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Wie oft sind Notärzte an der Einsatzstelle erforderlich?

Eine Befragung von Notärzten in einem System der telemedizinischen Regelversorgung
  • M. FelzenEmail author
  • S. K. Beckers
  • A.‑K. Brockert
  • A. Follmann
  • F. Hirsch
  • R. Rossaint
  • H. Schröder
Originalien
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Zusammenfassung

Hintergrund

Der bundeseinheitliche Notarztindikationskatalog bildet die Grundlage der Notarztdisposition, bisher ohne Verbesserungen des Rettungsdienstes zu berücksichtigen. Durch Weiterentwicklungen wie die Einführung des Notfallsanitätergesetzes, die Implementierung von Telemedizin sowie eine deutlich erweiterte Ausstattung der Rettungswagen (RTW) wird dem Rettungsdienst zunehmend eine gestufte Notfallbehandlung ermöglicht. Daraus resultiert die Frage, wie oft ein Notarzt heutzutage erforderlich ist und ob dieser ressourcenschonender eingesetzt werden kann. Ziel dieser Untersuchung ist eine Ersteinschätzung zum Erfordernis der Notärzte an der Einsatzstelle, basierend auf der Selbsteinschätzung der Notärzte.

Methoden

Die Erfordernis eines Notarztes an der Einsatzstelle, Verdachtsdiagnosen und Medikamentengaben wurden anhand einer Befragung von Notärzten im Rettungsdienst der Stadt Aachen sowie Auswertung der Notarztprotokolle im Zeitraum vom 01.12.2017 bis zum 28.02.2018 überprüft. Daneben wurden auch Konsultationen des Telenotarztes durch einen RTW hinsichtlich Verdachtsdiagnosen und Medikamentengaben ausgewertet.

Ergebnisse

Bei insgesamt 6851 erfassten Einsätzen wurden 20,6 % (n = 1410) durch den bodengebundenen Notarzt und 10,5 % (n = 721) durch den Telenotarzt unterstützt. Die Notärzte hielten sich bei 46,7 % (n = 654) aller Notarzteinsätze für nicht erforderlich, waren jedoch im Mittel 25 min vor Ort an der Einsatzstelle gebunden. Der häufigste Grund für das Erfordernis des Notarztes an der Einsatzstelle waren in 29,8 % (n = 225) vital instabile Patienten.

Schlussfolgerung

In 11 % der rettungsdienstlichen Einsätze war der Notarzt aus seiner Sicht erforderlich. Eine klare Indikationsstellung kann erreichen, dass der Notarzt aufgrund seiner höheren Verfügbarkeit zielgerichteter eingesetzt werden kann. Ein notwendiger Arztkontakt konnte in mehr als 10,5 % der rettungsdienstlichen Einsätze mit Unterstützung durch einen Telenotarzt realisiert werden.

Schlüsselwörter

Prähospitale Notfallmedizin Notfalldisposition Kompetenzen von Notfallsanitätern Telemedizin Telenotarzt 

How often are emergency medical physicians needed on the scene?

A survey among emergency physicians in an emergency medical service system with telemedical care

Abstract

Background

The national catalog for indications of emergency medical service (EMS) physicians represents the framework for their dispatching and do not actually regard improvements of the EMS due to the introduction of the “Notfallsanitäter” law. Furthermore, the implementation of telemedicine and significantly extended ambulance equipment are increasing the ability of rescue services to offer staged emergency treatment. Consequently, the question arises how often the EMS physician is actually needed on the scene. The major objective of this study is an initial assessment of the requirement of an EMS physician on scene based on a self-assessment by EMS physicians.

Methods

The need for an EMS physician as well as the number of given i.v. drugs and the respective suspected diagnosis were analyzed by a survey and by the evaluation of the protocols of EMS physicians in the EMS of the city of Aachen from 01 December 2017 to 28 February 2018. Furthermore, consultations of an ambulance with the tele-EMS physician were evaluated regarding suspected diagnosis and administration of drugs.

Results

In a total of 6851 missions, 20.6% (n = 1410) were supported by the EMS physician on the scene and 10.5% (n = 721) by the tele-EMS physician. The EMS physicians did not consider themselves necessary in 46.7% (n = 654) of all missions with an EMS physician on the scene, but still spent an average of 25 min on the scene. The most common reason for requiring an EMS physician on the scene were patients with unstable vital signs in 29.8% (n = 225).

Conclusion

Overall, the EMS physicians consider themselves necessary in 11% of all emergency missions. A precise indication can improve availability and target-oriented disposition. Necessary physician contact could be realized with the support of a tele-EMS physician in over 10.5% of all missions.

Keywords

Prehospital emergency medicine Emergency dispatch Competences of paramedics Telemedicine Tele-EMS physician 

Notes

Danksagung

Wir danken allen Mitarbeitern des Rettungsdienstes der Stadt Aachen sowie den Notärzten und Telenotärzten für die tatkräftige Unterstützung bei der täglich herausfordernden Patientenversorgung.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

M. Felzen, S. K. Beckers und A.‑K. Brockert geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht. R. Rossaint ist Gesellschafter der Docs-in-Clouds GmbH. F. Hirsch ist Angestellter der P3 telehealthcare GmbH, die das hier beschriebene Telenotarztsystem betreibt. A. Follmann, und H. Schröder sind nebenberuflich für die P3 telehealthcare GmbH als Telenotärzte tätig.

Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.

Supplementary material

10049_2019_643_MOESM1_ESM.pdf (417 kb)
Erfassungstabelle, welche die Notärzte nach jedem Einsatz im Erfassungszeitraum hinsichtlich ihrer Erfordernis an der Einsatzstelle und deren Gründe dafür ausgefüllt haben

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • M. Felzen
    • 1
    • 2
    Email author
  • S. K. Beckers
    • 1
    • 2
  • A.‑K. Brockert
    • 1
  • A. Follmann
    • 1
  • F. Hirsch
    • 1
    • 3
  • R. Rossaint
    • 1
  • H. Schröder
    • 1
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