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CME

, Volume 14, Issue 11, pp 32–32 | Cite as

Selbst- oder Fremdtötung?

Erst Bauchhöhle eröffnet, dann verbrannt

  • Dagmar Kraus
Rechtsmedizin
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Die Differenzierung zwischen Suizid und Tötungsdelikt verlangt von Rechtsmedizinern akribische Sorgfalt, besonders wenn sich am Leichnam Spuren verschiedener Gewalteinwirkungen finden. Wie in diesem Fall eines 40-jährigen Mannes.

Nach einer Explosion in einem Einfamilienhaus in den frühen Morgenstunden alarmierte ein Nachbar die Feuerwehr. Der hatte beobachtet, wie der Hausbewohner nach der Explosion rußgeschwärzt in die Garage gegangen war. Bei der Begehung des Tatorts fanden sich am Boden der vom Feuer weitgehend unversehrten Garage mehrere Gewebeteile, umfängliche Blutspuren sowie ein blutiges Messer. Im Haus wurde nach Abschließen der Löscharbeiten ein stark verkohlter Leichnam eines Mannes in Fechterstellung aufgefunden, wie die Rechtsmedizinerin Dr. Christina Grove von der Ludwig-Maximilian-Universität und ihre Kollegen in der Zeitschrift „Rechtsmedizin“ die Situation vor Ort beschreiben.

Verschiedene Verletzungsmuster

Bei der Obduktion fallen Grove und ihren Kollegen neben der starken Verkohlung weitere Folgen von Gewalteinwirkung auf: Die Bauchdecke des Leichnams sowie Teile des großen Netzes fehlen, die Bauchorgane liegen teilweise frei. Dünndarm und Blinddarm sind mehrfach durchtrennt und die Leber weist am Unterrand des linken Lappens eine Gewebsdurchtrennung auf (Abb. 1). Am großen Netz, das separiert vorliegt, lassen sich ebenfalls eine glattrandige Durchtrennung feststellen. Eine auffallende Blässe der Organe — soweit aufgrund der Hitzeeinwirkung beurteilbar — können die Rechtsmediziner nicht erkennen. Die Atemwege des Mannes sind mit „schwärzlich schlierig durchsetztem, schaumigem Inhalt“ gefüllt (Abb. 2).

1

Glattrandige Durchtrennung der Leber.

© Springer Medizin Verlag

2

Ruß in den Atemwegen.

© Springer Medizin Verlag

Die Rechtsmediziner bestimmen außerdem den Carboxyhämoglobin(COHb)- (8%) und Alkoholgehalt (0,50‰) im Blut sowie die Alkoholkonzentration im Urin (0,28‰). In Herzblut, Lungengewebe und Gehirn finden sie aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol, Benzolderivate und tert-Butylmethylether, was für eine Beteiligung von Benzin als Brandbeschleuniger spricht.

Die Identität des Leichnams klären die Rechtsmediziner schließlich mittels einer DNA-Analyse.

Lag ein kombinierter Suizid vor?

Grundsätzlich lassen sich bei kombinierten Suiziden primäre von sekundär kombinierten Suiziden unterscheiden. Beiden gemein ist, dass für die Selbsttötung mehrere Tötungsmethoden angewendet werden. Doch während beim primär kombinierten Suizid die Ausführung genau durchdacht und die Methoden gezielt ausgewählt werden, wird beim sekundär kombinierten die Entscheidung für eine weitere Tötungsmethode erst spontan im Laufe der Ausführung getroffen, etwa weil die erste Methode zu schmerzhaft ist oder versagt hat.

Den Geschehensablauf rekonstruieren die Rechtsmediziner anhand der vorliegenden Ergebnisse schließlich folgendermaßen: Um sich umzubringen, verschüttet der Mann zunächst Benzin im Haus und entzündet das Luft-Gas-Gemisch. Da er die Explosion überlebt, geht er in die Garage und fügt sich mehrfach Schnitt- und Stichverletzungen am Bauch zu. Größere Gefäße verletzt er offenbar dabei nicht, weshalb die Rechtsmediziner davon ausgehen, dass der Mann aus eigener Kraft ins brennende Haus zurückgehen kann und dort infolge der direkten Hitzeeinwirkung schließlich stirbt (COHb 8%). Für einen sekundär kombinierten Suizid sprechen auch die forensische Blutmusterverteilungsanalyse, die keine konkreten Hinweise auf ein Kampfgeschehen ergibt, und der später gefundene Abschiedsbrief, wie die Rechtsmediziner erklären. In dem Brief habe der Mann neben seinen finanziellen Schwierigkeiten und die bevorstehende Zwangsversteigerung des Hauses, die Trennung von seiner Freundin und den Verlust des Führerscheins thematisiert.

Literatur

  1. Grove C, Schnabel A, Kunz SN. Verbrennungstod nach suizidaler Eröffnung der Bauchhöhle. Rechtsmedizin 2016; 26:120-123CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH 2017

Authors and Affiliations

  • Dagmar Kraus
    • 1
  1. 1.

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