CME

, Volume 14, Issue 11, pp 34–34 | Cite as

Multiple Sklerose

MS-Prävalenz steigt — liegt es an der Ernährung?

  • Thomas Müller
Medizin
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In den meisten Regionen der Welt nimmt die Prävalenz der multiplen Sklerose (MS) seit einigen Dekaden deutlich zu. Ein Faktor könnte der Siegeszug der westlichen Ernährung sein.

„Westlicher Ernährungsstil“ gibt Anlass zu Diskussionen.

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Irgendetwas muss in den 1960er-Jahren passiert sein — seither steigt die MS-Prävalenz fast in allen Teilen der Welt deutlich. Am stärksten betroffen sind zwar die nördlichen Industrieländer mit überwiegend weißer Bevölkerung. Aber auch im nördlichen Afrika, in Südamerika und in Asien ist dieser Trend zu beobachten, wenngleich die MS-Inzidenz und -Prävalenz in diesen Ländern deutlich geringer ist als im Westen. Ein weiterer Aspekt fällt auf: Die Prävalenz steigt überwiegend bei Frauen. Wurde vor einigen Dekaden noch ein fast paritätisches Geschlechterverhältnis beobachtet, so erkranken Frauen in vielen Ländern heute dreifach häufiger als Männer.

Spekulation über Ursachen

Über die Ursachen dieser Entwicklung wird munter spekuliert. Auf dem gemeinsamen Kongress der europäischen und amerikanischen MS-Gesellschaften in Paris brachten japanische Forscher erneut die Ernährung ins Spiel. In Japan hat die Zahl der registrierten MS-Kranken seit Beginn der 1970er-Jahre fast exponentiell zugenommen, erläuterte Dr. Yamamura Takashi von der Universität in Tokyo: Wurden 1974 noch weniger als 500 MS-Fälle erfasst, so waren es 2006 bereits 12.000. „Dieser Anstieg lässt sich nicht allein mit einer verbesserten Diagnostik erklären“, sagte der Experte. Takashi verwies auf eine gründliche epidemiologische Analyse in der Provinz Tokachi im Norden der Insel: Seit den 1980er-Jahren hat sich dort die MS-Inzidenz vervierfacht, bei Frauen sogar versechsfacht.

Zu wenig Ballaststoffe?

Typische MS-Risikofaktoren wie Rauchen, zu wenig Sonne oder EBV-Infektionen könnten den Anstieg der MS-Prävalenz in Japan aber nicht erklären, so Takashi, denn diese Faktoren seien immer weniger relevant: Der Raucheranteil geht seit den 1960er Jahren deutlich zurück, EBV-Infekte werden bei Kindern und Jugendlichen eher seltener beobachtet und die UV-Exposition hat seit den 1990er-Jahren tendenziell zugenommen. Sogar ihren Salzkonsum haben die Japaner mit der Zeit reduziert.

Takashi ist jedoch aufgefallen, dass jeder achte MS-Kranke seiner Klinik in jungen Jahren in westlichen Hochprävalenzländern gelebt hat, dagegen keiner in anderen asiatischen Ländern. Offenbar haben nicht wenige die MS „importiert“. Irgendetwas am westlichen Lebensstil müsse die Erkrankung begünstigt haben.

Die Multiple Sklerose ist eine autoimmunentzündliche Erkrankung des ZNS, die zu Entmarkung sowie Zerstörung von Axonen und Neuronen führt. Sie ist die häufigste Ursache einer erworbenen Behinderung im jungen Erwachsenenalter.

Takashi vermutet einen Einfluss der Ernährung. Sobald sich Japaner die westliche Ernährungsweise aneigneten, scheine ihr MS-Risiko zu steigen. Da auch in Japan die traditionelle Ernährung an Boden verliere, könne dies vielleicht ein Grund für die steigende MS-Prävalenz auf der Insel sein. So würden immer weniger Ballaststoffe konsumiert, dafür immer mehr Milchprodukte. Damit einher gehe eine Veränderung der Darmflora.

Takashi verwies auf Untersuchungen bei MS-Kranken, wonach diese einen Mangel an Ballaststoff-abbauenden Darmbakterien aufwiesen. Solche Bakterien würden kurzkettige Fettsäuren, vor allem Buttersäureester, produzieren. Butyrate wiederum seien für die Induktion regulatorischer T-Zellen nötig. Ohne Ballaststoffe weniger Butyrate, ohne Butyrate weniger regulatorische T-Zellen und damit ein erhöhtes MS-Risiko, so die Hypothese.

Manche Völker vor der Erkrankung geschützt

Von einer steigenden MS-Prävalenz scheinen aber nicht alle Völker dieser Erde betroffen zu sein. So verwies Prof. Riadh Guider von der Razi-Klinik in Tunis auf eine weiterhin sehr niedrige MS-Prävalenz in Teilen Afrikas. In Nordafrika und im Nahen Osten mit einer überwiegend arabischen Bevölkerung sei eine ähnliche Entwicklung wie in den westlichen Industrieländern zu beobachten, dagegen seien etwa schwarze Südafrikaner weitgehend vor der Erkrankung geschützt. In Südafrika beträgt die MS-Prävalenz unter Schwarzen etwa ein Hundertstel der von Weißen, bei Einwohnern indischer Abstammung ein Viertel.

Ähnliche Zahlen kennt auch Dr. Helmut Butzkueven vom Royal Melbourne Hospital. So sei bislang kein einziger MS-Fall unter australischen Ureinwohnern bekannt, und bei den Maori in Neuseeland liege die Prävalenz etwa siebenfach unter der von britischen Zuwanderern.

Literatur

  1. 7th Joint ECTRIMS-ACTRIMS Meeting, Paris, Oktober 2017. Parallel Session 1: Prevalence and phenotype evolution of MS in different continentsGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH 2017

Authors and Affiliations

  • Thomas Müller
    • 1
  1. 1.

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