Husserls Idee einer nicht-empirischen Wissenschaft von der Lebenswelt

Zusammenfassung

Dass Husserl seine Wissenschaft von der Lebenswelt als eine zweistufige Wissenschaft entworfen hat, die eine empirische Unterstufe und eine nicht-empirische (eidetische) Oberstufe hat, wird gewöhnlich in der Literatur zu Husserls Lebensweltkonzeption übersehen. Diese Wissenschaft beschäftigt sich nur auf ihrer Unterstufe direkt mit unserer faktischen Lebenswelt und zielt auf allgemeine Aussagen über ihre Strukturen und die Weisen ihrer Gegebenheit. Aber auf der zweiten Stufe, die für Husserl die primäre ist, zielt sie auf allgemeine Aussagen über eine Lebenswelt überhaupt und nicht über unsere faktische Lebenswelt, die auf dieser Stufe nur als eine mögliche unter unendlich vielen möglichen Lebenswelten zählt. Die Lebensweltwissenschaft der Oberstufe ist nämlich eine deskriptive Eidetik, d.h. eine nicht-empirische deskriptive Wissenschaft, die aus reinen deskriptiven Begriffen und reinen deskriptiven Gesetzen (deskriptiven Wesensgesetzen) aufgebaut ist, in denen weder explizit noch implizit Faktisches mitgesetzt wird. In einem Exkurs werden die Elemente, Prinzipien und die Methodik einer deskriptiven Eidetik allgemein skizziert, die dann auf die deskriptive Eidetik der Lebenswelt angewandt werden, die Husserl in der Vorlesung über Phänomenologische Psychologie von 1925 entwickelt, in welcher er seine Wissenschaft von der Lebenswelt explizit als eine zweistufige Wissenschaft mit einer nicht-empirischen (eidetischen) Stufe als der primären darstellt.

Abstract

Commonly overlooked in the commentaries on Husserl’s conception of the lifeworld is the fact that Husserl conceived his science of the lifeworld as a two-stage science with an empirical as well as a non-empirical (eidetic) stage. At the lower stage, it deals with our factical lifeworld and aims at general propositions about the very world we live in. At the higher stage, i.e., the primary stage for Husserl, it aims at general propositions about the lifeworld as such but not about our factical lifeworld, which now serves only as one possible lifeworld among others. This higher-level science of the lifeworld is a descriptive eidetics made up of pure descriptive concepts and pure descriptive laws (descriptive eidetic laws), in which no factical entity is posited explicitly or implicitly. The present paper analyzes these relationships. In an excursus, it also traces out the elements, principles and methodology of a descriptive eidetics in general to see how they are applied to Husserl’s descriptive eidetics of the lifeworld as it is subsequently developed in his lectures on Phenomenological Psychology from 1925, a text in which Husserl explicitly outlines his science of the lifeworld as a two-stage science.

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Notes

  1. 1.

    Das „wir“ und „uns“, das sich hier naiv als Korrelat der gegenwärtigen Lebenswelt ansetzt, ist natürlich ein standpunktgebundenes, ein historisch und geographisch gebundenes „wir“ und „uns“; nur nimmt es seinen Standpunkt unbesehen als den Standpunkt schlechthin. Dieser naive Absolutismus der Perspektive ist freilich notwendig: er ist der notwendige Ausgangspunkt aller Relativierung des jeweils eigenen Standpunktes und der Einsicht in die notwendige Pluralität aller Wir-Standpunkte und der diesen korrelativen Lebenswelten.

  2. 2.

    Husserl akzentuiert hier mit dem Begriff der Erfahrungswelt dasjenige an der Lebenswelt, was allen lebensweltlichen Aktivitäten, seien dies praktische, theoretische oder sonstige Aktivitäten, „vorgegeben“ ist. Der Ausdruck „schlichte Erfahrung“ bezeichnet demnach die komplexe Leistung, durch die uns die konkrete Welt – also nicht nur die lebensweltliche Natur, sondern auch die uns durch „Interpretation“ unmittelbar begegnende Welt der Kulturobjekte und Kultursubjekte – vorgegeben ist; es ist die eigentlich weltvorgebende Leistung (vgl. Hua IX, 60–62 und 111–118, insbesondere 115).

  3. 3.

    Hier findet sich also – lang vor Abfassung der Krisis-Abhandlung – der Gedanke der lebensweltlichen Fundierung der objektiven Wissenschaften in einer eigenen theoretischen Lebensweltwissenschaft (vgl. Hua VI, § 34).

  4. 4.

    Siehe hierzu die §§ 11 und 12 in der III. Logischen Untersuchung, wo Husserl sich ausdrücklich von den Kantischen Bestimmungen des synthetischen und analytischen Apriori absetzt, die seines Erachtens „keineswegs ,klassisch‘ genannt zu werden verdienen“ (Ende von § 12).

  5. 5.

    In einer Randbemerkung des Vorlesungsmanuskriptes hat Husserl diesen später von Landgrebe in die §§ 87–92 von Erfahrung und Urteil eingearbeiteten methodologischen Exkurs „Exkurs über Ideation“ genannt (Hua IX, 560).

  6. 6.

    Eine solche Umdeutung liegt eigentlich schon in dem vielzitierten § 87 von Erfahrung und Urteil vor, in dem Ludwig Landgrebe nicht nur Stücke aus Husserls „Exkurs“ verwendet hat, sondern auch eigene überleitende Passagen eingefügt hat. Die hier zu findende Rede von „Grenzen“ der Variation (S. 411), auf die viele Interpreten dieses Textes zurückgegriffen haben, ist offenbar ein interpretierender Zusatz Landgrebes. Denn von Grenzen der Variation redet Husserl weder im Exkurs von Phänomenologische Psychologie noch in dem Paragraphen zur eidetischen Methodik (§ 98) von Formale und transzendentale Logik, einem Werk, das nur wenige Jahre nach der Psychologie-Vorlesung entstand und ursprünglich als Einleitung zu Erfahrung und Urteil gedacht war.

  7. 7.

    Dass Husserl seiner Darstellung der sogenannten eidetischen Variation in dem Exkurs der Vorlesung von 1925 keine große Bedeutung beigemessen hat, davon zeugen die nur wenige Jahre später entstandenen Cartesianischen Meditationen. Hier findet sich in dem der eidetischen Methodik gewidmeten § 34 praktisch nichts von einem Herausschauen eines invarianten reinen Allgemeinen aus einer Variantenreihe.

  8. 8.

    Darin ähnelt die eidetische Phänomenologie anderen „nomothetischen“ Wissenschaften, die es – mögen sie apriorische oder empirische sein – auf Gesetze und auf Erklärung aus Gesetzen abgesehen haben. Die klärende und neubildende Arbeit am Begriff ist hier immer nur Voraussetzung für die Arbeit am Gesetz und schließlich an der Theorie.

  9. 9.

    Ausführlicher dargestellt ist Husserls deskriptive Eidetik in meinem Aufsatz „Wesen und Wesensgesetze in der deskriptiven Eidetik Edmund Husserls“, in: Phänomenologische Forschungen Band 2007, Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2008, S. 5–37. Siehe hierzu auch meine Artikel „Eidos“, „Typus“, „eidetische Variation“und „Wesensgesetz“ im von Hans-Helmuth Gander herausgegebenen Husserl-Lexikon (Darmstadt 2010).

  10. 10.

    Unter den prima facie empirischen Begriffen gibt es solche, die sich eidetisch reinigen lassen (wie zahlreiche Begriffe für kultürliche Arten), und solche, die ihrer Natur nach eine eidetische Reinigung prinzipiell ausschließen, da sie sozusagen ab ovo empirische Begriffe sind, weil sie indexikalische, auf diese Realitätenwelt verweisende Komponenten enthalten. Zu diesen Begriffen zählen insbesondere die Begriffe für natürliche Arten (siehe hierzu a.a.O., S. 19–29). Empirische oder genauer quasi-empirische Begriffe im Sinne Husserls wären aber auch all jene Begriffe, die explizit oder implizit auf Seiendes (genauer: Quasi-Faktisches) einer fiktiven Welt verweisen, wie z.B. der Begriff „(ein) Schuh Aschenputtels“.

  11. 11.

    Husserl spricht im Exkurs der Vorlesung von 1925 übrigens nicht nur vom „Herausschauen eines reinen Allgemeinen“ (Hua IX, 86), sondern auch von der „fortschreitende[n] Herstellung des Eidos“ (Hua IX, 93). Mit dieser poietischen Metapher wird das tatsächliche Verfahren einer eidetisch-deskriptiven Wissenschaft, zu intersubjektiv haltbaren Ergebnissen (gültigen bzw. bewährten Wesensgesetzen) zu gelangen, sicher angemessener angedeutet als mit jener optischen Metapher.

  12. 12.

    Im Unterschied zu dieser „Reduktion auf reine Möglichkeit“ (s.o.) nimmt die transzendentalphänomenologische Reduktion der Erfahrungswelt nichts von ihrer Faktizität. Durch diese Reduktion auf das faktische reine Bewusstsein und seine intentionalen Korrelate wird sie als faktische noematisiert, d.h. sie kommt nur noch als Noema, d.h. als Korrelat der sie „konstituierenden“ faktischen Noesen, in Betracht.

  13. 13.

    Siehe hierzu die Texte der Textgruppen II, III und VI in Hua XXXIX. In der Vorlesung von 1925 hat Husserl eine ganze Reihe von Invarianten angeführt, die wohl nicht nur unsere faktische Welt kennzeichnen, sondern zur Strukturverfassung jeder erdenklichen vorwissenschaftlichen Erfahrungswelt gehören (siehe Hua IX, 67–69 und 99–118).

  14. 14.

    Aussagen über die besondere historische Lebenswelt, aus der die Galileische Physik hervorgegangen ist, drücken natürlich keine Wesensnotwendigkeiten, d.h. Einzelfälle von Wesensgesetzen aus.

  15. 15.

    Zum Verhältnis von Wesensgesetz (Wesensallgemeinheit) und Wesensnotwendigkeit siehe Hua III/1, § 6.

  16. 16.

    Es ist hier also ähnlich wie bei einem empirischen Sachverhalt, der aus einem entsprechenden empirischen Gesetz (Naturgesetz) und den jeweiligen Randbedingungen als ein empirisch notwendiger Sachverhalt verständlich wird.

  17. 17.

    Die lebensweltliche Erfahrung – in all ihren Formen und Stufen – „gibt überhaupt nur Typik“ (Hua XXXII, 219).

  18. 18.

    In den Cartesianischen Meditationen ist im § 34 von „apodiktischen Prinzipien“ die Rede, und diese sind „die Wesensallgemeinheiten und -notwendigkeiten, mittels deren das Faktum auf seine rationalen Gründe, auf die seiner reinen Möglichkeit, zurückbezogen und damit verwissenschaftlicht (logifiziert) wird“ (Hua I, 106).

Literatur

  1. Hua I (1950) Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge, Husserliana I, hrsg. von Stephan Strasser, Den Haag: Matinus Nijhoff, 1950 (2. Auflage, Nachdruck 1973).

  2. Hua III/1 (1976) Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie. 1. Halbband: Text der 1.-3. Auflage, Neu hrsg. von Karl Schuhmann, Den Haag: Martinus Nijhoff, 1976.

  3. Hua VI (1954). Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Eine Einleitung in die phänomenologische Philosophie, Husserliana VI, hrsg. von Walter Biemel, Den Haag: Martinus Nijhoff, 1954.

  4. Hua XIX/1 (1984) Logische Untersuchungen. Zweiter Band: 1. Teil. Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis, hrsg. von Ursula Panzer, Den Haag: Martinus Nijhoff Publishers, 1984.

  5. Hua XXXII (2001). Natur und Geist. Vorlesungen Sommersemester 1927, hrsg. von Michael Weiler, Kluwer Academic Publishers: Dordrecht/Boston/London, 2001.

  6. Hua XXXV (2002). Einleitung in die Philosophie. Vorlesungen 1922/2, hrsg. von Berndt Goossens, Kluwer Academic Publishers: Dordrecht/Boston/London, 2002.

  7. Hua XXXIX (2008). Die Lebenswelt. Auslegungen der vorgegebenen Welt und ihrer Konstitution. Texte aus dem Nachlass (1916–1937), hrsg. von Rochus Sowa, Dordrecht: Springer, 2008.

  8. Hua Dok III/6 (1994). Briefwechsel, Bd. VI: Philosophenbriefe, in Verbindung mit Elisabeth Schuhmann hrsg. von Karl Schuhmann, Kluwer Academic Publishers: Dordrecht/Boston/London, 1994.

  9. Husserl, Edmund (1939). Erfahrung und Urteil. Untersuchungen zur Genealogie der Logik. Redigiert und herausgegeben von Ludwig Landgrebe, Prag: Academia/Verlagsbuchhandlung, 1939 (5. Auflage: Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1976).

  10. Husserl, Edmund: Unveröffentlichte Manuskripte aus folgenden Konvoluten des Nachlasses (Husserl-Archiv Leuven): A IV 8, B I 5, B I 10, B I 32 und K III 18.

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Überarbeitete Fassung eines Sektionsvortrags, der auf dem XXI. Deutschen Kongress für Philosophie („Lebenswelt und Wissenschaft“) 15.-19.9.2008 in Essen gehalten wurde.

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Sowa, R. Husserls Idee einer nicht-empirischen Wissenschaft von der Lebenswelt. Husserl Stud 26, 49–66 (2010). https://doi.org/10.1007/s10743-010-9067-5

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