten und sollte nicht als „sicheres Zirrhosezeichen“ fehlinterpretiert werden. Der Stellenwert der Leberbiopsie in der Diagnostik des akuten Leberversagens ist derzeit umstritten, weil oftmals die Aussagekraft wegen ausgedehnter Leberzellnekrosen eingeschränkt ist und ein erhöhtes Blutungsrisiko aufgrund der Gerinnungskompromittierung besteht. In unklaren Fällen mit potenzieller therapeutischer Konsequenz (z. B. Verdacht auf Autoimmunhepatitis, maligne Infiltration) kann eine Leberbiopsie, beispielsweise über einen transjugulären Zugang oder als Minilaparoskopie, erwogen werden [8].

Therapie

Eine Übersicht über typische Komplikationen des akuten Leberversagens gibt Abb. 1. Die allgemeinen therapeutischen Maßnahmen sind darauf ausgerichtet, diese Komplikationen zu vermeiden oder rechtzeitig zu erkennen und konsequent zu behandeln [3].

Abb. 1
figure 1

Komplikationen des akuten Leberversagens. ARDS Acute Respiratory Distress Syndrome

Grundpfeiler in der Therapie des akuten Leberversagens sind [2, 3, 4]:

  • intensivmedizinische Überwachung, insbesondere von Kreislauf, Stoffwechsel (Blutgasanalyse) und neurologischem Status;

  • N-Acetylcystein (NAC), auch beim nichtparacetamolinduzierten Leberversagen, bei Patienten mit niedriggradiger Enzephalopathie (Grad 1–2) als intravenöses Schema: 150 mg/kgKG in 5 %iger Glukose für 1 h, danach 12,5 mg/kgKG über 4 h, danach 6,25 mg/kgKG über 67 h [9, 10];

  • Volumenausgleich mittels kristalloider Lösung;

  • Vermeidung einer Hyponatriämie und ggfs. langsamer Ausgleich auf ein Serumnatrium von 140–150 mmol/l;

  • Glukoseausgleich bei Hypoglykämie mittels Glukoseinfusionen, Ziel: 140 mg pro Tag;

  • regelmäßiges mikrobiologisches Sampling und frühzeitige Antibiotika-/Antimykotikagabe, aber keine prophylaktische Antibiose;

  • bei schwerer metabolischer Acidose und/oder refraktärer Hyperlaktatämie frühzeitiger Beginn eines extrakorporalen Verfahrens (wie z. B. kontinuierliche Nierenersatztherapie oder Plasmapherese);

  • keine routinemäßige Gabe von Gerinnungsprodukten, wie „fresh frozen plasma“ (FFP), Prothrombinkonzentrat (PPSB) und Einzelfaktoren, ohne Evidenz einer relevanten Blutung;

  • bei Zeichen einer Blutung (oder Blutungsneigung) oder Thromboembolie differenzierte Gerinnungsdiagnostik (z. B. Rotem®-Analyse, Tem International GmbH, München Deutschland) und bedarfsgerechte Substitution;

  • bei hepatischer Enzephalopathie: ruhige Umgebung, Oberkörperhochlagerung (30°) und ggfs. Intubation, Analgosedation und mechanische Beatmung (bei HE >3°).

Eine aktuelle prospektive multizentrische Studie hat den Stellenwert der Plasmapherese beim akuten Leberversagen untersucht. Es erhielten 182 Patienten entweder Standardbehandlung (n = 90) oder über 3 Tage jeweils eine Behandlung mit komplettem Plasmaaustausch gegen FFP (n = 92). Dabei zeigte sich ein Überlebensvorteil der plasmapheresebehandelten Patienten, die keine Lebertransplantation erhielten oder erhalten konnten [11]. Patienten, die eine Lebertransplantation erhielten (oder dafür gelistet wurden), profitierten nicht signifikant von der Plasmapherese [11].

Eine Hyponatriämie bei Patienten mit akutem Leberversagen ist mit einem erhöhten Hirndruck assoziiert. In einer kleinen prospektiven randomisierten Studie zeigten Patienten, deren Serumnatrium mittels hypertoner Kochsalzlösung auf Werte zwischen 145–155 mmol/l angehoben wurden, eine geringere Inzidenz von erhöhtem intrakraniellen Druck [12]. Aus der perioperativen Medizin ist allerdings bekannt, dass eine Hypernatriämie (>150 mmol/l) auch Zellschäden verursachen kann. Daher sollte im Management des akuten Leberversagens eine Hyponatriämie vermieden und ggfs. langsam (<10 mmol/l Erhöhung pro 24 h) auf einen Zielbereich von 140–150 mmol/l ausgeglichen werden [13].

In einer weiteren aktuellen prospektiven Arbeit wurden 46 Patienten mit akutem Leberversagen und hochgradiger hepatischer Enzephalopathie hinsichtlich eines protektiven Effekts einer Hypothermie untersucht. Es zeigte sich kein Unterschied bezüglich des intrakraniellen Drucks oder des Überlebens zwischen Patienten, die auf 33–34 °C gekühlt wurden, im Vergleich zu 36 °C Körpertemperatur [14]. Etablierte Maßnahmen zur Therapie der hochgradigen hepatischen Enzephalopathie beim akuten Leberversagen sind Mannitol (20 %; 150 ml) oder hypertone Kochsalzlösung (2,7 %; 200 ml oder 30 %; 20 ml) über 20 min intravenös sowie die kurzzeitige Hyperventilation [3].

Ursachenspezifische Therapieoptionen

Einige Entitäten des akuten Leberversagens erlauben eine ursachenspezifische Therapie (Tab. 5). Ein klassisches Beispiel ist die Paracetamolintoxikation , die akzidentell oder suizidal erfolgen kann. Ab einer eingenommenen Menge von 10–12 g ist bei Erwachsenen in der Regel mit einer deutlichen Lebertoxizität zu rechnen. Unter bestimmten Bedingungen, wie gleichzeitiger Alkoholkonsum, Fasten, genetische Polymorphismen, Einnahme von interagierenden Medikamenten oder vorbestehende Lebererkrankung, können aber schon viel niedrigere Paracetamoldosen ein akutes Leberversagen auslösen [4]. N‑Acetylcystein (NAC, ACC) stellt intrazellulär Glutathion zur Verfügung, das zur schnellen Detoxifizierung des eigentlichen toxischen Metaboliten (N-Acetyl-p-benzochinonimin, NAPQI) benötigt wird [15]. Die Therapie besteht aus der intravenösen Gabe von NAC in Form eines Reduktionsschemas (NAC: 150 mg/kgKG in 200 ml 5 %ige Glukoselösung für 15 min, danach 50 mg/kgKG in 500 ml über 4 h, gefolgt von 100 mg/kgKG in 1000 ml über 16 h; [16]).

Tab. 5 Ursachenspezifische Behandlungsmöglichkeiten beim akutem Leberversagen

Für die Therapie anderer Ursachen des akuten Leberversagens gibt es wegen der Seltenheit des Krankheitsbilds keine randomisierten Studien, aber retrospektive Auswertungen. So kann durch die frühzeitige antivirale Therapie der hochvirämischen schweren akuten Hepatitis B mit Entecavir oder Tenofovir die Notwendigkeit einer Lebertransplantation vermieden werden [17]. Bei schwangerschaftsassoziiertem akutem Leberversagen ist die rasche Geburtseinleitung notwendig [4].

Leberunterstützungsverfahren

Maschinelle Leberunterstützungsverfahren (z. B. Bilirubinadsorption, Molecular Adsorbent Recirculation System [MARS®], Baxter, Deerfield, IL, USA oder Prometheus®-System, Fresenius Medical Care, Bad Homburg, Deutschland), umgangssprachlich oft Leberersatzverfahren genannt, sind keine etablierten Therapieoptionen zur Behandlung des akuten Leberversagens [18, 19]. Ihr Einsatz sollte derzeit nur im Rahmen von klinischen Studien erfolgen [4]. Ein berechtigter Kritikpunkt an positiven Fallserien zum Einsatz von Leberunterstützungsverfahren ist, dass diese Methoden nicht direkt mit konventionellen oder erweiterten Dialyseverfahren verglichen wurden, die ja ebenfalls positive Auswirkungen (z. B. bezüglich der Hämodynamik) auf den Verlauf des akuten Leberversagens haben können.

Lebertransplantation

Die Lebertransplantation ist die definitive Therapie des akuten Leberversagens. In Deutschland werden etwa 10 % aller Lebertransplantationen aufgrund eines akuten Leberversagens durchgeführt [20]. Als Prognosekriterien für die Indikation zur High-urgency-(Notfall‑)Lebertransplantation werden die King’s-College-Kriterien (paracetamol- und nichtparacetamolbedingtes Leberversagen) und die Clichy-Kriterien (bei Empfängern mit viraler Hepatitis) herangezogen (Tab. 6; [20]).

Tab. 6 Indikationen zur High-urgency(HU)-Lebertransplantation beim akutem Leberversagen

Neben der Erfüllung der Prognosekriterien für eine Lebertransplantation ist eine multidisziplinäre Evaluation des Patienten durch ein erfahrenes Team unabdingbar. Hierbei müssen der zu erwartende natürliche Verlauf des akuten Leberversagens, spezifische Risiken der Transplantation und das zu erwartende Langzeitergebnis vor dem Hintergrund patientenspezifischer Charakteristiken, wie Alter, Komorbiditäten und Compliance, sorgfältig gegeneinander abgewogen werden [1, 7, 20].

Derzeit gibt es große Forschungsanstrengungen, um die noch immer kritische Prognose des akuten Leberversagens zu verbessern. Möglicherweise können neue Biomarker oder Prognosescores die Notwendigkeit zur Lebertransplantation besser vorhersagen, um nichtnotwendige Transplantationen oder Todesfälle zu vermeiden und somit die Organallokation zu optimieren [21]. Darüber hinaus könnten neue Therapieansätze, die z. B. überschießende Inflammation oder ungenügende Regeneration beeinflussen, in Zukunft die Prognose dieses Krankheitsbilds entscheidend verbessern [15].

Fazit für die Praxis

  • Das akute Leberversagen ist ein lebensbedrohliches Krankheitsbild, das durch das akute Auftreten der Trias aus Ikterus, Koagulopathie und hepatischer Enzephalopathie bei Patienten ohne vorbestehende Lebererkrankung gekennzeichnet ist.

  • In der Ersteinschätzung und strukturierten Diagnostik von Patienten mit akutem Leberversagen sind die frühzeitige Diagnose einer hepatischen Enzephalopathie, der Ausschluss einer zugrunde liegenden Leberzirrhose, die rasche Diagnostik der potenziellen Ursache und die Abschätzung der Notwendigkeit zur Lebertransplantation entscheidend.

  • Intensivmedizinische therapeutische Maßnahmen sind darauf ausgerichtet, diese Komplikationen des akuten Leberversagens zu vermeiden oder rechtzeitig zu erkennen und konsequent zu behandeln.

  • Die Plasmapherese bietet möglicherweise einen Überlebensvorteil für Patienten, die keine Lebertransplantation erhalten oder erhalten können.

  • Als Prognosekriterien für die Indikation zur Lebertransplantation werden die King’s-College- und die Clichy-Kriterien verwendet.

Literatur

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Danksagung

Diese Arbeit wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG Ta434/5-1) unterstützt.

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Correspondence to A. Koch.

Ethics declarations

Interessenkonflikt

A. Koch, C. Trautwein und F. Tacke geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

Additional information

Die Erstpublikation dieses Beitrages erfolgte in Koch A, Trautwein C, Tacke F (2017) Akutes Leberversagen. Med Klin Intensivmed Notfmed 2017 ⋅ 112:371–381. https://doi.org/10.1007/s00063-017-0282-0. Die Teilnahme an der zertifizierten Fortbildung ist nur einmal möglich.

Redaktion

G. Gerken, Essen

M. Müller-Schilling, Regensburg

R. M. Schmid, München

H.-J. Schulz, Berlin

CME-Fragebogen

CME-Fragebogen

Ein 50-jähriger Patient mit ALT 5000 IU/l (Norm <50), Bilirubin 5 mg/dl (Norm <1 mg/dl) und INR 6,5 zeigt eine deutliche Reizbarkeit und beeinträchtigtes Schreibvermögen aufgrund von Zittern. Welchen Grad der hepatischen Enzephalopathie (HE) zeigt der Patient?

HE Grad 0

HE Grad 1

HE Grad 2

HE Grad 3

HE Grad 4

Eine 18-jährige Patientin zeigt 7 Tage nach suizidaler Paracetamolvergiftung mit insgesamt 26 g Paracetamol folgende Laborwerte: ALT 480 IU/l (Norm <50), Bilirubin 9,5 mg/dl (Norm <1 mg/dl) und INR 8. Die Patientin ist komatös. Welchen Grad der hepatischen Enzephalopathie (HE) zeigt diese Patientin?

HE Grad 0

HE Grad 1

HE Grad 2

HE Grad 3

HE Grad 4

Die häufigste Ursache für ein akutes Leberversagen in Deutschland ist

Malaria

Hepatitis C

Medikamententoxizität

Alkoholabusus

Dekompensierte Leberzirrhose

In welcher klinischen Konstellation ist eine Listung zur Lebertransplantation mit höchster Dringlichkeitsstufe („high urgency“) möglich?

Leberversagen im septischen Schock

Leberversagen im kardiogenen Schock

Diffuse Lymphominfiltration der Leber

Hämophagozytosesyndrom

Morbus Wilson

Welche Lebererkrankung kann sich als primäres akutes Leberversagen erstmanifestieren?

Vergiftung mit Amanita (Knollenblätterpilze)

Alkoholvergiftung

Hepatitis C

Transaminasenerhöhung nach Herzinfarkt

Cirrhose cardiaque

Womit kann man eine Vergiftung mit Amanita (Knollenblätterpilzen) therapieren?

Plasmapherese

NAC analog dem Paracetamolschema

Silibinin (Legalon® SIL)

1 g Prednisolon i. v.

Flumazenil

Welche Laborparameter reflektieren die Syntheseleistung der Leber?

ALT und AST

GLDH und AP

C‑reaktives Protein und Prokalzitonin

ETG und CDT

Albumin und INR

Welcher der folgenden Labortests zeigt eine aktive Hepatitis B an?

HBsAg

Anti-HBs

Anti-HBc

Anti-HDV

β‑HCG

Welches Medikament wird als Standardtherapie bei schwerer Paracetamolintoxikation eingesetzt?

Silibinin

Amantadin

N‑Acetylcystein

Tenofovir

Lamivudin

Welche Aussage zur Lebertransplantation bei akutem Leberversagen trifft zu?

Das akute Leberversagen ist die führende Indikation für eine Lebertransplantation in Deutschland.

Nach den King’s-College-Kriterien gelten unterschiedliche Richtwerte für das paracetamol- und das nichtparacetamolbedingte Leberversagen.

Eine akut dekompensierte Leberzirrhose bei chronischer Hepatitis-C-Infektion erlaubt die Listung zur Lebertransplantation mit höchster Dringlichkeitsstufe („high urgency“).

Patienten mit Transaminasen >10.000 IU/l und INR >5 müssen immer transplantiert werden.

Die Hepatitis E ist eine Kontraindikation für eine Lebertransplantation.

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Koch, A., Trautwein, C. & Tacke, F. Akutes Leberversagen. Gastroenterologe 12, 507–517 (2017). https://doi.org/10.1007/s11377-017-0214-9

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Schlüsselwörter

  • Paracetamol
  • Lebertransplantation
  • Hepatische Enzephalopathie
  • Plasmapherese
  • N-Acetylcystein

Keywords

  • Acetaminophen
  • Liver transplantation
  • Hepatic encephalopathy
  • Plasmapheresis
  • N-acetylcysteine