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CME

, Volume 14, Issue 11, pp 35–35 | Cite as

Kontrollierte Studie

Online-Programm hilft bei Depressionen

  • Thomas Müller
Medizin
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Ein strukturiertes Online-Selbstmanagement-Programm kann Depressionen deutlich lindern. Besonders groß ist die Wirksamkeit bei Patienten ohne bisherige Behandlung, legt eine Studie aus Lübeck nahe.

Über den Nutzen von Online-Psychotherapien wird derzeit viel gestritten. Etliche Studien konnten zeigen, dass solche Therapien zumindest bei Patienten mit leichten bis moderaten Störungen üblichen Psychotherapien nicht unterlegen sind. Vor allem gegen psychische Traumata, Angst-, Panik- oder Essstörungen wurden in kontrollierten Studien mittlere bis große Effekte erzielt. Bei Alkoholmissbrauch scheinen die Online-Programme hingegen wenig zu wirken, erläuterte Christina Späth von der Universität Lübeck auf dem Welt-Psychiatrie-Kongress in Berlin.

Depressionen können solche Programme ebenfalls lindern, die Effektstärken hängen jedoch sehr von der Unterstützung ab. Je mehr Kontakt die Patienten per Mail, Chat oder Telefon mit einem Therapeuten haben, umso besser wirken die Programme, erläuterte die Diplom-Psychologin.

Online-Zugang für die Hälfte der Studienteilnehmer

Ein Team um Späth hat eine Online-Therapie gegen Depression in einer größeren deutschen Studie geprüft. Die Therapeuten griffen auf das Programm „Deprexis“ zurück, das sich zuvor schon in klinischen Untersuchungen als wirksam erwiesen hatte. Für ihre Studie konnten die Forscher aus Lübeck mehr als 1000 Patienten gewinnen — die Untersuchung war damit groß genug, um aussagekräftige Subgruppenanalysen zu ermöglichen.

Die Teilnehmer hatten alle eine milde bis moderate Depression mit Werten auf dem „Patient Health Questionnaire (PHQ-9)“ zwischen 5 und 14 Punkten.

Die Hälfte der Teilnehmer bekam einen Zugang für das Online-Programm. Dieses basiert auf Verfahren wie der kognitiven Verhaltenstherapie, der Akzeptanz- und Commitment-Therapie und der positiven Psychologie. Es enthält strukturierte Übungen und Module, die sich inhaltlich und methodisch an der Nationalen Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“ orientieren. Diese Übungen werden individualisiert auf die Patienten zugeschnitten. Dadurch können sie den Umgang mit belastenden Situationen erlernen und in den Alltag integrieren. Empfohlen wird, das Programm zwölf Wochen lang ein- bis zweimal pro Woche zu nutzen.

Die Kontrollgruppe erhielt keinen Zugang. Alle Teilnehmer konnten ihre bisherige Therapie, sofern vorhanden, fortsetzen. Etwa die Hälfte der Teilnehmer nahm Antidepressiva, ein Drittel erhielt eine klassische Psychotherapie. Fast alle Patienten wurden nur ambulant behandelt.

Depressive mit eher leichten Beschwerden (PHQ-9: 5-9) sollten das Programm ohne therapeutische Unterstützung absolvieren, solche mit moderater Depression (PHQ-9: 10-14) erhielten zusätzlichen Beistand: Einmal wöchentlich wurden sie von einem Therapeuten per Mail um Feedback gebeten, zudem konnten sie von sich aus den Therapie-Support anmailen.

Deutliche Besserung nach drei und sechs Monaten

Wie sich zeigte, fühlten sich die Patienten in der Interventionsgruppe nach drei und nach sechs Monaten deutlich besser als solche ohne Online-Programm: Der PHQ-9-Wert war bei ihnen nach drei Monaten von 10,2 auf 7,5 Punkte gesunken, in der Kontrollgruppe von 10,3 auf 9,2. Unter Berücksichtigung einiger Begleitfaktoren ergab sich eine Differenz von rund 1,5 Punkten, diese Differenz blieb bis zum sechsten Monat bestehen.

Bei Depressionen sollten Patienten professionelle Hilfe suchen.

© Artem Furman / stock.adobe.com

Programme könnten Lücke in der Versorgung füllen

Die Online-Selbstmanagement-Therapie scheint also vor allem für Depressive geeignet, die sich bisher nicht in ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung befinden. Solche Programme könnten also eine Lücke in der Versorgung füllen und einen einfachen Zugang zu einer Leitlinien-basierten Depressionstherapie ermöglichen.

Die Psychologin wies darauf hin, dass nach einer US-Untersuchung rund drei Viertel der unbehandelten psychisch Kranken keine Hilfe suchen, weil sie ihre Probleme selbst lösen wollen. Dem restlichen Viertel war eine Therapie zu mühsam und zeitaufwändig. Online-Programme könnten für solche Patienten eine niederschwellige Option sein, dennoch professionelle Hilfe anzunehmen.

Literatur

  1. Symposium 207: Treating mental disorders over the internet: evidence and caveats from a global perspective? Weltkongress der World Psychiatric Association in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Berlin, 8.-12.10.2017Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH 2017

Authors and Affiliations

  • Thomas Müller
    • 1
  1. 1.

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