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Notfall + Rettungsmedizin

, Volume 21, Issue 3, pp 169–170 | Cite as

Wie aus dem „medizinischen Experten“ ein Arzt wird

Themenschwerpunkt Professionalität und Ethik
  • J. Breckwoldt
  • U. Janssens
Einführung zum Thema

Progressing from the “Medical Expert” towards the “Physician”

Special issue “Professionalism and ethics”

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

mit dem vorliegenden Heft sprechen wir Themen an, die uns im täglichen ärztlichen Handeln als selbstverständlich erscheinen. Professionalität und ethisch begründetes Verhalten sind im ärztlichen Denken und Handeln scheinbar allgegenwärtig und werden daher oft nicht mehr ausdrücklich wahrgenommen. Viele Verhaltensweisen sind durch langjährige Erfahrung gewachsen und gereift, sodass wir sie meist nicht mehr hinterfragen.

Indikationsstellung und Therapiezielfestlegung berücksichtigen nicht immer die Patientensicht

Hier besteht allerdings die Gefahr, dass die eigenen Wertvorstellungen oftmals sehr stark unser Handeln bestimmen und Indikationsstellung sowie Therapiezielfestlegung die Patientensicht nicht zwangsläufig berücksichtigen. Dazu kommt, dass bei einigen, v. a. jungen Kolleginnen und Kollegen Unsicherheiten bestehen, wie ethisch fundierte Entscheidungen gerade in schwierigen und belastenden Notfallsituationen getroffen werden sollen.

Diese ärztlichen Handlungsfelder, die über die Rolle des klassischen medizinischen Experten hinausgehen, sind im vergangenen Jahrzehnt verstärkt in den wissenschaftlichen Fokus gekommen. Hintergrund waren gesellschaftliche Forderungen nach mehr Patientensicherheit, Kontinuität des Behandlungspfads, der interdisziplinären und interprofessionellen Zusammenarbeit sowie der Wahrung der Patientenautonomie. Eine Reihe von nationalen Fachgesellschaften hat sich daher dieser Frage gestellt und erweiterte Rollenmodelle für den Arztberuf entwickelt. Allen voran ist hier das CanMEDS Framework zu nennen, das bereits vor 20 Jahren als Canadian Medical Educational Directives for Specialists initiiert wurde und inzwischen weltweit in der medizinischen Aus- und Weiterbildung etabliert ist [1]. Das CanMEDS-Rollenmodell beschreibt zusätzlich zum Medical Expert 6 weitere ärztliche Rollen (Communicator, Collaborator, Manager, Health Advocate, Scholar und Professional). Jede dieser Rollen ist mit sog. „enabeling competencies“ differenziert beschrieben und damit für die Aus- und Weiterbildung und für den kollegialen Austausch besser greifbar [2].

Das aktuelle Themenheft widmet sich nun der CanMEDS-Rolle Professional, wohl wissend, dass mit allen anderen Rollen teils große Überlappungen bestehen. Das Heft vereinigt 6 Beiträge von jeweils ausgewiesenen Experten zu klar umrissenen Problemen beim professionellen und ethischen Handeln. Sie geben darüber hinaus konkrete Hilfestellungen, um im Alltag zu besser begründeten Lösungen und zu besserem Patienten-Outcome zu kommen.

Zuerst geben Becker et al. einen fundierten Einblick in den Bereich Teamwork und Führungsverhalten und zeigen dessen Potenziale für eine verbesserte Patientenbetreuung und Patientensicherheit auf. Die wichtigste Schlussfolgerung ist aus unserer Sicht, dass Teamarbeit trainierbar ist. Im zweiten Beitrag beleuchtet die Medizinethikerin Krones das Thema Patientenautonomie am Beispiel des Suizid(versuch)s, indem sie die Entscheidungswege bei eindeutig zu lösenden Kasuistiken denen bei weniger eindeutig zu lösenden Kasuistiken gegenüberstellt. Fazit ist auch hier, dass die Rückbesinnung auf ein paar einfache Prinzipien schwierige Entscheidungen strukturiert und erleichtert. Im dritten Artikel zeigen Meindl-Fridez et al. auf, welche kognitiven Systeme unseren (Notfall‑)Entscheidungen zugrunde liegen und wie das Wissen um typische Fehlerquellen helfen kann, zumindest einen Teil dieser Fehler zu vermeiden. Wertvoll ist hier v. a. die Erkenntnis, wie das intuitive Entscheidungssystem (Typ 1) und das systematisch-analytische (Typ 2) System miteinander interagieren. Im darauffolgenden Artikel reflektiert Bergner die Belastungen im Arztberuf und stellt Strategien vor, die den Umgang mit Belastungen erleichtern und mögliche negativen Folgen vermeiden helfen. Der fünfte Beitrag zum Leitthema, von Salomon, geht der Frage nach ethischen Entscheidungsgrundlagen zur Beendigung bzw. der Fortführung von Reanimationen nach. Als besondere Aspekte werden hier die Anwesenheit von Angehörigen bei der Reanimation und die spezielle Situation im Pflegeheim thematisiert. Der letzte Artikel des Themenschwerpunkts greift die Problematik auf, dass der Rettungsdienst immer häufiger auf psychosoziale Notfallsituationen trifft, für deren Dokumentation keine Standards existieren. Um diese Lücke zu füllen, schlagen Hering und Helmerichs eine standardisierte Einsatzdokumentation für die psychosoziale Notfallversorgung vor. Klinische Erfahrungen mit diesem aussichtsreichen Ansatz müssen allerdings noch gesammelt werden.

Mit dieser Auswahl an Beiträgen denken wir, einige wichtige Aspekte des Themenfelds anzusprechen. Wir sind überzeugt, dass ein genaueres Nachdenken über die Bereiche Professionalität und Ethik notwendig ist und das es uns hilft, bei unserer Kernarbeit im Bereich des Medical Expert erfolgreicher und zufriedener zu sein. Den Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle für ihre Arbeit herzlich gedankt.

Viel Spaß und Erkenntnis beim Lesen wünschen Ihnen Ihre

Jan Breckwoldt und Uwe Janssens

Notes

Interessenkonflikt

J. Breckwoldt und U. Janssens geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. 1.
    http://canmeds.royalcollege.ca/ (abgerufen: 15. März 2018)
  2. 2.
    Jilg S, Möltner A, Berberat P, Fischer M, Breckwoldt J (2015) How do supervising clinicians of a university hospital and associated teaching hospitals rate the relevance of the key competencies within the CanMEDS roles framework in respect to teaching in clinical clerkships? GMS Z Med Ausbild 32(3):Doc33PubMedPubMedCentralGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Medizinische Fakultät, DekanatUniversität ZürichZürichSchweiz
  2. 2.Klinik für Innere Medizin und Internistische IntensivmedizinSt.-Antonius-HospitalEschweilerDeutschland

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