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, Volume 14, Issue 11, pp 22–22 | Cite as

Psychopharmakologie

Den psychiatrischen Notfall richtig versorgen

  • Heike Grosse
Notfall
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Die Anzahl und Art der Medikamente in der psychopharmakologischen Notfallversorgung hat sich nicht wesentlich verändert. Hinzugekommen sind in den letzten Jahren aber neue Warnhinweise zur intravenösen Applikation von Haldol und ein inhalativ anzuwendendes Akutmedikament.

„Im Fall der psychiatrischen Notfallversorgung haben wir schon lange ein ganz großes Evidenzproblem“, leitete PD Dr. Thomas Messer, Chefarzt der Danuvius-Klinik in Pfaffenhofen, seinen Vortrag auf dem 17. Weltkongress für Psychiatrie in Berlin ein. Denn es sei methodologisch und ethisch schwierig, Studien in psychiatrischen Notfallsituationen zu machen. Dafür gäbe es aber sogenannte Konsensus-Papiere, nach denen sich seine Empfehlungen richteten [1, 2]: die Empfehlung der „American Association for emergency psychiatry“ und die der „World Federation of Societies and biological psychiatry“.

Vorsicht bei i.v.-Anwendung!

Prinzipiell beschränke sich die psychopharmakologische Behandlung psychiatrischer Notfälle auf Antipsychotika der ersten (wie Haldol) und zweiten Generation (wie Aripiprazol, Olanzapin, Risperidon und Ziprasidon) sowie auf Benzodiazepine (wie Lorazepam). Allerdings warnte er vor einer intravenösen Anwendung von Haloperidol ohne kardiales Monitoring. Hier müsste seit 2010 auf eine intravenöse Applikation zugunsten einer intramuskulären verzichtet werden, so Messer.

Die Notfallversorgung sollte sich nach den Konsensus-Papieren richten.

© Alexander Raths / stock.adobe.com

Neues inhalatives Akutmedikament

Eine neue inhalative Anwendung gibt es seit 2013 im Falle des Neuroleptikums Loxapin. Es ist zur Kontrolle bei leichter bis mittelschwerer Agitiertheit bei Erwachsenen mit Schizophrenie oder bipolarer Störung zugelassen. Der Zeitpunkt dieses Medikaments, zu dem der Spitzenplasmaspiegel auftritt (Tmax), ist schon nach einer Minute erreicht. Allerdings könne bei der inhalativen Anwendung von Loxapin eine Bronchokonstriktion vorkommen. „Deshalb sollte man bei der Anwendung auf jeden Fall Salbutamol griffbereit haben“, erklärte der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Tmax zu kennen, empfahl Messer auch für andere psychiatrische Notfallmedikamente. Denn sie variierten je nach Darreichungsform und Substanz teilweise erheblich.

Bei gerontopsychiatrischen Notfällen verwies Messer auf die Medikamente Melperon, Pipamperon, Quetiapin, Risperidon. In dieser Patientengruppe sei jedoch besondere Vorsicht hinsichtlich des hohen Alters, möglicher Komorbiditäten und pharmakologischer Interaktionen geboten. Deshalb empfehle er bei gerontopsychiatrischen Patienten immer, eine viel niedrigere Eingangsdosis anzuwenden als bei jüngeren Patienten.

Lorazepam beim stuporösen Zustand

Bei einer besonderen Form des psychiatrischen Notfalls, dem stuporösen Zustand, riet Messer zur Anwendung von Lorazepam. Es sei zwar noch nicht wirklich geklärt, warum diese Substanz hier so gut wirke, aber es zeige in diesem Fall eine dramatisch gute Wirkung im Vergleich zu anderen Benzodiazepinen.

Beim Thema pharmakoinduzierter Notfälle widmete Messer dem malignen Neuroleptischen Syndrom (MNS) und dem Serotonin-Syndrom besondere Aufmerksamkeit. MNS trete stationär vor allem bei Patienten auf, die bereits 14-Tage behandelt worden seien. Da hier die Letalität immer noch bei 22% liege, sei es besonders wichtig, den Symptomkomplex aus Hyperthermie, Rigor, Veränderungen der psychischen Verfassung und vegetativen Reaktionen zu kennen. Abgrenzen davon müsse man das Serotonin-Syndrom, das dem MNS im Anfangsstadium ähnelt und vor allem bei serotonergen Substanzen auftritt. Hier könne eine Polypharmazie das Fass zum Überlaufen bringen, wenn zum Beispiel eine depressive Patientin, die mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern behandelt wird, wegen eines Migräne-Anfalls ein Triptan einnimmt, so Messer.

Literatur

  1. 1.
    Wilson MP et al (2012) The psychopharmacology of agitation: consensus statement oft he american association für emergency psychiatry project Beta psychopharmacology workgroup. West J Emerg Med 13(1), 26-34.CrossRefPubMedPubMedCentralGoogle Scholar
  2. 2.
    Garriga M (2016) Assessment and management of agitation in psychiatry: Expert consensus. World J Biol Psychiatry, 17 (2), 86-128CrossRefPubMedGoogle Scholar

Literatur

  1. Messer T: Einsatz von Psychopharmaka in der psychiatrischen Notfallversorgung. Weltkongress der World Psychiatric Association in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Berlin 2017Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH 2017

Authors and Affiliations

  • Heike Grosse
    • 1
  1. 1.

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